Heilsamer Kreis

In den letzten Tagen bin ich auf zwei kleine (aber weitreichende) Erkenntnisse gestoßen, die mich sehr beschäftigen. Sie beschäftigen mich schon längere Zeit, aber jetzt wurden sie mir quasi noch mal frei Haus auf einem Tablett serviert.

Über Facebook bin ich auf ein Video gestoßen (Danke, Alok!), in dem Joachim Kunstmann der Frage nach dem Verhältnis von spirituellen Erfahrungen und kirchlichen Formen nachgeht. All seinen Gedanken sind nicht neu, aber Kunstmann bringt es gut auf den Punkt. Manchmal geht’s ja auch einfach darum, etwas treffend zu sagen, ein gutes Bild, eine gute Metapher anzubieten:

„Ich höre immer wieder, dass Menschen, wenn sie eine religiöse Erfahrung machen, […] sagen wir mal auf einem Bergesgipfel oder eine innere Erleuchtung oder ein bewegender Traum, dann ist ganz klar: Wenn Sie mit dieser Erfahrung am Sonntagmorgen in die Kirche kämen, dann würde da keiner zuhören wollen. Im Gegenteil, man würde sagen: „Pssst, sei ruhig, du störst hier den Betrieb!“Das sind so Beobachtungen, dass die Kirche, die die Autonomie des modernen Menschen – die für den modernen Menschen völlig alternativlos ist, wir müssen unser Leben ja selbst verantworten – dass diese Autonomie in Sachen Religion von den Kirchen nicht ernstgenommen wird, eher ist es eine Art Störfaktor. Freie, autonome Religiosität, selber verantwortet, die wird als so eine Art ‚Beliebigkeit‘, ‚religiöses Patchwork‘ oder so etwas eher negativ bewertet“ (5’45-6:40).

Woran ich hängengeblieben bin: In der Kirche ist kaum Raum für die eigenen spirituellen Erfahrungen. Das sehe ich auch so. Und das ist irgendwie traurig (für die Menschen, die dies suchen) und tragisch (für die Kirche, die bei dem Thema wenig zu bieten hat).

Natürlich gibt es  Möglichkeiten, diese Erfahrungen mitzuteilen: Ich kann mir einen geistlichen Begleiter suchen oder ich gehe zum Therapeuten. Beides gut und empfehlenswert. Oder, wenn ich lieber den gemeinschaftlichen Austausch will, suche ich auf dem freien Seminar-Markt. Hier gibt es natürlich auch Quatsch, aber ich habe dort schon deutlich mehr Gutes gefunden als Schlechtes. Und viele wunderbare Menschen.

Die zweite Entdeckung der letzten Tage: Ich habe in Gottfried Orths Buch über Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation in Kirche und Gemeinde gestöbert. Dort erzählt er in einem Interview, was er in einer GFK-Übungsgruppe erlebt hat:

„‚Ich habe das erste Mal so etwas erfahren wie heilende Gemeinschaft.‘ Und ebenso spontan sagte eine andere Teilnehmerin zu mir: ‚Gottfried, das ist doch eigentlich dein Job als Pfarrer‘. Seit dieser Zeit habe ich nachgedacht, warum das eigentlich nicht ‚mein Job‘ war oder warum ich das auch in Kirchengemeinden nicht oder nur ganz, ganz selten erfahren habe. Heute denke ich, dass Gemeinden oder Gruppen solche heilenden Gemeinschaften sein könnten, vielleicht sogar sein müssten und dass dies ursprünglich einmal eine der Kernkompetenzen gemeinschaftlichen christlichen Lebens war“ (Gottfried Ort: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015, S. 191).

Auch diese Erfahrung kann ich – für mich – voll und ganz bestätigen. Und auch dies ist traurig und tragisch: Kirchliche Gruppen und Kreise (derer gibt es ja zuhauf) werden oft gerade nicht als heilende Gemeinschaft erfahren. Im Gegenteil: Auf kirchlichem Parkett gelten Dos & Don’ts, die tiefe Erfahrungen eher behindern als fördern.

Wo kann ich hinkommen, wenn ich etwas Persönliches, etwas Existenzielles teilen will – jenseits eines vertraulichen Seelsorgegesprächs? Wo kann ich von Herzen reden, etwas preisgeben, mich voll und ganz zeigen?

Ich will hier kein Kirchen-Bashing betreiben sondern etwas Konstruktives beisteuern. Ich habe in manchen Gruppen und in Natur-Spiritualitäts-Szenen „heilende Gemeinschaften“ erlebt, die so wertvoll und, ja, eben heilsam sind, dass meine Mission vielleicht darin besteht, dies in die Kirche zu bringen.

Im nächsten Jahr mache ich über Männerpfade eine Ausbildung in der Council-Methode (in der Tradition der Ojai-Foundation). Sie besteht eigentlich (fast) nur darin, im Kreis zu sitzen und relevant (!) zu reden. Aber gerade die einfachen Formen wollen gelernt sein. „Schlichte“ Methoden sind ja oft eine recht komplexe Mischung aus Handwerk, Kunst und Intuition. Ich freu mich schon wie Bolle darauf.

Wer mal ein bisschen reinlesen will, findet im Klassiker von Jack Zimmerman & Virginia Coyle oder auch bei Vivian Dittmar was…

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1 Kommentar zu „Heilsamer Kreis“

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