wir und jetzt

Es scheint momentan nicht gut um eine öko-soziale Transformation (aka „Großer Wandel“) bestellt zu sein. Alle Zeichen stehen eher auf eine große Apokalypse. Daher ist mir wichtig, zu verstehen, wie Wandel funktioniert, wie er sich vollzieht, wie er gelingen kann.

Der wohl entscheidenste Punkt ist, zu erkennen, dass wir dieser Wandel sind. Wenn Historiker in ein- oder zweihundert Jahren zurückblicken, werden sie sagen, dass unsere Zeit die entscheidende Zeit gewesen sei. In der das Ruder buchstäblich im letzten Moment herumgerissen wurde. (Es kann natürlich auch sein, dass nicht auf unsere Zeit zurückgeblickt wird, weil da gar keiner mehr ist, der zurückblicken könnte. Sollte aber die Variante eintreten, dass da jemand zum Zurückblicken ist, blicken sie auf uns. AUF UNS!)

Der Wandel ist jetzt. Wir sind schon drin. Wir sind jetzt dran.

Das ist übrigens auch der Titel des aktuellen Berichts des Club of Rome: Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Darin wird beschrieben, dass die jetzt lebenden Generationen die letzten sind, die noch in der Lage sind, die falschen Strukturen lebensdienlichen umzubauen. Und dieser Bericht zum 50jährigen Bestehen des Club of Rome ist hoffnungsvoll: Es ist noch möglich. (Ein Bisschen Hintergrund gibt’s hier in der Frankfurter Rundschau).

Mir ist wichtig, das Narrativ vom Wandel zu bedienen. Wir glauben die Geschichten, die wir erzählen, deshalb ist es nicht unwichtig, welche Geschichten wir erzählen.

Geseko von Lüpke, ein Journalist mit großer Expertise in öko-sozialen Fragen, spricht in einem Vortrag aus dem Jahr 2012 über die „Welt im Übergang“. Der Vortrag lohnt sich, hauptsächlich geht es um die globale Zivilgesellschaft als Träger des „Großen Wandels“ (vor allem 16’20-32’00).

Geseko benutzt in seinem Vortrag etliche Bilder, die ich für diese Wandel-Zeit hilfreich finde, die den Narrativ vom großen Wandel unterstützen. Zwei will ich hier einmal kurz nennen.

Das eine Bild stammt von Joanna Macy. Sie beschreibt die Rolle, die uns in diesem Transformationsprozess zufällt. Wir sind gleichermaßen Sterbehelfer und Geburtshelfer: Sterbehelfer des Alten, Geburtshelfer des Neuen. Und die Pointe liegt darin, dass wir eben beides zugleich sind.

Wir sind heute zugleich Sterbebegleiter – hospice workers – eines alten Systems, alter Weltbilder, überholter Kulturen, und es geht nicht mehr darum, das zu stürzen, dieses alte System, wie man vielleicht in 60er-, 70er-Jahren noch revolutionär und mit roten Fahnen meinte. Sondern es geht eher um die Rolle des Hospizbegleiters, der ein sterbendes System sanft zu Boden bettet und schaut, dass in diesem Zusammenbruch nicht zu viel kaputt geht. Und wir sind gleichzeitig Hebammen – midwives – Geburtshelfer eines neuen Systems: neuer ökonomischer Denkweisen, neu entstehender Lebensstile, neuer Weltbilder. (4’30-5’55).

Das zweite Bild stammt von Nicanor Perlas, Alternativer Nobelpreis-Träger. Er beschreibt die Funktionsweise von so genannten Imago-Zellen, die eine entscheidene Rolle bei der Metamorophose von der Raupe zum Schmetterling spielen. Diese Imago-Zellen beinhalten das Neue, werden aber vom alten System zerstört, zumindest die erste Generation. Doch die Imago-Zellen, die den Bauplan des Zukünftigen enthalten, werden immer mehr, bilden Cluster, infizieren sogar das Immunsystem des alten Systems mit der neuen Idee. Und bringen schließlich das Neue hervor.

Und Nicanor Perlas sagt, dies ist ein absolut identisches Modell zu dem, was in der Welt passiert. Dieses Ausmaß an Vernetzung zwischen diesen einzelnen Clustern von Zukunfts-Zellen, von Imago-Projekten überall in der Welt, ist kurz vor dem Moment des Identitäts-Shifts: Wir sind etwas Anderes. Wir sind eine andere Kultur. Dieses Bild aus der Natur ist ein wunderbares Bild dafür, was wir momentan erleben. Wir sind imaginativ. Wir sind mit allen Projekten, die wir machen, Imago-Zellen. (41’50-45’30).

 

 

 

5 Kommentare zu „wir und jetzt“

  1. Lieber Martin, Ich wünsche dir und deinen Lieben einen gesegneten Jahreswechsel. Ich will auch im nächsten Jahr deine Gedanken verfolgen und mich inspirieren lassen. Ich habe die Hoffnung, dass ich im nächsten Jahr viele Gelegenheiten zu Senfkörnern des großen Wandels haben werde – für mich und die Welt, in der wir leben. Von weihnachtlicher Dankbarkeit erfüllt grüsse ich dich herzlich, mit Gottes Segen, Anja

    Von meinem iPhone gesendet

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  2. Pingback: 2018 – marthori

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