Jörg Zink

Jörg Zink ist gestorben. Ich kannte ihn weder als „Fernsehpfarrer“ (Wort zum Sonntag) noch habe ich ihn auf Kirchentagen gehört. Trotzdem hat er mich geprägt.

Und dafür bin ich ihm dankbar.

Es sind vor allem zwei Bücher, die dies geleistet haben. Die Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“. Ich hatte sie gerade hier im letzten Blogpost erwähnt (siehe unter „Erzählen“). Es war „meine“ Kinderbibel als Kind. Wunderschön erzählt und theologisch klug.

Das zweite wichtige Buch für mich ist „Die Urkraft des Heiligen“, gut zwanzig Jahre später (hier und hier). Allein schön der Titel! Sowohl Urkraft als auch Heiliges – beides sind so wunderbar unprotestantische Wörter. Denn genau darum geht es. Viele Dinge, die kulturell zum Protestantismus gehören, sagen mir nichts, berühren mich nicht (egal was das jetzt im Detail ist, darum soll es hier nicht gehen…). Der real existierende Protestantismus wird mir zunehmend fremd.

Und Jörg Zink – dieses protestantische Urgestein – zeigt mir, wie sehr ich doch am Kern bin. Meine Fragen, meine Erfahrungen, meine religiösen Konzepte, die ich mir zurecht bastele – all die finde ich in Zinks Urkraft des Heilgen wieder oder es ist zumindest anschlussfähig. Zink betreibt keine theologische Besserwisserei, keinen Moralismus, keine heilsgeschichtlichen Spekulationen. Er betreibt weisheitliche Theologie at its best. Es ist eine erdige, elemenare, existenzielle Theologie. Es ist eine Nach-Hause-Kommen-Theologie. So habe ich mich immer gefühlt, wenn ich etwas von ihm gelesen habe: nach Hause zu kommen.

Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Kapitel „Lebensgesetze zwischen Natur und Spiritualität“. Jörg Zink beschreibt hier Grundmuster unseres Lebens: die Analogien im Netzwerk der Welt, die Polarität in allen Dingen, das Gesetz der Resonanz, den Rhythmus als kosmische Kraft. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass für Jörg Zink diese Überlegungen selbstverständlicher Teil christlicher Theologie sind. Denn das ist eben mein Zugang, so herum denke ich: von den spirituellen Phänomenen und Erfahrungen her, nicht vom Katechismusbestand.

Eine Sache ist mir besonders in „Der Urkraft des Heiligen“ hängengeblieben: Die Rechtfertigung ist nicht das Ziel. Sondern sie ist das Tor am Anfang. Danach kommt noch was. Das Spannende ist doch, was kommt, wenn man durch das Tor hindurch geht. Hierzu finde ich im Protestantismus aber so unglaublich wenig. Für Zink scheint es essentiell zu sein:

„Die lutherische Kirche betrachtet die Rechtfertigungslehre als Mitte und Ziel des christlichen Glaubens. Aber Paulus geht ja weiter. Er beschreibt die Wandlung unseres inneren Menschen in den unzähligen mystischen Bildern und Gedanken, die der Rechtfertigungslehre folgen. Und erst dort, so will mir scheinen, kann uns aufgehen, was uns die Rechtfertigungslehre gebracht hat.

Da redet Paulus nicht mehr von Sünder, vom Verlorenen, der der Mensch sei, er redet vom geisterfüllten, erleuchteten, begnadeten Kind Gottes. Er redet vom Geist des Christus, von dem Menschen, der in Christus und in dem Christus sei, von dem Menschen, der den Weg des Christus mitgehe, der berufen sei, das Werk des Christus auf dieser Erde zu tun.

Natürlich gibt es keinen Weg dorthin außer durch das enge Tor der Rechtfertigung, aber was folgt, ist nicht mehr die Rechtfertigung. Was dem Protestantismus widerfahren ist, das ist, dass er das Tor, die Rechtfertigungslehre, zum ganzen Haus erklärt hat und dass er, was in dem Haus der Christusmystik zu finden gewesen wäre, sich nie wirklich zu eigen gemacht hat, sondern unter dem Tor stehen blieb“ (Die Urkraft des Heiligen, Stuttgart 2003, S. 56).

Ein sehr lesenswertes Interview in der Christ & Welt aus dem Jahr 2011, in dem auch die gerade genannte These noch einmal vertreten wird, gibt es hier.

Also: Nicht im Tor stehen bleiben. Am Tor: abladen, entlastet werden. Und dann: Durch. Nachhause kommen.

Familienspiritualität

Ich beschäftige mich (immer mal wieder) mit Spiritualität in der Familie. In unserer Familie. Und jetzt habe ich einmal versucht, die ganzen Ideen zusammenzuschreiben: das, was wir machen und das, was wir machen wollen. Ich schreibe dies hier auch, um mich selbst immer wieder an die Ideen zu erinnern – aber natürlich auch, um Anregungen zu geben.

WP_20160824_001 (2)Christliche Familienspiritualität hat für mich drei große Zugänge: der Jahreskreis, bestimmte Praktiken und schließlich Lebenshaltungen, die Spiritualität nähren, bildlich gesprochen Wurzeln. Es mag sicherlich noch anderes geben, aber diese drei Zugänge sind für mich die Wesentlichen.

Beim Jahreskreis braucht man gute Ideen, bei den Praktiken muss man oft erst ein bisschen rumprobieren und bei den Wurzeln braucht es den Blick dafür, wie man sie im Alltag nähren kann.

 

Jahreskreis: Feste feiern

Wenn man die Feste des Jahreskreises feiert, immer und immer wieder, wird man dreierlei entdecken: Es gibt einen zyklischen Ablauf in der Zeit, es gibt Gründe zum Feiern und den Festen und Zeiten wohnen bestimmte Themen inne. Im Grunde sind es ja zwei Jahreskreise, nämlich das Kirchenjahr und der Verlauf der Jahreszeiten. Beide hängen an etlichen Stellen zusammen und gerade diese Beziehungen sind spannend. Sie sind nicht immer sofort eingänglich, bieten aber viele Erkenntnisse über unsere Welt (…und was sie im Innersten zusammenhält). Gerade die alten (Kirchenjahres-)Feste und Bräuche haben oft eine Tiefe und Weisheit, die sich nicht immer sogleich erschließt. Wer hier gerne etwas tiefer bohren oder einfach nur anregend stöbern möchte, dem sei das beste Buch zum Thema empfohlen: Die Heilkraft der Feste von Hans Gerhard Behringer.

fffEine recht einfache Sache ist es ja, an den öffentlichen Festen teilzunehmen, also beispielsweise beim Martins-Umzug mitziehen oder den Erntedank-Gottesdienst besuchen.

Deutlich Anspruchsvoller wird es, die Kirchenjahres- oder Jahreszeitenfeste Zuhause in der Familie zu begehen. Es braucht zum einen gute Anregungen, zum anderen muss man rechtzeitig dran denken. Meistens scheitert es wohl aus diesen beiden Gründen. Eine praktische und gehaltvolle Inspirationsquelle ist für uns die (katholische) Internetseite Familien feiern Feste der Diözesen Innsbruck und Bozen-Brixen geworden.

 

Praktiken: Die eigene Spiritualität ausdrücken

Das Nächste sind religiöse Praktiken: Singen, Beten, Erzählen, Meditieren, Segnen (und das schon erwähnte Feiern gehört natürlich auch in diese Reihe, aber das Feiern des Jahresverlaufs ist für mich halt nochmal ein ganz eigener Zugang). All diese Praktiken sind einfach, elementar und – da sie seit Jahrtausenden gepflegt werden – irgendwie auch archaisch.

Singen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was Singen für eine Kraft und Tiefe hat. Beim Singen kann das Herz aufgehen. Singen ist etwas sehr Körperliches. Und wenn man singt, erlebt man, selbst Urheber zu sein – wohl eine der wichtigsten Erfahrungen, die man in dieser Welt machen kann. Singen kann man in vielen Varianten: vorsingen (vor allem beim Einschlafen), gemeinsam singen, mitsingen (z.B. zur CD), alleine singen. (Ein eigener Blogbeitrag zum Singen folgt noch!)

Beten. Ich mag ritualisierte, vorformulierte Gebete. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben. Beim freien Beten finde ich gut, wenn es eine gewisse Struktur hat. Eine tolle Sache ist es, mit den „Perlen des Glauben“ zu beten (auch hierzu später mehr…). Und dann gibt es auch die Idee, auch mit Kindern das Herzensgebet zu beten. Dazu sollten die Kinder aber etwas älter sein (daher habe ich damit keine Erfahrung), außerdem sollte man ein paar Sachen beherzigen, auf die Rüdiger Maschwitz hinweist.

Erzählen und Vorlesen. Religionen sind Erzähltraditionen. Und Erzählen ist ein Kulturgut. Ich bin kein so guter Erzähler (zumindest im Vergleich zu meiner Frau), ich verlege mich hier aufs Vorlesen. Aber das ist ja auch gut. Mit Kinderbibeln habe ich bisher noch nicht so viel Erfahrung. Nur so viel: Ich mag Kees de Kort und Jörg Zink. Die Kees de Kort-Bilderbücher sind ja sehr bekannt (hier eine tolle Reportage über ihn). Weniger bekannt, trotzdem ein Klassiker, ist „meine“ alte Kinderbibel: Der Morgen weiß mehr als der Abend von Jörg Zink. Ich finde sie erzählerisch und theologisch ganz großartig. Allerdings sollte man sich unbedingt antiquarisch die vergriffene Auflage aus dem Kreuz-Verlag besorgen, nicht die aktuell erhältliche Neuveröffentlichung aus dem Nikol-Verlag (ästhetisch deutlich schlechter!).

Zum Meditieren zählen für mich Stille-Übungen, WahrnehmungsÜbungen (den Atem wahrnehmen, die Natur wahrnehmen) und das Imaginieren. In der Praxis sind es meist Mischformen. Ein klein bisschen Erfahrung haben wir damit schon gemacht, auch hier kommt noch ein eigener Beitrag. Auf meiner Liste ganz oben stehen diese beiden Bücher: Stillsitzen wie ein Frosch und Kinder endtdecken ihre innere Kraft.

Aufs Segnen bin ich erst gar nicht gekommen. Aber mir wird es immer wichtiger. Das eine ist: sich segnen zu lassen. Das haben wir zum Beispiel mal auf dem Schwanberg gemacht (in dem die Segnung fester Bestandteil des Morgengottesdienstes ist). Schön finde ich, sich als Familie segnen zu lassen – also nicht nur die Kinder. Das andere ist: selbst zu segnen. Ich glaube, dass dies eine ganz wesentliche Aufgabe von Eltern ist: ihre Kinder zu segnen, ihnen die Hände aufzulegen und ein Segenswort zu sprechen, ihnen die Kraft zuzusprechen, die trägt. Vielleicht später dazu einmal mehr, ich muss damit erst selbst noch mehr Erfahrung machen. Aber erstaunlich, dass das Segnen eher unüblich ist.

 

Spirituelle Lebenshaltungen nähren

Bei diesem dritten Zugang geht es um all das, was Spiritualität nährt, fördert, ermöglicht. Im Grunde ist es so eine implizite Alltagsspiritualität. Hier kann man nun unzählige Sachen aufzählen, aber ich finde es anregender, nur wenige, dafür aber wesentliche Haltungen zu nennen. Hier meine fünf Favoriten: Verbundenheit, Mitgefühl, Achtsankeit, Staunen, Schöpferischsein. Zu jedem Aspekt wäre ganz viel zu sagen, aber ich mach es hier kurz, auch weil ich selbst noch gar nicht so viel beisteueren kann. Mir geht’s erstmal darum, bei diesen Punkten zumindest wachsam zu sein.

Zur Verbundenheit habe ich ja schon etwas ausführlicher gebloggt. Hier geht’s erstmal um die Verbundenheit mit der eigene Familie, später mit den „Peers“ und natürlich mit der Natur. Anregend kann es auch sein, die eigenen Wurzeln zu bedenken. Eine gute Idee, Mitgefühl zu entwickeln, ist das Geschichtenvorlesen (oder Bilderbuchangucken) und sich dann in die einzelnen Leute hineinzuversetzen: Wie fühlen sie sich wohl gerade? Und: Kennst du das auch, wie würdest du dich in der Situation fühlen? Achtsamkeit – ein weites Feld. Mir fällt Achtsamkeit oft schwer, aber andererseits nervt mich Unachstamkeit kolossal. Eine schöne Inspirationsquelle ist der Blog Achstamkeit im Alltag leben und natürlich die Internetseite des Arbor-Verlags. Staunen ist schon etwas Tolles. Staunen heißt ja, auf etwas Unerwartetes zu treffen und sich davon begeistern zu lassen. Ich staune immer wieder, worüber meine Kindern staunen. Wie kann man es fördern? „Add Magic to the Ordinary“ vielleicht? Oder einfach selber staunen… Und schließlich ist da noch das Entdecken, selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch zu sein. Zu erleben, selbst Urheber zu sein, Schöpferkraft zu besitzen – das geht natürlich gut bei allem Kreativen. Schönheit spielt dabei keine große Rolle (Der Satz „Das hast du aber schön gemacht!“ ist daher auch nichts so glücklich), sondern das sich Ausdrücken und Erschaffen. Wenn im christlichen/kirchlichen Kontext betont wird, dass der Mensch „Ebenbild Gottes“ sei, wird daraus meist Würde und Wert des Menschen abgeleitet. Viel näherliegend finde ich allerdings folgenden Zusammenhang: Wenn Gott der Schöpfer ist und der Mensch das Ebenbild Gottes, dann ist der Mensch… genau, selbst auch Schöpfer. Darum geht’s!

 

Zum Stöbern: die Perlen

hkdfEs gibt viele Internetseiten und Bücher rund um Spiritualität/Religion in der Familie. Allerdings gibt es auch sehr viel Gedöns. Daher möchte ich hier einige Perlen verlinken…

Beim Thema Feste feiern hatte ich ja schon auf die Internetseite Familien feiern Feste hingewisen. Das umfassende Buch „Die Heilkraft der Feste“ ist nur noch antiquarisch oder beim Autor selbst zu erhalten.

ggbZu den Praktiken, den „Ausdrucksformen“, kann ich das Buch Gemeinsam Gott begegnen sehr empfehlen. Dort beschreibt Rüdiger Maschwitz den Ansatz Kinder geistlich zu begleiten (in Abgrenzung zur Formulierung „Kinder religiös zu erziehen“). Ein paar Ideen finden sich auch auf seiner Internetseite kinder-geistlich-begleiten.de (etwas altbackener Look, aber guter Inhalt).

Wer schöne kreative Ideen sucht, viele Kunst- und Natur-Sachen, der findet auf dem Blog Explore and Express tolle Anregungen. Das Blog ist stark von Montessori und Godly Play geprägt und ist für mich ein absoluter Top-Tipp!

Etwas mehr churchy ist die Seite Spiritual Child Network. Der eigentliche Tipp ist die dazugehörende Facebook-Gruppe. Einfach mal abonnieren und gucken, ob es für einen passt…

10pfspLast but überhaupt nicht least noch das Buch 10 Principles for Spiritual Parenting. Leider gibt es das nicht auf deutsch. Mit guten Fragen für Kinder und für die ganze Familie, um in das jeweilige Thema einzusteigen plus Affirmationen & Mantren für Eltern und Kinder.

Heilsamer Kreis

In den letzten Tagen bin ich auf zwei kleine (aber weitreichende) Erkenntnisse gestoßen, die mich sehr beschäftigen. Sie beschäftigen mich schon längere Zeit, aber jetzt wurden sie mir quasi noch mal frei Haus auf einem Tablett serviert.

Über Facebook bin ich auf ein Video gestoßen (Danke, Alok!), in dem Joachim Kunstmann der Frage nach dem Verhältnis von spirituellen Erfahrungen und kirchlichen Formen nachgeht. All seinen Gedanken sind nicht neu, aber Kunstmann bringt es gut auf den Punkt. Manchmal geht’s ja auch einfach darum, etwas treffend zu sagen, ein gutes Bild, eine gute Metapher anzubieten:

„Ich höre immer wieder, dass Menschen, wenn sie eine religiöse Erfahrung machen, […] sagen wir mal auf einem Bergesgipfel oder eine innere Erleuchtung oder ein bewegender Traum, dann ist ganz klar: Wenn Sie mit dieser Erfahrung am Sonntagmorgen in die Kirche kämen, dann würde da keiner zuhören wollen. Im Gegenteil, man würde sagen: „Pssst, sei ruhig, du störst hier den Betrieb!“Das sind so Beobachtungen, dass die Kirche, die die Autonomie des modernen Menschen – die für den modernen Menschen völlig alternativlos ist, wir müssen unser Leben ja selbst verantworten – dass diese Autonomie in Sachen Religion von den Kirchen nicht ernstgenommen wird, eher ist es eine Art Störfaktor. Freie, autonome Religiosität, selber verantwortet, die wird als so eine Art ‚Beliebigkeit‘, ‚religiöses Patchwork‘ oder so etwas eher negativ bewertet“ (5’45-6:40).

Woran ich hängengeblieben bin: In der Kirche ist kaum Raum für die eigenen spirituellen Erfahrungen. Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Und das ist irgendwie traurig (für die Menschen, die dies suchen) und tragisch (für die Kirche, die bei dem Thema wenig zu bieten hat).

Natürlich gibt es  Möglichkeiten, diese Erfahrungen mitzuteilen: Ich kann mir einen geistlichen Begleiter suchen oder ich gehe zum Therapeuten. Beides gut und empfehlenswert. Oder, wenn ich lieber den gemeinschaftlichen Austausch will, suche ich auf dem freien Seminar-Markt. Hier gibt es natürlich auch Quatsch, aber ich habe dort schon deutlich mehr Gutes gefunden als Schlechtes. Und viele wunderbare Menschen.

Die zweite Entdeckung der letzten Tage: Ich habe in Gottfried Orths Buch über Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation in Kirche und Gemeinde gestöbert. Dort erzählt er in einem Interview, was er in einer GFK-Übungsgruppe erlebt hat:

„‚Ich habe das erste Mal so etwas erfahren wie heilende Gemeinschaft.‘ Und ebenso spontan sagte eine andere Teilnehmerin zu mir: ‚Gottfried, das ist doch eigentlich dein Job als Pfarrer‘. Seit dieser Zeit habe ich nachgedacht, warum das eigentlich nicht ‚mein Job‘ war oder warum ich das auch in Kirchengemeinden nicht oder nur ganz, ganz selten erfahren habe. Heute denke ich, dass Gemeinden oder Gruppen solche heilenden Gemeinschaften sein könnten, vielleicht sogar sein müssten und dass dies ursprünglich einmal eine der Kernkompetenzen gemeinschaftlichen christlichen Lebens war“ (Gottfried Ort: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015, S. 191).

Auch diese Erfahrung kann ich – für mich – voll und ganz bestätigen. Und auch dies ist traurig und tragisch: Kirchliche Gruppen und Kreise (derer gibt es ja zuhauf) werden oft gerade nicht als heilende Gemeinschaft erfahren. Im Gegenteil: Auf kirchlichem Parkett gelten Dos & Don’ts, die tiefe Erfahrungen eher behindern als fördern.

Wo kann ich hinkommen, wenn ich etwas Persönliches, etwas Existenzielles teilen will – jenseits eines vertraulichen Seelsorgegesprächs? Wo kann ich von Herzen reden, etwas preisgeben, mich voll und ganz zeigen?

Ich will hier kein Kirchen-Bashing betreiben sondern etwas Konstruktives beisteuern. Ich habe in kirchenabseitigen Gruppen und in Natur-Spiritualitäts-Szenen „heilende Gemeinschaften“ erlebt, die so wertvoll und, ja, eben heilsam sind, dass meine Mission vielleicht darin besteht, dies in die Kirche zu bringen.

Im nächsten Jahr lasse ich mich über Männerpfade in der Council-Methode (in der Tradition der Ojai-Foundation) ausbilden. Sie besteht eigentlich (fast) nur darin, im Kreis zu sitzen und relevant (!) zu reden. Aber gerade die einfachen Formen wollen gelernt sein. „Schlichte“ Methoden sind ja oft eine recht komplexe Mischung aus Handwerk, Kunst und Intuition. Ich freu mich schon wie Bolle darauf.

Wer mal ein bisschen reinlesen will, findet im Klassiker von Jack Zimmerman & Virginia Coyle oder auch bei Vivian Dittmar was…

getrenntsein & verbundensein

Jesus wird gefragt: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5.Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Matthäus 22, 35-40)

Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe – diese drei Arten der Liebe fassen kurz & knapp zusammen, wie christliche Lebenspraxis aussehen könnte. Und es ist eine Struktur, die (fast) alle spirituellen Bezüge umfasst: die Beziehung zu mir selbst, zu den Anderen und zu Gott.

In letzter Zeit entdecke ich immer wieder Puzzle-Stückchen hierzu. Vor einiger Zeit bin ich bei David Steindl-Rast auf den Gedanken gestoßen, dass die religiösen Praktiken fasten, teilen und beten Wege darstelle, das Getrenntsein von mir selbst, den Anderen und von Gott zu überwinden. Das nächste Fundstück kam dann bei Henri Nouwen: Er beschreibt drei Bewegungen, drei Dynamiken auf dem spirituellen Weg, die ebenfalls dieser Struktur entsprechen. Und Möglichkeiten, wie man Selbst- und Nächstenliebe üben kann, findet man zum Beispiel bei den Exerzitien der Nächstenliebe.

All das passt wunderbar zusammen und ich habe diese „Beziehungs-Struktur“ einmal skizziert.

Die Trias im „Höchsten Gebots“ ist schön und gut, doch für mich mich fehlt da noch etwas Wesentliches: die Erde selbst, unsere natürliche Umgebung. Die Verbindung mit der Natur, mit allem, was lebt bzw. die Liebe zu unserer Heimat Erde samt allen Erdlingen ist existenziell, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

In meiner Skizze geht es mir ums Verbundensein. Genauer: Um die Zustände des Getrenntsein und die Wege, wieder in Verbindung zu kommen. Man kann auch noch einen Schritt weiter – bzw. tiefer – gehen und sagen, dass dies die vier Dimensionen sind, in denen wir Versöhnung brauchen.

Fügt man all dies zusammen, sieht das so aus:

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Auch wenn im Liebesgebot knapp und klar formuliert ist, dass sich Selbst- und Fremdliebe die Waage halten sollen, wurde die Selbstliebe im Christentum oft verdrängt. Das ist tragisch, aber es zeigt sich ja – leider – immer wieder, dass der Inhalt und die Wirkungsgeschichte von Religion oft auseinandergehen. Oft sind es einfach Ungleichgewichte in diesen Beziehungen. Gerade bin ich wieder auf ein Beispiel gestoßen: In einer Kita-Konzeption habe ich den Satz gefunden, dass die religiöse Erziehung darauf ziele, „Gott und den Nächsten zu lieben“ – ausgerechnet die Beziehung zu sich selbst und zur Natur fehlen! Dabei sind diese – gerade auch ihre spirituellen Dimensionen – in meinen Augen für 2- bis 5-Jährige ganz wichtig.

Damit sind wir bei einem weiteren Schatten der christlichen Tradition, der völligen Naturvergessenheit. Dies kann natürlich nicht dem Liebesgebot angelastet werden, aber es haut zumindest noch einmal in dieselbe Kerbe. Mir ist diese vierte Liebes- bzw. Verbindungsdimension wichtig, für mich ist sie auch deutlicher Bestandteil des christlichen Glaubens (Beweisführung später an anderer Stelle), daher ergänze ich sie hier. Ich habe sie übrigens nicht „Schöpfungsliebe“ genannt, weil die Schöpfung ja auch mich und meine Mitmenschen miteinschließt. Mir geht es um die natürliche Umwelt, um unsere Heimat Erde, um Pflanzen und Tiere, und um all unsere Geschwister, wie Franziskus sie im Sonnengesang besingt: Feuer, Erde, Wasser, Luft, Sonne, Mond und Sterne. Die Beziehung zur Natur mag zu biblischen Zeiten viel präsenter gewesen sein und bedurfte weniger einer gesonderten Erwähnung. Heute ist sie wichtiger denn je. Und wenn wir uns auf den Weg machen, unsere Beziehung zur Erde mitsamt ihren Lebewesen neu auszurichten, hat dies auch unmittelbarte Auswirkungen auf die anderen drei Beziehungen.

Noch ein paar Hinweise zu einigen Formulierungen und Zuordnungen.

Die Idee mit den Bewegungen stammt von Henri Nouwen. Ich habe aber andere Formulierungen gewählt: „Vom falschen Selbst zum wahren Selbst“ stammt von Richard Rohr. „Von der Ablehnung zur Gastfreundschaft“ habe ich etwas entschärft – Nouwen nennt es „Feindseligkeit“ – ich denke, Ablehnung ist bereits kräftig genug. Hinter „Von der Entfremdung zur Lebendigkeit“ steckt zum einen die Beobachtunge, dass die Entfremdung von der Natur die stärkste Entfremdung ist, der wir derzeit unterliegen (so sehe ich es zumindest) und dass man gerade in der Natur Lebenskraft und Lebendigkeit erfahren kann. Die beiden Formulierungen bei der Gottesbeziehung sind noch vorläufige Versuche.

Dass man den Verbindungsdimensionen konkrete „klassische“ Praktiken zuordnen kann, habe ich von David Steindl-Rast übernommen. Beten ist naheliegend. Auch Teilen dürfte sich von selbst verstehen. Hier ist allerdings wichtig, dass es sich wirklich um Teilen handelt, nicht um Spenden. Zum Verständnis des Teilens hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal eine kleine Notiz auf diakonisch.de geschrieben, die immer noch lesenswert ist. Wenn man beginnt, zu reduzieren und auf bestimmte Dinge – ob für kurz oder lang  – verzichtet, kommt man sehr schnell bei sich selbst an. Jeder der fastet kann diese Erfahrung machen. Daher passt das Fasten in der Tat gut zur Beziehung mit mir selbst. Allerdings geht es hier wirklich um Fasten im klassischen Sinne, also um ein bewusst gewähltes Verzichten auf materielle Dinge. Die immer alberner werdende Fastanaktion der evangelischen Kirche („Sieben Wochen Ohne“) geht einen anderen Weg. Beim Danken stellt sich meist ein Gefühl von Abhängigkeit (im Sinne von Verwobenheit, Verbundenheit, Angewiesensein) ein, und oft auch ein Gefühl von Lebendigkeit. Daher habe ich es der Verbindung mit „allem, was lebt“ zugeordnet.

Ergänzt habe ich das Ganze um weitere Ansätze, die helfen, sich zu verbinden und darüber hinaus auch sehr heilsam sein können. Das hat natürlich mit persönlichen Vorlieben zu tun. Alles, was ich dort aufgeführt habe, schätze ich sehr. Und ich sehe die genannten Ansätze gerade nicht als schlichte Methoden, sondern tatsächlich als spirituelle Erkundungen.

Die kleine Skizze soll zeigen, dass es spirituell gesehen mehere Beziehungen gibt – und damit mehrere Zustände des Getrenntseins und Wege, diesem Getrenntsein wieder etwas entgegen zu setzen. Alle vier Beziehungen wirken aufeinander. Und alles zusammen ist dann – auch wenn es etwas oldschool klingt – Frömmigkeitspraxis. Diese Praxis sollte ausgewogen sein – wie das genau aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden, auch das ist Teil der Praxis.

Ein „Höchstes Gebot“ – mit dem ja der Blogbeitrag begann – würde ich so formulieren:

Suche die Verbindung
zu dir selbst
zu den Menschen um dich herum
zur Erde mit allem, was auf ihr lebt
zu Gott

Verharre nicht im Getrenntsein
Es ist nicht heilsam
Mache dich auf den Weg
Prüfe alles, was dir begegnet und behalte das Gute

Lass dich versöhnen
mit dir selbst
mit den Menschen um dich herum
mit der Erde samt allem, was auf ihr lebt
mit Gott

 

Exerzitien der Nächstenliebe

Endlich!, habe ich gedacht. Endlich verknüpft mal jemand gegenwärtige Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung mit biblischer Weisheit und macht daraus ein richtiges Übungsprogramm! Michael Pflaum, katholischer Priester aus Erlangen, fügt Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation, Byron Katies The Work und Ishin Yoshimotos Naikan zu „Exerzitien der Nächstenliebe“ zusammen.

ExzdNl„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Richtet nicht! Vergib dem Nächsten! Liebet eure Feinde! Seid dankbar! Die Goldene Regel. Das sind zentrale Aspekte der Ethik Jesu. Allgemein wissen wir das.

Aber wie können wir das konkret umsetzen? In den letzten 40 Jahren sind drei Übungswege neu entstanden, die alle drei auf ihre Weise helfen, die Nächstenliebe zu fördern – ganz konkret im Alltag: Gewaltfreie Kommunikation, Naikan und The Work. Sie setzen Jesu allgemein formulierte Ethik in durchführbare Übungswege um. Zusammengenommen ergeben die drei Wege eine besondere Art von Exerzitien der Nächstenliebe“ (Klappentext).

Das ist eine gute Frage: Wie geht denn dieses „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“ Im kirchlichen Kontext verhält sich die rhetorische Postulierung solcher Spitzensätze wohl umgekehrt proportional zur Befähigung, sie tatsächlich umzusetzen. Doch wenn man den Verkündigungsauftrag der Kirche ernst nimmt, geht es eben nicht darum, „Wahrheiten“ kund zu tun, sondern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie Wirklichkeit werden können. Erst dann sind sie „wirklich wahr“.

Dazu braucht es Übung. Und Übungen. Ohne geht es nicht. Und alle drei – Naikan, The Work und die GfK – bieten diese Übungen. Sie sind nicht einfach „Verfahren“, sie sind im Grunde Übungswege, fast schon spirituelle Übungswege. Gerade dadurch entfalten sie ihre eigentliche Kraft. Gewaltfreie Kommunikation kann man entweder als etwas gekünstelt wirkendes Kommunikation-Tool verstehen – oder als Erkundung der eigenen Bedürfnisse und Versöhnung mit den Bedürfnissen des Gegenübers. The Work ist heilsam, weil es durch das Aufdecken von Projektionen zurück zur eigenen Handlungsfähigkeit führt, also ermächtigend ist. Und Naikan führt einem das gegenseitige Geben und Nehmen vor Augen und lässt uns barmherziger werden. Alle drei Ansätze arbeiten mit der Grundunterscheidung zwischen „das, was ist“ und „das, was ich darüber denke“. Dies zu kapieren ist wohl eine der wichtigsten Lektionen im Leben – und sie tatsächlich zu beherzigen braucht sehr, sehr viel Geduld, Übung und Selbstannahme…

Michael Pflaums Exerzitien der Nächstenliebe sind in mehrfacher Hinsicht großartig:

Sie bieten Hilfe, christliche Ethik wirklich zu leben – und dabei bei sich selbst anzufangen. Denn an beidem scheitert es häufig. Bei der Umsetzung weiß man nicht so recht, wie’s geht und man verkennt, dass Wandel bei sich selbst anfängt. (Und daher landen wir so schnell beim Gegenteil: statt zu üben diskutieren wir lieber und statt bei uns selbst wollen wir beim Anderen anfangen.)

Sie verbinden gegenwärtige Transformationsansätze mit christlicher Weisheit – zu beiderseitigem Nutzen. So wird zum Beispiel die Geschichte vom verloren Sohn unter Naikan-Fragen betrachtet oder bei Marias & Marthas Auseinandersetzung kommt die Rosenberg’sche Unterscheidung von Bedürfnis und Strategie zum Einsatz. Und umgekehrt werden die drei genutzten Ansätze im Lichte der biblischen Botschaft betrachtet. (Michael Pflaum zeigt zum Beispiel deutlich die Grenzen von The Work auf – solch eine fundierte und redliche Kritik an Byron Katies Werk habe ich bisher noch nirgends gefunden.)

Die Exerzitien der Nächstenliebe sind didaktisch gut durchdacht. Die Abfolge der Lektionen ist sinnvoll, es gibt sogar eine jahreszeitliche Dramaturgie (wenn man sie denn nutzen will) und die einzelnen Schritte sind gut verwoben. Wenn zum Beispiel im Naikan die „vierte Frage“ („Welche Schwierigkeiten bereitet mir der Andere?“), auf die ja gerade verzichtet wird, immer wieder aufploppt, kann sie mit The Work näher angeschaut werden.

Unsicher bin ich mir, ob das Buch nicht zu viel will. Denn die drei Wege müssen ja – wenn auch Schritt für Schritt – erst einmal erklärt werden. Und man muss die oft ungewohnten Sichtweisen an sich heranlassen. Ich weiß noch, wie lange ich Byron Katies Idee umrundet habe, bis ich mich tatsächlich mal darauf eingelassen habe („Mit Projektionen kenn‘ ich mich doch aus, die habe ich im Griff, muss mir doch keiner sagen!“). Andererseits: Vielleicht können diese Nächstenliebe-Exerzitien genau hier etwas Besonderes leisten. Nämlich Menschen an diese Ideen sanft heranzuführen, im Wissen, dass sie sich auf dem Boden christlicher Spiritualität bewegen.

Das einzige Manko an diesem Buch ist das Layout. Nun, sagen wir so, es gibt eigentlich gar kein Layout. Es ist eher eine Manuskriptfassung, durch die man sich durchquälen muss. Das Buch ist eine Eigenpublikation bei Books in Demand. Vielleicht gibt es ja eine zweite, etwas lesefreundlichere Auflage? Patmos, Koesel oder Herder müssten sich doch die Finger danach lecken!

Mosaikstückchen

Ich war vier Tage in Bullerbü. Und es liegt gar nicht in Schweden, sondern in Vorpommern, in der Nähe von Lassan. Dort war ich auf einem Seminar (das einen eigenen Blogbeitrag wert ist) zum Thema Naturspiritualität (was etliche weitere Beiträge wert ist).

WP_20160603_009Aber ein paar Erkenntnisse schon mal vorab… Weniger vom Seminar selbst, sondern von dem, was sich immer mehr zusammenfügt.

Der Gedanken-(Um)Schalter

Kurz vor dem Seminar bin ich auf eine Achtsamkeits-Übung gestoßen (und zwar hier), die die Achtsamkeits-Freaks sicherlich alle kennen, die für ich aber neu war. Sie ist ganz einfach: Man beobachtet seine eigenen Gedanken und benennt, was für eine Art des Gedankenmachens das ist. Man erkundet also, was man gerade gedanklich tut: organisieren, planen, träumen, klären, schwelgen, erinnern, ärgern und so weiter… Das war auch schon die ganze Übung. Für mich war sie erhellend, denn ich entdeckte, wie oft es in meinen Gedanken darum geht… mich aufzuregen. Und über das Ausmaß war ich überrascht. Erschrocken.

Die zweite Erkenntnis dabei: „drinnen“ (und im Straßenverkehr!) ist es viel schlimmer als „draußen“. Als ich nun bei dem Seminar vier Tage fast ununterbrochen draußen war, war das weg. Mein Aufreg-Modus lag bei null. Bei einem Schwellengang habe ich einen ähnlichen Zusammenhang meiner Gestimmheit entdeckt. Ich saß zwei Stunden unter einem Baum. Linkerhand lag ein Wiesen- und Waldrand, rechterhand ein Getreidefeld. Habe ich nach rechts geschaut, also auf das Kulturland, war ich im Kopf. Habe ich auf die urwüchsige(re) Natur geschaut, war ich nicht mehr Kopf (wobei ich nicht genau sagen kann, wo ich statdessen war). Die Erkenntnis? Ich brauche gar keine Resilienzstudien, um zu wissen, wie wertvoll die Verbindung mit der Natur ist.

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Vier Verbindungen

Wenn ich in der Natur bin – und Zeit habe – fühle ich mich oft recht schnell mit der Natur verbunden. Wenn ich mich mit ihr verbunden fühle, bin ich generell besser in Verbindung – auch mit mir selbst. Kurioser Weise auch mit vielen Menschen, die gar nicht da sind. Ich bekomme einen Sinn für das Verbundensein mit allem, was lebt. Und mit dem Grund des Lebens. Nennen wir ihn Gott.

Die Verbindung mit Gott ist die abstrakteste, die mit anderen Menschen wohl die gewöhnlichste. Dadurch sind die beiden oft nicht präsent. Der Verbindung mit mir selbst ist sicherlich die unbequemste und die Verbindung mit der Natur (mit der Schöpfung / mit der Erde / mit allem, was lebt) die vergessenste dieser vier Dimensionen.

Sich mit diesen vier Dimensionen zu verbinden und zu versöhnen, wird mir immer wichtiger. Und ich versuche, diese Zusammenhänge immer mehr zu klären. (Details folgen…!)

Interessanter Weise fügt jedes Seminar, das ich in diesen seminar- und erkundungsreichen Zeiten mache, ein kleines Stückchen hinzu. Ein neues Steinchen, von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wo ich es einfügen soll, ist der (mittlerweile immer wiederkehrende) Fingerzeig, bei dem Verbundensein die Vorausgegangenen und die Nachfolgenden nicht zu vergessen, also die Vorfahren und die (noch nicht geborenenen) Nachkommen – sowohl die eigenen, als auch die der Menschheit generell.

Essen als Sakrament

Und noch ein Thema schält sich für mich immer mehr heraus: die allumfassende Bedeutung des Essens. Wobei es gar kein weiteres Thema ist, sondern ein konkreter „Anwendungsfall“ dieser vier Verbindungs- und Versöhnungsdimensionen. Allerdings ein ganz wesentlicher.

WP_20160602_002Ich bin mittlerweile davon überzegt, dass das Essen und alles, was damit zu tun hat, der wesentliche Faktor für unser Überleben und Miteinanderleben auf diesem Planten ist: Produktionsmittel und Landbesitz. Saatgut und Kulturtechniken. Würde und Entfremdung. Wirtschaft und Nachhhaltigkeit. Zubereitung und Ästhetik. Mäßigung und Sättigung. Klimawandel und Kriege. Erwerbsarbeit und Konsum. Gemeinschaft – und Sakrament. Also eigentlich… fast alles.

All das wurde für mich noch mal handgreiflich bei dem einfachen, aber guten Essen während des Seminars, bei der liebevollen Zubereitung und Anrichtung, bei der unglaublichen Fülle, die dar war, obwohl es gar keine „Massen“ an Lebensmittel gab.

Vor kurzem bin ich auf den Gedanken der Sakramentalität des Essens gestoßen (Danke, Hannes!). Ich habe einige Auszüge aus dem Buch The Theology of Food von Angel Méndez-Montoya gelesen, ein katholischer Theologe aus Mexiko. Es hat mich sofort angesprochen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe. Und beim Weiterstöbern habe ich dann Lisa McMinns Spirituality of Food, Farming und Community entdeckt. Sie ist Quäkerin, die mit ihrer Familie in Amerika eine SoLaWi betreibt (hier ein Interview mit ihr).

Und ich ertrage es kaum noch, dass gerade in der Kirche ökofair allenfalls bei Kaffee funktioniert, vegetarisch immer noch die Zusatzoption und nicht die Selbstverständlichkeit ist, vegan natürlich belächelt wird und es grundsätzlich wenig Kultur bei Zubereitung und Verzehr gibt. Zeige mir bei einer kichlichen Veranstaltung die Verpflegung und ich sage dir, welches spirituelle Verständnis vom Leben dort herrscht!

Was nähre ich und was nicht?

A propos Nahrung… Eigentlich habe ich hier schon alles dazu geschrieben, aber die Quintessenz wiederhole ich gerne:

Achte auf das, womit du dich umgibst und was du nährst!
Denn was dich umgibt, beeinflusst dich und was du nährst, wächst.

Als ich wieder zuhause war, schwappte mir gleich #AnneWill mit dem AfD-Gauland über alle Kanäle rein. Ich habe mich natürlich gleich wieder aufgeregt, ein paar Empörungs-Tweets retweetet, gerne die, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass die Aufregung über die AfD sie immer wieder nach oben treibt. … ! … Okay, ich hab’s verstanden. Das waren die letzten Tweets dieser Art. Ich nähre das nicht mehr. Ich will Lebensdienliches stärken.

Dankbarkeitsübungen

Nachdem ich über Joanna Macys ersten Schritt ihrer Prozessarbeit („Beginnen mit Dankbarkeit“) und dann noch ein paar grundlegende Gedanken zur Dankbarkeit gebloggt habe („Über die Dankbarkeit“), folgen jetzt noch abschließend ein paar Hinweise zu Dankbarkeitsübungen.

Dankbarkeits-Tagebuch

Die wohl einfachste und bekannteste Übung ist ein Dankbarkeits-Tagebuch. Dazu notiert man jeden Tag (am besten abends) drei Dinge, für die man dankbar ist. Es gibt zahlreiche Varianten: nur eine Sache aufschreiben; so viel aufschreiben, wie einem einfällt; mit bestimmten thematischen Vorgaben; etc. Am besten ist es, diese Praxis über längere Zeit zu machen. Interssant finde ich, dass diese kleine Übung als therapeutische Intervention empirisch untersucht wurde, und von den Probanden selbst nach Beendigung der Untersuchung weitergeführt wurde (Quelle zum Beispiel hier).

dankbar sein für etwas & jemandem dankbar sein

Bei Joanna Macy und Chris Johnstone (Hoffnung durch Handeln, Paderborn 2014) habe ich bei einer Übung den Hinweis gefunden, dass Dankbarkeit letztlich zwei Dimensionen hat: nämlich einmal dankbar für etwas zu sein (also für die konkrete Sache, die einem widerfahren ist) und dann demjenigen dankbar zu sein, auf den dies zurückzuführen ist. Dies kann man gut ins Dankbarkeits-Tagebuch integrieren. Ob ich demjenigen dann auch aktiv und explizit dafür danke, ist noch einmal etwas anderes – hier sollte man sich aber lieber von moralischem Druck befreien. Sonst ist man schnell bei Übungen zum Umgang mit Dankesschuld…

Offene Sätze der Dankbarkeit

Und wenn mir nichts einfällt? Ich würde ja so gerne dankbar sein, aber… Dazu schlägt Joanna Macy eine simple Übunge vor: einfach einen der folgenden Sätze vervollständigen:

„Zu den Dingen, die ich an meinem Leben auf dieser Erde liebe, gehört…
Ein Ort, den ich als Kind märchenhaft empfunden habe habe, war…
Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört…
Jemand, der mir geholfen hat, an mich sebst zu glauben, ist oder war…
Zu den Dingen, die ich an mir schätze, gehört…“ (Macy/Johnstone, S. 55).

Geschenke in meiner Lebensgeschichte

Folgendes habe ich bei Otto Scharmer in seinem Buch über die „Theorie U“ gefunden:

„Gehe von hinten nach vorne durch deine Lebensgeschichte (angefangen mit dem heutigen Tag und so weit zurück, wie du dich erinnerst) und identifiziere dabei die Menschen, die dich auf deinem Weg beeinflusst haben. Frage dich, welches Geschenk du durch deine Verbindung mit diesen Personen erhalten hast. Schließe diese Übung ab, indem du zurück zum Anfang gehst, zu deinen Eltern und deinen frühen Familienerfahrungen. Zähle dann im Kopf alle Geschenke zusammen, die du erhalten hast, und ziehe diese von dem ab, was du heute bist. Häufig wird sichtbar, dass es fast nichts in dir gibt, was du nicht jemandem anders zu verdanken hast“ (C. Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen, Heidelberg 2015, 444-445).

Wie lebt Dankbarkeit in dir?

Diese Frage habe ich in einem Beitrag von Cornelia Timm in dem Buch Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden gefunden. Eine kleine Übung, in der man sich nicht damit beschäftigt, wofür man dankbar ist, sondern erkundet, wie Dankbarkeit in einem lebendig ist. Am besten geht das zu zweit, einer spricht, der andere hört zu, danach wird gewechselt. Es ist eine ungewohnte Fragestellung, ein bisschen „Drauflosreden“ hilft.

Was steht meiner Dankbarkeit entgegen?

Unser Verhältnis zur Dankbarkeit ist oft etwas ambivalent. Oder besser ausgedrückt: Die Beschäftigung mit Dankbarkeit löst manchmal ambivalente Gefühle aus. Dann hilft es, zu schauen, was die Unbehaglichkeit auslöst. Will ich Dank aufrechnen? Knüpfe ich unausgesprochene Bedingungen daran, meinen Dank jemanden auszudrücken? Fühle ich mich schuldig, dass es mir so gut geht, bei all der Not und dem Elend in der Welt?

Dankbarkeitsübungen als Achtsamkeitspraxis.

Den Zusammenhang von gratefulness und mindfulness hatte ich ja bereits erwähnt. Auf der Interentseite von David Steindl-Rast gibt es eine Liste mit Übungen, die sich alle ums Innehalten und Wahrnehmen von Dankbarkeit drehen.

Kurzes Fazit

Jeder soll natürlich seine eigenen Erfahrungen machen, aber zwei meiner Erkenntnisse finde ich so interessant, dass ich sie hier gleich mitteile: Dankbar bin ich vor allem für sehr existenzielle und für sehr einfache Dinge. Und häufig sind diese beiden identisch (was die Idee eines einfachen Lebens noch einmal untermauert). Und ich merke, wie stark verbunden (man könnte auch sagen: abhängig) ich mit allem bin. Dankbarkeit wertschätzt die Verbundenheit mit allem, was lebt.

 

Beten mit Kindern

WP_20160511_002Als ich anfing, mich mit Beten mit Kindern zu beschäftigen, stieß ich auf dieses Buch: Heidi & Jörg Zink: Wie Sonne und Mond einander rufen. Ein Klassiker, leider vergriffen, aber antiquarisch noch erhältlich.

Das Buch ist wunderbar: unpathetisch und weise. (Das einzige, was etwas stört, ist die gelegentliche Gleichsetzung von „Eltern“ und „Mutter“. Da alles andere wirklich gut ist, lese ich darüber einfach hinweg).

In vier Kapiteln gibt es Gebete und Gedanken zu den verschiedenen Anlässen: Tagesablauf, Jahresverlauf, Geburtstag & Taufe, Gebete der Eltern für die Kinder. Dazwischen immer wieder Reflexionen übers Beten und Tipps für den religiösen Familienalltag.

Ein Abschnitt beschäftigt sich ganz grundlegend mit dem „Kindergebet in der Familie“ (S. 117-118). Er beginnt mit einer interessanten Beobachtung:

„Es war noch nie so schwierig, sich in religiösen Dingen auszusprechen, wie heute. Nicht, weil der Glaube selbst schwieriger geworden wäre – der Glaube war auch früher nichts Einfaches – sondern deshalb, weil wir heute mehr von uns verlangen. Unsere Großeltern begnügten sich mit gelernten Versen. Wir verlangen von uns eigene Worte, die unserer besonderen und eigenen Überzeugung Ausdruck geben“ (S. 117).

Es ist knapp vierzig Jahre her, dass die Zinks dies geschrieben haben. Dies spiegelt sicherlich die 70er-Jahre wider, in der nach langer Zeit der Verkrustung nun neu und eigenständig formuliert und gesprochen werden wollte. Aber der Gedanke, nicht zu viel zu verlangen, gefällt mir. Und ich nehme ihn als Plädoyer für vorformulierte, für liturgische Gebete.

Ein paar Hinweise zum Beten möchte ich hier wiedergeben. Da das Buch vergriffen ist, zitiere ich mal etwas ausführlicher.

Wenn man auf vorformulierte Gebete zurückgreift, sollten sie nicht kindisch sein:

„Wenn wir mit Kindern beten, sprechen wir Worte, die sich wie so vieles, was sie hören und nachsprechen, in ihr Herz und Gedächtnis fast unauslöschlich einprägen. Sie sind in der Erinnerung des erwachsenen Menschen mehr oder weniger bewußt noch da und reden und deuten weiter. Wir sollten mit Kindern also Gebete lernen, mit denen der fünfzehnjährige Junge und die vierzigjährig Frau noch etwas anfangen können und mit denen sie sich nicht kindisch vorkommen müssen, wenn sie sie noch einmal zu sprechen versuchen. Kinder werden mit den Worten, die sie lernen erwachsen. Verse, mit denen sie nicht erwachsen werden können, weil sie kindisch und für den Vierzigjährigen nicht mehr wahr sind, sind darum auch für das Kind nicht geeignet. Ein Kind braucht nicht nur das ‚Kindgemäße‘. Es braucht ganz ebenso Gedanken von Erwachsenen, und das heißt: Worte, in die es erst durch langes Hören allmählich eindringt. Wenn die Eltern ein Gebet sprechen, das dem Kind ‚zu hoch‘ ist, weil es dem Anspruch von Erwachsenen entspricht, öffnet sich ihm eine große und fremde Welt, in die hineinzuwachsen ja eben seine Aufgabe und seine Chance ist. […] ‚So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder‘ – diesen Vers betet das Vierjährige mit, und derselbe Vers ist für den Siebzigjährigen immer noch gültig“ (S. 117, 118).

Und Gebete sollen natürlich keinen theologischen Quatsch vermitteln. Gerade auch deshalb, weil sich Gebete (wie Lieder) leicht einnisten. Oft hilft es schon, mit einem Gebet nicht zu viel zu sagen.

„Es ist gut, wenn wir vor Gott – und auch vor den Menschen – im Gebet nicht zu viel sagen. Wer etwa sagt: ‚Ich bin klein, mein Herz mach (oder gar ist) rein, laß niemand drin wohnen als Jesus allein‘, sagt zu viel. So fromm ist kein Einsiedler in der Wüste, daß in seinem Herzen niemand mehr wohnt als Jesus allein. Im Herzen eines Kindes sollen Eltern und Geschwister wohnen und Platz haben […]. (S. 118)

In ein Gebet gehören keine Deutungen. Ein Gebet dient dem Ausdrücken der eigenen Frömmigkeit und nicht der Verkündigung oder Erziehung.

Und ein letzter Tipp: Eltern sollten (ein paar) Gebete auswendig lernen.

Dazu gleich zwei Vorschläge aus dem Buch.

Als Abendgebet:

Die Nacht bricht an
über Stadt und Feld.
Gott segne die Erde,
behüte die Welt.

Als Tischgebet kann man einen Vers aus Christian Morgensterns „Liebe Sonne, liebe Erde“ mit „Alle guten Gaben“ verbinden:

Einer:
Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nicht vergessen werde!

Alle:
Alle guten Gaben,
alles, was wir haben,
kommt, o Gott, von dir.
Wir danken dir dafür. Amen.

Meine Schwelle (besser) hüten

Womit will ich mich beschäftigen? Womit mich umgeben? Was will ich in mir bewegen? Was will ich Raum zum Wachsen geben? Das sind wichtige Fragen in einer Welt mit unendlichen Möglichkeiten, mit einer Informationsflut nach der anderen und mit einer permanent mitlaufenden Aufmerksamkeitsökonomie.

Das Ganze lässt sich gut zuspitzen: Was will ich nähren? Denn was man nährt, wächst. Das ist die bekannte Geschichte mit den zwei Wölfen. Und davor liegt noche eine Frage: Was will ich überhaupt in mich hineinlassen? Was will ich also über meine Schwelle lassen?

Das, was man hineinlässt, sind ja nicht nur Sachen, die man über die Haustür-Schwelle trägt – aber schon das ist ein gutes Bild! Was ich in mich hineinlasse bzw. an mich heranlasse kann drei verschiedene „Aggregatformen“ haben: Menschen, Ideen oder Dinge. Daraus ergeben sich dann drei Fragen:

  • Von welchen Menschen lasse ich mich berühren?
  • Welche Ideen bewege ich?
  • Mit welchen Dingen umgebe ich mich?

Ich merke, wie wichtig diese Fragen für mich werden. Und ich merke, dass ich reduzieren muss. Weil ich an Grenzen stoße. Nicht aus Gründen einer begrenzten Aufnahmefähigkeit oder weil ich keine Lust mehr auf Horizonterweiterung hätte. Sondern weil ich in den letzten zwei, drei Jahren bei mir sehr eindeutig folgenden Zusammenhang erkennen konnte: Umso mehr ich aufnehme, desto weniger handele ich.

Also: Welche Menschen, Ideen und Dingen will ich hinein-/heranlassen und nähren?

Beim Umgang mit den Dingen finde ich die Minimalsmusdebatten sehr anregend. Aber ich bin kein Minimalist, ich bin eher ein Rightsizer (die wunderbare Unterscheidung von Minimalismus und Rightsizing habe ich von hier).

Bei der Frage, welche Ideen ich für mich bewegen und wachsen lassen will, hilft mir das Bloggen. Und ihr kennt ja nur den veröffentlichten Eisberg über Wasser – wenn ihr wüsstest, was so alles im Entwürfe-Ordner liegt…!

Bei den Menschen geht es mir weniger um konkrete Personen (denn das ist ja leicht: ich weiß sehr gut, mit wem ich Kontakt will und mit wem nicht), sondern um Szenen, um Communities. Auch wenn heute so viel miteinander vernetzt ist, leben wir doch in einer Gesellschaft, die aus zigtausendmillionen Filterbubbles besteht. Zu welchen will ich gehören?

Gesellschaftlich gilt das Phänomen der Filterbubbles ja eher als ein Problem. Man nistet sich in seiner Nische ein und hält sie für die Welt. Es gibt einige Strategien dagegen (wenn man denn will), aber mir geht’s hier ja gerade um die gegenteilige Dynamik: die in mich hereinschwappende Flut zu begrenzen. So genommen ist es ein Plädoyer für die Filterbubbles. Denn dies hat einen Vorteil: Es erleichtert Commitment. Und ich merke, dass ich mich stärker committen muss.

Habe ich mein Commitment klar, weiß der Schwellenhüter, was zu tun ist. Beachte ich meine Schwelle nicht (weil ich keinen Sinn dafür habe oder weil der Schwellenhüter grad im Urlaub ist…), ist Commitment nur schwer möglich.

Äußeres & Inneres

Über die Wandlung von der ersten zur zweiten Lebenshälfte habe ich ja vor Kurzem schon einmal gebloggt. Nun bin ich auf ein Interview mit dem Resilienzforscher Harald Katzmair gestoßen (ich kannte ihn bisher nicht), der hier sogar von einem „fundamentalen Bruch“ spricht:

„Mit dem Wechsel der Lebenshälften gibt es einen klaren Bruch. Die Psychologie des ersten Lebensabschnittes unterscheidet sich von der des zweiten Lebensabschnittes. Die Bedeutung des Äußeren tritt zurück. Entscheidend ist, wie man mit diesem fundamentalen Bruch umgeht.“

Inneres und Äußeres ändern ihre Prioritäten. Will man sich weiterhin künstlich am Äußeren festhalten, mag das zwar bequem sein, verschließt aber den Zugang zu der inneren Entwicklung. Umgekehrt gilt das auch: Wenn ich mich meiner inneren Reise verweigere, bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Glück im Außen zu suchen, ich spiele zwangsläufig mit im Spiel um Konsum und Statussymbolen – und wenn ich dort nicht mehr mithalten kann, bleibt mir nur der Platz als Verlierer.

Interessant finde ich, dass Katzmair nicht beim Individuellen bleibt, sondern gerade die gesellschaftliche Bedeutung in den Blick nimmt:

„Wer sich der inneren Reise verweigert und sich nicht mit Äußerem ablenken kann, wird aggressiv und aversiv, ein „Wutbürger“. Wer die Enttäuschungen, Kränkungen und Rückstellungen des Lebens nicht verarbeitet, sieht sich entweder als Versager oder als Opfer. Beides ist hochproblematisch für die Betroffenen und die Gesellschaft.“

Es gibt dann also zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Die eine Lösung, die natürlich keine Lösung ist, hieße „Brot & Spiele“. Wer sich der Entwicklung verweigert, lenkt sich soweit mit Äußerlichkeiten ab, dass er ruhiggestellt ist und keinen weitweren Schaden anrichtet. Wie gesagt, keine wirkliche Lösung, aber ich glaube, dass dies genau die Lebensphase von nicht wenigen Menschen in der zweiten Lebenshälfte beschreibt. Die andere ist, die Abenteuer-Reise nach Innen anzutreten. Katzmair bietet dazu keine konkrete Ideen, aber etliche kluge Hinweise. Das Interview ist nicht lang und wirklich lesenswert.

Für mich ist es noch einmal eine Bestätigung, dass gesellschaftlicher Wandel – denn auch unsere Wohlstandsgesellschaft braucht dringend ihre „innere Journey“, wie Katzmair es sagt – letztlich nur durch den Einzelnen gelingen kann. Auch hierzu hatte ich schon einmal kurz etwas gebloggt.

Vor einiger Zeit bin ich auf eine Liste mit Fragen gestoßen, die ich sehr, sehr hilfreich finde, um seine eigene Entwicklung zu erkunden. Durch die Beschäftigung mit der „Theorie U“ (demnächst noch mehr dazu) bin ich auf die „U Journaling Practice“ gestoßen. Es geht um ein „guided journaling“, also um eine geführte (= fragengestützte) Erkundung, die man schreibend angeht.

Die vorgeschlagenen 17 Fragen finde ich gehaltvoll und tiefgehend. Sie folgen einer gewissen Dramaturgie (eben des Konzepts der besagten „Theorie U“), die man aber gar nicht zu verstehen braucht, um die Fragen zu beantworten. Man kann gleich auf die zweite Seite zu den einzelnen Fragen springen. Empfohlen wird, die Fragen in einem Rutsch und ohne langes Überlegen zu beantworten. Das fiel mir allerdings schwer, ich habe mir für jede einzelne Frage genügend Zeit genommen.

Ich finde, dass diese Erkundung eine ganz passable Reisevorbereitung darstellt.

zufrieden entschieden

Schon einmal von der Abstimmungs-Methode systemisches Konsensieren gehört? Diese Methode verdient es, bekannt und verbreitet zu werden. Deshalb hier ein paar Zeilen dazu – und etwas Material.

Systemisches Konsensieren ist eine wunderbare Alternative zu unserer klassischen Abstimmungsmethode, der Mehrheitsentscheidung. Bei einer Mehrheitsentscheidung werden die Stimmen gezählt, die einen Vorschlag befürworten. Je nach Verfahren (einfache, relative, absolute Mehrheit) kommt man dann zu einem Ergebnis. Doch dieses Ergebnis ist – in sehr vielen Fällen! – gerade nicht das beste. Denn ein Mehrheitsentscheid berücksichtigt nicht, wie zufrieden die Leute mit der Entscheidung sind, ob die Entscheidung auch nach längerer Zeit noch tragfähig ist und welches Konfliktpotenzial in ihr liegt. Oft, sehr oft, kommt es dann im Laufe der Zeit zu einer schleichenden Sabotage des Beschlusses – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Konsens gar kein echter Konsens war.

Wie wäre es stattdessen mit Entscheidungen, mit denen alle zufrieden sind!?

Das geht doch gar nicht!

Doch, geht.

Und deshalb finde ich es so wichtig, die Methode „Systemisches Konsensieren“ zu vebreiten. Gerade im kirchlichen Kontext, in dem man ja sehr auf „einvernehmliche Entscheidungen“ bedacht ist, ist dies eine echte Alternative zur Mehrheitsentscheidung.

Entwickelt haben die Methode Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta. Die Idee ist ziemlich… schlicht. Aber gerade das ist das Geniale daran. Es ist keine Raketenwissenschaft, und wenn man sie verstanden hat und einmal geprobt hat, dann „kann“ man sie bereits. So einfach.

Beim systemischen Konsensieren sind zwei Dinge anders als beim klassischen Abstimmen: Es wird der Widerstand jeder einzelnen Alternative erhoben, und dieser wird in seiner Intensität gemessen. Das systemische Konsensieren misst also das Konfliktpotenzial. Und damit sieht und würdigt es die Bedürfnisse der Einzelnen.

Mehrheitsentscheidung:  Zustimmung zählen  — >  Alternative mit der größten Zustimmung ist die Lösung.

Systemisches Konsensieren:  Widerstand messen  — >  Alternative mit dem geringsten Widerstand ist die Lösung.

WP_20160426_002Jeder Beteiligte nennt für jede einzelne Lösung, wie hoch sein Widerstand ist, dazu wählt er eine Zahl zwischen „0“ (keinerlei Widerstand) und „10“ (maximaler Widerstand). Dies wird notiert, dann werden pro Alternative alle Widerstände zum Gesamtwiderstand zusammengezählt. Die Variante mit dem geringsten Gesamtwiderstand ist (wahrscheinlich) die Lösung. Hier im Bild einmal die Widerstandsstimmern von 14 Leuten, die über 7 Alternativen (A bis G) abgestimmt haben.

Jetzt gibt es zwei besondere Fälle:

Bei der Alternative mit dem geringsten Gesamtwiderstand sind einige wenige hohe Einzel-Widerstände dabei (dies ist der Fall im Bild, siehe die blau eingekreiste 7). Diese Leute werden nun gefragt: „Was fehlt dir? Was brauchst du noch, damit du mit der Entscheidung leben kannst?“ Meist – und das ist das Erstaunliche! – sind das unspektakuläre und einfache Dinge. Beim klassischen Mehrheitsentscheid spielen diese Bedürfnisse keine Rolle. Stattdessen wird oft signalsiert, jetzt aber bitteschön mal kein „schlechter Verlierer“ zu sein!

Der andere Fall: Es gibt eine Lösung, deren Widerstand niedriger ist als alle anderen, die aber  trotzdem viele einzelne Widerstandswerte im mittleren Bereich hat (oder höher). Dann ist diese Alternative zwar die beste Lösung, aber keine gute. Besser ist es, noch einmal neu über das Probelm nachzudenken.

Für einen Presbyteriums-Workshop hatte ich dazu zwei Probeabstimmungen als Rollenspiel vorbereitet. Das Handout dazu ist kurz und kompakt und kann hier als PDF heruntergeladen und genutzt werden. Empfehlenswert ist die Seite http://www.sk-prinzip.eu der Entwickler des Systemischen Konsensierens. Besonders gut haben mir die Tipps und Materialien auf www.systemisches-konsensieren-berlin.de gefallen!

Entdeckt habe ich diese Methode übrigens in Vivian Dittmars „Kleiner Gefühlskunde für Eltern“ (nebenbei bemerkt ein ganz wunderbares Buch, Danielle vom Gewünschtesten Wunschkind hat eine Rezension darüber geschrieben, aber auch die amazon-Rezensionen sprechen ja für sich). In dem Abschnitt „Verbindende Lösungen in Gruppen: Es geht!“ (S. 186-189) beschreibt sie, wie sie systemisches Konsensieren mit ihren Kindern anwendet.

Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, dass diese Methode im kirchlichen Kontext bisher völlig unbekannt ist (im Gegensatz zur Szene der intentionalen Gemeinschaften, wie mir scheint). Das würde ich gerne ändern. Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und anzuerkennen, Konfliktpotenzial sichtbar zu machen (und nicht wie oft bei Mehrheitsentscheiden durch geschickte Abstimmungsformulierungen „wegzudrücken“) und tragfähige Lösungen zu suchen ist letztlich nichts Geringes als Versöhnungsarbeit.

Und ich bin sehr an Erfahrungen in Presbyterien und auf Synoden (!?) interessiert! Ich kann auch gerne für einen Workshop vorbeikommen…

Über die Dankbarkeit

Durch Joanna Macy (siehe meinen letzten Beitrag hier) habe ich angefangen, mich stärker mit Dankbarkeit zu beschäftigen. Dadurch bin ich dann ja auch auf David Steindl-Rast gestoßen. Das wollte ich nicht alles in einen Blogpost packen, deshalb hier noch ein paar Dinge, die mir klar geworden sind. Für viele ist das vielleicht nicht neu, für mich schon…

Dankbarkeit ist kein Gefühl

Dankbarkeit ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Dies ist sicherlich die wichtigste Erkenntnis. Ich kann mich nicht dankbar fühlen, aber ich kann dankbar sein. Es ist eine Einstellung, die man bewusst einnimmt. Eine Entscheidung, dankbar zu leben. Vielleicht kann man daher sogar so weit gehen, zu sagen: Dankbarkeit ist eine Fähigkeit – nämlich das Kultivieren einer dankbaren Haltung.

Dankbarkeit von Dankesschuld unterscheiden

Dankesschuld ist das Gefühl, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. Im Gegensatz zur Dankbarkeit ist Dankesschuld tatsächlich ein Gefühl, ein negatives (genauer gesagt ist es eine Emotion). Es ist gut, beides auseinanderzuhalten.

Wirkweise von Dankbarkeit

Dankbarkeit macht glücklich. Man vermutet wohl er das Gegenteil: Falls ich glücklich bin, kann ich dann dafür ja dankbar sein. Aber es ist eben andersrum: Nicht Glücklichsein macht uns dankbar, sondern Dankbarkeit macht uns glücklich. Und Dankbarkeit hat den Vorzug, „dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, dankbar zu sein für alles, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend bereits spürbar glücklicher sein“ (David Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 86). Zudem ist es ein sich selbstverstärkender Prozess: „Je dankbarer man ist, umso mehr bemerkt man Dinge, für die man auch noch dankbar sein könnte“ (S. 107).

Dankbarkeit als spirituelle Praxis

„Wir brauchen eine spirituelle Übung, die alle Mitglieder dieser Erdengemeinschaft vereint. Dankbarkeit ist der Spitzenkandidat“ (S. 30). Sie ist wohl deshalb der Spitzenkandidat, weil Dankbarkeit eine universelle religiöse Haltung ist. Interessant finde ich, dass David Steindl-Rast eine Verbindung zwischen dankbarem Leben und Gottesbild sieht:

„Das führt auch zu einem neuen Gottesbild und weg von der Vorstellung eines über uns thronenden, von uns getrennten Gottes. Durch dankbares Leben erfahren wir einen Gott, in dem wir völig eingebunden und eingebettet sind. Wir sind völlig in Gott. Gott ist völlig in uns und geht zugleich unendlich über uns hinaus. Gott ist Geber, Gabe und dankbares Leben“ (David Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 106).

Gratefulness und Mindfulness

Das englische Wort für Dankbarkeit ist Gratitude. Interessanterweise spricht David Steindl-Rast aber auch oft von Gratefulness – doch dieses Wort ist im Englischen eigentlich ungebräuchlich (grateful ist das Adkjektiv zu gratitude, gratefulness ist also das substantivierte Adjektiv). Es könnte sein, dass Steindl-Rast dieses Wort wählt, um noch deutlicher zu machen, dass es eine spirituelle Haltung ist, denn Gratefulness klingt etwas nach Mindfulness (Achtsamkeit). (Danke Sabine für den Hinweis!)

Gratefulness und Mindfulness passen in der Tat gut zusamman: „Je bewusster wir leben, umso klarer erkennen wir, was für ein unfassbares Geschenk es ist, überhaupt lebendig zu sein“ (S. 116). Dankbarkeits-Übungen sind meist schlicht und einfach. Anregungen findet man zum Beispiel hier. Und etwas Grundlegender wird es hier.

Erntedankfest und Eucharistie

Christlicherseits gibt es zwei besondere liturgische Anknüpfungspunkte. Am naheligendsten ist sicherlich der kirchenjahreszeitliche Bezug: das Erntedankfest. In unserer übersättigten westlichen Konsumwelt kommt Dankbarkeit kaum vor. Vielleicht könnte man das ursprüngliche Erntefest (das heute ja oft etwas romantisierend daherkommt) wieder deutlicher als Dankbarkeitsfest feiern. Ein anderer liturgischer Bezugspunkt ist das Abendmahl. Eigentlich müsste ich hier den katholischen Begriff nehmen: Eucharistie. Denn Eucharistie heißt „Danksagung“. Ich komme ja immer mehr zu dem Schluss, dass die katholische Praxis, in jedem Gottesdienst Eucharistie zu feiern, nicht das Schlechteste ist. Vielleicht sollte auch die evangelische Kirche dem Abendmahl/der Eucharistie eine höhere Wertschätzung entgegenbringen, so wie es ja auch die liturgische Bewegung ins Gespräch gebracht hat. (In manchen stark protestantisch geprägten Gegenden ist das Abendmahl ja sogar der gottesdienstliche Ausnahmfall. Dahinter liegt die unausgesprochen Haltung, dass man sich für das Empfangen des Abendmahls „würdig“ erweisen muss, deshalb solle es gerade nicht alltäglich (genauer: allsonntäglich) sein. Damit wird allerdings der Sinn der Eucharistie völlig auf den Kopf gestellt.)

Ich werde auf jeden Fall dran bleiben, an der Erkundung der Dankbarkeits-Praxis. Vor allem Erntedankfest, Eucharistie und – im letzten Blogbeitrag erwähnt – Dankbarkeit als Ausgangspunkt einer zu entwicklenden globalen Ethik, werden mich weiter beschäftigen.

Beginnen mit Dankbarkeit (activehope #03)

Joanna Macy beginnt bei ihrer „Arbeit, die wieder verbindet“ mit der Dankbarkeit. Dankbarkeit ist für sie der Ausgangspunkt bei Transformationsprozessen – und nicht etwa die Bestandsaufnahme oder Analyse. Das hat einen ganz funktionalen Grund: „Dankbarkeit steigert unsere Resilienz und stärkt uns dafür, belastende Informationen auszuhalten“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 51). Es hat aber auch einen tieferen Grund: Dankbarkeit ist für sie das Gegenmittel zum Konsumismus. Und das ist in der Tat ein guter Ausgangspunkt für einen „Großen Wandel“.

„Dankbarkeit und Materialismus bieten unterschiedliche Geschichten darüber an, was wir brauchen, um uns sicher zu fühlen. Beim Materialismus beruht die Sicherheit darauf, die richtigen Dinge zu haben […]. Dankbarkeit verschiebt unseren Fokus von dem, was fehlt, zu dem, was da ist. Wenn wir eine kulturelle Therapie entwerfen sollten, die uns vor Depression schützt und gleichzeitig den Konsumismus im Zaum halten hilft, dann werden wir sicherlich die Kultivierung unserer Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden, mit hineinnehmen. Uns zur Kunst der Dankbarkeit zu erziehen ist Teil des Großen Wandels“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 55).

Konsum funktioniert hauptsächlich über Unzufriedenheit. (Es gibt noch weitere Gründe für unser Konsumverhalten, aber dieser ist der wichtigste). Und so ist es die Aufgabe der Werbung, Unzufriedenheit zu wecken.

Was macht zufrieden? Paradoxerweise – sicherlich nicht immer, aber oft – das Reduzieren. Menschen, die fasten, berichten immer wieder, wie zufrieden sie sind. Es muss aber nicht gleich Fasten sein. Vor ein paar Wochen hatte ich hier ein Zitat von David Steindl-Rast gepostet: Verkleinere dein Gefäß. Er fügt noch hinzu: „Es gibt Kulturen, in denen man sich nicht daran freut, wie viel man besitzt, sondern darüber, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 90).

David Steindl-Rast war für mich übrigens die Entdeckung, als ich neben Joanna Macy nach weiteren spirituellen Lehrern suchte, die sich mit Dankbarkeit beschäftigen. „Grateful Living“ ist Steindl-Rasts Lebensthema, sein Netzwerk ein Dorado an Ideen, Erfahrungen und Übungen. Seine Gedanken fügen sich wunderbar zu Joanna Macys Ansatz – was auch kein Wunder ist, denn Dankbarkeit ist eben eine universelle Haltung.

„Dankbarkeit hilft, das nur selbstbezogene Ich zu überwinden“, so Steindl-Rast (S. 95). Sie kann Bitterheit heilen, sie ist das Gegengift zu Groll, sie überwindet Anspruchsdenken. Darüber hinaus stärkt sie unser Zugehörigkeitsgefühl:

„In der Dankbarkeit feiern wir unsere Zugehörigkeit und damit auch unsere gegenseitige Abhängigkeit“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 105).

Und so wirkt sie auch nach außen: „Dankbarkeit motiviert uns, etwas für unsere Welt zu tun“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 58). Dankbarkeit ist eben nicht nur etwas Innerliches, sie eignet sich als Grundlage einer globalen Ethik:

„Grateful living is a universal ethic capable of ushering us peacefully into a new era in which we must share the world’s resources fairly and conserve the environment for future generations“

Dankbarkeit als ein „major key“ bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme – das finde ich wirklich inspirierend, weil es ein ganz anderer Ansatz als üblich ist. Eine Ethik, die bei einer spirituellen Praxis ansetzt.

Zurück zu Joanna Macys Transformationsarbeit: Dankbarkeit ist der erste Schritt ihrer vier-phasigen Spirale. So merkwürdig es auf den ersten Blick erscheint, Dankbarkeit an den Beginn und nicht ans Ende der Arbeit zu stellen, so sinnvoll ist es. Wofür bin ich dankbar? Am besten beginnt man mit den einfachen Dingen. Und die einfachen Dinge sind die existenziellen Dinge. Noch einmal David Steindl-Rast:

„Gratefulness and simple living go hand in hand. When we are grateful, we appreciate life’s free gifts: friendship and solitude; movement and rest; Nature’s bounty and her spare winter introversion; our own alternating sonata movements of joy, sorrow, and joy’s resurgence.“

Wer in diese Richtung weiterstöbern möchte, findet hier sicherlich einiges.

Reaching Out

Durch Zufalll – oder auch nicht – bin ich auf Reaching Out von Henri Nouwen gestoßen. Da ich immer schon einmal etwas von ihm lesen wollte – Henri Nouwen hat ja eine durchaus interssante Vita – habe ich mir dann die deutsche Ausgabe von Reaching Out besorgt, auch wenn Titel und Cover etwas betulich daherkommen.

Henri Nouwen beschreibt christliche Spiritualität als drei Grundbewegungen. Es sind die Bewegungen hin zu unserer innersten Tiefe, zu unseren Mitmenschen und zu Gott.

Der Weg zu uns selbst führt von der Einsamkeit zur inneren Stille (Loneliness –> Solitude). Der Weg zu unseren Mitmenschen führt von der feindseligen Ablehnung zur gastfreundschaftlichen Annahme (Hostility –> Hospitality). Der Weg zu Gott führt von der Illusion zum Gebet (Illusion –> Prayer).

Spirituelles Leben hat also drei Aufgaben: zur Stille finden, Gastfreundschaft üben und eine Gebetspraxis pflegen. So einfach kann man christliche Frömmigkeitspraxis beschreiben.

Der Weg in unsere innerste Tiefe: Einsamkeit –> innere Stille

„In der inneren Stille strecken wir uns nach unserem tiefsten Selbst aus, wo wir unsere großen Heilkräfte entdecken könnnen“ (S. 88).

Die innere Stille schafft einen Raum, um auf unsere innere Stimme zu hören. Nur wenn wir auf sie hören, bekommen wir Antworten, die wirklich die unseren sind. Unsere Berufung offenbart sich dort. Allerdings können innere Stille und Einsamkeit leicht verwechselt werden, es braucht also die Fähigkeit, sie tatsächlich unterscheiden zu können.

Der Weg zur inneren Stille gelingt meist nicht, ohne sich von den Ablenkungen im Außen zurückzuziehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Weg zur Weltabgewandtheit führt. Im Gegenteil, die Beschäftigung mit den brennenden Fragen der Gegenwart wird intensiver. Was sich ändert, ist ein von Angst getriebenes Re-Agieren. Es geht gerade darum, gelassener, angstfreier und nachhaltiger aktiv zu weden. Dies deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Die Menschen, die ein spirituelles Leben führen, erlebe ich gerade als sehr weltzugewandt und verbunden mit den Nöten und Fragen unserer Zeit. Der Begriff „contemplative activism“ (den Nouwen allerdings nicht benutzt) bringt das wohl gut auf den Punkt.

Der Weg zum Mitmenschen: Feindseligkeit –> Gastfreundschaft

Zwei Sätze von Nouwen, die – leider – genau zu unserer gegenwärtigen Situation passen:

„Unsere Gesellschaft scheint zunehmend aus Menschen zu bestehen, deren Leben von Angst, Sicherheitsdenken und Aggression bestimmt ist. […] In unserer Welt herrscht die Annahme vor, dass von Fremden eine potenzielle Gefahr ausgeht und es ihre Aufgabe ist, uns vom Gegenteil zu überzeugen“ (S. 92, 97).

Das Wort Gastfreundschaft mag etwas Liebliches, Behagliches oder auch Naives an sich haben. Und es scheint an Kraft und Tiefe verloren zu haben. Wenn man über christliche Spriritualität nachdenkt, kommt es einem wohl nicht als Erstes in den Sinn.

„Und dennoch: Wenn es überhaupt ein Konzept gibt, bei dem es sich lohnt, seine ursprüngliche Tiefe und Inspirationskraft wiederherzustellen, dann ist es Gastfreundschaft. Der Begriff ist einer der reichhaltigsten der Bibel und hat das Potenzial, unsere Einsicht in unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu vertiefen und zu erweitern. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gibt es Geschichten, die deutlich machen, wie ernst gemeint unsere Verpflichtung ist, Fremde in unser Haus aufzunehmen. Gleichzeitig erzählen sie aber auch davon, dass die Gäste kostbare Geben mit sich führen, die sie nur allzu gerne einem offenen Gastgeber überreichen möchten.“ (S. 92-93).

Man lese beispielsweise Genesis 18, 1-15 (Die drei Fremden aus Mamre), 1. Könige 17, 9-24 (Die Witwe in Sarepta) oder Lukas 24, 13-35 (Die Emmaus-Jünger).

Für Henri Nouwen ist Gastfreundschaft neben der wörtlichen Bedeutung – Fremde in seinem Haus aufzunehmen – auch eine grundsätzliche Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, nämlich ihnen schlicht Raum zu geben. „Den Begriff ‚Gastfreundschaft‘ habe ich nur gewählt, um das Wesen einer ausgereiften christlichen Beziehung zu unseren Mitmenschen leichter verständlich machen zu können“ (S. 155).

Eine Bedingung für echte Gastfreundschaft liegt dann auch darin, dass wir nicht Gastfreundschaft üben, um die eigene Einsamkeit zu stillen:“Solange wir einsam sind, können wir nicht gastfreundlich sein, da wir in unserer Einsamkeit keinen offenen Raum schaffen können“ (S. 155).

Außerdem können wir keine Gastfreundschaft üben bzw. dem Anderen einen offennen Raum bieten, wenn wir selbst ganz voll sind: „Das Paradox der Gastfreundschaft besteht tatsächlich darin, dass Armut uns zu einem guten Gastgeber macht“ (S. 146).

Zwei Arten der Armut sind dabei wichtig: die Armut im Geiste – das bedeutet frei zu sein von eigenen Ideen, Vorstellungen, Ansichten und Überzeugungen – und die Armut im Herzen – also frei zu sein von Vorurteilen, Sorgen und Eifersucht.

Der Weg zu Gott: Illusion –> Gebet

„Es gibt vermutlich kein Bild, das die Nähe zu Gott im Gebet besser beschreibt als das Bild vom Atem Gottes. […] Das Gebet ist daher der Atem Gottes in uns, durch den wir Teil von Gottes innerstem Leben und neu geboren werden“ (S. 177).

Hierzu nur kurz, den Henri Nouwen geht zum einen stark auf das Herzensgebet ein (dazu findet sich auf meinem Blog ja schon das eine oder andere), zum anderen schreibt er viel über christliche Gemeinschaft – dies ist aber wiederum einen eiegnen Beitrag wert.

Wichtig finde ich hier vor allem, dass Nouwen das Paradox betont, dass wir das Beten erlernen müssen, obwohl wir es doch nur als Geschenk empfangen können. Und „niemand, der ernsthaft eun Gebetsleben führen möchte, [kann] dieses Vorhaben ohne eine konkrete Methode durchhalten oder zumindest bis zu einem gewissen Grad verwirklichen“ (S. 190).

Spirituelles Leben

Durch das Buch ziehen sich zwei Grundgedanken: Wenn es darum geht, sich der Stille, der Gastfreundschaft und dem Gebet zuzuwenden, sich nach ihnen auszustrecken („reaching out“), bedeutet das nicht, Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, diese wahrzunehmen, sie sich einzugestehen und sie von dem jeweiligen anderen Pol tatsächlich unterscheiden zu können. Spirituelles Leben ist eh ein Hin- und Herpendeln zwischen diesen Polen. „Je mehr wir das schmerzliche Eingeständnis unserer Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zulassen können, desto mehr sind wir in der Lage, Stille, Gastfreundschaft und Gebet als Teil unserer Vision vom Leben zu sehen“ (S. 25).

Der zweite Gedanke, der immer wieder auftaucht: Spirituelles Leben braucht eine Praxis. Es gibt eine Vielzahl an Varianten, die beschriebenen drei Aufgaben zu üben. Aber sie müssen halt geübt werden. Das heißt also zunächst einmal, die eigene Variante zu suchen und zu finden und sie dann zu erproben und zu pflegen.

Fehlt da etwas?

Die drei Bewegungen entsprechen ja den Dimensionen des Liebesgebotes: Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe (Matthäus 22, 37-39). Interessanter Weise leitet Henri Nouwen seine Ausfürhungen aber gar nicht hiervon ab, er zitiert die Stelle nicht einmal. Er beschreibt einfach die Dynamiken, auf die er in seiner Frömmigkeitspraxis gestoßen ist. Es ist also eher ein induktiver Ansatz, kein biblisch-deduktiver. Dann kann man aber auch weiter gehen und fragen, ob es nicht noch andere Dynamiken gibt, noch weitere Bewegungen des Ausstreckens und Zuwendens.

Was mir grundsätzlich immer wieder in der christlichen Tradition zu kurz kommt, ist die Verbindung mit allem Lebendigem. Das wird manchmal unter dem Aspekt der Zuwendung zum Mitmenschen – der Nächstenliebe – subsummiert. Aber das wird nicht dem gerecht, dass die Schöpfung weit mehr ist. Spirituelles Leben muss neben den Beziehungen zum wahren Selbst, zu den Menschenbrüdern und -schwestern und zu Gott genauso die Beziehung zur Erde, zur Schöpfung, eben zu allem, was lebt, einbeziehen.

Daher ergänze ich Henri Nouwens Reaching Out um eine vierte Bewegung: Die Bewegung von der Entfremdung zur Lebendigkeit beschreibt den Weg zu unserer Verbundenheit mit allem, was lebt. Das werde ich noch weiter entwickeln…

sich ermächtigen für ein gutes Leben

Menschen wollen eigentlich überall

* in Frieden leben – deshalb befreunden sie sich.
* in Wohlstand leben – deshalb helfen sie sich.
* in Muße leben – deshalb verwirklichen sie sich.
* in Gemeinschaft leben – deshalb verständigen sie sich.
* mit der Natur leben – deshalb mäßigen sie sich.
* ihren Kindern eine Zukunft geben – deshalb engagieren sie sich.
* einfach gut leben – deshalb ermächtigen sie sich.

So beginnt das Buch „Selbermachen! Mit Empowerment aus der Krise“ von Meinrad Armbruster. Diese 7 Werte (mit den entsprechenden 7 Fähigkeiten) passen gut zum „Programm“ meines Blogs. Ich habe das Buch gerade quergelesen – und ich freue mich, dass da noch mehr zueinander passt. Meinrad Armbruster spricht in dem Buch durchgängig von „Zeitenwende“ und weniger von „Krise“. So wie Joanna Macy eben vom „Großen Wandel“ spricht. Hier geht es nicht einfach um einen Euphemismus. Während ich „der Krise“ gegenüberstehe wie das Kaninchen vor der Schlange, kann ich „der Zeitewende“ begegnen, indem ich selbst Teil dieser Wende werde. Und hierzu braucht es Selbstermächtigung. Vor allem bei den folgenden drei Aufgaben (S. 113):

  • die eigenen Potenziale/Ressourcen entdecken – trotz aller Ablenkungen um mich herum,
  • das eigene Leben ändern – unabhängig davon, dass „die anderen“ so weiter leben wie bisher,
  • den eigenen Beitrag für die Zeitenwende leisten – auch wenn ich mich unbedeutend und ohnmächtig fühle.

Das schließt ganz gut an den letzten Beitrag „Ein Hebel“ an. Immer wieder taucht auch das Stichwort „Konvivialität“ auf. Das meint ein gutes Zusammenleben, con vivere. Der Begriff wurde in den 1970ern von Ivan Illich geprägt, ist in Deutschland allerdings verhältnismäßig unbekannt. Derzeit erlebt er eine Renaissance als Konvivialismus-Debatte. Interessant finde ich, wie hier Konvivialität beschrieben wird, nämliche als „maß- und genussvolle Lebensart“, als „Kunst der ausgeglichenen Bilanzen“, also nicht auf Kosten Anderer zu leben.

Ich werde mich an diesen Themen weiter abarbeiten…

 

Ein Hebel

Setzen Wandlungsprozesse eigentlich am besten individuell oder gesellschaftlich an? Es ist ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Aber sie interessiert mich. Denn natürlich suche ich auch nach dem Hebel, wie Wandel gelingen kann: Wo also ansetzen?

Bei Ursula Seghezzi habe ich einen guten Hinweis dazu gefunden. Die These: Transformation muss persönlich tief greifen – oder sie wirkt nicht.

„Die Diskussion, ob Transformation entweder über die Gesellschaft erfolgen oder beim Individuum ansetzen soll, führt zu nichts (weil sie im trennenden Entweder-Oder-Weltbild verhaftet bleibt). Wer bei Transformation den Fokus alleine auf die Gesellschaft legt, verkennt den Modus, in dem Transformation geschieht. Also erst das Individuum Transformieren und dann die Gesellschaft? Auch dieses Erst-Dann verkennt den Modus, in dem Transformation geschieht. Vielmehr gilt: indem sich Individuen wandeln und weiten, geschieht gesellschaftlicher Wandel. Denn eine Gesellschaft besteht aus Individuen und wandelt sich, wenn genügend Individuen ihren Beitrag zur Entfaltung leisten und mit Hilfe einer neuen Wertorientierung mehr Verantwortung übernehmen. Sei sind in ihrer Bewusstheit differenzierter und verfügen daher über differenziertere Seinsgestaltungsmöglichkeiten. Persönliche Wandlung ist – in den Worten von Haiko Nitschke – ‚gesellschaftlicher Umbruch vor Ort‘.“ (Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 41-42)

Der springende Punkt ist das „indem“. Indem sich der Mensch wandelt, geschieht gesellschaftlicher Wandel. Ich habe das noch nicht in aller Konsequenz zu Ende gedacht, aber es könnte der Hebel sein. Gestern stieß ich dann auf ein weiteres Zitat, das in dieselbe Richtung geht:

The world is in desperate need of healing. And we found that to the degree that we are healed, the world will be healed. (Gravity Center)

Dieser Satz steht unter der Überschrift cultivating the contemplative. Und das ist ein guter Zugang, genau das ist ein möglicher Weg. Die kontemplativen Traditionen und Wege sind einfach, aber trotzdem tief. Sie sind religionsübergreifend, sie können daher verbindend und versöhnend wirken. Sie sind bildungsunabhängig, was von unschätzbarem Wert ist. Meditieren kann jeder erlernen, Gebildete genießen keinerlei Vorsprung (wie sonst so oft im Leben). Und Kontemplation ist wirksam. Das zeigt zum Beispiel die wunderbare Reportage „Die Revolution der Selbstlosen“ auf Arte.

fasten, teilen, beten

Muss man als Christ eigentlich irgendwas machen? Hat man bestimmte Aufgaben zu erledigen, Praktiken zu vollziehen, Opfer zu bringen?

Nein. Muss man nicht, hat man nicht. Aber manchmal denke ich: Wär‘ doch eigentlich gar nicht so verkehrt. Nicht als moralische Verpflichtung, sondern als geistliche Übung.

Also an dieser Stelle ein kleines Plädoyer für geistliche Praktiken. Man muss sich nun keine besonders ausgefallenen Sachen ausdenken oder lange suchen. In der Begrpredigt spricht Jesus über das Fasten, das Almosengeben und das Beten. In der Bibel findet man das im 6. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, in drei aufeinander folgenden Abschnitten.

Auf der Internetseite von David Steindl-Rasts Network für Grateful Living (gratefulness = Dankbarkeit) habe ich einen Text entdeckt, der diese drei Praktiken auf eine sehr einfache und zugleich faszinierend schlüssige Weise zusammenfügt. Diese drei Praktiken sind nämlich genau diejenigen Übungen, um wieder in Verbindung zu kommen. Oder anders gesagt: um Trennungen zu überwinden. Oder noch anders: um der Sünde zu begegnen. Sünde ist ja keine moralische Verfehlung, sondern ein Zustand des Getrenntseins, und zwar von Gott, von seinen Mitmenschen und von sich selbst: „Sünde steht für alles, was uns von unserem authentischen Selbst, voneinander und vom göttlichen Urgrund unseres Seins trennt.“

Diesen drei Dimensionen des Getrenntseins kann man begegnen:

„wir werden authentisch, indem wir uns darum bemühen; wir preisen unsere Zugehörigkeit zum Universum, indem wir miteinander teilen; wir verankern uns in Gott, indem wir uns in seine Stille hineinlassen, um vom Brunnen des Lebens zu trinken, der wahren Quelle unseres Seins.

Der überlieferte Fachausdruck für „sich bemühen“ ist Fasten (was einiges mehr bedeutet als Kasteiung beim Essen und Trinken). „Miteinander teilen“ bedeutet Wohltätigkeit (was einiges mehr meint als Almosen verteilen). Und für „uns im Sein verankern“ steht „Gebet“ (was mehr bedeutet als Gebete aufsagen). Fasten, Wohltätigkeit und Beten sind die drei Wege, um uns und unsere Welt nach Gottes Plan auszurichten, es sind die drei sich überschneidenden Pfade in die Freude der Fastenzeit hinein.

Fasten, Teilen und Beten. Das sind die drei Praktiken, um unseren drei Trennungen zu begegnen: dem Getrenntsein von unserem wahren Selbst, voneinander und von Gott.

Die Verankerung in Gott durch das Beten liegt nahe. Über den Zusammenhang von Fasten und „authentisch werden“ war ich im ersten Moment etwas verwundert, aber es stimmt schon: Durch bewussten Verzicht fange ich schnell an, wesentlich Fragen zu stellen (Was brauche ich wirklich? Was hält mich gefangen?) und bei längerem und intensivem Fasten stellt sich oft eine besondere Klarheit ein. Und das Teilen ist die Praxis, um sich miteinander zu verbinden – auch das ist völlig schlüssig. Hier würde ich aber ganz auf die Begriffe „Almosen“ und „Wohltätigkeit“ verzichten, denn sie fallen hinter echtes Teilen wieder zurück, weil sie die Trennungen aufrechterhalten. Teilen gerade nicht als „Mildtätigkeit“ oder „Charity“ zu verstehen, sondern als eine einzuübende Praxis des Miteinanderverbundenseins, ist ein guter Ansatz. Mal ehrlich: Wo teilen wir denn tatsächlich irgendwas? In unserem westlich-bürgerlichen Milieu ist das doch völlig unterentwickelt und weit (!) davon entfernt, dass dies ein christlicher Grundvollzug ist.

Und damit haben wir dann drei ganz wesentliche christliche Praktiken. Aber sie verstehen sich nicht von selbst, sie müssen wirklich geübt werden.

Hoffnungsgründe (activehope #02)

Wie gelingt es, die Hoffnung nicht zu verlieren? Ohne Hoffnung kann ich ja kaum Teil einer Veränderung sein, geschweige denn eines Wandels oder gar des „Großen Wandels“, wie Joanna Macy es nennt. Bevor ich über die vier Schritte von Joanna Macys Ansatz im Einzelnen blogge, springe ich einmal ins 10. Kapitel von „Hoffnung durch Handeln“, in dem Macy dieser Frage nachgeht.

Also: Woher nehme ich Hoffnung?

Eine wesentlicher Punkt ist, sich immer wieder ermutigende Beispiele aus der Geschichte vor Augen zu halten. Macy macht hieraus gleich zwei Punkte, nämlich zum einen nach inspirierenden Beispielen aus der Weltgeschichte zu suchen, zum anderen sich die Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte in Erinnerung zu rufen, in denen sich eine beharrliche Haltung gelohnt hat.

Ich möchte hier noch ergänzen, dass solche  Ermutigungen nicht unbedingt in der Vergangenheit gesucht werden müssen. Gerade ein wacher Blick für das Hier und Jetzt kann zu überraschenden und hoffnungmachenden Einsichten führen (auch wenn gegenwärtig vor lauter Krisen Hoffnung ja schon fast zynisch erscheint): So sind zum Beispiel die extreme Armut und die Kindersterblichkeit auf der Welt deutlich zurückgegangen. Und es gibt Belege, dass wir gegenwärtig in der friedvollsten Phase der Menschheitsgeschichte leben.

Als drittes – neben inpirierenden Beispielen aus der Geschichte und der eigenen Biografie – nennt Joanna Macy das Inbetrachtziehen des Phänomen der diskontinuierlichen Veränderung. Man kann durchaus den Mut verlieren, wenn man Wandel als einen ausschließlich gleichmäßig voranschreitenden Prozess versteht. Denn „neben der gleichmäßigen Veränderung gibt es auch diskontinuierliche, sprich sprunghafte oder nichtlineare, Veränderung. Plötzliche Umschwünge können auf überraschende Weise kommen, Strukturen, die so fest und dauerhaft erscheinen wie die Mauer in Berlin, können in sehr kurzer Zeit zusammenbrechen oder abgerissen werden. Wenn wir verstehen, wie diskontinuierliche Verändrung fuktioniert, bekommen wir wieder ein Gefühl für neue Möglichkeiten“ (Macy/Johnstone 2014: 174-175).

Meist hat dies mit einem „Kipp-Punkt“ zu tun, also mit dem Punkt, ab dem etwas ins Kippen kommt, ab dem eine gewisse Schwelle überschritten ist, hinter der sich die Veränderung nicht mehr gleichmäßig sondern sprunghaft vollzieht. Wir wissen in der Regel nicht, wie groß eine „kritische Masse“ sein muss, um einen Durchbruch zu erzielen, um eine andere Ebene zu erreichen. Aber dieses Phänomen, dass lediglich eine „kritische Masse“ und eben nicht die mögliche Gesamtmasse für einen Wandel erforderlich ist, finde ich ausgesprochen hoffnungsvoll.

Schließlich schlägt Joanna Macy noch vor, der Hoffnungslosigkeit dadurch zu begegnen, dass man selbst Zeuge des Großen Wandels wird. Der Weg entsteht schließlich beim Gehen. Und Alternativen zeigen sich (erst) dann, wenn man nach ihnen sucht. Macy führt noch einen fünften Punkt auf („den Hütern der Schwelle entgegentreten“), aber in meinen Augen ist das eher eine konkrete Übung, ein Tool. Dazu später in einem eigenen Beitrag noch einmal mehr…

Ich möchte noch etwas hinzufügen. Für mich ist es immer wieder hoffnungsstärkend, zu erkennen: Nichts beginnt bei Null. Allerorten gibt es bereits Anfänge, und seien sie noch so klein. Ich muss sie nur suchen, finden – und aufgreifen. Christlich gesprochen könnte man darin auch die Dynamik von „schon“ und „noch nicht“ sehen. Gemeint ist damit das Reich Gottes, das schon angebrochen, aber eben noch nicht vollendet ist. Ich mag diesen Gedanken. In diesem Zusammenhang sind auch viele Gleichnisse Jesu hoffnungsvoll, allen voran das vom Senfkorn: Aus Kleinem kann Großes werden. Beides entspricht meiner Erfahrung. Nicht immer, aber immer wieder.

Verkleinere dein Gefäß

Gerade bin ich auf einen kleinen Text von David Steindl-Rast gestoßen. Ich finde, er ist eine wunderbare Antwort auf unseren doch ziemlich kranken westlichen Lebensstil. Und der Text ist ein schönes Bild für die Idee eines „einfachen Lebens“:

„VERKLEINERE DEIN GEFÄSS – Unsere Überflussgesellschaft hält das Hinzufließende zurück, indem sie einfach die Behälter vergrößert, wenn es gerade wie in den Schalen eines Brunnen überfließen möchte, sich über deren Rand ergießen in wunderschönen Wasserkaskaden. Die Wirtschaft der Überflussgesellschaft erfordert, dass die Dinge, die letztes Jahr für uns etwas Besonderes waren, jetzt als selbstverständlich erachtet werden; somit wird der Behälter größer, und damit die Freude am Überfließen, die Dankbarkeit, immer wieder hinausgeschoben. Wenn wir aber das Gefäß kleiner machen, indem wir unsere Bedürfnisse einschränken, dann fließt es schneller über, und damit wird uns die Freude der Dankbarkeit früher geschenkt. Es ist das Überfließende, was in der Sonne funkelt“ (David Steindl-Rast, Einladung zu Dankbarkeit, Stuttgart 2012, 72-73).

 

 

 

Die Hälfte ist jetzt rum…

Die Hälfte ist jetzt rum: Ich bin in meiner Lebensmitte angekommen (sogar schon ein kleines Bisschen drüber), zumindest wenn es nach der statistischen Lebenserwartung geht.

Auf inwachsendenringen habe ich einen interessanten Gedanken gelesen, der mich sehr beschäftigt. Wenn man von vier großen Lebensphasen ausgeht – Kindheit & Jugend, junges Erwachsenenalter, reifes Erwachsenenalter, Alter – dann merkt man, dass sich die spirituellen (oder auch existenziellen) Grundthemen dieser Lebensabschnitte deutlich unterscheiden. Soweit, so klar. Neu war für mich die Erkenntnis, dass nur zwei der drei Übergänge auch mit deutlichen äußeren Veränderungen einhergehen. In aller Regel ist es der Auszug von Zuhause beim Übergang von der Jugend zum jungen Erwachsenenalter und der berufliche Ruhestand beim Übergang vom reifen Erwachsenenalter zum Alter. Der Wechsel vom jungen zum reifen Erwachsenenalter kennt solch eine Veränderung im Außen nicht. Dieser Übergang ist ein innerer, ein stiller, unbemerkter – aber ein wesentlicher!

Und gerade deshalb wird eine äußere Veränderung in dieser Übergangszeit oft verzweifelt herbeigeführt. Bei Männern ist das dann gerne der Ausstieg aus dem bisherigen Beruf, um nochmal etwas ganz Neues zu machen: die Surfschule in Kalifornien eröffnen, in der Toscana eine kleine Olivenplantage anlegen oder – kein Witz! – vom Herzchirurgen zum LKW-Fahrer umsatteln, alter Kindheitstraum und so. Oder auch hoch im Kurs: die Beziehung beenden und sich noch einmal so richtig neu verlieben, gerne in eine deutlich jüngere Frau. Nur dumm, dass man sich selbst immer mitnimmt.

Das Wort Midlife-Crises ist etwas aus der Mode gekommen, aber genau das ist es. Tragisch daran ist, wenn man verkennt, dass der Übergang in der Lebensmitte eben ein innerer Prozess ist. Natürlich darf sich auch im Außen etwas ändern. Aber eine verkrampfte Veränderung im Außen lenkt von der Aufgabe ab, sich im Inneren neu auszurichten, zumindest in dieser Lebensphase.

Ich finde diese Erkenntnis ganz erleichternd. Bei mir richtet sich innerlich nämlich gerade Einiges neu aus.

Auf das Thema Lebensmitte bin ich übrigens das erste Mal gestoßen, als ich eine Einladung zur Silbernen Konfirmation bekommen habe, also mit 39 Jahren. Meine alte Heimatgemeinde hatte mir einen lieb- und belanglosen Brief geschickt. Ich bin nicht hingegangen, denn bei der Einladung wusste ich einfach nicht, was ich da sollte, und die Kirchengemeinde wusste wohl nicht so recht, was sie damit wollte. Dabei liegt doch das Thema auf der Hand: die Lebensmitte. Egal, was wer erreicht hat oder wie das Leben bisher verlaufen ist: Jeder der Silbernen Konfirmanden ist in seiner Lebensmitte angekommen. Wenn man jetzt als Kirche auch noch etwas Substanzielles zu dem Thema zu sagen hat, ist das eine wunderbare Sache. Und dann könnte die Silberne Konfirmation die Kasualie der Lebensmitte sein. Ein paar Gemeinden scheinen das auch erkannt zu haben (man kann das ja mal ein bisschen googlen), aber eben nur ein paar. Auf der Internetseite der Hannoverschen Landeskirche habe ich ein paar Zeilen zur Silbernen Konfirmation gefunden. Kein Wort zum Thema Lebensmitte. Stattdessen übliche Kirchenrhetorik: innehalten und zurückblicken, ja, ja, wie das früher alles mal war… Kirche im Regressionsmodus. Schade.

(Kurzer praktisch-theologischer Exkurs: Es hat ja hin und wieder mal Debatten zu „Neuen Kasualien“ gegeben. Meiner Beobachtung nach sind die aber leider verebbt. Einschulung als Kasualie wurde mal diskutiert, Margot Käßmann hatte – wenn ich mich recht erinnere – ein Scheidungsritual vorgeschlagen, im diakonischen Kontext gab es zaghafte Überlegungen, den Heimeinzug rituell zu begleiten, beim Eintritt in den Ruhestand gibt es durchaus spirituelle Bedürfnisse und die Lebensmitte als verdrängter (aber wirkmächtiger) Übergang ist meiner Meinung nach sehr kasualientauglich. Ich schreibe das hier nur für den Fall, dass pfiffige Theolog/innen mitlesen sollten..!)

Zurück zu mir. Ich merke, dass ich unglaublich gelassen werde. Mittlerweile weiß ich einigermaßen, wie das Leben, das Universum und der ganze Rest so funktioniert (okay, beim Universum nicht ganz). Und ich muss keine Fleißkärtchen mehr sammeln. Beides ist sehr entlastend. Und gleichzeitig merke ich, dass ich deutlich unruhiger werde. Wofür will ich das alles einsetzen? Wofür stehe, wofür gehe ich? Der innere Prozess läuft auf Hochtouren. Manchmal merke ich das und dann reduziere ich, werfe thematischen Ballast über Bord, setze Schwerpunkte auf einmal ganz neu. Manchmal merke ich lediglich, dass da gerade etwas am Arbeiten ist, ohne genau zu wissen, was.

Ich finde das ziemlich gut.