Herzensgebet

2014 war das Jahr, in dem ich zum Herzensgebet kam. Oder es zu mir. Ein bisschen Erfahrungen damit hatte ich bereits, aber nicht all zu viel. Das Jahr fing dann mit einer geballten Dosis an, nämlich mit der Teilnahme an Hesychia II, dem 2. Europäischen Herzensgebet-Symposium in St. Martin in München (den Programmflyer gibt es noch hier). Eine tolle Tagung, noch dazu ganz am Jahresanfang. Eine wichtige Rolle spielte auch der Ansatz von Sabine Bobert, einige Vorträge hatte ich bereits gehört, ihr Buch Mystik und Coaching gelesen und schließlich im vergangenen Jahr an ihrem Mystik-Basisseminar teilgenommen.

Ein paar Erfahrungen zum Herzensgebet möchte ich hier einmal festhalten.

Alltagstauglichkeit – Für mich ist das Herzensgebet nicht eine kontemplative Praxis oder ein Übungsweg. Es ist schlicht mein Alltagsgebet, meine Gebetspraxis für den Alltagsgebrauch. Es ist das Gebet für die Standby-Zeiten: in der Warteschlange und im Regionalexpress. Aber auch, wenn ich meine Kinder ins Bett bringe und ich neben ihnen liege und aufs baldige Einschlafen hoffe. Ich kenne kaum Etwas, das so alltagstauglich ist wie das Herzensgebet.

Gebetswort – Da mir die traditionelle Langformel einfach zu traditionell war, habe ich zu Beginn mit den Kurzfomen Christus und Jesus Christus experimentiert. Zu der Kurzform, die allein aus Jesus besteht, konnte ich mich nicht durchringen. Bei „Jesus“ ploppt dann immer dieser ganze historische Kontext mit auf, das finde ich störend. Ich bin dann aber doch zur klassischen Form übergegangen: Jesus Christus, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Wenn diese Formulierung seit Jahrhunderten von unzähligen Menschen gesprochen wird – warum soll ich es dann nicht auch so machen?

Fürbittendes und integrierendes Gebet – Die traditionelle Form hat auch noch den Vorteil, dass man das Gebet mit kleinen sprachlichen Anpassungen auch als Fürbitte sprechen kann: „Jesus Christus, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner Familie [des Menschen XY, etc.]“. Und ich kann alles, was mich umtreibt, mit in die Erbarmensbitte hinein nehmen: „Jesus Christus, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner Unruhe [Angst, Gier, etc.]. Ich bete das Herzenesgebet also nicht, um – beispielsweise – meine Angst spirituell überzuformatieren oder mantrisch auszumerzen – sondern im Gegenteil: Ich nehme sie zum Ausgangspunkt, benenne und bekenne sie. Halte sie Gott hin und bitte, sich ihrer zu erbarmen.

Das Komboskini – Eine völlig überraschende Erfahrung war für mich, wie sinnvoll ein Komboskini ist. Bei dem Herzensgebet-Symposium in St. Martin gab es für jeden ein einfaches Komboskini mit 50 Knoten. Ich war erstaunt, wie stark es die Kozentration lenkt. Der Affengeist kam viel mehr zu Ruhe, als ich es je gedacht hätte. Wahrscheinlich liegt es einfach am Haptischen – und es wird auch etwas mit den Fingerspitzen zu tun haben. Ich habe mir noch ein schöneres gekauft, aber da sind die Knoten leider zu dick, das läuft dann nicht so leicht.

Die Atemkopplung – Ich habe immer wieder mit der Kopplung an den Atem experimentiert. Herausgekommen ist dabei die oben genante Variante (ohne „Herr“, aber mit „du“), bei der ich vier Silben einatme, vier ausatme, vier einatme und dann zwei (oder bei integrierendem oder fürbittendem Gebet mehr Silben) austame. Doppelt und halb so schnell geht dabei auch. Allerdings gibt es auch Empfehlungen, die von der Atemkopplung abraten (siehe zum Beispiel hier in dieser Einführung von Udo Hofmann), weil das Atmen dann schnell mechanisch werden kann und es zu sehr ums „Atmen machen“ geht. Das leuchtet mir ein und entspricht auch meiner Erfahrung. Es ist bloß gar nicht so einfach, das Ganze unabhängig vom Atmen einzuüben.

Noch einige Gedanken zum Gebetsverständnis

Einige Jahre zuvor hatte ich über mehrere Jahre hinweg – mal mehr mal weniger regelmäßig – drei Mal am Tag zu bestimmten Zeiten ein bestimmtes Gebet gesprochen, innerlich, lautlos, fünf kurze Zeilen. Die erstaunliche Erfahrung dabei war, dass sich dieses Gebet irgendwann verselbständigte und ich mich manchmal beten hörte – innerlich, lautlos. Ich betete dann gar nicht, sondern es betete mich. Hier liegt die Parallele zum Atmen. Denn eigentlich müsste es ja heißen: Es atmet mich. Und nicht: Ich atme.

Wenn schon beten, dann bitteschön nicht als kognitiv-reflexiver Prozess. Ich arbeite eh viel mit dem Kopf, da will ich mich spirituell nicht auch noch wieder kopflich betätigen müssen. Dies ist auch der Grund, warum ich selten in Gottesdienste gehe. Dieser Predigtteil in der Mitte, ach… Wenn es Schweigegottesdienste geben würde, ich wäre dabei.

Das klassische Gebetsverständnis ist sicherlich das Gebet als Gespräch mit Gott. Das ist zwar eine nette Metapher, nur habe ich sie nie verstanden. Nicht, dass Gott und ich uns nichts zu sagen hätten, aber wir sprechen halt nicht miteinander. Und ich für meinen Teil finde das auch gar nicht schlimm. Gott vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich liegt das Ganze einfach daran, dass ich kein personales Gottesverständnis habe. Da die Bibel und die christliche Tradition voll mit apersonalen Gottesbildern sind, fühle ich mich damit auch gut aufgehoben. Also: Gebet ja, Dialog nein. Das ist mir zu viel Geschwätz, bei dem man sich nur selbst wieder in den Mittelpunkt drängt. Oder durch demütig-reflexive Formulierungsanstrengungen Gott beeindrucken will.

Hingegen mag ich liturgische Gebete. So wie das Vater Unser. (Das mag ich sogar auf aramäisch – wahrscheinlich weil ich die Sparache gerade nicht kann und daher der Klang für mich eine besondere Bedeutung hat). Das Besondere dieser Gebete ist, dass man sich damit einreiht in all die Menschen, die es über Jahrhunderte gesprochen haben. Wahrscheinlich reiht man sich nicht nur in diesen Traditionsstrom ein, sondern begibt sich auch in das Kraftfeld, das von dem gemeinsamen Sprechen (von den Worten? von dem Klang?) ausgeht. Aber hier muss ich zugeben, dass mir die Erfahrung fehlt. Ich finde es einfach einen schönen Gedanken.

Und dann ist da mit dem Herzensgebet eben noch jene dritte Arte des Betens, das mantrische Beten.

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8 Kommentare zu „Herzensgebet“

  1. Begonnen habe ich Mitte zwanzig mit Zen. Nach Einführungs und Aufbauseminaren, mehrere Sesshins. Dann war mir das Zen irgendwann zu „leer“ … habe ein kleines Rotes Buch über das Herzensgebet entdeckt und habe die Sesshin mit dem Herzensgebet gesessen. Seitdem bin ich dabei gebleiben, im Zen mit dem Herzensgebet zu sitzen. Vielleicht eine etwas eigenwillige, doch mir ganz sympathische Kombination.

    Das MTP-Buch ist mir, vor glaube zwei Jahren, im Kloster Damme begegnet und ich hab einen Kieler kennengelernt der mit MTP unterwegs ist. Das Buch finde ich sehr hilfreich. Seit etwa zwei Jahren bete ich das Herzensgebet als immerwährendes Gebet mitten im Alltag, mal mehr mal weniger intensiv. Auch bete ich gerne während der „Arbeit“. Als Qi Gong-Lehrer unterrichte ich Qi Gong im Kloster in Verbindung mit Morgen und Abendmeditation mit Sitzen in Stille. Wenn ich gerade nicht rede, bete ich meistens beim Qi Gong, das Herzensgebet. Auf meiner Agenda steht das MTP-Buch erneut zu lesen …

    Ende Oktober war ich „rein privat“ bei einer schweigenden Zen-Woche im Kloster Dietfurt und war intensiv mit dem Herzensgebet dabei. Wunderbar. Jetzt über die Weihnachtsferien sind wir wenig meditativ mit unseren Söhnen intensiv dabei zu leben. Auch wunderbar.

    Wenn mehr Stille in mir und um mich ist binde ich das Herzensgebet gerne an den Atem, sonst by the way oder als Stoßgebet auch einfach so. Ich bete mit:
    „Jesus Christus, Erbarme Dich meiner.“
    (oder als Fürbitte auf Empfehlung von Sabine Bobert)
    Der Herzraum gilt als Ort der Gottesbegegnung, die Wesensmitte. Der Christusfunke fängt hier Feuer, der Same geht auf …

    Lass Dein Licht Leuchten …

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  2. heute gelesen:

    gebet darf nicht mit gebeten gleichgesetzt werden, einer folge heiliger wörter, mit denen wir gott zu erreichen versuchen…
    das gebet entspringt jener schwelle, an der seele und leben ineinanderfließen… dies beschränkt sich keineswegs auf die gelegenheiten, da wir gebete in worte fassen. das gebet ist ein tieferer und älterer dialog, der sich in uns vollzieht. in diesem sinne ist das innere leben jedes menschen ein fortwährendes gebet, das mit der ersten regung im mutterleib einsetzt und mit dem letzten atemzug endet…
    wenn das gebet die geräuschvollen wildbäche der worte und gedanken verlässt, gelangt es auf den stillen see des schweigens. hier werden wir des tiefen friedens gewahr, der in uns lebt. unter all unseren handlungen, gesten und gedanken liegt ein schweigender friede…
    für die tiefsten dinge gibt es keine worte. worte werden hinfällig, wenn das mysterium aufscheint und das gebet ins schweigen übergeht.

    in: john o’donohue, echo der seele

    lieben gruß,
    katja

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    1. Ja, für den Text von John … ich erlebe das ähnlich, beten umfasst für mich weit mehr als Worte und beginnt weit vor den Worten – es steigt aus meiner Seele, meinem Atem, meinem Sein, meinen Bewegungen und Gebärden auf und sinkt hinab, so dass sich Himmel und Erde in mir verbinden … das mantrische Beten des Herzensgebetes verlässt oft bald den Raum der Worte und führt hinein in den Vorhof der inneren Stille … auch by the way so mitten im Alltag …

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      1. Die letzten beiden Sätze kann ich (wenn ich ehrlich bin), noch gar nicht so bestätigen. Aber ich habe zumindest die Ahnung, dass es wohlso sein kann. Schön, dass es so bei dir ist!

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  3. … also, bei mir ist die innere Stille, die sich möglicherweise in einer mehrtägigen Zen Sesshin ausbreitet schon eine andere, als die die sich „gelegentlich“ beim mantrischen Herzensgebet beim Aufstehen oder Geschirrspülen oder auf dem Heimweg vom Sohn in die Kita bringen einstellen mag, oder wann sonst ich an das Herzensgebet denke und es dann auch praktiziere im Alltag. Dennoch entsteht dann oft so eine mich Gebogenheit und Vertrauen empfinden lassende Rückverbindung (Religio) zum Gott-Göttlichen. Das gibt mir Kraft und Zuversicht, viele der alltäglichen Versuchungen und alten Glaubensmuster zu umschiffen und neu und kreativ mit Situationen – Menschen – Begegnungen verbunden zu sein, wo ich vorher im Dreieck gesprüngen wäre, weil ich mal wieder auf meine Muster aufgelaufen war … Jesus Christus, erbarme Dich meiner … unser …

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