Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf. Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte würden auf ein Viertel gekappt, die Läden hätten dann ungefähr 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar. Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!

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2 Kommentare zu „Winterschlaf“

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