Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Nicht die siebte, aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

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Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

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Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

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Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

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Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

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Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

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Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

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