Vereinbarkeitsgedanken

Am Dienstagabend habe ich den vierten Scoyo-Elternabend gesehen (Scoyo ist eine kommerzielle Lernplattform, ich kannte sie bis dahin nicht). Die Elternabende sind Google-Hangouts zu einem konkreten Thema rund um Familie und Erziehung mit illustrer Besetzung. Diesmal ging es um die Quadratur des Kreises, as known as Vereinbarung von Familie und Beruf.

Da mir die Besetzung der Runde gefiel, habe ich eingeschaltet: Patricia Cammarata und Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach schätze ich sehr als Blogger, der Alles-ist-möglich-Lüge-These von Susanne Garsoffky kann ich etwas abgewinnen und die Ideen hinter Mathias Voelcherts familylab gefallen mir.

Ich finde es wohltuend, wenn sich angenehme und intelligente Menschen angenehm und intelligent unterhalten – über ein Thema, das ansonsten fast nur idelogisch aufgeladen diskutiert wird. Ich meine das ganz ernst: Solch eine Talkrunde löst nicht die Vereinbarkeitsfrage (klaro), aber ich merke, dass ich nicht allein bin, dass ich mich wiederfinde und an Erfahrungen anderer anschließen kann. (Und bei dieser unaufgeregten, ehrlichen und gut moderierten Runde habe ich wieder gemerkt, wie kaputt und nichtssagend die Talkshows im linearen TV sind – aber das ist ein anderes Thema…).

Die Kunst, Erwersbarbeit und Familienleben miteinander zu vereinbaren, gilt ja als das Kernstück der Vereinbarungsfrage. Dabei bleiben leider oft zwei weitere Vereinbarungsdimenisonen im Schatten, die aber nicht weniger zentral bzw. existenziell sind: nämlich die Paarbeziehung und man selbst. Die Frage, wie man Betreuung organisiert, damit man arbeiten gehen kann, greift also viel zu kurz. Vielleicht kann man auch gar nicht alle vier Dimensionen miteinander „vereinbaren“, wenn man in den üblichen Lebensmodellen bleibt. Will sagen: Der Gedanke, dass wir unser Sozialleben viel stärken in Clans organisieren müssten, finde ich sehr spannend (ich weiß aber auch noch nicht, was das konkret bedeuten würde – vielleicht ein anderen Mal dazu mehr…).

Ich bleibe jetzt einmal bei dem Vereinbarungsklassiker Beruf/Familie. Vereinbarkeit meint dann ja meistens, wie man die Berufswelt und die Familienwelt möglichst geschickt nebeneinander am Laufen hält – damit sich beide nicht stören. Vereinbarkeit könnte aber auch bedeuten, wie man diese beiden Welten – zumindest punktuell, hin und wieder – zusammenbringen kann. In einer bäuerlichen Gesellschaft gab es diese Trennung ja auch gar nicht, erst mit Fabrik und Kontor wurden ja Arbeitsorte geschaffen, die Familienleben und Arbeitsleben voneinander trennten.

Ich habe bereits ein paar Male den Hannover-Jungen mit zur Arbeit genommen – und zwar dann, wenn ich am Wochenende nur kurz arbeiten musste. Ich arbeite in der Erwachsenenbildung: Bei Veranstaltungen, die ich nicht selber durchführe, sondern bei denen ich der Gastgeber bin, kann man auch mal gut ein Kind mitnehmen. Ich muss morgens noch ein paar organisatorische Vorbereitungen machen, mich dann um den Referenten kümmern und die Teilnehmer begrüßen. Da stört ein Kind niemanden – ganz im Gegenteil, das kommt sogar oft ziemlich gut an.

Das Ganze hat drei Vorteile: Meine Frau muss auch am Wochenende arbeiten. Wenn ich dann ein Kind (oder beide) für drei Stunden mitnehme, entlastet selbst diese kurze Zeitspanne schon. Meine Kinder lernen meinen Arbeitsort kennen (hin und wiede fragt mich der Große auch, wann wir denn mal wieder in mein Büro fahren. Auch wenn das wohl eher an der Fahrradtour zum Büro, dem Lego im Büro und der Irrgarten-Hecke vorm Büro liegt…). Und die Menschen, denen ich auf meiner Arbeit begegne, also in erster Linie die Seminarteilnehmer, erleben, dass sich Beruf und Familie eben auch mal berühren.

Gerade diesen letzten Aspekt finde ich für einen gesellschaflichen Diskurs um die Vereinbarkeitsfrage richtig wichtig. Und hier können vor allem die Väter einiges leisten, wenn sie im Arbeitsalltag Familienleben sichtbar machen. Zum Beispiel indem sie einfach mal die Kinder mitnehmen. Das geht natürlich nur in bestimmten Berufen und auch nur bei bestimmten Tätigkeiten, das ist klar. Aber diese Berufe und Tätigkeiten gibt es, ich mach ja schließlich auch nichts völlig Exotisches.

Mir ist vor kurzem klar geworden, dass ich zwei Vorteile habe:

Erstens: Ich bin ein Mann. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn eine Frau einfach ihr Kind mitbringt. Wahrscheinlich würde man nichts sagen, sich aber insgeheim fragen, warum sie wohl die Betreuung nicht geregelt bekommt oder überhaupt arbeiten geht. Wenn man als Mann ein Kind mitbringt, gilt man gleich als engagierter Vater. So einfach ist das! Genau das gilt es auszunutzen!! Und zwar von uns Vätern!!!

Und zweitens: Ich muss im Beruf keine Fleißkärtchen mehr sammeln. Ich bin mittlerweile an einer Stelle angekommen, die sich unter dem Gesichtspunkt der Kategorie „Karriere“ nicht großartig verändern wird. Und das ist unglaublich entlastend. Ich muss lediglich gute Qualität liefern – aber ich muss nicht bei diesem Spiel mitmachen, mehr zu leisten oder einen übertrieben guten Eindruck zu machen, um dann in zwei Jahren vielleicht mal befördert zu werden. Ich muss kein Projekt machen, bei dem ich 130 Prozent gebe, nur um dann dankbar sein zu dürfen, danach wieder ein neues Projekt zu bekommen. Muss ich alles nicht. Das ist Entlastung pur.

Auf die Idee, den Großen an besonderen Tagen auch mal mit zur Arbeit zu nehmen, bin ich übrigens gekommen, als mir auffiel, dass eine Kollegin häufig ihren Hund mit zur Arbeit nimmt. Deswegen hat sie sogar extra ein großes Büro. Ich finde, dann kann ich auch mal meine Kinder mitbringen.

Aufmerksam geworden bin ich auf den Scoyo-Elternabend durch einen Hinweis von Nicola Wessinghage. Weitere gute Blogs rund ums Thema Vereinbarkeit sind zum Beispiel der Vereinbarkeitsblog und unvereinbarkeitsdebatte.wordpress.com.

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