Familiäres Barcamp

Am Freitag war ich auf dem openTransfer-Camp zum Thema Familie. Hauptsächlich ging es um Frühe Hilfen – also nicht mein unmittelbares Thema – aber beruflich versuche ich gerade, mir einen Einstieg in die sozialethischen Facetten rund ums Familienleben zu erarbeiten. Und da ich die openTransfer-Camps wunderbar finde und Barcamps für mich ein guter Denk-Inkubator sind, war ich dabei. Ein paar meiner Erkenntnisse halte ich einmal hier fest. Es ist aber kein recap des Barcamps, sondern es sind einfach meine learnings.

Resilienz durch Unperfektheit.

Das Barcamp fand in Essen im Unperfekthaus statt. Eine tolle Location, und programmatisch gibt es wohl keine bessere für ein Barcamp. In einer Session ging es um das Unperfektsein im Parenting. Es wurde eine Studie erwähnt (die ich leider nicht mehr benennen kann), in der das Lautieren von der Mutter mit ihrem 4-monatigem Baby (ja, es ging anscheinend nur um die Mütter…) als ein Indikator für das spätere Bindungsverhaten gesehen wird. Die Kinder der Mütter, die mit ihrem Kind nicht Mitbrabbeln und es nicht beachten, entwickeln ein problematisches Bindunsgverhalten. Das ist noch nicht überraschend. Allerdings entwickeln auch die Kinder, deren Mütter (übertrieben) perfekt auf ihr Kind eingehen, eine ambivalente Bindung. Am besten stehen die Kinder da, deren Müttter zugewandt, aber dabei auch immer wieder „unperfekt“ waren. Eine gute Erkenntnis, finde ich. Ich überspitze sie einmal und behaupte: Unperfektheit schafft Resilienz.

Bildung ist Teil des Problems.

Taucht der Begriff „Bildung“ im Zusammenhang mit Frühförderung auf, wird er fast immer als funktionale Bildung (miss)verstanden. Der Englisch-Kurs in der Kita. Spielzeug, das besondere Fähigkeiten schulen soll. Und so weiter. Bildung wird ja gern als Allheilmittel propagiert: Kein gesellschaftliches Defizit, das nicht durch eine ordentliche Portion Bildung behoben werden könne. Doch vor der Bildung kommt erst einmal die Bindung. In meinen Augen ist Bildung für eine gute kindliche (nein, menschliche) Entwicklung das nachrangigere Konzept. Bindung (zu Vater und Mutter, zu Freunden und Familie, mit der Natur, zur Welt) kommt vor Bildung. Die Mittelschichts-Eltern – die gesellschaftlich den Ton angeben – haben aber tendenziell einen Bildungsfetisch. Und so ist Bildung nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Das ist irgendwie auch bitter.

Gute One-Liner sind wertvoll.

Und noch etwas zum Thema Bildungsarbeit. In einer Session fiel ein interessanter Satz auf die Frage, wie man mit einfachen Worten ein Konzept wie Bedürfnisorientierung jungen Eltern nahebringen kann, die wenig Zugang dazu haben: „Das, was du mit deinem Handy machst, ist genau das, was dein Baby von dir braucht.“ Nämlich Augenkontakt, zärtliche Berührungen, es immer nah am Körper haben etc. Der Satz mag auch etwas Moralisches haben, aber mir geht es hier darum, dass es möglich ist, mit einem einzigen Satz ein ganzes Konzept zu erklären. Natürlich mag ich selbst auch Fachvorträge und mit vielen -ungs, -heits und -keits. Aber wirksam sind in aller Regel die One-Liner – wenn sie denn gut sind.

Ich schätze den Wert solcher „Wirksätze“ (zu denen auch Mantras gehören) immer mehr. Denn die wenigsten Leute ändern ihr Verhalten, weil sie sich mit einem „Konzept“ beschäftigen, sondern weil ein Satz sie getroffen hat, der anfängt, in ihnen zu wirken. Und darum geht es auch in guter Bildungsarbeit: Etwas ins Kippen zu bringen, um über herkömmliche Muster hinauszugehen. Wer wirksam sein will, muss an und mit solchen Wirksätzen arbeiten – ohne in Floskeln, Albernheiten, Küchenpsychologie oder Stammtischparolen zu verfallen. Eine Kunst, sicher.

Rückwärts führt kein Weg.

Ich finde es anregend, auch wieder über traditionelle Ideen nachzudenken. Aber nicht, um zu ihnen zurückzukehren, sondern um den essentiellen Kern, der mal gut und sinnvoll war, ins Heute zu übertragen. Mir gefällt der Dorf-Gedanke, aber ich will nicht in einem pietistischen Dorf der 50er Jahre leben. Mir gefällt die Clan-Idee, aber wir leben nicht mehr in Stämmen. Wir müssen wieder einen viel stärkeren Naturbezug hinkriegen, aber wir können nicht alle aufs Land ziehen. Für mich ist ein möglichst einfaches Leben eine der besten Antworten auf die aktuellen Krisen, aber ich will keine „Renaissance“ einer „einfacherern“ Zeit, sondern eine Weiterentwicklung unserer jetzigen Zeit.

Pierre Teilhard de Chardin, einer der Säulenheiligen evolutionärer Spiritualität, hat einmal gesagt: „Die Welt ist nur nach vorwärts interessant.“ Das finde ich richtig. Und zum Thema Regressivität/Progressivität ist auch Ken Wilbers Pre/Trans-Fallacy sehr hilfreich (einfach mal selbst googlen).

Weniger in Angeboten denken, mehr in Gemeinschaftsformen.

Zu guter Letzt noch ein Gedanke, der etwas mehr „meta“ ist und mich immer wieder beschäftigt: Gesellschaftlichen Defiziten wird in der Regel mit Maßnahmen und Angeboten begegnet. Vorherrschend ist also eine Institutions- bzw. Organisationslogik – und zwar unabhängig, ob es sich um konfessionelle Träger, um die öffentliche Hand oder um Social Businesses handelt. Auch wenn es dabei mittlerweile eine starke Einbindung der konkreten Zielgruppen gibt, letztlich werden Zielgruppen mit Angeboten bespielt. Ein anderer Ansatz wäre es, solche Zielgruppen stärker als besondere Gemeinschaftsformate zu sehen, die eben als solche – also als „Gemeinschaft“ – geformt und unterstützt werden.

Das, was ich hier sagen will, kann man auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Als ich Sozialarbeit studierte, war Einzelfallhilfe die gängige Sozialform (auch wenn der Begriff eher weniger gebräuchlich war). Gegenwärtig gibt es ein Neuaufblühen von Gemeinwesenarbeit und Community Organizing (wenn auch unter veränderten Vorzeichen). Das was allerdings fehlt, ist die Gruppenarbeit, um einmal die etwas oldschoolige Dreiersystematik der Sozialen Arbeit zu bemühen. Das Moment der Gemeinschaftsbildung scheint irgendwie abhanden gekommen zu sein. Bei den aktuellen Gemeinwesen-Ansätzen steht – zumindest nach meiner Beobachtung – gerade nicht die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund, sondern die Akteursvernetzung. Man muss nur einen Blick auf Projektbeschreibungen von Gemeinwesenprojekten werfen: Da wird in einer Nachbarschaft alles mögliche miteinander vernetzt, aber nicht unbedingt vergemeinschaftet.

Bezogen auf die Funktion von Wohlfahrtsverbänden (gerade den konfessionellen!), habe ich vor längerer Zeit schon mal etwas dazu geschrieben. Meine These: Soziale Einrichtungen haben nicht nur die klassischen Rollen von Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter inne, sondern eben auch die des Gemeinschaftsbilders.

Vor kurzem bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang auf den Begriff „Cultural Repair“ gestoßen. Dabei geht es darum, ganz neue Gemeinschaftsformen aufzubauen, um unsere Gesellschaft („Kultur“) zu „reparieren“. Meine Recherche führte leider nicht sehr weit, aber ich will das im Auge behaten. Ich sehe darin viel Wahres. Und Gutes und Schönes.

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