Von Dörfern und Clans

Wo ist bloß dieses Dorf aus dem afrikanischen Sprichwort, das man braucht, um ein Kind zu erziehen?

Man muss es selbst bauen.

Aber der Reihe nach.

Eltern sind heute mehr denn je auf sich allein gestellt. Zum einen leben Freunde und Verwandte meist über das ganze Land verstreut. Zum anderen gibt es immer weniger konkrete Vorbilder (im praktischen, nicht im pathetischen Sinne!), wie man den Familienalltag hinkriegt – von Rollenmodellen bis zu Erziehungsfragen. Denn die Möglichkeiten, Familie zu sein, sind vielfältiger geworden (was sehr gut ist) und die Erziehungsfragen unterscheiden sich doch deutlich von der Eltern- und Großelterngeneration, weil sich die Lebensumstände geändert haben.

Und so fehlen einem oft die Leute, die zwischendurch mal unkompliziert praktische Unterstützung bieten (jenseits von organisierten Betreuungsangeboten), und es fehlen oft auch ganz konkrete Ideen, wie man dies oder jenes macht. Gerade bei Letzterem bin ich dankbar (nein: unendlich dankbar), dass es das Internet gibt, Blogs, Twitter und Facebook-Gruppen. Ich brauche aber auch die Gleichgesinnten nebenan. Und da ist es wieder: das Dorf.

Doch die Dörfer aus dem besagten Sprichwort gibt es eben nicht. Vielleicht hat es sie auch nie gegeben, jedenfalls nicht in der westeuropäisch-bürgerlichen Wirklichkeit.

Also müssen wir sie selbst bauen. Aber ist das „Dorf“ die richtige Metapher? Das artgerecht-Projekt versucht den Begriff des Clans neu mit Leben zu füllen. Nicht im Sinne von Sippe, sondern als Wahlverwandtschaft. Und durch diesen etwas schrägen Begriff wird auch deutlich, dass damit tatsächlich etwas anderes gemeint ist als Freundeskreis, Nachbarschaft oder Netztwerk.

Ich finde das eine wunderbare Idee. Schwierig ist daran für mich noch, dass ich bisher keine alltagstaugliche Umsetzung gefunden habe. Bisher bin ich auf zwei konkrete Clan-Ideen gestoßen: die Wildnis-Camps des artgerecht-Projekts und Susanne Mieraus Gedanken zum Online-Eltern-Clan (ebenfalls in Bezug zur artgerecht-Idee). Beide Ideen gefallen mir gut. Trotzdem passen sie für mich nicht: ein Wildniscamp-Clan ist mir zu punktuell, und ein Online-Clan ist zwar wirkich eine große Hilfe, aber ich hätte gerne auch etwas vor Ort.

Und wie es die Serendipität so will, bin ich Anfang letzter Woche auf ein Sonderheft einer katholischen Familienzeitschrift gestoßen, die sich exakt dieser Idee widmet. Das Ganze wird dort nicht „Clans“ sondern – etwas nüchterner – „Familienkreise“ genannt und scheint ein erprobtes Modell zu sein:

Mehrere Familien tun sich zusammen, treffen sich verbindlich und regelmäßig und über lange Zeit. Diese Kreise werden meist im Kontext von Kirchengemeinden gegründet, sind aber explizit keine Gemeindegruppen. Es sind private Gruppen, die ihren Zweck in sich selbst haben, sich untereinander über Familienleben, Erziehung und Glauben austauschen, Zeit miteinander verbringen und sich gegenseitig unterstützen. Voilà, der Clan!

Vielleicht kann man hieraus eine passende Clan-Variante entwickeln. Ich beschreibe einmal stichpunktartig, wie ich mir das vorstelle:

Der Clan/Familienkreis besteht aus fünf, sechs Familien, mit Kindern in ähnlichem Alter. Die Familien kommen aus der nahen Umgebung oder sind zumindest untereinander schnell erreichbar. Es ist eine informelle Gruppe (also keine Satzung, keine Leitung), aber eine feste Gruppe (kein „Netzwerk“ ohne Anfang und Ende).

Im Vordergrund steht der Familienalltag, es geht schlicht und einafch um gemeinsam verbrachte Familienzeit – alles andere ergibt sich daraus. Was entsteht, entsteht, was nicht, nicht. Man kann natürlich auch gemeinsame Unternehmungen machen oder Themen diskutieren, aber der Clan/Kreis ist nicht ein zusätzliches Freizeitangebot oder ein Gesprächskreis. Herzstück sind die gemeinsamen Treffen, am besten wohl monatlich, und mit verabredeter Verbindlichkeit. Das kann unter freiem Himmel sein oder reihum zuhause. Wenn man sich zuhause trifft, müssen die Gastgeber nichts vorbereiten, kein Überbietungswettbewerb bei der Bewirtung.

Ein bisschen ist das vielleicht so, wie das in einem Interview mit Tom Hodgekinson anklingt, das den passenden Titel trägt: „Tut!Euch!Zusammen!“. Das passt übrigens auch zu der Beobachtung von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach beim Scoyo-Elternabend, dass vom eigenen Familienalltag selbst Freunde oft nichts mitbekommen, weil es eben kaum Alltagsbegegnungen gibt.

Zwei Fragen bleiben: Wie soll man das Ganze denn nun nennen? Tatsächlich  Clan? Oder ganz anders? Und wie gelingt die Gründung? Ich glaube, hier muss man bei Gemeinsamkeiten ansetzen. Für uns hieße dass dann, entweder andere frisch zugezogene Familien ansprechen oder eine thematische Nähe nutzen, wie Natur-, Nachhaltigkeits- oder Reformpädagogik-Interesse.

In seine Wahlverwandtschaft hineingeboren wird niemand. Wer sie sucht, muss Klinken putzen, auf andere zugen und ihnen die eigenen Träume mitteilen. Aber sie (oder er) kann darauf vertrauen: Viele träumen genau dieselben (Conrad M. Siegers, Neue Gespräche, Sonderheft 1, S.3).

Das klingt doch gut.

Die Idee muss jetzt noch ein bisschen sacken und inkubieren. Und dann schauen wir mal…

P.S.: Wen das katholische Modell noch weiter interessiert, dem sei das besagte Sonderheft zu den „Familienkreisen“ empfohlen. Es ist beim Herausgeber vergriffen, ich habe hier noch ein Restexemplar bekommen. Im Netz sind ein paar Artikel des Hefts online zu finden, empfehlenswert sind die Artikel zur Idee und zur Gründung.

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3 Kommentare zu „Von Dörfern und Clans“

  1. … schöne Idee mit den Familienkreisen … ja das ist bestimmt mit Klinkenputzen verbunden … Nach unserem Umzug habe ich hier eine Männergruppe initiiert, das brauchte auch etwas Zeit, bis wir unser Format gefunden haben…. Ja,, offensiv auf sympathische Menschen zugehen …wenn erstmal drei – vier Famlien dabei sind, kommen die nächsten bestimmt schnell dazu … buen camino …

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  2. Mir ist durch „Zufall“ ein wunderbares Buch in die Hände gefallen: 10 Principles for Spiritual Parenting.
    Da lese ich:
    „Form a parent group. Get together with like-minded parents and support one another. Perhaps you could visualize, affirm and pray together… Perhaps you can create a group to meet on a monthly basis and focus each meeting on one of the principles presented in this book… You can bring your children along and have a party or invite a local rabbi, priest, teacher or expert of some kind… Don’t worry if you can’t think of more than one or two friends who you believe parent as you do. Put the request out to the universe… and stay open to the ideas and the people that are sent your way.“
    :-)

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