Nachhaltigkeit aus Not

Vor kurzem bin ich auf einen Artikel in der ZEIT über die kubanische Landwirtschaft getoßen (via hier, dem kongenialen Wirtschaftsteil der GLS-Bank). Ich muss gleich hinzufügen, dass Kuba für mich kein Sehnsuchtsland ist und ich auch keine sozialistisch-romantischen Gefühle bekomme. Aber mich hat sehr fasziniert, was da beschrieben wird: Weil sich kubanische Bauern weder industriellen Dünger und Pestizide noch kommerzialisiertes Saatgut leisten können, haben sie – nicht aus Absicht, sondern aus Not – die nachhaltige Landwirtschaft entdeckt:

„‚Langsam begannen wir, fruchtbaren Boden zurückzugewinnen, unser eigenes Saatgut herzustellen und natürliche Wege zu finden, um Pflanzen vor Schädlingen zu schützen‘, sagt Fernando Donis. […] Im Nachhinein eine glückliche Fügung. […] Heute wird beinahe jeder Acker Kubas aus westlicher Sicht, wo die industrielle Landwirtschaft Standard ist, nach ökologisch nachhaltigen Kriterien bearbeitet. Mit beinahe sagenhaftem Erfolg. […] 2013 bescheinigte die FAO der Insel als einzigem Land der Region, den Hunger besiegt zu haben.  Wie war das möglich? ‚Not macht bekanntlich erfinderisch‘, sagt Friedrich Leitgeb, Agrarwissenschaftler an der Universität für Bodenkultur Wien, der bei der Erforschung der kubanischen Landwirtschaft auf viele einfache wie geniale Innovationen gestoßen ist“ (Plötzlich Biobauer, ZEIT Online, 16.09.2015).

Dies passt zu einem Interview der Deutschen Welle mit der Inderin Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreies, die die These aufstellt, dass nur Kleinbauern die Welt ernäheren können. Die industrielle Landwirtschaft führe zu verheerenden Begleiterscheinungen (wie zum Beispiel der immense Bodenverbrauch durch industrielle Tierhaltung oder die Verschuldung der Bauern, die das patentiertes Saatgut immer nachkaufen müssen):

„Die Lebensmittelproduktion dort [im Punjab] ist mit der Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen und industrialisierter Landwirtschaft zurückgegangen […]. Ökologische Systeme produzieren mehr Lebensmittel. In Indien könnten wir durch ökologische und nachhaltige Landwirtschaft den Kontinent zweimal ernähren. Die industrialisierte Landwirtschaft ist in Wirklichkeit nämlich vollkommen ineffizient. Politiker und Konzerne sagen, dass wir sie brauchen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Aber nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt“ („Nur Kleinbauern können die Welt ernähren“, Deutsche Welle, 23.11.2014).

Ich muss gestehen, dass ich von Landwirtschaft wenig Ahnung habe. Ich weiß alles nur aus zweiter Hand (so ist das nun mal in funktional differenzierten Gesellschaften), ich weiß noch nicht einmal, wie ich die Thesen überprüfen sollte. Denn die Zahlen hinter Kubas Landwirtschaftserfolge sind nicht gesichert und der spannenden These, dass gerade Kleinbauern die Welt ernähren können, täten bestimmt noch mehr Belege gut.

Trotzdem, die dahinter liegenden Prinzipien halte ich generell für sehr plausibel:

  • Wirtschaftlich betrachtet ist nachhaltige Landwirtschaft auf Dauer effizienter als industrielle.
  • Systemisch gesehen sind viele kleine Teile besser als wenige große.

Es wäre daher bedauerlich, wenn die echte Innovation ökologischer Nachhaltigkeit der Pseudo-Innovation einer industriellen Landwirtschaft wieder weichen würde. Denn:

„Da die meisten Landwirte aus purem Pragmatismus zu Biobauern wurden, werden viele sich von internationalen Konzernen für Dünger und Pflanzenschutzmittel überzeugen lassen, auf ‚modern‘ umzustellen. Fast niemand auf Kuba baut aus Überzeugung ökologisch an“ (Plötzlich Biobauer, ZEIT Online, 16.09.2015).

Update 09.10.2015: Daija hat mich auf die Debatte um Ecomodernism aufmerksam gemacht, darin wird auch das Thema von Kleinbauern vs. industrielle Landwirtschaft angeschnitten.

Ecomodernism ist eine neoliberal anmutende Initiative, die ökologische Probleme mit mehr „Modernisierung“ beheben will und dabei vor allem auf technologische Innovation setzt. Die Debatte ist interessant und verdient einen eigenen Blogpost – vor allem, weil ich hier auf ganz neue inspierende Quellen stoße (allerdings eher bei den Kritikern der Ecomodernisten).

An dieser Stelle nur kurz ein Aspekt, der direkt mit der Frage um kleinbäuerliche Landwirtschaft zu tun hat. Die Ecomodernisten gehen davon aus, dass Kleinbetriebe geringere Erträge erwirtschaften als Großfarmen. Das findet der Journalist George Monbiot sehr merkwürdig, denn

But since Amartya Sen’s groundbreaking work in 1962, hundreds of papers in the academic literature demonstrate the opposite: that there is an inverse relationship between the size of farms and the crops they produce. The smaller they are, on average, the greater the yield per hectare (George Monbiot im Guardian vom 24.09.2015).

Ich wusste gar nicht, dass sich Amartya Sen auch mit dieser Frage beschäftigt hat, ich kannte ihn bisher als Wirtschaftswissenschaftler, der eine inspirierende Gerechtigkeitstheorie entworfen hat. Die am Folgetag erschienene Replik auf Monbiot von Ecomodernist-Autoren wirft nun wieder Monbiot vor, dass er Äpfeln mit Birnen vergleiche, wenn er die Erträge von Kleinbauern in Entwicklungsländern mit Großbauern in Entwicklungsländern vergleiche. Schließlich müsse man die Erträge von Kleinbaueren in Entwicklungsländern mit denen von Landwirtschaften jeglicher Größe in industriell entwickelten Ländern zu vergleichen. Der Gedanke ist nicht völlig falsch, aber auch nicht wirklich richtig, finde ich. Dann werden halt Orangen mit Zitronen verglichen.

Durch die Kritik am Ecomodernist-Manifest bin ich schließlich auf den Blog Small Farm Future gestoßen, den ich mir noch einmal genauer anschauen werde. Und darüber bin ich wiederum auf eine andere spannede Sache gestoßen, nämlich –

Aber davon ein andernmal.

 

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