Reaching Out

Durch Zufalll – oder auch nicht – bin ich auf Reaching Out von Henri Nouwen gestoßen. Da ich immer schon einmal etwas von ihm lesen wollte – Henri Nouwen hat ja eine durchaus interssante Vita – habe ich mir dann die deutsche Ausgabe von Reaching Out besorgt, auch wenn Titel und Cover etwas betulich daherkommen.

Henri Nouwen beschreibt christliche Spiritualität als drei Grundbewegungen. Es sind die Bewegungen hin zu unserer innersten Tiefe, zu unseren Mitmenschen und zu Gott.

Der Weg zu uns selbst führt von der Einsamkeit zur inneren Stille (Loneliness –> Solitude). Der Weg zu unseren Mitmenschen führt von der feindseligen Ablehnung zur gastfreundschaftlichen Annahme (Hostility –> Hospitality). Der Weg zu Gott führt von der Illusion zum Gebet (Illusion –> Prayer).

Spirituelles Leben hat also drei Aufgaben: zur Stille finden, Gastfreundschaft üben und eine Gebetspraxis pflegen. So einfach kann man christliche Frömmigkeitspraxis beschreiben.

Der Weg in unsere innerste Tiefe: Einsamkeit –> innere Stille

„In der inneren Stille strecken wir uns nach unserem tiefsten Selbst aus, wo wir unsere großen Heilkräfte entdecken könnnen“ (S. 88).

Die innere Stille schafft einen Raum, um auf unsere innere Stimme zu hören. Nur wenn wir auf sie hören, bekommen wir Antworten, die wirklich die unseren sind. Unsere Berufung offenbart sich dort. Allerdings können innere Stille und Einsamkeit leicht verwechselt werden, es braucht also die Fähigkeit, sie tatsächlich unterscheiden zu können.

Der Weg zur inneren Stille gelingt meist nicht, ohne sich von den Ablenkungen im Außen zurückzuziehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Weg zur Weltabgewandtheit führt. Im Gegenteil, die Beschäftigung mit den brennenden Fragen der Gegenwart wird intensiver. Was sich ändert, ist ein von Angst getriebenes Re-Agieren. Es geht gerade darum, gelassener, angstfreier und nachhaltiger aktiv zu weden. Dies deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Die Menschen, die ein spirituelles Leben führen, erlebe ich gerade als sehr weltzugewandt und verbunden mit den Nöten und Fragen unserer Zeit. Der Begriff „contemplative activism“ (den Nouwen allerdings nicht benutzt) bringt das wohl gut auf den Punkt.

Der Weg zum Mitmenschen: Feindseligkeit –> Gastfreundschaft

Zwei Sätze von Nouwen, die – leider – genau zu unserer gegenwärtigen Situation passen:

„Unsere Gesellschaft scheint zunehmend aus Menschen zu bestehen, deren Leben von Angst, Sicherheitsdenken und Aggression bestimmt ist. […] In unserer Welt herrscht die Annahme vor, dass von Fremden eine potenzielle Gefahr ausgeht und es ihre Aufgabe ist, uns vom Gegenteil zu überzeugen“ (S. 92, 97).

Das Wort Gastfreundschaft mag etwas Liebliches, Behagliches oder auch Naives an sich haben. Und es scheint an Kraft und Tiefe verloren zu haben. Wenn man über christliche Spriritualität nachdenkt, kommt es einem wohl nicht als Erstes in den Sinn.

„Und dennoch: Wenn es überhaupt ein Konzept gibt, bei dem es sich lohnt, seine ursprüngliche Tiefe und Inspirationskraft wiederherzustellen, dann ist es Gastfreundschaft. Der Begriff ist einer der reichhaltigsten der Bibel und hat das Potenzial, unsere Einsicht in unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu vertiefen und zu erweitern. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gibt es Geschichten, die deutlich machen, wie ernst gemeint unsere Verpflichtung ist, Fremde in unser Haus aufzunehmen. Gleichzeitig erzählen sie aber auch davon, dass die Gäste kostbare Geben mit sich führen, die sie nur allzu gerne einem offenen Gastgeber überreichen möchten.“ (S. 92-93).

Man lese beispielsweise Genesis 18, 1-15 (Die drei Fremden aus Mamre), 1. Könige 17, 9-24 (Die Witwe in Sarepta) oder Lukas 24, 13-35 (Die Emmaus-Jünger).

Für Henri Nouwen ist Gastfreundschaft neben der wörtlichen Bedeutung – Fremde in seinem Haus aufzunehmen – auch eine grundsätzliche Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, nämlich ihnen schlicht Raum zu geben. „Den Begriff ‚Gastfreundschaft‘ habe ich nur gewählt, um das Wesen einer ausgereiften christlichen Beziehung zu unseren Mitmenschen leichter verständlich machen zu können“ (S. 155).

Eine Bedingung für echte Gastfreundschaft liegt dann auch darin, dass wir nicht Gastfreundschaft üben, um die eigene Einsamkeit zu stillen:“Solange wir einsam sind, können wir nicht gastfreundlich sein, da wir in unserer Einsamkeit keinen offenen Raum schaffen können“ (S. 155).

Außerdem können wir keine Gastfreundschaft üben bzw. dem Anderen einen offennen Raum bieten, wenn wir selbst ganz voll sind: „Das Paradox der Gastfreundschaft besteht tatsächlich darin, dass Armut uns zu einem guten Gastgeber macht“ (S. 146).

Zwei Arten der Armut sind dabei wichtig: die Armut im Geiste – das bedeutet frei zu sein von eigenen Ideen, Vorstellungen, Ansichten und Überzeugungen – und die Armut im Herzen – also frei zu sein von Vorurteilen, Sorgen und Eifersucht.

Der Weg zu Gott: Illusion –> Gebet

„Es gibt vermutlich kein Bild, das die Nähe zu Gott im Gebet besser beschreibt als das Bild vom Atem Gottes. […] Das Gebet ist daher der Atem Gottes in uns, durch den wir Teil von Gottes innerstem Leben und neu geboren werden“ (S. 177).

Hierzu nur kurz, den Henri Nouwen geht zum einen stark auf das Herzensgebet ein (dazu findet sich auf meinem Blog ja schon das eine oder andere), zum anderen schreibt er viel über christliche Gemeinschaft – dies ist aber wiederum einen eiegnen Beitrag wert.

Wichtig finde ich hier vor allem, dass Nouwen das Paradox betont, dass wir das Beten erlernen müssen, obwohl wir es doch nur als Geschenk empfangen können. Und „niemand, der ernsthaft eun Gebetsleben führen möchte, [kann] dieses Vorhaben ohne eine konkrete Methode durchhalten oder zumindest bis zu einem gewissen Grad verwirklichen“ (S. 190).

Spirituelles Leben

Durch das Buch ziehen sich zwei Grundgedanken: Wenn es darum geht, sich der Stille, der Gastfreundschaft und dem Gebet zuzuwenden, sich nach ihnen auszustrecken („reaching out“), bedeutet das nicht, Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, diese wahrzunehmen, sie sich einzugestehen und sie von dem jeweiligen anderen Pol tatsächlich unterscheiden zu können. Spirituelles Leben ist eh ein Hin- und Herpendeln zwischen diesen Polen. „Je mehr wir das schmerzliche Eingeständnis unserer Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zulassen können, desto mehr sind wir in der Lage, Stille, Gastfreundschaft und Gebet als Teil unserer Vision vom Leben zu sehen“ (S. 25).

Der zweite Gedanke, der immer wieder auftaucht: Spirituelles Leben braucht eine Praxis. Es gibt eine Vielzahl an Varianten, die beschriebenen drei Aufgaben zu üben. Aber sie müssen halt geübt werden. Das heißt also zunächst einmal, die eigene Variante zu suchen und zu finden und sie dann zu erproben und zu pflegen.

Fehlt da etwas?

Die drei Bewegungen entsprechen ja den Dimensionen des Liebesgebotes: Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe (Matthäus 22, 37-39). Interessanter Weise leitet Henri Nouwen seine Ausfürhungen aber gar nicht hiervon ab, er zitiert die Stelle nicht einmal. Er beschreibt einfach die Dynamiken, auf die er in seiner Frömmigkeitspraxis gestoßen ist. Es ist also eher ein induktiver Ansatz, kein biblisch-deduktiver. Dann kann man aber auch weiter gehen und fragen, ob es nicht noch andere Dynamiken gibt, noch weitere Bewegungen des Ausstreckens und Zuwendens.

Was mir grundsätzlich immer wieder in der christlichen Tradition zu kurz kommt, ist die Verbindung mit allem Lebendigem. Das wird manchmal unter dem Aspekt der Zuwendung zum Mitmenschen – der Nächstenliebe – subsummiert. Aber das wird nicht dem gerecht, dass die Schöpfung weit mehr ist. Spirituelles Leben muss neben den Beziehungen zum wahren Selbst, zu den Menschenbrüdern und -schwestern und zu Gott genauso die Beziehung zur Erde, zur Schöpfung, eben zu allem, was lebt, einbeziehen.

Daher ergänze ich Henri Nouwens Reaching Out um eine vierte Bewegung: Die Bewegung von der Entfremdung zur Lebendigkeit beschreibt den Weg zu unserer Verbundenheit mit allem, was lebt. Das werde ich noch weiter entwickeln…

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1 Kommentar zu „Reaching Out“

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