gekippt

Es muss jetzt gut zehn Jahre her sein, dass ich auf Richard Rohr gestoßen bin. Wohl kein anderer spiritueller Autor Lehrer hat mich so geprägt wie er. Deshalb will ich kurz die Geschichte erzählen, wie es dazu kam.

Ich war auf der via podiensis unterwegs und hatte mir als einzige Lektüre ein dünnes Bändchen von Richard Rohr mitgenommen (beim Pilgern muss man ja aufs Gewicht achten!). Es waren seine Geistlichen Reden zur Männerbefreiung, vier verschriftlichte Tonbandmittschnitte aus den 1970er Jahren. Es war das erste, das ich von Richard Rohr gelesen habe. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich zu ihm (oder er zu mir) gekommen ist.

Gleich auf den ersten Seiten hatte ich den ersten Aha-Effekt, aber es bliebt nicht der einzige. Richard Rohr zitiert die Geschichte vom Mann mit der verdorrten Hand aus dem Lukas-Evangelium (Lk 6, 6-11). Es ist eine Heilungsgeschichte, in die ein Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten eingearbeitet ist und in der es um die Frage nach der Autorität Jesu geht.

Für mich war aber etwas ganz anderes spannend, nämlich wie Richard Rohr den Mann mit der lahmen Hand charakterisiert:

Der Mann mit der verdorrten Hand […] ist für mich ein Bild für eine große Anzahl von Männern, die unsere Gesellschaft hervorbringt. Die rechte Hand ist die Hand der Tat, die arbeitet und etwas leistet, die weltverändernd wirkt. Diese Hand ist verdorrt, abgestorben, funktionsgehemmt. Der Krüppel ist ein schwacher Mann.

Bisher hatte ich Heilungsgeschichten immer anders gelesen. Nämlich als diakonische Geschichten. Da gibt es einen Kranken, einen Ausgestoßenen, eine arme Sau. Und dann kommt Jesus und macht ihn gesund, er therapiert, rehablitiert und resozialsiert ihn. Richard Rohr kümmert es an dieser Stelle allerdings wenig, wie diesem Mann vom Leben mitgespielt wurde und dass ihm mal eine kräftige Portion Zuwendung zuteil werden müsste. Stattdessen sinnt er über diesen Männer-Typus nach, über diejenigen, die sich dem Leben verweigern und laff werden. Nicht weil er eine kaputte Hand hat, ist er untätig, sondern andersrum: Weil er nichts werkt und wirkt, nichts bewirkt, hat er eine verdorrte Hand.

Da ist etwas gekippt.

Es war quasi die Initialzündung, bei der ich merkte, dass mir dieser Mensch etwas zu sagen hat. So kam ich zu Richard Rohr und habe es bis heute nicht bereut.

Wer etwas Systematisches von Richard Rohr lesen möchte, dem empfehle ich Weitergehen (das betuliche Cover hat dieses Buch allerdings wirklich nicht verdient!), wer sich stärker für kontemplative Ansätze interessiert, sollte zu Pure Präsenz greifen (Rezension dazu hier).

 

 

Advertisements

1 Kommentar zu „gekippt“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s