Kirche. Eine Skizze.

Manche Blogartikel brauchen etwas länger. Dieser gärte drei Jahre. Angeregt wurde ich zu ihm durch Hannes Leitleins Artikel O Gott, was kommt da auf mich zu? in der Christ & Welt 49/2013 über den Zustand der evangelischen Kirche. Ich hatte damals zugesagt, meine Gedanken aufzuschreiben, wie ich mir Kirche vorstelle. Über das Entwurfstadium kam ich allerdings nicht hinaus. Nun bin ich beim „Tag der Inspiration“ der rheinischen Landeskirche im Forum „Geistlich Kirche sein“ mit auf dem Podium und habe die alten Notizen wieder herausgeholt und den Artikel zu Ende geschrieben.

Wie sollte Kirche sein? Yotin hat dies mal ironisch und bitterernst zugleich so gesagt: Ein Ort, an dem ich mich nicht fremdschämen muss. Bei mir setzt Fremdschämen ein, wenn es zu banal und zu betulich wird. Und ich denke, dass es nicht nur mir so geht. Viele Menschen finden in der Kirche nichts mehr – und suchen dort auch gar nichts, weil sie wissen, dass sie dort nichts finden werden – aufgrund der Selbstbanalisierung der Kirche. Lange Zeit war das Stichwort der Selbstsäkularisierung der Kirche en vogue, aber das trifft es meiner Meinung nach nicht. Problematisch sind in meinen Augen eben die Banalisierunsgtendenzen.

Es gibt unzählige Versuche, die Kirche attraktiver zu machen. Doch vieles davon finde ich eher peinlich. Auch wenn ich keine unattraktive Kirche will, ist Attraktivität für mich einfach die falsche Kategorie. Denn Attraktivität ist Geschmackssache. Und Geschmäcker sind stark millieugeprägt. Eine Orientierung an Milieus fördert wiederum Exklusionen und Ausschlüsse. Die Milieurorientierung ist ja auch ein Exklusionsprogramm: alle Milieus, bis auf das gewünschte Zielmilieu, werden bewusst exkludiert, in der Hoffnung, das gewünschte Milieu besser zu erreichen. Kirche hat aber gerade den gegenteiligen Auftrag: integrierend zu sein, ausschließende Grenzen zu überwinden. Und das geht eben am besten dann, wenn sich die Menschen in der Kirche erst gar nicht „einrichten“.

Vor einiger Zeit habe ich auf Twitter dazu ein Zitat dazu gefunden (dessen Quelle ich mir dummerweise nicht gemerkt habe), das genau das ausdrückt, worum es mir geht:

Die Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, ähnelt eher einem Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ als einem Country-Club.

Genau das ist es.

Ich wünsche mir eine heilsame Kirche. Dann ist mir auch egal, welches Etikett sie bekommt: ob „konservativ“, „liberal“ oder „progressiv“, ob „traditionell“ oder „innovativ“.

Denn der christliche Glaube hat vor allem mit Heilung zu tun. Wenn er nicht heilsam ist, kann er nicht christlich sein. Dementsprechend ist der Kern der Kirche, heilsam zu sein – für den Menschen wie für die Erde. Und wie müsste eine solche Kirche aussehen? Hier nun mein Versuch: Sie müsste spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch, gemeinschaftsbildend, erdheilend sein.

Das will ich kurz erklären.

Eine spirituelle Kirche

Eine heilsame Kirche ist sich ihrer spirituellen Tradition bewusst. Das ist mir besonders wichtig: die Wertschätzung von spirituellen Übungen und Übungswegen – wer mag kann es auch Frömmigkeitspraxis nennen. Und da sich das nicht einfach von selbst ergibt, muss es gepflegt und vor allem beigebracht, weitergegeben, vermittelt werden. Die Lehr-Aufgabe der Kirche besteht nicht in erster Linie in Glaubensinhalten, sondern in Glaubenspraktiken: Wie geht Beten? Wie geht Versöhnung? Wie geht Selbstliebe? Wie geht Teilen? Wie geht Fasten? Wie geht Hingabe? Wie geht Widerstand? Und so weiter…

Als zweites geht es um Ritual-Kompetenz, um die Kunst der Inszenierung – und die muss eben gekonnt sein. Das zeigt sich zum Beispiel in der Liturgie. Ich will kein lutherisches Hochamt, schlichte Formen reichen mir völlig, wenn sie denn liturgisch gut sind. Grundregel: Mehr Stille, weniger Logorrhoe. Vor kurzem erzählte mir ein Pfarrer, dass der Karfreitagsgottesdienst zur Todesstunde Jesu der am besten besuchte Gottesdienst (nach Weihnachten) in seiner Gemeinde sei. Weil er existenzielle Dimensionen aufgreift, die liturgisch dort Raum bekommen. Und das ist einer der sperrigsten Gottesdienste überhaupt, das genaue Gegenteil von „spiritueller Wellness“.

Eine weitere Art einer ritueller Kompetenz ist das Feiern des Jahreslaufs, des Kirchen- wie Naturjahres. Denn dies lehrt (mindestens) dreierlei: Gemeinsam feiern ist gut und wichtig. Die immer wiederkehrenden Jahresläufe fördern Vertrauen ins Leben (Genesis 8, 22). Und Natur und Kirchenjahr feiern das Gleiche: die unglaubliche Kraft des Leben.

Eine erfahrungsbezogene Kirche

Ohne Erfahrung ist der Glaube nichts. Egal wie ausgefeilt eine Dogmatik, wie methodisch geschickt ein Glaubenskurs oder wie anschaulich eine Bildungsveranstaltung ist, die eigene Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, sie ist Ausgangspunkt und Ziel.

Doch der Protestantismus ist zu sehr von theologischen Richtigkeiten geprägt und zu wenig von spirituellen Erfahrungen. Gewöhnlich ist es ja sogar so, dass für spirituelle Erfahrungen kaum Platz ist, dazu hatte ich ja schon einmal etwas geschrieben.

Fast alles ist vergeistigt – kaum etwas beseelt oder verkörpert.

Das hat damit zu tun, dass der Adressat klassischer evangelischer Verkündigung immer der Kopf ist – und selbst wenn beispielsweise eine Predigt „ans Herz gehen“ soll, geschieht dies immer mittels kognitiver Reflexion. Es wird dann allenfalls über Gefühle geredet, aber nicht aus ihnen heraus gesprochen, geschweige denn ihnen Raum gegeben. Man mag nun einwenden, dass  eine Predigt ja auch kaum der geeigente Raum dafür ist. Eben, genau darum geht’s. Und das gilt – mit Ausnahme der Kirchenmusik – für fast die gesamte evangelische Angebotspalette.

Nicht nur der Kopf hat seine (eigene) Wahrheit, sondern auch das Herz und der Bauch. Nicht nur Ratio und Intellekt wollen „bedacht“ werden, sondern auch die Seele und der ganze Leib umsorgt. Gefühle und Bedürfnisse, Körperlichkeit und Sexualität, die Verbindung zur Natur – überall lauern geistliche Erfahrungen.

Ein schöne und gleichzeitig sehr einfache Idee, wie der eigenen spirituellen Erfahrung Raum gegeben werden kann, ist beispielsweise die Spiritual Nurture Group der Quäker.

Eine initiatorische Kirche

Initiation meint Einführung – oder Einweihung – ins Leben. Genauer: in die Gehemnisse, wie das Leben so von statten geht.

Eine Besondere Aufgabe der Kirche liegt in der Begleitung bei den Lebensübergängen. Lebensübergänge sind komplexer und sensibler als Lebensphasen, aber gerade deshalb ist die Begleitung dort auch so wichtig. Übergänge sind immer Brüche – und Brüche sind im Geselligkeitsmodell der Vereinskirche nicht vorgesehen.

Gerade bei den Übergängen weist die christliche Tradition einen großen Fundus auf: Zu den klassischen Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung), die viel stärker als Initiationsriten gefeiert werden müssten, kommen „Neue Kasualien“ wie die Einschulung, das Erwachsenwerden (zum Beispiel in der Nacht des Feuers) vielleicht auch mal ein Ritual der Lebensmitte, der Übergang in den Ruhestand, Begleitung bei Verlust, Scheidung, Scheitern… Was bisher fehlt ist die Wiederentdeckung einer ars moriendi. In die Kunst des Sterbens einzuüben ist doch das spirituelle Thema überhaupt, sowohl in übertragener Bedeutung – denn „wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt“ – als auch ganz real bei dem letzten großen Übergang.

Kirche als initiatorische Prozessbegleitung könnte man das nennen.

Eine gemeinschaftsbildende Kirche

Das Wort Gemeinschaft ist sehnsuchtsbesetzt, eine Wärme-Metapher – gerade im kirchlichen Kontext. Doch bei Vielem geht es in meinen Augen eher um Geselligkeit als um Gemeinschaft. Gegen Geselligkeit ist nichts einzuwenden, gar nichts. Es ist nur kein kirchlicher Auftrag. Zudem: Was das Bürgerzentrum, der Karnevalsverein oder von mir aus auch der SPD-Ortsverein anbietet, muss die Kirchengemeinde nicht noch einmal doppeln.

Wie unterscheiden sich Gemeinschaft und Geselligkeit? Meine Faustregel ist: Wenn miteinander geteilt wird, ist es eine Gemeinschaft (und wenn sogar Risiken geteilt werden, ist es eine sehr tiefgehende Gemeinschaft).

Eine Idee, an der ich dran bin (demnächst mehr auf diesem Kanal!), ist die Erneuerung kirchlicher Kreiskultur. Im Kreis zu sitzen, einander zuzuhören und sich mitzuteilen, ist die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Und doch hat der „Kreis“ heute einen schlechten Stand in der Kirche, im Kreis zu sitzen empfinden viele als unangenehm. Aber es gibt gute Ideen, dem „Kreis“ seine gemeinschaftsbildende Kraft zuzückzugeben.

Spannend finde ich hier auch die Frage, welche Art von Zugehörigkeit Menschen überhaupt suchen. Ich glaube, dass es einerseits einen Wunsch nach „intimer“ Zugehörigkeit gibt – kleinere Gruppen so zwischen 10 und 50 Leuten – und gleichzeitig einen Wunsch, zu etwas Großem dazuzugehören. Die angemessennen kirchlichen Sozialformen müssen beiden Rechnung tragen. Konzepte um die Stichworte „cell – cluster – (Gesamt-)church“ finde ich interessant, aber das bräuchte noch einmal einen eigenen Blogbeitrag.

Eine erdheilende Kirche

Diejenigen, denen das alles zu innerlich war und das Politische vermisst haben, können jetzt durchatmen. Zumindest ein Bisschen.

Ich wünsche mir eine gesellschaftsverändernde Kirche, oder etwas pathetischer: eine weltwandelnde, ich lege noch eine Schippe drauf: eine erdheilende Kirche. Das hat vor allem zwei Dimensionen: ein guter Umgang mit Ressourcen aller Art (Nachhaltigkeit) und ein guter Umgang mit Menschen aller Art (Versöhnung).

Wem dies am Herzen liegt, muss schauen, wie es sich bewerkstelligen lässt. Wie kann Kirche wirklich wirksam dazu beitragen, dass die Welt nachhaltiger und versöhnender wird? Das Stichwort „politische Kirche“ ist für mich zu ideologisch aufgeladen, es geht dann immer um „richtig“ und „falsch“ (genauer: um die richtige und falsche Ideologie, welche auch immer das dann konkret ist), und zu wenig darum, was wirksam ist und was nicht.

Eine Voraussetzung für Transformation ist ein einigermaßen geklärtes Selbst. Der Kirche fallen hier zwei Aufgaben zu. Beides sind Aufgaben, die durchaus zu bewältigen sind, sie sind nicht naiv-illusionär. Zum einen muss die Kirche versuchen, selbst so zu sein, wie sie die Welt gerne hätte – also in meinen Augen: nachhaltig und versöhnend. Nur so kann sie zu einer Alternative zu den bestehenden Verhältnissen dieser Welt werden. Dann kann sie auch auf ihre ganzen Kundgebungen und Appelle verzichten (was für eine Erleichterung!). Das Problem ist allerdings, das unsere saturierte Kirche sich viel lieber „im Anschluss an“ (die Gesellschaft, den Staat…) versteht und viel zu wenig „als Alternative zu“.

Zum anderen kann die Kirche bei der Wandlung der Menschen helfen. Der „Große Wandel“ vollzieht sich durch gewandelte Menschen. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wenn es einen Hebel gibt, dann ist es dieser. „Der größte Beitrag zum Frieden ist, in uns selbst Frieden zu machen“, so sagt es Marshall Rosenberg. Hier hat die Kirche die Aufagbe, ihren Mitgliedern – oder all denen, die ihre Nähe suchen – bei ihrer Selbstwerdung zu helfen.

Wie? Indem sie spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch und gemeinschaftsbildend etwas anzubieten hat. Das ist eine ganze Menge, wenn’s gelingt.

Und damit schließt sich mein Kreis.

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2 Kommentare zu „Kirche. Eine Skizze.“

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