natal/mortal

„Einmal fragte ich einen berühmten Theologieprofessor, warum in theologischen Nachschlagewerken so wenig zum Thema „Geburt“ zu lesen sei. Er meinte, ich solle halt unter „Inkarnation“ oder „Taufe“ nachsehen. Als ich daraufhin zu bedenken gab, ich müsse doch auch nicht unter „Exkarnation“ oder „Beerdigung“ suchen, wenn ich etwas über die theologische Bedeutung des Todes wissen wolle, schwieg der Professor nachdenklich.“ (Ina Praetorius)

Eine sehr aufschlussreiche Beobachtung: Die Theologie beschäftigt sich mehr mit dem Tod als mit der Geburt, sie reflektiert stärker im Modus der Mortalität. Ein Natalitätsdiskurs ist „längst nicht so weit entwickelt und existiert nur in Anfängen. Theologen haben unendlich viel zum Thema Tod und Endlichkeit, aber wenig zum Thema Gebürtlichkeit und Anfang diskutiert“. (Gerhard Wegner, Erneuerte Sozialität, in Schäfer/Detering/Montag/Zwingmann: Nah dran, Neukirchen-Vluyn 2015, 315-335, S. 328).

Erstaunlich, oder? Ich finde es spannend – und es ist für mich auch noch ein recht neuer Gedanke – dass man Theologie von diesen beiden Seiten her treiben kann. „Die Theologie der Geburtlichkeit basiert auf dem Perspektivenwechsel von Sterblichkeit zu Geburtlichkeit, von Mortalität zu Natalität“ (Hanna Strack). Der Zusammenhang von Geburt und Theologie liegt einerseits auf der Hand (es war ja gerade Weihnachten…), andererseits scheint er aber wenig beachtet zu werden.

Nun liegt mein Interesse ja weniger in der Theologie selbst, sondern in spiritueller Praxis – das ist die private Seite – und beruflich in der Frage, wie sich die organisierten Formen von Kirche weiter entwickeln können. Für beides ist Natalität/Mortalität (Geburt/Tod, Geburtlichkeit/Sterblichkeit, Anfang/Ende, beginnen/beenden) eine aufschlussreiche Unterscheidung. Will ich einen Anfang setzen oder ein Ende machen?

Bleiben wir noch einen Moment im Mortalitäts-Modus:

„Dies ist jene Form von Religiosität, die sich auf die Bewältigung der Endlichkeit des Menschen – letztendlich auf die Bewältigung des Todes – richtet und das menschliche Leben vor allen Dingen von seinem Ende her in den Blick nimmt. Es ist eine Form von Religiosität, die sich stark von den Abhängigkeiten des menschlichen Lebens konstituiert. In weiterem Sinne lässt sich diese Struktur auch in eher regressiven Formen christlich religiöser Kommunikation identifizieren, in denen Angst und Furcht durch Betonung der Liebe Gottes und dem Geborgensein in Gott bewältigt werden (Wegner, S. 327).

Das ist die vertraute Struktur des christlichen Glaubens. Eine einseitige Mortalitätsperspektive führt zu regressiver Frömmigkeit und defensiver Kirchenpolitik. Und das kann man ja auch durchaus beobachten. Die Kirche kann sich gar nicht progressiv entwickeln, so lange sie von ihren eigenen theologischen Konzepten stärker von Mortalität geprägt ist, solange sie in ihrer Organisation keinen Sinn für Natalitäts-Denken hat (und das hat durchaus auch mit dem zu tun, worüber ich erst vor kurzem gebloggt habe). Im Gegenteil: Vom Ende her zu denken wird gern religiös verklärt. Es hält sich immer noch hartnäckig das Vorurteil, dass Menschen umso frommer werden, desto näher ihr eigener Tod rückt, „mit dem Alter kommt der Psalter“. Doch es stimmt nicht, empirisch gesehen ist es Quatsch.

Umso erfreulicher, dass es Ausnahmen gibt (und interessanter Weise beziehen sich alle meine Funde, die in irgendeiner Weise mit Natalität zu tun haben, auf Hannah Arendts Vita activa). Allerdings kenne ich bisher nur sehr wenige. Ich bin an weiteren Hinweisen hierzu sehr interessiert!

Die Alters-Denkschrift der EKD aus dem Jahr 2009 mit dem bezeichnenden Titel Im Alter neu werden können greift zum Beispiel diesen Gedanken auf:

„Maßgeblich ist geistlich nicht die Zahl der Lebensjahre; entscheidend ist, ob es möglich bleibt, Neues zu beginnen – ja neu zu werden. […] Diese geistliche Perspektive des ‚Neu Werdens‘ auch im Alter ist zugunsten einer alles bestimenden Ausrichtung am Ende des Lebens in den Vordergrund zu rücken. […] Diese Perspektive des Neuanfangs darf aber auch nicht auf die geistliche Dimension reduziert werden. Sie drängt quasi ’nach außen‘ – in die Gestaltung der Lebensverhältnisse. Weil auch im Alter stets Neues möglich ist, hat das Alter schöpferisches Potenziale […]“ (Im Alter neu werden können, S. 30, 31, 40).

Hier wird Natalität im übertragenen Sinne verstanden („neu werden“). Im wörtlichen Sinne („geboren werden“) kann man man die Erfahrungen, die Menschen in der Familiengründungsphase machen, gar als „Matrix und hermeneutischen Schlüssel“ für eine Schöpfungsspiritualität sehen, mit reichen „Erkenntnisgeheimnissen“ (Hanna Strack: Mitschöpferin-Sein – Geburt als schöpferischer Prozess und ihre Bedeutung für eine Neukonzeption von Schöpfungsspiritualität, S. 11).

Spiritualität (Frömmigkeitspraxis) und Theologie (deren Reflexion) haben mit Tod und Endlichkeit zu tun. Das stimmt – aber eben nicht nur. In gleichem Maße haben sie mit Aufbruch, Neuwerden und Geburt zu tun. Mit dem, wie Neues in die Welt kommt und sich Bahn bricht.

Einmal angefangen in diese Richtung zu denken, kommen mir etliche Auswirkungen und Ideen in den Sinn, was solch ein Theologietreiben – spirituell wie organisatorisch – haben könnte.


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1 Kommentar zu „natal/mortal“

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