Exerzitien der Nächstenliebe

Endlich!, habe ich gedacht. Endlich verknüpft mal jemand gegenwärtige Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung mit biblischer Weisheit und macht daraus ein richtiges Übungsprogramm! Michael Pflaum, katholischer Priester aus Erlangen, fügt Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation, Byron Katies The Work und Ishin Yoshimotos Naikan zu „Exerzitien der Nächstenliebe“ zusammen.

ExzdNl„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Richtet nicht! Vergib dem Nächsten! Liebet eure Feinde! Seid dankbar! Die Goldene Regel. Das sind zentrale Aspekte der Ethik Jesu. Allgemein wissen wir das.

Aber wie können wir das konkret umsetzen? In den letzten 40 Jahren sind drei Übungswege neu entstanden, die alle drei auf ihre Weise helfen, die Nächstenliebe zu fördern – ganz konkret im Alltag: Gewaltfreie Kommunikation, Naikan und The Work. Sie setzen Jesu allgemein formulierte Ethik in durchführbare Übungswege um. Zusammengenommen ergeben die drei Wege eine besondere Art von Exerzitien der Nächstenliebe“ (Klappentext).

Das ist eine gute Frage: Wie geht denn dieses „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“ Im kirchlichen Kontext verhält sich die rhetorische Postulierung solcher Spitzensätze wohl umgekehrt proportional zur Befähigung, sie tatsächlich umzusetzen. Doch wenn man den Verkündigungsauftrag der Kirche ernst nimmt, geht es eben nicht darum, „Wahrheiten“ kund zu tun, sondern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie Wirklichkeit werden können. Erst dann sind sie „wirklich wahr“.

Dazu braucht es Übung. Und Übungen. Ohne geht es nicht. Und alle drei – Naikan, The Work und die GfK – bieten diese Übungen. Sie sind nicht einfach „Verfahren“, sie sind im Grunde Übungswege, fast schon spirituelle Übungswege. Gerade dadurch entfalten sie ihre eigentliche Kraft. Gewaltfreie Kommunikation kann man entweder als etwas gekünstelt wirkendes Kommunikation-Tool verstehen – oder als Erkundung der eigenen Bedürfnisse und Versöhnung mit den Bedürfnissen des Gegenübers. The Work ist heilsam, weil es durch das Aufdecken von Projektionen zurück zur eigenen Handlungsfähigkeit führt, also ermächtigend ist. Und Naikan führt einem das gegenseitige Geben und Nehmen vor Augen und lässt uns barmherziger werden. Alle drei Ansätze arbeiten mit der Grundunterscheidung zwischen „das, was ist“ und „das, was ich darüber denke“. Dies zu kapieren ist wohl eine der wichtigsten Lektionen im Leben – und sie tatsächlich zu beherzigen braucht sehr, sehr viel Geduld, Übung und Selbstannahme…

Michael Pflaums Exerzitien der Nächstenliebe sind in mehrfacher Hinsicht großartig:

Sie bieten Hilfe, christliche Ethik wirklich zu leben – und dabei bei sich selbst anzufangen. Denn an beidem scheitert es häufig. Bei der Umsetzung weiß man nicht so recht, wie’s geht und man verkennt, dass Wandel bei sich selbst anfängt. (Und daher landen wir so schnell beim Gegenteil: statt zu üben diskutieren wir lieber und statt bei uns selbst wollen wir beim Anderen anfangen.)

Sie verbinden gegenwärtige Transformationsansätze mit christlicher Weisheit – zu beiderseitigem Nutzen. So wird zum Beispiel die Geschichte vom verloren Sohn unter Naikan-Fragen betrachtet oder bei Marias & Marthas Auseinandersetzung kommt die Rosenberg’sche Unterscheidung von Bedürfnis und Strategie zum Einsatz. Und umgekehrt werden die drei genutzten Ansätze im Lichte der biblischen Botschaft betrachtet. (Michael Pflaum zeigt zum Beispiel deutlich die Grenzen von The Work auf – solch eine fundierte und redliche Kritik an Byron Katies Werk habe ich bisher noch nirgends gefunden.)

Die Exerzitien der Nächstenliebe sind didaktisch gut durchdacht. Die Abfolge der Lektionen ist sinnvoll, es gibt sogar eine jahreszeitliche Dramaturgie (wenn man sie denn nutzen will) und die einzelnen Schritte sind gut verwoben. Wenn zum Beispiel im Naikan die „vierte Frage“ („Welche Schwierigkeiten bereitet mir der Andere?“), auf die ja gerade verzichtet wird, immer wieder aufploppt, kann sie mit The Work näher angeschaut werden.

Unsicher bin ich mir, ob das Buch nicht zu viel will. Denn die drei Wege müssen ja – wenn auch Schritt für Schritt – erst einmal erklärt werden. Und man muss die oft ungewohnten Sichtweisen an sich heranlassen. Ich weiß noch, wie lange ich Byron Katies Idee umrundet habe, bis ich mich tatsächlich mal darauf eingelassen habe („Mit Projektionen kenn‘ ich mich doch aus, die habe ich im Griff, muss mir doch keiner sagen!“). Andererseits: Vielleicht können diese Nächstenliebe-Exerzitien genau hier etwas Besonderes leisten. Nämlich Menschen an diese Ideen sanft heranzuführen, im Wissen, dass sie sich auf dem Boden christlicher Spiritualität bewegen.

Das einzige Manko an diesem Buch ist das Layout. Nun, sagen wir so, es gibt eigentlich gar kein Layout. Es ist eher eine Manuskriptfassung, durch die man sich durchquälen muss. Das Buch ist eine Eigenpublikation bei Books in Demand. Vielleicht gibt es ja eine zweite, etwas lesefreundlichere Auflage? Patmos, Koesel oder Herder müssten sich doch die Finger danach lecken!

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6 Kommentare zu „Exerzitien der Nächstenliebe“

  1. Spannend wäre hier, mal einen persönlichen Bericht von dir zu bekommen. Zum Beispiel, was sich bei dir in drei ‚Testmonaten‘ verändert hat, oder was diese Übungen in deinem Alltag bedeuten? Das dachte ich mir auch schon bei den anderen Ideen, aber hier wäre es besonders spannend, da es ja nicht nur um dich, sondern das soziale Miteinander geht. ICH wäre interessiert :)

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    1. Ja, das wäre wirklich spannend! Ich muss aber gestehen, dass ich das Buch nicht „von vorne bis hinten“ lese. Und so sehr ich solche Konzepte auch liebe, ich selbst springe immer ziemlich hin und her in ihnen herum… Im Alltag übe ich mich gerade immer mal wieder in Sachen GFK. Ich finde das schon ziemlich advanced.

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