Herzensgebet (2)

Ende letzten Jahres habe ich Rüdiger Maschwitz‘ neues Buch über das Herzensgebet gelesen.Herzensgebet

Zum Einstieg berichtet Rüdiger Maschwitz, wie er zum Herzensgebet gekommen ist. Und seinen biografischen Zugang kann man wohl getrost als „klassisch“ bezeichnen: Er vermisste im christlichen Glauben eine eigene spirituelle Praxis, kam dann über die gegenständliche zur gegenstandslosen Meditation und entdeckte so die Zen-Praxis. Er fragte sich, wie Zen-ähnliche Wege im Christentum aussehen könnten und stieß dann über die kommunitäre Tradition des Christentums auf das Herzensgebet.

Ich weiß nicht, wie viele Leute übers Zen zur christlichen Kontemplation gekommen sind, weil sie im Zen das entdeckten, was sie eigentlich im Christentum suchten – und es schließlich auch dort fanden. Ich glaube, Zen spielt in unseren Breiten eine ganz wesentliche Rolle für die Wiederentdeckung christlicher kontemplativer Traditionen. Und eine ebenso bedeutende Rolle kommt den christlichen Kommunitäten zu, die abseits des Mainstreams eine stille Renaissance christlicher Praxis einleiteten.

Was ist nun das Herzensgebet?

Eine „Meditationsübung, bei der ein geistliches Wort – in der Urform der Name Jesus (Christus) – immerwährend innerlich gesprochen wird. […] Dabei entfaltet sich das Wort in die eigene Existenz hinein – ohne bedacht zu werden. So ist das Wort auch im Alltag gegenwärtig und nistet sich in alle Situationen des Lebens ein – wenn der Mensch dies möchte. (S. 18/19).

Das Herzensgebet kann man als Gebet oder als Meditation verstehen. Es gibt also zwei Zugänge: Zum einen ist es eine besondere Art des Betens, nämlich mantrisches Beten. Dies ist auch das Verständnis im orthodoxen Christentum, über das das Herzensgebt ja in unser westliches Christentum gekommen ist. Zum anderen kann es eben auch ein Übungsweg sein, so wie das bereits erwähnte Zen. Mein Zugang ist der Erstere, Maschwitz beschreibt in seinem Buch vor allem den Letzteren.

So führt Rüdiger Maschwitz  in dem Buch in die Übungspraxis des Herzensgebet ein, klärt kurz den Unterschied von Herzensgebet und Jesusgebet, von Meditation und Kontemplation, beschreibt Hintergründe der Tradition und Erfahrungen auf dem Weg. Zu all dem schreibe ich hier nichts weiter; wen dies interessiert sei dieses kleine Büchlein wärmstens empfohlen (und wer es wissenschaftlicher mag, der sei auf die Dokumentationen der europäischen Herzensgebet-Symposien Hesychia I und Hesychia II verwiesen). Ein Buch über Gebetspraxis berührt natürlich auch ganz grundsätzliche Aspekte, wie die Frage nach personalen oder nicht-personalen Gottesbildern (S. 44), der Wirkung des Heiligen Geistes (S. 36), dem Zusammenspiel von Übung und Unverfügbarkeit des Betens (S. 33) oder der Gegenwärtigkeit von Gottes Wirklichkeit (S. 118). Etliche solcher Grundfragen werden gestreift. Sie werden nicht groß ausgeführt, was in solch einem Buch auch eher deplatziert wäre, aber immerhin soweit erwähnt, dass es schlüssig ist.

Für mich war noch einmal der Hinweis wichtig, dass der Atemrhythmus aus drei Phasen besteht (einatmen, ausatmen, anhalten). Geht man – fälschlicherweise – von einem Zweier-Rhythmus mit Aus- und Einatmen aus, wird die Kopplung von Wort und Atem schnell abgehackt, leiernd oder hektisch (zumindest bei mir).

Schön ist auch die Klarstellung, dass das Wort „Erbarmen“, das ja wesentlicher Bestandteil des Herzensgebt ist, die „Erbarmungs-Würdigkeit“ des Menschen meint – und nicht seine Erbärmlichkeit. „Bitte bedenken Sie mit, dass Erbarmen im Hebräischen ‚in einem mütterlichen gebärfähigen Schoß liegen‘ bedeutet. In anderen Worten gesagt: Jesus Christus, ich vertraue mich Dir an, so kann Neues geboren worden“ (S. 80).

Gefreut habe ich mich auch über eine kleine Entdeckung. Rüdiger Maschwitz empfiehlt an einer Stelle, eine Liedzeile von Gerhard Tersteegen als Einstimmung vor dem Beten zu singen: Du Atem aus der ewigen Stille, durchwehe sanft der Seele Grund. Die Liedzeile mit einer Melodie von Rainer Moritz findet man hier. Solche kurzen und prägnanten Lieder suche ich ja immer wieder.

Gerne würde ich mehr hören zu dem nur in einem Satz angerissenen Zusammenhang von Herz und Hara (S. 74). Auch interessiert mich, warum Rüdiger Maschwitz von der klassischen Langform des Herzensgebet eher abrät (S. 81). Eine gute Gelegenheit, ihn zu fragen gibt es am 24. Mai, ich habe Rüdiger Maschwitz zu einer Lesung aus seinem Buch in die Evangelische Stadtakademie in Köln eingeladen.

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