Die Erde spüren

In meiner Übersicht zu den vier Dimensionen des Verbundenseins habe ich bei der Erd-Liebe als eine „Alltagsübung“ das Bauchen erwähnt, aber noch nicht weiter erklärt. Das hole ich nun nach.

„Bauchen: Legen Sie sich mit dem ganzen Körper bäuchlings und lang ausgestreckt auf den Wald- oder Wiesenboden, „Herz an Herz“ mit der Erde. […] Spüren Sie die Erde mit dem ganzen Körper und nehmen Sie diese Lebenskraft mit dem ganzen Körper in sich auf. Lassen Sie sich ruhig viel Zeit, denn diese Übung fühlt sich schön an und wirkt sehr entspannend.“ (S. 85)

Die Übung stammt aus dem Buch Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern von Michael Kalff (*). Ich kann kaum beschreiben, wie schön diese Übung ist. Unbedingt einmal ausprobieren! Natürlich hat jeder schon mal ausgestreckt auf der Erde gelegen, klar. Aber eben nicht bäuchlings, vermute ich. (Noch zwei Tipps dazu: Wenn man länger liegen will, sollte man zwei kleine Thermositzkissen unterlegen. Und man sollte darauf achten, dass man sich eine Stelle aussucht, an der man unbeobachtet ist – auf Rücksicht auf Andere, denn bäuchlings ausgestreckt im Wald liegen kann schon erschrecken!)

Um sich mit der Erde zu verbinden, geht es aber auch deutlich einfacher. Zum Beispiel einfach die Hände auf den Boden legen. Genau das beschreibt Geseko von Lüpke in dem Vortragsvideo, auf das ich kürzlich schon eingegangen bin:

Wenn ich Visionssuchearbeit mache und mal nicht weiter weiß, dann lege ich die Hand auf die Erde, und dann kommen die nächsten Gedanken für das, wie’s grade weitergeht. Also sich beziehen auf das größere Ganze. Und sich mit dem zu verbinden, woher wir kommen und wohin wir gehen (ab 49’20).

Auch Thich Nhat Hanh empfiehlt, sich von der Erde Unterstützung zu holen:

„In Plum Village we do a practice called “Touching the Earth” every day. […] When you feel restless or lack confidence in yourself, or when you feel angry or unhappy, you can kneel down and touch the Earth deeply with your hand.“ (Quelle)

Und in dem zu Beginn erwähnten Naturmeditations-Buch von Michael Kalff wird als Anfangsritual für naturpädagogische Aktionen die Übung „Erde unten den Händen“ beschrieben:

„An einem markanten Punkt Ihres Platzes […] hocken Sie sich zusammen nieder und legen die Hände flach auf die Erde. Dann schließen Sie die Augen, spüren die Erde unter den Händen.“ (S. 14)

Hinter all dem steht die Vorstellung, dass die Erde nicht einfach ein Materiehaufen ist, sondern ein Lebewesen. Es gibt nicht bloß Leben auf der Erde (die Erde wäre dann nur die Bühne, auf der das Stück „Leben“ aufgeführt wird), sondern die Erde selbst lebt, sie ist ein riesiges Lebewesen. Daher kann man sich mit der Lebensenergie dieses Lebewesens verbinden. Oder bildlich gesprochen sogar das Herz dieses Wesens schlagen hören:

Wenn man ein Lebewesen so mit der Hand berührt, zum Beispiel einen Hund oder Menschen, kann man etwas von der Lebensenergie dieses Wesens fühlen. Aber auch die Erde lebt, sie ist ein riesiges großes Lebewesen mit verschiedenen Organen (den Wäldern, den Meeren, den Flüssen, der Luft, den Wolken…) – versuchen Sie, ob Sie etwas von der Lebenskraft der Erde unter den Händen spüren können. Wie die Pflanzen mit ihren Wurzeln dürfen Sie diese Energie durch die Hände aufnehmen. […] Kinder lieben diese Übung. In Kursen der Naturschule erzähle ich oft vom Glauben der Indianer, dass tief unten in der Erde das „Herz von Mutter Erde“ schlägt und das unser Herzschlag ein Echo auf den Puls von Mutter Erde ist. Oft ruft dann ein Kind überrascht aus: Ja – ich spür’s!“. Probieren Sie gemeinsam aus, ob Sie den Puls der Erde fühlen können. (S. 14)

Die Erde ist ein Lebewesen. Eine schöne Vorstellung!

Aber widerspricht das nicht völlig dem christlichen Glauben? Nein, erstaunlicher Weise gar nicht. Die Erde ist eben nicht einfach ein beliebiger Teil der Schöpfung, „sondern sie hat eine Eigendynamik und einen eigenen Status als Mitarbeiterin Gottes bekommen, die aktiv und rezeptiv die Schöpfung miterhält“ (Elisabeth Moltmann-Wendel). Und für Jürgen Moltmann ist die Bedeutung der Gaia-Hypothese – so wird die Annahme genannt, dass die Erde ein sich selbst erhaltendes lebendiges System ist, ein eigenes Lebewesen – sogar „kaum zu überschätzen“. (**)

Man muss allerdings zugeben, dass dieser Gedanke in der christlichen Spiritualität bisher kaum Platz gefunden hat. Deshalb stammt auch keines der hier aufgeführten Zitate aus christlicher Quelle. Was schade ist. Aber vielleicht fangen wir erst einmal damit an, die Erde unter den Händen zu spüren.

***

(*) Michael Kalff: Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern, Herder Verlag, 1998. Mittlerweile ist das Buch neu aufgelegt und als überarbeitete und erweiterte Auflage im Traumzeit-Verlag erschienen, Autoren sind nun Michael Kalff/Jessica Hergesell/Ina Hergesell. Es ist das mit Abstand beste Buch über Naturerfahrungen mit Kindern, leider bin ich erst nach meinen Kita-Wald-Aktionen darauf gestoßen. Wenn man nur ein einziges Buch zu dem Thema kaufen will, dann dieses.

(**) Die theologische Fachzeitschrift „Evangelische Theologie“ hat sich 1993 mit dem Schwerpunkt „Gott und Gaja. Zur Theologie der Erde“ auseinander gesetzt, in der die Gaia-Hypothese positiv rezipiert wird. Darin unter anderem: Elisabeth Moltmann-Wendel, Rückkehr zur Erde, EvTh 53, H. 5, 406-420, S. 419. Jürgen Moltmann, Die Erde und die Menschen. Zum theologischen Verständnis der Gaja-Hypothese, EvTh 53, H. 5, 420-438, S. 429.

4 Kommentare zu „Die Erde spüren“

  1. Diese Erdmeditation gefällt mir, die probiere ich bestimmt mal aus. Die Gaia-Idee kenne ich, finde ich gut und bringe sie hin und wieder in Gespräche ein.

    Ich halte es für falsch, zu versuchen, sie in den christlichen Glauben zu integrieren. Eine Theologie, die das versucht, nährt nur den Vorwurf der Beliebigkeit und Belanglosigkeit, mit dem gerade liberale evangelische Theologie permanent zu kämpfen hat.

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