Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.

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3 Kommentare zu „Kirche in Zeiten der Verunsicherung“

  1. Das gefällt mir sehr gut. Kurz gefasst:
    1. Die Menschen lieben und wahrnehmen
    2. Sie ermutigen und stärken
    Nein, das ist von gestern. Das ist von oben nach unten. Heute gilt:
    1. Einander lieben und wahrnehmen
    2. Einander ermutigen und stärken
    3. Miteinander leben und feiern
    Das ist wiederum nur möglich in einer Atmosphäre, die das ermöglicht.
    Stell dir vor, so sieht Kirche aus!

    Gefällt mir

    1. Was mir daran noch wichtig ist: Das soll nicht als moralischer Apell verstanden werden („jetzt nehmt euch mal wahr und liebt einander!“), sondern dazu braucht es tatsächlich konkrete Hilfe: Übungen, Methoden, Ideen, Praxisgruppen… oder noch ganz andere Ideen.

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