getrenntsein & verbundensein

Update: Diesen Artikel habe ich im Mai 2017 leicht überarbeitet: Die Grafik ist präziser aber auch umfangreicher geworden. Dementsprechend habe ich den Text bei den Erklärungen zur Grafik etwas angepasst.

Jesus wird gefragt: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5.Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Matthäus 22, 35-40)

Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe – diese drei Arten der Liebe fassen kurz & knapp zusammen, wie christliche Lebenspraxis aussehen könnte. Und es ist eine Struktur, die (fast) alle spirituellen Bezüge umfasst: die Beziehung zu mir selbst, zu den Anderen und zu Gott.

In letzter Zeit entdecke ich immer wieder Puzzle-Stückchen hierzu. Vor einiger Zeit bin ich bei David Steindl-Rast auf den Gedanken gestoßen, dass die religiösen Praktiken fasten, teilen und beten Wege darstelle, das Getrenntsein von mir selbst, den Anderen und von Gott zu überwinden. Das nächste Fundstück kam dann bei Henri Nouwen: Er beschreibt drei Bewegungen, drei Dynamiken auf dem spirituellen Weg, die ebenfalls dieser Struktur entsprechen. Und Möglichkeiten, wie man Selbst- und Nächstenliebe üben kann, findet man zum Beispiel bei den Exerzitien der Nächstenliebe.

All das passt wunderbar zusammen und ich habe diese „Beziehungs-Struktur“ einmal skizziert.

Die Trias im „Höchsten Gebots“ ist schön und gut, doch für mich mich fehlt da noch etwas Wesentliches: die Erde selbst, unsere natürliche Umgebung. Die Verbindung mit der Natur, mit allem, was lebt bzw. die Liebe zu unserer Heimat Erde samt allen Erdlingen ist existenziell, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

In meiner Skizze geht es mir ums Verbundensein. Genauer: Um die Zustände des Getrenntsein und die Wege, wieder in Verbindung zu kommen. Man kann auch noch einen Schritt weiter – bzw. tiefer – gehen und sagen, dass dies die vier Dimensionen sind, in denen wir Versöhnung brauchen.

Fügt man all dies zusammen, sieht das so aus:

 

Auch wenn im Liebesgebot knapp und klar formuliert ist, dass sich Selbst- und Fremdliebe die Waage halten sollen, wurde die Selbstliebe im Christentum oft verdrängt. Das ist tragisch, aber es zeigt sich ja – leider – immer wieder, dass der Inhalt und die Wirkungsgeschichte von Religion oft auseinandergehen. Oft sind es einfach Ungleichgewichte in diesen Beziehungen. Gerade bin ich wieder auf ein Beispiel gestoßen: In einer Kita-Konzeption habe ich den Satz gefunden, dass die religiöse Erziehung darauf ziele, „Gott und den Nächsten zu lieben“ – ausgerechnet die Beziehung zu sich selbst und zur Natur fehlen! Dabei sind diese – gerade auch ihre spirituellen Dimensionen – in meinen Augen für 2- bis 5-Jährige ganz wichtig.

Damit sind wir bei einem weiteren Schatten der christlichen Tradition, der völligen Naturvergessenheit. Dies kann natürlich nicht dem Liebesgebot angelastet werden, aber es haut zumindest noch einmal in dieselbe Kerbe. Mir ist diese vierte Liebes- bzw. Verbindungsdimension wichtig, für mich ist sie auch deutlicher Bestandteil des christlichen Glaubens (Beweisführung später an anderer Stelle), daher ergänze ich sie hier. Ich habe sie übrigens nicht „Schöpfungsliebe“ genannt, weil die Schöpfung ja auch mich und meine Mitmenschen miteinschließt. Mir geht es um die natürliche Umwelt, um unsere Heimat Erde, um Pflanzen und Tiere, und um all unsere Geschwister, wie Franziskus sie im Sonnengesang besingt: Feuer, Erde, Wasser, Luft, Sonne, Mond und Sterne. Die Beziehung zur Natur mag zu biblischen Zeiten viel präsenter gewesen sein und bedurfte weniger einer gesonderten Erwähnung. Heute ist sie wichtiger denn je. Und wenn wir uns auf den Weg machen, unsere Beziehung zur Erde mitsamt ihren Lebewesen neu auszurichten, hat dies auch unmittelbarte Auswirkungen auf die anderen drei Beziehungen.

Noch ein paar Hinweise zu einigen Formulierungen und Zuordnungen.

Die Idee mit den Bewegungen stammt von Henri Nouwen. Ich habe aber andere Formulierungen gewählt: „Vom falschen Selbst zum wahren Selbst“ stammt von Richard Rohr. „Von der Ablehnung zur Einladung“ orientiert sich auch an Henri Nouwen (er nennt es „Von der feindseligen Ablehnung zur Gastfreundschaft“). Hinter „Von der Entfremdung zur Lebendigkeit“ steckt meine Beobachtung, dass die Entfremdung von der Natur die stärkste Entfremdung ist, der wir derzeit unterliegen (so sehe ich es zumindest) und dass man gerade in der Natur Lebenskraft und Lebendigkeit erfahren kann. „Hesychia“ bei der Gottesbeziehung bedeutet Herzensruhe/Herzensfrieden.

Dass man den Verbindungsdimensionen konkrete „klassische“ religiöse Praktiken zuordnen kann, habe ich von David Steindl-Rast übernommen. Beten ist naheliegend. Auch Teilen dürfte sich von selbst verstehen. Hier ist allerdings wichtig, dass es sich wirklich um Teilen handelt, nicht um Spenden. Zum Verständnis des Teilens hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal eine kleine Notiz auf diakonisch.de geschrieben, die immer noch lesenswert ist. Wenn man beginnt, zu reduzieren und auf bestimmte Dinge – ob für kurz oder lang  – verzichtet, kommt man sehr schnell bei sich selbst an. Jeder der fastet kann diese Erfahrung machen. Daher passt das Fasten in der Tat gut zur Beziehung mit mir selbst. Allerdings geht es hier wirklich um Fasten im klassischen Sinne, also um ein bewusst gewähltes Verzichten auf materielle Dinge. Die immer alberner werdende Fastanaktion der evangelischen Kirche („Sieben Wochen Ohne“) geht einen anderen Weg. Beim Danken stellt sich meist ein Gefühl von Abhängigkeit (im Sinne von Verwobenheit, Verbundenheit, Angewiesensein) ein, und oft auch ein Gefühl von Lebendigkeit. Daher habe ich es der Verbindung mit „allem, was lebt“ zugeordnet.

Ergänzt habe ich das Ganze um weitere Ansätze, die helfen, sich zu verbinden. Im Gegensatz zur ersten Version habe ich dies nun noch präzisiert und sie 3 verschiedenen Katageorien zugeordnet. Bei der Lebenspraxis geht es um sehr grundsätzliche Praxis: Bedürfnisse erkunden, Gastfreundschaft üben, im Einklang mit der Natur leben und Gebetspraxis. Danach führe ich einige Ansätze auf zur tieferen Erkundung & heilsamen Unterstützung. Die Sammlung ist natürlich subjektiv, sie entspricht meinen persönlichen Vorlieben. Alles, was ich hier aufgeführt habe, schätze ich sehr, und ich halte es vor allem für wirksam. Es sind für mich nicht bloß Methoden und Tools, sondern tatsächlich spirituelle Ansätze. Abschließend gibt es noch einige ausgewählte Übungen/Meditationen für die Alltagspraxis. Hier geht es um Verbindungspraktiken, die mit wenig Aufwand und alleine durchführbar sind. Das Herzensgebet (Verbindung mit Gott) und das Sitzen in Stille (Verbindung mit mir) erschließen sich wohl von selbst. Die Übungen zur Disidentifikation (Roberto Assagioli), zur Herzens-Verbindung (die ich bei Anna Gamma gefunden habe) zum „Bauchen“ (aus einem Naturpädagogik-Handbuch von Michael Kalff) und die Sitzplatz-Übung (ein Klassiker der Wildnispädagogik) stelle ich nochmal als eigenen Beitrag vor.

Die kleine Skizze soll zeigen, dass es spirituell gesehen mehere Beziehungen gibt – und damit mehrere Zustände des Getrenntseins und Wege, diesem Getrenntsein wieder etwas entgegen zu setzen. Alle vier Beziehungen wirken aufeinander. Und alles zusammen ist dann – auch wenn es etwas oldschool klingt – Frömmigkeitspraxis. Diese Praxis sollte ausgewogen sein – wie das genau aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden, auch das ist Teil der Praxis.

Ein „Höchstes Gebot“ – mit dem ja der Blogbeitrag begann – würde ich so formulieren:

Suche die Verbindung
zu dir selbst
zu den Menschen um dich herum
zur Erde mit allem, was auf ihr lebt
zu Gott

Verharre nicht im Getrenntsein
Es ist nicht heilsam
Mache dich auf den Weg
Prüfe alles, was dir begegnet und behalte das Gute

Lass dich versöhnen
mit dir selbst
mit den Menschen um dich herum
mit der Erde samt allem, was auf ihr lebt
mit Gott

 

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3 Kommentare zu „getrenntsein & verbundensein“

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