Die Hälfte ist jetzt rum…

Die Hälfte ist jetzt rum: Ich bin in meiner Lebensmitte angekommen (sogar schon ein kleines Bisschen drüber), zumindest wenn es nach der statistischen Lebenserwartung geht.

Auf inwachsendenringen habe ich einen interessanten Gedanken gelesen, der mich sehr beschäftigt. Wenn man von vier großen Lebensphasen ausgeht – Kindheit & Jugend, junges Erwachsenenalter, reifes Erwachsenenalter, Alter – dann merkt man, dass sich die spirituellen (oder auch existenziellen) Grundthemen dieser Lebensabschnitte deutlich unterscheiden. Soweit, so klar. Neu war für mich die Erkenntnis, dass nur zwei der drei Übergänge auch mit deutlichen äußeren Veränderungen einhergehen. In aller Regel ist es der Auszug von Zuhause beim Übergang von der Jugend zum jungen Erwachsenenalter und der berufliche Ruhestand beim Übergang vom reifen Erwachsenenalter zum Alter. Der Wechsel vom jungen zum reifen Erwachsenenalter kennt solch eine Veränderung im Außen nicht. Dieser Übergang ist ein innerer, ein stiller, unbemerkter – aber ein wesentlicher!

Und gerade deshalb wird eine äußere Veränderung in dieser Übergangszeit oft verzweifelt herbeigeführt. Bei Männern ist das dann gerne der Ausstieg aus dem bisherigen Beruf, um nochmal etwas ganz Neues zu machen: die Surfschule in Kalifornien eröffnen, in der Toscana eine kleine Olivenplantage anlegen oder – kein Witz! – vom Herzchirurgen zum LKW-Fahrer umsatteln, alter Kindheitstraum und so. Oder auch hoch im Kurs: die Beziehung beenden und sich noch einmal so richtig neu verlieben, gerne in eine deutlich jüngere Frau. Nur dumm, dass man sich selbst immer mitnimmt.

Tragisch, wenn man verkennt, dass der Übergang in der Lebensmitte eben ein innerer Prozess ist. Natürlich darf sich auch im Außen etwas ändern. Aber eine verkrampfte Veränderung im Außen lenkt von der Aufgabe ab, sich im Inneren neu auszurichten, zumindest in dieser Lebensphase.

Ich finde diese Erkenntnis ganz erleichternd. Bei mir richtet sich innerlich nämlich gerade Einiges neu aus.

Auf das Thema Lebensmitte bin ich übrigens das erste Mal gestoßen, als ich eine Einladung zur Silbernen Konfirmation bekommen habe, also mit 39 Jahren. Meine alte Heimatgemeinde hatte mir einen lieb- und belanglosen Brief geschickt. Ich bin nicht hingegangen, denn bei der Einladung wusste ich einfach nicht, was ich da sollte, und die Kirchengemeinde wusste wohl nicht so recht, was sie damit wollte. Dabei liegt doch das Thema auf der Hand: die Lebensmitte. Egal, was wer erreicht hat oder wie das Leben bisher verlaufen ist: Jeder der Silbernen Konfirmanden ist in seiner Lebensmitte angekommen. Wenn man jetzt als Kirche auch noch etwas Substanzielles zu dem Thema zu sagen hat, ist das eine wunderbare Sache. Und dann könnte die Silberne Konfirmation die Kasualie der Lebensmitte sein. Ein paar Gemeinden scheinen das auch erkannt zu haben (man kann das ja mal ein bisschen googlen), aber eben nur ein paar. Auf der Internetseite der Hannoverschen Landeskirche habe ich ein paar Zeilen zur Silbernen Konfirmation gefunden. Kein Wort zum Thema Lebensmitte. Stattdessen übliche Kirchenrhetorik: innehalten und zurückblicken, ja, ja, wie das früher alles mal war… Kirche im Regressionsmodus. Schade.

(Kurzer praktisch-theologischer Exkurs: Es hat ja hin und wieder mal Debatten zu „Neuen Kasualien“ gegeben. Meiner Beobachtung nach sind die aber leider verebbt. Einschulung als Kasualie wurde mal diskutiert, Margot Käßmann hatte – wenn ich mich recht erinnere – ein Scheidungsritual vorgeschlagen, im diakonischen Kontext gab es zaghafte Überlegungen, den Heimeinzug rituell zu begleiten, beim Eintritt in den Ruhestand gibt es durchaus spirituelle Bedürfnisse und die Lebensmitte als verdrängter (aber wirkmächtiger) Übergang ist meiner Meinung nach sehr kasualientauglich. Ich schreibe das hier nur für den Fall, dass pfiffige Theolog/innen mitlesen sollten..!)

Zurück zu mir. Ich merke, dass ich unglaublich gelassen werde. Mittlerweile weiß ich einigermaßen, wie das Leben, das Universum und der ganze Rest so funktioniert (okay, beim Universum nicht ganz). Und ich muss keine Fleißkärtchen mehr sammeln. Beides ist sehr entlastend. Und gleichzeitig merke ich, dass ich deutlich unruhiger werde. Wofür will ich das alles einsetzen? Wofür stehe, wofür gehe ich? Der innere Prozess läuft auf Hochtouren. Manchmal merke ich das und dann reduziere ich, werfe thematischen Ballast über Bord, setze Schwerpunkte auf einmal ganz neu. Manchmal merke ich lediglich, dass da gerade etwas am Arbeiten ist, ohne genau zu wissen, was.

Ich finde das ziemlich gut.

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4 Kommentare zu „Die Hälfte ist jetzt rum…“

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