Äußeres & Inneres

Über die Wandlung von der ersten zur zweiten Lebenshälfte habe ich ja vor Kurzem schon einmal gebloggt. Nun bin ich auf ein Interview mit dem Resilienzforscher Harald Katzmair gestoßen (ich kannte ihn bisher nicht), der hier sogar von einem „fundamentalen Bruch“ spricht:

„Mit dem Wechsel der Lebenshälften gibt es einen klaren Bruch. Die Psychologie des ersten Lebensabschnittes unterscheidet sich von der des zweiten Lebensabschnittes. Die Bedeutung des Äußeren tritt zurück. Entscheidend ist, wie man mit diesem fundamentalen Bruch umgeht.“

Inneres und Äußeres ändern ihre Prioritäten. Will man sich weiterhin künstlich am Äußeren festhalten, mag das zwar bequem sein, verschließt aber den Zugang zu der inneren Entwicklung. Umgekehrt gilt das auch: Wenn ich mich meiner inneren Reise verweigere, bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Glück im Außen zu suchen, ich spiele zwangsläufig mit im Spiel um Konsum und Statussymbolen – und wenn ich dort nicht mehr mithalten kann, bleibt mir nur der Platz als Verlierer.

Interessant finde ich, dass Katzmair nicht beim Individuellen bleibt, sondern gerade die gesellschaftliche Bedeutung in den Blick nimmt:

„Wer sich der inneren Reise verweigert und sich nicht mit Äußerem ablenken kann, wird aggressiv und aversiv, ein „Wutbürger“. Wer die Enttäuschungen, Kränkungen und Rückstellungen des Lebens nicht verarbeitet, sieht sich entweder als Versager oder als Opfer. Beides ist hochproblematisch für die Betroffenen und die Gesellschaft.“

Es gibt dann also zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Die eine Lösung, die natürlich keine Lösung ist, hieße „Brot & Spiele“. Wer sich der Entwicklung verweigert, lenkt sich soweit mit Äußerlichkeiten ab, dass er ruhiggestellt ist und keinen weitweren Schaden anrichtet. Wie gesagt, keine wirkliche Lösung, aber ich glaube, dass dies genau die Lebensphase von nicht wenigen Menschen in der zweiten Lebenshälfte beschreibt. Die andere ist, die Abenteuer-Reise nach Innen anzutreten. Katzmair bietet dazu keine konkrete Ideen, aber etliche kluge Hinweise. Das Interview ist nicht lang und wirklich lesenswert.

Für mich ist es noch einmal eine Bestätigung, dass gesellschaftlicher Wandel – denn auch unsere Wohlstandsgesellschaft braucht dringend ihre „innere Journey“, wie Katzmair es sagt – letztlich nur durch den Einzelnen gelingen kann. Auch hierzu hatte ich schon einmal kurz etwas gebloggt.

Vor einiger Zeit bin ich auf eine Liste mit Fragen gestoßen, die ich sehr, sehr hilfreich finde, um seine eigene Entwicklung zu erkunden. Durch die Beschäftigung mit der „Theorie U“ (demnächst noch mehr dazu) bin ich auf die „U Journaling Practice“ gestoßen. Es geht um ein „guided journaling“, also um eine geführte (= fragengestützte) Erkundung, die man schreibend angeht.

Die vorgeschlagenen 17 Fragen finde ich gehaltvoll und tiefgehend. Sie folgen einer gewissen Dramaturgie (eben des Konzepts der besagten „Theorie U“), die man aber gar nicht zu verstehen braucht, um die Fragen zu beantworten. Man kann gleich auf die zweite Seite zu den einzelnen Fragen springen. Empfohlen wird, die Fragen in einem Rutsch und ohne langes Überlegen zu beantworten. Das fiel mir allerdings schwer, ich habe mir für jede einzelne Frage genügend Zeit genommen.

Ich finde, dass diese Erkundung eine ganz passable Reisevorbereitung darstellt.

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