Protestantische Systemfehler

Gestern wurde der Rat der EKD gewählt. Mal abgesehen davon, dass ich dieses ganze Wahlverfahren mit Absprachen zwischen den Wahlgängen und mit Nachnominierungen, wenn der Wahlverlauf nicht genehm ist, völlig daneben finde, habe ich gemerkt, wie sehr mich das Ganze ärgert. Natürlich hat dies hiermit zu tun. Aber eigentlich geht es ums Prinzip. Die EKD-Synode zeigt für mich zwei gewaltige Strukturprobleme des Protestantismus. Und die sind nicht lustig.

Fangen wir mit einem Punkt an, der gar nicht so sehr in der Kritik steht, der mir aber aufstößt. Der Rat der EKD ist ein Abbild davon, dass der Protestantismus letztlich ein durch und durch bürgerlich-intellektuelles Programm ist. Jedenfalls der hiesige, volkskirchliche Protestantismus. Zudem ist es schon erstaunlich, dass alle neu gewählten Ratsmitglieder entweder Kirchenleitende, Promovierte bzw. Professoren oder MdBs sind. Naja, im letzten Wahlgang durfte dann noch eine Frau in den Rat kommen, die von diesem Schema abweicht – aber hej, daran erkennt man doch, wie vielfältig und bunt die Evangelische Kirche ist! Diese oder eine ähnliche Struktur findet man in fast allen kirchlichen Gremien und Besetzungen wieder. Man schaue nur einmal auf die Besetzung der Arbeitsgruppen der einzelnen EKD-Denkschriften. Natürlich gibt es dort auch immer mal den Quoten-Handwerker, aber man muss keine Sorge haben, dass das eine besondere Auswirkung hätte, mindestens 5 Professoren und 3 Oberkirchenräte rücken das dann schon wieder zurecht. Das Problem dabei ist, dass dies nicht nur ein Abbild dessen ist, wie sich der Protestantismus selbst gibt, sondern genauso wieder auf ihn zurückwirkt.

Das zweite Problem ist die Ideologisierung des synodalen Prinzips. Für manche Zwecke sind Synoden durchaus ein geeignetes Mittel, für andere wiederum nicht. Um dies zu beurteilen hilft Nüchternheit. Ich gehöre ja zu einer Landeskirche, die immer ganz trunken ist von ihrem presbyterial-synodalen Prinzip, aber gleichzeitig strategisch nichts auf die Reihe kriegt. Vielleicht könnte es hier ja einen Zusammenhang geben, womöglich sogar einen kausalen. Nun, lassen wir das. Synoden mögen gut sein, um Gegenwärtiges zu regeln. Aber um die Weichen für die Zukunft zu stellen, braucht es ein vorausschauendes und strategisches Moment. Dazu ist eine Synode aber nur schwer in der Lage, denn sie bildet ja die gegenwärtigen Verhältnisse und Interessen ab, meist sogar möglichst exakt und korrekt in zigfacher Proporz-Balance.

Vielleicht ist es daher sogar gut, dass kein „Vertreter der jüngeren Generation“ in den Rat gewählt worden ist. Nicht nur, weil die Person dann der Quoten-Jugendliche wäre (jedenfalls de facto, rhetorisch natürlich nicht!). Sondern weil die Synode ganz einfach zeigt, wie sie funktioniert. Und sie hat genauso funktioniert, wie sie angelegt ist. Die „Jugend-Delegierten“ (allein dieser Begriff! Gibt es auch Senioren-Delegierte?) haben kein Stimmrecht, sie haben rein beratende Funktion. In einem Abstimmungsgremium ist Stimmrecht aber die einzige Währung, die dort zählt. Mir geht es gar nicht darum, ob ein „Jüngerer“ in den Rat gewählt wird oder nicht. Mir geht es darum, den nachfolgenden Generationen mehr Gewicht zukommen zu lassen. Dass eine Institution, die in einer religiösen Tradition steht, sich generationaler Wirkungen sehr wohl bewusst zu sein („bis ins siebte Glied“ etc…), hier keinen Modus hat, ist wirklich tragisch.

Warum mich das ärgert? Because it’s 2015. Aber die Evangelische Kirche luthert und wittenbergt sich lieber einen zurecht und ist stolz wie Bolle über 1517. Ich glaube mittlerweile, dass die Evangelische Kirche – so wie wir sie jetzt kennen, und wie gesagt: in der landeskirchlichen Variante – eine Auflösungserscheinung ist. Und zwar schneller, als wir glauben.

Advertisements

3 Kommentare zu „Protestantische Systemfehler“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s