Ein Hebel

Setzen Wandlungsprozesse eigentlich am besten individuell oder gesellschaftlich an? Es ist ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Aber sie interessiert mich. Denn natürlich suche ich auch nach dem Hebel, wie Wandel gelingen kann: Wo also ansetzen?

Bei Ursula Seghezzi habe ich einen guten Hinweis dazu gefunden. Die These: Transformation muss persönlich tief greifen – oder sie wirkt nicht.

„Die Diskussion, ob Transformation entweder über die Gesellschaft erfolgen oder beim Individuum ansetzen soll, führt zu nichts (weil sie im trennenden Entweder-Oder-Weltbild verhaftet bleibt). Wer bei Transformation den Fokus alleine auf die Gesellschaft legt, verkennt den Modus, in dem Transformation geschieht. Also erst das Individuum Transformieren und dann die Gesellschaft? Auch dieses Erst-Dann verkennt den Modus, in dem Transformation geschieht. Vielmehr gilt: indem sich Individuen wandeln und weiten, geschieht gesellschaftlicher Wandel. Denn eine Gesellschaft besteht aus Individuen und wandelt sich, wenn genügend Individuen ihren Beitrag zur Entfaltung leisten und mit Hilfe einer neuen Wertorientierung mehr Verantwortung übernehmen. Sei sind in ihrer Bewusstheit differenzierter und verfügen daher über differenziertere Seinsgestaltungsmöglichkeiten. Persönliche Wandlung ist – in den Worten von Haiko Nitschke – ‚gesellschaftlicher Umbruch vor Ort‘.“ (Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 41-42)

Der springende Punkt ist das „indem“. Indem sich der Mensch wandelt, geschieht gesellschaftlicher Wandel. Ich habe das noch nicht in aller Konsequenz zu Ende gedacht, aber es könnte der Hebel sein. Gestern stieß ich dann auf ein weiteres Zitat, das in dieselbe Richtung geht:

The world is in desperate need of healing. And we found that to the degree that we are healed, the world will be healed. (Gravity Center)

Dieser Satz steht unter der Überschrift cultivating the contemplative. Und das ist ein guter Zugang, genau das ist ein möglicher Weg. Die kontemplativen Traditionen und Wege sind einfach, aber trotzdem tief. Sie sind religionsübergreifend, sie können daher verbindend und versöhnend wirken. Sie sind bildungsunabhängig, was von unschätzbarem Wert ist. Meditieren kann jeder erlernen, Gebildete genießen keinerlei Vorsprung (wie sonst so oft im Leben). Und Kontemplation ist wirksam. Das zeigt zum Beispiel die wunderbare Reportage „Die Revolution der Selbstlosen“ auf Arte.

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4 Kommentare zu „Ein Hebel“

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