einfaches Leben

Die Flüchtlingskatastrophen beschäftigen mich sehr. Vieles berührt mich so doll, dass ich dazu gar nichts schreiben kann und will. Stattdessen möchte ich einen Gedanken niederschreiben, der nichts mit der aktuellen, konkreten Not zu tun hat, sondern grundsätzlich nach unserem Lebensstil fragt. Denn eins ist wohl klar: Wie wir mit unserem und anderem Leben umgehen, hängt zusammen.

Vor drei Wochen hatte ich hier einen Beitrag veröffentlicht, in dem ich vom Kauf meiner ersten Öko-Jeans berichte. Ich hatte ernsthaft überlegt, ihn nicht online zu stellen, weil mir im Angsicht der gegenwärtigen Katastrophen alles andere so belanglos vorkam. Aber mir ist klar geworden, wie sehr das doch zusammenhängt. Denn meine Kernaussage ist ja: Ich will nicht auf Kosten anderer leben. Wenn ich das an so vielen Stellen wie möglich beherzige, dort, wo ich dazu in der Lage bin, dann ist das nicht wenig.

Vielleicht müsste man (ich, wir,…) das viel stärker zu einem handlunsgleitenden ethischen Prinzip machen: Ich entscheide mich für die Alternative, bei der ich weniger auf Kosten anderer lebe. Es gibt ja den ökologischen Fußabdruck – gibt es analog dazu auch so etwas wie einen Externalisierungs-Fußabdruck? Weiß das jemand? Das ist vermutlich noch aufwendiger als bei der ökologischen Nachhaltigkeit. Aber vielleicht helfen ja bereits ein paar einfache Leitfragen, um zwar nicht völlig korrekt, aber immerhin besser als bisher entscheiden und handeln zu können.

Ich glaube, dass das automatisch zu einem einfacheren Lebensstil führt. Die Idee eines „einfachen Lebens“ – wie auch immer das konkret aussehen mag – finde ich reizvoll. Wenn ich „einfaches Leben“ nicht attraktiv finde, dann wird es wahrscheinlich kaum möglich sein, nicht auf Kosten anderer zu leben. Oder es bleibt immer ein schwerer, moralinsaurer Appell.

Bei Richard Rohr habe ich ein schönes Motto gefunden. Es geht auf Elizabeth Seton zurück (eine amerikanische Diakonisse, ich kannte sie bisher nicht) und lautet sinngemäß:

Ich versuche einfach zu leben, damit andere einfach leben können.

Ich finde das sehr klug – auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Elizabeth Seton das so gemeint hat, wie ich es verstehe.

Ich verfolge gerne, was auf einigen Minimalismus-Blogs läuft, vieles finde ich sehr anregend. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass Minimalismus für mich nicht passt. Mir geht es nicht um einen minimalistischen Lebensstil sondern um einen einfachen Lebensstil – von dem ich noch meilenweit entfernt bin, um es gleich vorweg zu sagen.

Einfaches Leben kann eine politische Tat sein, ein subversiver Akt, eine schöpfungsspirituelle Maxime. Aber einfaches Leben kann natürlich auch in einer naiven Variante daherkommen: Hauptsache ich lebe „einfach“ und mache mich nicht mitschuldig. Ich ziehe aufs Land und baue mein Gemüse selbst an, und zack, Welt gerettet.

Doch solange ich mehr als genug habe, habe ich auch eine größere Verantwortung. Folgender Spruch lief in den letzten Tagen öfter durch meine Twitter-Timeline:

Wenn wir mehr haben als genug, dann müssen wir nicht die Zäune höher machen, sondern die Tische länger.

Ich weiß nicht, von wem er stammt (es gibt auch mehrere Varianten). Er gefällt mir sehr. Denn ich halte viel von Tischen und wenig von Zäunen. Und es ist widersinnig, immer mehr Energie in den Schutz des eigenen Besitzes zu stecken (und zwar umso mehr desto mehr man besitzt), als Energie aus dem Nutzen des Besitzes zu ziehen. Also: Gerne mache ich den Tisch länger und den Zaun niedriger. Sagen zumindest mein Kopf und mein Herz. Mein Bauch grummelt dabei allerdings: „Ich brauche meine Ruhe, meinen Rückzugsraum. Ich bin froh, dass unser Garten nicht einsehbar ist und dass ich mein Büro mit niemandem teilen muss“.

Das ist eine andere Ebene, ja, aber irgendwie ist es doch die gleiche Ebene. Ich möchte gerne meinen Tisch länger machen und den Zaun nicht abbauen. Geht das?

Wir werden die Flüchtlingsfrage nicht lösen, wenn wir nicht auch über unseren Lebensstil nachdenken.

update (22.09.2015): „In den Flüchtlingsströmen wird ohne Zweifel etwas von der Kehrseite unseres exzessiven Konsums sichtbar“ – ein sehr interessantes Interview mit dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz auf derFreitag.de.

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9 Kommentare zu „einfaches Leben“

  1. Deine Gedanken gehen mir auch seit einiger Zeit durch den Kopf!
    Mir fällt da ein Abschnitt aus Erich Fromms ‚Haben oder Sein‘ ein:

    „Ich schließe diese kurze Skizze mit der Warnung des Chysostonus (4. Jahrhunder), überflüssige Güter brauchten weder erzeugt noch verbraucht zu werden: ‚Sage nicht, ich verzehre das Meinige; du tust es von Fremden; der schwelgerische, egoistische Gebrauch macht, was dein ist, zu fremden Gut; darum nenne ich es fremdes Gut, weil du es hartherzig verzehrst und behauptest, es sei recht, daß du allein von den Dingen lebest‘ (…).“

    Viele Grüße
    Mirjam

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  2. Danke für den Artikel.
    Sie haben das Thema auf den Punkt gebracht und auch die beiden Zitate sind wunderbar.
    Ich finde auch,das dass Auftreten in anderen Kulturen einfach und bescheidener sein sollte-Zum Beispiel bei Urlaubsreisen in fremdeLänder.Statt sich einzufügen,geben wir uns gerne als reiche Touristen.Wie kann man sich dann empören,wenn ärmere Menschen einem Nachreisen,in der Hoffnung auf das Paradies.es fehlt unserer Gesellschaft an Demut.

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    1. danke, das freut mich sehr. und jetzt habe ich gesehen, dass sie sich mit „mut“ beschäftigen – wie schön! viel kraft & gelingen dazu! (nebenbei bemerkt: ich tippe gerade an einem blogpost zum thema mut, weil ich so ein schönes eltern-buch dazu gelesen habe… demnächst mehr.)

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