Die Kräfte des Unengagements

Eigentlich bin ich ja ganz engagiert. Ich komm nur so selten dazu.

Ich bin informiert und aufmerksam, habe alle sieben Sinne beieinander, ich will das Gute, Wahre und Schöne und eine bessere Welt. Aber irgendwie hakt es oft. Mein Engagement läuft nicht ganz rund. Und damit meine ich nicht ehrenamtliches Engagement, sondern all mein Tun, das sich auf die Welt bezieht, das über meine kleine Filterblase hinausreicht.

Was hindert mich, zu tun, was ich eigentlich will? Ich möchte keine Entschuldigungen, Erklärungen oder Rechtfertigungen aufzählen, sondern einfach einmal benennen, welche Kräfte ich (in mir) entdecke, die mich hindern, das zu tun, was ich will.

Die Trägheit – Seit etlichen Wochen liegt eine Spendenliste auf meinem Schreibtisch. Ich habe mir überlegt, wieviel Geld ich spenden will und an wen. Das zu überlegen macht mir sogar Spaß, ich recherchiere und freue mich diebisch darüber, welche Organisation ich beglücken will. Und ich schaffe es nicht, die Überweisungen zu tätigen.

Die Überschwemmung – Wenn ich mich über etwas informiere, nimmt die Informationsfülle in so kurzer Zeit solch exponentiellen Dimensionen an, dass sie mich manchmal völlig überschwemmt. Das kann man nun auch als Luxusproblem in der Wissens- und Wiki-Gesellschaft ansehen – Gott sei Dank haben wir ja die Möglichkeit, an freie und oft auch an gehaltvolle Informationen heranzukommen. Das Paradoxe dabei ist aber: Einfach auf ein paar Details zu verzichten oder halt wieder eine Komplexitätsstufe runterzuschrauben, funktioniert eben nicht. Und so kann ein Mehr zu einem tatsächlichen Mangel führen. Man wird gerade überschwemmt und sitzt trotzdem auf dem Trockenen.

Das Nichtgenügen – Als Netzbürger liebe ich nicht nur all die Blogs und Projekte und Initiativen, die ich dort entdecke, sondern sie erschlagen mich auch oft. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich merke, wie wenig ich im Gegensatz zu „denen“ hinkriege, analysiere, blogge, filme, fotografiere, launche, vernetze, gestalte und kommentiere. Meine Minderwertigkeitsgefühle liegen zwar eher im normalneurotischen Bereich – es gibt sie, aber sie sind auch nicht besonders ausgeprägt – doch trotzdem: Das Erkennen, das andere viel tollere Sachen machen als ich, frustriert mich manchmal so sehr, dass ich dann doch lieber ein Rezept aus der Landlust nachkoche.

Das Tunneln – Bei mir ist es recht häufig der Fall, dass ich manche Sachen erst dann machen kann, wenn bestimmte andere Dinge vom Tisch sind, wenn sie erledigt sind. Das ist quasi ein Anti-Multitasking. Ich bin dann so getunnelt auf etwas, dass anderes nur schwer möglich ist. Im Tunnel kann man ja auch nicht rechts ranfahren oder einfach die Tunnelfahrt unterbrechen. Die einzige Möglichkeit ist es, die Geschwindigkeit im Tunnel zu erhöhen, damit ich möglichst schnell wieder raus bin und dann das machen kann, was ich stattdessen will. Manchmal ist da aber auch schon der nächste Tunn…!

Das Nichtertragenkönnen Dies ist eher ein Sonderfall, aber trotzdem wichtig: Es gibt Dinge, die ich so furchtbar finde, dass sie mich regelrecht lähmen. Leid, mit dem ich nicht umgehen kann. Das gibt es im Kleinen wie im Großen. Zu Letzterem zählen Folter, das Ertrinken von Menschen an unseren europäischen Außengrenzen und seit dem ich Kinder habe auch Familientragödien. Wenn mir das über meinen digitalen Schreibtisch läuft, blende ich es oft aus, weil ich es nicht ertragen kann.

Das ist meine Liste. Vermutlich hat jeder so eine.

All das sind Kräfte. Sie sind verhältnismäßig stark und nicht lebendienslich. Ich bin mir noch nicht so richtig klar darüber, wie ihnen zu begegnen ist. Sie erst einmal benennen, natürlich. Der Rumpelstilzchen-Effekt. Und dann? Kompensieren oder Reframen? Sie mit einer entsprechenden Gegenkraft konfrontieren (die Trägheit mit der Tat,…) oder in ihnen das Gesunde sehen (die Trägheit als Aktionismusvermeidung)?

Was mir gerade auffällt: Alle können durch gemeinschaftliches Tun gebannt werden.

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3 Kommentare zu „Die Kräfte des Unengagements“

  1. Kann ich nachempfinden.
    Wie wäre es noch mit Perfektionismus als Ergänzung der Liste? (= Ich muss alles ertragen. Ich muss alles schaffen. Ich muss der Beste sein. Ich muss das Gute tun.)
    Auf meinem Desktop steht dieses Zitat: „Wir brauchen uns nicht zu fürchten, uns als bedürftig zu erkennen, denn allein und nur mit unseren Kräften wird es uns nicht gelingen, alle Grenzen zu überwinden.“
    Und: Es gibt doch manchmal wirklich tolle Rezepte in der Landlust ;-)

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    1. Danke, Jan.
      Perfektionsimsu ist auch so ein Klassiker, na klar. Aber – und aus genau diesem Grund habe ich solch eine Liste versucht – Perfektionismus steht auf meiner eben nicht drauf. Um diese Erkenntnis ging es mir halt auch: zu sehen, was nicht drauf steht – was bei mir (!) nicht drauf steht.

      Ja, und das Eingestehen der eigenen Bedürftigkeit… das ist ein großes Thema! Und wie.

      Martin.

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