Landkartenlust

Vielleicht wird das ja mal zu einer schönen Tradition: Ganz am Anfang des Jahres an einer Fortbildung in München teilzunehmen, die genügend Stoff fürs ganze Jahr (und drüber hinaus) bietet. Letztes Jahr war es das Herzensgebet-Symposium in St. Martin, jetzt gerade war es das Seminar zu Glaubenspolaritäten-Aufstellungen vom SySt-Institut mit Matthias Varga von Kibéd.

Was soll ich sagen? Ich bin begeistert. (Ausrufezeichen spare ich mir mal, weil sonst der ganze Text davon voll wäre.) Es war eine Mischung aus Inspiration und Hochgeschwindigkeitsdenken, und beides war ganz wunderbar. Als ich mich anmeldete, war ich mir nicht ganz sicher, ob es nicht irgendwelcher (formaler) Voraussetzungen bedarf. Aber ich habe keine Hinweise darauf gefunden. Die Voraussetzungen, die ich mitgebracht habe, waren das vorherige Anschauen einer Lehr-DVD über Lösungs-, Problem- und Tetralemma-Aufstellungen (so hatte ich einen Einblick in die Art des Aufstellens) und ausgiebiges Stöbern auf der Syst-Seite mit den verschiedenen Strukturen (daher hatte ich eine Ahnung davon, was Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer unter „Grammatik“ verstehen). Beides war sehr hilfreich. Ausgesprochen förderlich war überdies, dass von Kibéd ein famoser Könner und Liebhaber seines Themas ist und Lust hat, dies zu vermitteln und weiterzugeben. Er verbindet leichtfüßig sowohl Theorie und Praxis als auch Intuition und Logik miteinander. Sie schließen sich bei ihm gerade nicht aus, sondern puschen sich gegenseitig hoch. Ein Genuss.

Im Laufe des Seminars habe ich gemerkt, dass mich mehr noch als das Aufstellen die dahinterliegenden Ideen und Strukturen faszinierten, die Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer entwickelt haben. Das Schöne dabei ist, dass das, was sie unter Grammatik verstehen, für mich auch in Beratungs- und Bildungsprozessen nützlich ist und – das wurde mir immer klarer – für meine Art, Theologie zu treiben. Die folgenden drei Aspekte haben mir richtig Spaß gemacht: das Unterscheiden von Semantik und Syntaktik, das Entwicklen von Heuristiken und das Transferieren verschiedener Heuristiken.

Im Rückgriff auf die Semiotik unterscheidet der Syst-Ansatz zwischen der Bedeutungsebene von Elementen („Semantik“) und ihrer Anordnung („Syntaktik“). Dominant in unserem Leben sind in der Regel immer die Inhalte,  die dahinterliegenden Muster und Strukturen werden oft nicht wahrgenommen. Das liegt wohl an unserem Narzissmus, alles mit einer richtigen, mit der richtigen Bedeutung zu versehen – sich also über die Inhalte zu streiten.

Daher der Blick auf die Syntaktik, auf die grammatikalischen Strukturen. Das Spannende dabei ist, dass ein Wechsel von der semantischen Ebene (den Inhalten) zur syntaktischen Ebene (den Mustern und Strukturen) gerade nicht zu Unschärfe und Undeutlichkeit führen muss, sondern – ganz im Gegenteil – oft zu mehr Klarheit und Eindeutigkeit führt. Das ist durchaus paradox. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein Geschenk, das man dankbar annehmen kann.

Wie die Welt wirklich ist, wissen wir ja alle nicht (geschweige denn, wie das mit dem Universum und dem ganzen Rest ist). Aber wir können Landkarten zeichnen und mit Heuristiken jonglieren – flexibel und auf ordentlichem Niveau. Der Lackmustest ist dabei immer: Finde ich mit der Landkarte den gesuchten Ort? Hilft mir die Heuristik, etwas zu sehen, was ich vorher nicht gesehen habe? Die Leitunterscheidung ist also nicht richtig/falsch, sondern nützlich/nicht nützlich. Doch die Erkenntnis, dass die Unterscheidung von richtig/falsch nicht nützlich ist (man könnte auch sagen: nicht relevant ist), verträgt sich leider nicht mit einer besonderen menschlichen Eigenschaft: dem Rechthabenwollen.

In dem Seminar ging es auch ums „Umrechnen“ von unterschiedlichen Schemata. Kann man beispielsweise ein Dreier-Schema (wie das Glaubenspolaritätenschema) auf ein Vierer- oder Fünfer-Schema (wie das Tetralemma) übertragen oder nicht? Wenn ja, wie? Und was hat man davon? All das schult den Heuristikfinde- und -anwendungsgeist. Und ich fühlte mich oft an meine Ken Wilber-Phase erinnert. Auch Wilber ist ja ein großer Landkartenmacher. (Bei Lichte betrachtet ist er sogar nichts anderes, wenn auch ein genialer. Allein so Simples wie seine 2×2-Matrix oder die Unterscheidungen von Typen, Stufen und Zuständen hilft mir immer wieder).

Das ist natürlich alles nicht neu, aber es hat mich angeregt, über mein theologisches Denken nachzudenken. Da ich weder eine handvoll toter Sprachen beherrsche, noch über exegetisches Herrschaftswissen verfüge, kirchengeschichtlich eine Null bin und ich in keine akademischen Zitationszirkel eingebunden bin, bleibt mir nur eins: konzeptionelles Denken ( – und praktisches Üben, aber das ist ein anderer Film). Und das bedeutet für mich eben vor allem syntaktisches Denken, und weniger semantische Aufladung. Theologietreiben ist im richtig/falsch-Modus eh nicht möglich. Mag sich über das rechte Verständnis der Rechtfertigung streiten wer will. Relevanter wäre es zu fragen: Was nützt solch eine Idee wie die Rechtfertigung? In welchem Kontext macht sie heil, in welchem nicht? Was geschieht, wenn ich das Konzept Rechtfertigung in das Konzept Karma transformieren will? Was geht verloren, welche Lücken entstehen und was taucht Neues dabei auf? Bringt das was und macht das Spaß?

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1 Kommentar zu „Landkartenlust“

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