Der Kreis & die Kirche

Wir haben über Jahrzehnte den Kreis nicht als ein Kulturgut geschätzt.

Das sagt Christina Baldwin, eine der beiden Autorinnen von The Circle Wayim WDR-Radiofeature „Lebenszeichen“. Der „Kreis“ ist einfach kein Bestandteil unseres westlichen Lebensstils.

Und das gilt gerade auch für die Kirche, zumindest für die hier üblichen, bürgerlich geprägten Varianten von Kirche. Dabei ist im Kreis sitzen, einander zuhören und sich mitteilen die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Natürlich gibt es „Gruppen und Kreise“ zuhauf in der Kirche, aber eben kaum eine echte Kultur des Kreises: hierarchiefreies Reden & Hören ohne Diskutieren, Argumentieren und Rechthabenmüssen. Wo kann ich denn in der Kirche wirklich von Herzen sprechen, etwas Persönliches teilen, mich zeigen – jenseits des Seelsorgegespärchs?

Der Kreis ist weder christlich noch unchristlich, aber wenn ich mich mit christlicher Spiritualität beschäftige, lande ich über kurz oder lang beim Kreis. Denn der Kreis bringt genau das zum Ausdruck, was christlich unter Gemeinde verstanden wird. Und die Idee des Kreises ist so oldschool, das sie schon wieder innovativ ist. Man schätzt eine Kreiskultur aber nur dann, wenn man sie selbst als gut und bereichernd, vielleicht gar als heilsam erlebt hat.

Also habe ich mit der Aufgabe begonnen, Kreis und Kirche miteinander zu versöhnen. Vor gut einem Jahr habe ich hier dazu etwas geschrieben. Der erste Schritt war eine Veranstaltung zu christlicher Kreiskultur zusammen mit Frank Vogelsang, bei der auch Maria Riederer, die Autorin des Lebenszeichen-Beitrags, mit dabei war. Nun wurde der Beitrag gesendet und man kann ihn hier nachhören und hier nachlesen.

Etliche Menschen berichten darin, was sie am Kreis fasziniert, worin für sie das Besondere liegt. Manche meiner O-Töne in dem Radiofeature scheinen mir etwas skeptisch zu sein (so höre ich es zumindest), aber das ist eben dem Umstand geschuldet, „den Kreis“ kirchlich anschlussfähig machen zu wollen. Und auf kirchlichem Parkett sind in Bezug auf Ästhetik, Sprache und Grundduktus ein paar Besonderheiten zu beachten, um nicht gleich unnötigen Widerstand aufzubauen.

Aber all das kommt noch in einem eigenen Blogpost. Im Moment freue ich mich, dass ich etwas zur (Wieder-)Belebung des Kreises beitragen kann. Das Nächste wird eine kleine Handreichung mit den angedeuteten „kirchlichen Besonderheiten“ sein.

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Noch ein paar Links zum Lebenszeichen-Beitrag:

Die Idee des Kreises gehört niemandem, sie ist etwas Menschheitsumspannendes. Es gibt aber einige Linien, die das Kreisgespräch gepflegt, gefördert und auch methodisch formatiert haben.

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CIRCLE WAY: Manitonquat Medicine Story mit seiner Frau Ellika Lindén. Auf deutsch findet man hier weitere Hintergründe.

Ebenfalls mit dem Namen CIRCLE WAY: Christina Baldwin & Ann Linea. Starker Einfluss auf die (amerikanische) Gruppenpädagogik , Team- und Organisationsentwicklung. Ihr Buch „The Cirlcle Way. A Leader in every Chair“ ist gerade auf deutsch erschienen: Circle. Die Kraft des Kreises.

COUNCIL, im Beitrag nur kurz erwähnt, wurde von der Ojai-Foundation, einer kalifornischen Naturspiritualitäts-Schule, geprägt. Das Standardwerk ist „Der große Rat“ von Jack Zimmerman & Virginia Coyle. Ausbildungen in Deutschland im Eschwege Institut bei Holger Heiten. Einführender Artikel von Holger über Council gibt es in der Oya.

CIRCLE OF TRUST, auch nur kurz namentlich erwähnt, heißt der Ansatz des Pädagogen und Quäkers Parker Palmer, der über den „Kreis“ weit hinausgeht. Spannende Themen (samt Fortbildungen) im Zentrum „Courage & Renewal“ (gibt’s etwas Vergleichbares in Deutschland bzw. Europa?).

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