Über die Dankbarkeit

Durch Joanna Macy (siehe meinen letzten Beitrag hier) habe ich angefangen, mich stärker mit Dankbarkeit zu beschäftigen. Dadurch bin ich dann ja auch auf David Steindl-Rast gestoßen. Das wollte ich nicht alles in einen Blogpost packen, deshalb hier noch ein paar Dinge, die mir klar geworden sind. Für viele ist das vielleicht nicht neu, für mich schon…

Dankbarkeit ist kein Gefühl

Dankbarkeit ist kein Gefühl, sondern eine Haltung. Dies ist sicherlich die wichtigste Erkenntnis. Ich kann mich nicht dankbar fühlen, aber ich kann dankbar sein. Es ist eine Einstellung, die man bewusst einnimmt. Eine Entscheidung, dankbar zu leben. Vielleicht kann man daher sogar so weit gehen, zu sagen: Dankbarkeit ist eine Fähigkeit – nämlich das Kultivieren einer dankbaren Haltung.

Dankbarkeit von Dankesschuld unterscheiden

Dankesschuld ist das Gefühl, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. Im Gegensatz zur Dankbarkeit ist Dankesschuld tatsächlich ein Gefühl, ein negatives (genauer gesagt ist es eine Emotion). Es ist gut, beides auseinanderzuhalten.

Wirkweise von Dankbarkeit

Dankbarkeit macht glücklich. Man vermutet es wohl eher andersrum: Falls ich glücklich bin, kann ich dafür dankbar sein. Doch nicht Glücklichsein macht uns dankbar, sondern Dankbarkeit macht uns glücklich. Und Dankbarkeit hat den Vorzug, „dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, dankbar zu sein für alles, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend bereits spürbar glücklicher sein“ (David Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 86). Zudem ist es ein sich selbstverstärkender Prozess: „Je dankbarer man ist, umso mehr bemerkt man Dinge, für die man auch noch dankbar sein könnte“ (S. 107).

Dankbarkeit als spirituelle Praxis

„Wir brauchen eine spirituelle Übung, die alle Mitglieder dieser Erdengemeinschaft vereint. Dankbarkeit ist der Spitzenkandidat“ (S. 30). Sie ist wohl deshalb der Spitzenkandidat, weil Dankbarkeit eine universelle religiöse Haltung ist. Interessant finde ich, dass David Steindl-Rast eine Verbindung zwischen dankbarem Leben und Gottesbild sieht:

„Das führt auch zu einem neuen Gottesbild und weg von der Vorstellung eines über uns thronenden, von uns getrennten Gottes. Durch dankbares Leben erfahren wir einen Gott, in dem wir völlig eingebunden und eingebettet sind. Wir sind völlig in Gott. Gott ist völlig in uns und geht zugleich unendlich über uns hinaus. Gott ist Geber, Gabe und dankbares Leben“ (David Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 106).

Gratefulness und Mindfulness

Das englische Wort für Dankbarkeit ist Gratitude. Interessanterweise spricht David Steindl-Rast aber auch oft von Gratefulness – doch dieses Wort ist im Englischen eigentlich ungebräuchlich (grateful ist das Adkjektiv zu gratitude, gratefulness ist also das substantivierte Adjektiv). Es könnte sein, dass Steindl-Rast dieses Wort wählt, um noch deutlicher zu machen, dass es eine spirituelle Haltung ist, denn Gratefulness klingt etwas nach Mindfulness (Achtsamkeit). (Danke Sabine für den Hinweis!)

Gratefulness und Mindfulness passen in der Tat gut zusamman: „Je bewusster wir leben, umso klarer erkennen wir, was für ein unfassbares Geschenk es ist, überhaupt lebendig zu sein“ (S. 116). Dankbarkeits-Übungen sind meist schlicht und einfach. Anregungen findet man zum Beispiel hier. Und etwas Grundlegender wird es hier.

Erntedankfest und Eucharistie

Christlicherseits gibt es zwei besondere liturgische Anknüpfungspunkte. Am naheligendsten ist sicherlich der kirchenjahreszeitliche Bezug: das Erntedankfest. In unserer übersättigten westlichen Konsumwelt kommt Dankbarkeit kaum vor. Vielleicht könnte man das ursprüngliche Erntefest (das heute ja oft etwas romantisierend daherkommt) wieder deutlicher als Dankbarkeitsfest feiern. Ein anderer liturgischer Bezugspunkt ist das Abendmahl. Eigentlich müsste ich hier den katholischen Begriff nehmen: Eucharistie. Denn Eucharistie heißt „Danksagung“. Ich komme ja immer mehr zu dem Schluss, dass die katholische Praxis, in jedem Gottesdienst Eucharistie zu feiern, nicht das Schlechteste ist. Vielleicht sollte auch die evangelische Kirche dem Abendmahl/der Eucharistie eine höhere Wertschätzung entgegenbringen, so wie es ja auch die liturgische Bewegung ins Gespräch gebracht hat. (In manchen stark protestantisch geprägten Gegenden ist das Abendmahl ja sogar der gottesdienstliche Ausnahmfall. Dahinter liegt die unausgesprochen Haltung, dass man sich für das Empfangen des Abendmahls „würdig“ erweisen muss, deshalb solle es gerade nicht alltäglich (genauer: allsonntäglich) sein. Damit wird allerdings der Sinn der Eucharistie völlig auf den Kopf gestellt.)

Ich werde auf jeden Fall dran bleiben, an der Erkundung der Dankbarkeits-Praxis. Vor allem Erntedankfest, Eucharistie und – im letzten Blogbeitrag erwähnt – Dankbarkeit als Ausgangspunkt einer zu entwicklenden globalen Ethik, werden mich weiter beschäftigen.

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1 Kommentar zu „Über die Dankbarkeit“

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