Beginnen mit Dankbarkeit (activehope #03)

Joanna Macy beginnt bei ihrer „Arbeit, die wieder verbindet“ mit der Dankbarkeit. Dankbarkeit ist für sie der Ausgangspunkt bei Transformationsprozessen – und nicht etwa die Bestandsaufnahme oder Analyse. Das hat einen ganz funktionalen Grund: „Dankbarkeit steigert unsere Resilienz und stärkt uns dafür, belastende Informationen auszuhalten“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 51). Es hat aber auch einen tieferen Grund: Dankbarkeit ist für sie das Gegenmittel zum Konsumismus. Und das ist in der Tat ein guter Ausgangspunkt für einen „Großen Wandel“.

„Dankbarkeit und Materialismus bieten unterschiedliche Geschichten darüber an, was wir brauchen, um uns sicher zu fühlen. Beim Materialismus beruht die Sicherheit darauf, die richtigen Dinge zu haben […]. Dankbarkeit verschiebt unseren Fokus von dem, was fehlt, zu dem, was da ist. Wenn wir eine kulturelle Therapie entwerfen sollten, die uns vor Depression schützt und gleichzeitig den Konsumismus im Zaum halten hilft, dann werden wir sicherlich die Kultivierung unserer Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden, mit hineinnehmen. Uns zur Kunst der Dankbarkeit zu erziehen ist Teil des Großen Wandels“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 55).

Konsum funktioniert hauptsächlich über Unzufriedenheit. (Es gibt noch weitere Gründe für unser Konsumverhalten, aber dieser ist der wichtigste). Und so ist es die Aufgabe der Werbung, Unzufriedenheit zu wecken.

Was macht zufrieden? Paradoxerweise – sicherlich nicht immer, aber oft – das Reduzieren. Menschen, die fasten, berichten immer wieder, wie zufrieden sie sind. Es muss aber nicht gleich Fasten sein. Vor ein paar Wochen hatte ich hier ein Zitat von David Steindl-Rast gepostet: Verkleinere dein Gefäß. Er fügt noch hinzu: „Es gibt Kulturen, in denen man sich nicht daran freut, wie viel man besitzt, sondern darüber, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 90).

David Steindl-Rast war für mich übrigens die Entdeckung, als ich neben Joanna Macy nach weiteren spirituellen Lehrern suchte, die sich mit Dankbarkeit beschäftigen. „Grateful Living“ ist Steindl-Rasts Lebensthema, sein Netzwerk ein Dorado an Ideen, Erfahrungen und Übungen. Seine Gedanken fügen sich wunderbar zu Joanna Macys Ansatz – was auch kein Wunder ist, denn Dankbarkeit ist eben eine universelle Haltung.

„Dankbarkeit hilft, das nur selbstbezogene Ich zu überwinden“, so Steindl-Rast (S. 95). Sie kann Bitterheit heilen, sie ist das Gegengift zu Groll, sie überwindet Anspruchsdenken. Darüber hinaus stärkt sie unser Zugehörigkeitsgefühl:

„In der Dankbarkeit feiern wir unsere Zugehörigkeit und damit auch unsere gegenseitige Abhängigkeit“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 105).

Und so wirkt sie auch nach außen: „Dankbarkeit motiviert uns, etwas für unsere Welt zu tun“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 58). Dankbarkeit ist eben nicht nur etwas Innerliches, sie eignet sich als Grundlage einer globalen Ethik:

„Grateful living is a universal ethic capable of ushering us peacefully into a new era in which we must share the world’s resources fairly and conserve the environment for future generations“

Dankbarkeit als ein „major key“ bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme – das finde ich wirklich inspirierend, weil es ein ganz anderer Ansatz als üblich ist. Eine Ethik, die bei einer spirituellen Praxis ansetzt.

Zurück zu Joanna Macys Transformationsarbeit: Dankbarkeit ist der erste Schritt ihrer vier-phasigen Spirale. So merkwürdig es auf den ersten Blick erscheint, Dankbarkeit an den Beginn und nicht ans Ende der Arbeit zu stellen, so sinnvoll ist es. Wofür bin ich dankbar? Am besten beginnt man mit den einfachen Dingen. Und die einfachen Dinge sind die existenziellen Dinge. Noch einmal David Steindl-Rast:

„Gratefulness and simple living go hand in hand. When we are grateful, we appreciate life’s free gifts: friendship and solitude; movement and rest; Nature’s bounty and her spare winter introversion; our own alternating sonata movements of joy, sorrow, and joy’s resurgence.“

Wer in diese Richtung weiterstöbern möchte, findet hier sicherlich einiges.

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3 Kommentare zu „Beginnen mit Dankbarkeit (activehope #03)“

  1. Ich beschäftige mich gerade mit Gewaltfreier Kommunikation und finde bei Marshall Rosenberg Worte, die in eine ganz ähnliche Richtung gehen. Er spricht nicht von „Dankbarkeit“, sondern von „Feiern“, aber die Intention ist bestimmt die gleiche:
    „Angesichts des enormen Ausmaßes an gesellschaftlicher Veränderung, der wir gegenüberstehen – Veränderung, die wir gerne erleben möchten – gibt es eine Möglichkeit, von der ich vorhersage, dass sie uns die größtmögliche Hoffnung und Kraft schenken wird, die uns zu den Veränderungen befähigen: Sorgen wir dafür, dass wir lernen zu feiern. Bauen wir das Feiern in unser tägliches Leben ein und handeln wir aus dieser Energie heraus. Das steht an erster Stelle. Andernfalls werden wir überwältigt von der schieren Größe der Probleme. Aus dem Geist des Feierns heraus werden wir nach meiner Erfahrung die Energie aufbringen, um das zu tun, was nötig ist, um die Gesellschaft zu verändern.“

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