Grüne Reformation

Seitdem ich auf der Tagung Eine grüne Reformation!? Aufbrüche Ökologischer Theologie in der planetaren Krise im Sommer 2017 in  Hofgeismar von der Idee einer „Grünen Reformation“ gehört habe, geistert mir dieser Gedanke im Kopf herum. Ich habe nun einige Stichpunkte dazu aufgeschrieben. Sie sind mein momentaner Zwischenstand zum Weiter-dran-Rumdenken…

 

1 Die Ausgangslage: Wir sind dran, jetzt.

Die planetaren Grenzen sind erreicht. Nicht weil wir zu viele sind, sondern weil wir falsch leben, wirtschaften, konsumieren, essen.

Wir zählen zu den ersten Generationen des Anthropozäns, einer neuen Stufe im Erdzeitalter, und zu der letzten Generation, die noch in der Lage ist, einen Wandel zu bewirken, um das Weiterleben der Menschheit auf diesem Planeten zu ermöglichen. Das Weiterleben der Menschheit entscheidet sich jetzt. Wir sind dran. Wir und jetzt.

 

2 Wandel statt Veränderung

Veränderungen reichen nicht mehr, es braucht einen wirklichen Wandel: eine sozial-ökologische Transformation.

Das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) spricht in Rückgriff auf Polanyis „Great Transformation“ von der Großen Transformation. Und in der Tiefenökologie wurde der Begriff vom Großen Wandel („Great Turning“) geprägt.

Wandel/Transformation bedeutet etwas qualitativ Neues; Veränderungen fügen lediglich etwas quantitativ Neues dem Alten hinzu, letztlich bleibt aber alles – mehr oder weniger – wie es ist. Ein Wandel ist immer auch ein Sterbeprozess, etwas Altes geht unwiderruflich zu Ende. Daher lösen Transformationsprozesse oft Angst aus.

Wirksamer Wandel geht nicht ohne Bewusstseinswandel. Ein tiefgreifender Bewusstseinswandel ist gerade auch ein spiritueller Prozess.

 

3 Grüne Reformation

Das Schlagwort Grüne Reformation ist griffig  – und es ist geeignet, das Anliegen einer Großen Transformation theologisch, geistlich und kybernetisch aufzugreifen, zu durchdringen und weiter zu entwickeln.

„Seit der Reformation haben wir erkannt: Wir haben einen gnädigen Gott […]. Heute ist die Stunde reformatorischer Erkenntnis: Die Erde braucht einen gnädigen Menschen […].“ (Bärbel Wartenberg Potter). Eine Grüne Reformation ruft auf zur Bekehrung zu Gottes Erde. Die Erkenntnis, dass der Mensch allein aus Gnade gerechtfertigt ist, reicht zum Theologietreiben im Anthropozän nicht mehr aus. Und so rückt neben dem Versöhnungsgeschehen Gott/Mensch nun auch das Versöhnungsgeschehen Mensch/Erde in den Fokus.

In diesem Sinne kann eine Grüne Reformation  die Große Transformation kirchlicherseits begleiten und fördern. Dazu gehört es einerseits, die eigenen geistlichen Traditionen von Schöpfungsliebe und -verantwortung (wieder) zu entdecken, weiterzuentwickeln und anzubieten, und andererseits den Anschluss an gegenwärtige Transformationsbewegungen zu halten und ihre Erkenntnisse und Praktiken in der eigenen kirchlichen Arbeit fruchtbar zu machen.

Daraus folgen theologische, spirituelle und kybernetische Aufgaben (5-7).

 

4 Die gegenwärtige kirchliche Situation

War die Kirche in den 1980er Jahren noch Vorreiter in Sachen „Umweltschutz“ (so hieß das damals), ist ihr mittlerweile nicht nur das Thema weitgehend verlorengegangen, sondern sie hat wenig thematischen Anschluss an die gegenwärtigen Wandel- und Transformations-Bewegungen. Dies sind zum Beispiel: neue pragmatische Nachhaltigkeits-Szenen („ZeroWaste“ etc.); intentionale Gemeinschaften („Ökodörfer“); Konzepte wie Commoning, Gemeinwohlökonomie, Permakultur oder Tiefenökologie mit ihren jeweiligen Szenen; Bewegungen wie Transition Towns, Minimalismus, Maker-/Repair-Bewegung; im Agrarbereich sind es kleinbäuerliche Ansätze wie SoLaWis, aufbauende Landwirtschaft oder Mikroagros.

Es gibt derzeit viel Aufbruch – aber zählen die Kirchen zu den „Laboratorien“ oder „Inkubatoren“ des sozialökologischen Wandels?

Auf der Ebene einzelner Einrichtungen, Werke, Landeskirchen wird das Thema wahrgenommen, entwickelt aber wenig Durchschlagkraft (gute Sachen sind zum Beispiel dies, dies, dies, dies und dies). Auf Gemeindeebene hätte es – in der Masse – genügend Durchschlagkraft, wird dort aber wenig wahrgenommen (kurzer Test: einfach mal in den letzten zehn Presbyteriumsprotokollen alles markieren, was zu Ökologie im Gemeindeleben debattiert oder beschlossen wurde…!).

Auch wenn guter Wille grundsätzlich vorhanden ist, gibt es zahlreiche Transformationsblockaden, die nicht in der Sache begründet sind, sondern in der Art und Weise, wie sich Kirchengemeinden organisieren.

 

5 Theologische Aufgaben

Es gibt derzeit keine inspirierende theologische Debatte, die Kirche und Gemeinde vitalisiert und gleichzeitig anschlussfähig an die „Große Transformation“ ist. In den 1970er Jahre leistete dies die Befreiungstheologie, die sich in ihrer antikapitalistischen und antiimperialistischen Ausrichtung gut mit „Umweltschutz“ verbinden ließ und zudem zu einer Aufbruchstimmung in der Kirche führte.

Theologisch geht es daher nun um die Entwicklung einer Ökologischen Theologie – nicht als neue „Themen-Theologie“, sondern als neues theologisches Paradigma, ähnlich wie die feministische Theologie. (Ein guter Einstieg ins Thema sind die beiden Aufsätze aus der Tagungsdokumentation Grüne Reformation von Jürgen Moltmann: Die ökologische Wende in der christlichen Theologie, S. 27-40 und Dietrich Werner: Brauchen wir eine Ökologische Reformation?, S. 143-154).

„Ein paar grüne Gebete genügen nicht. Nur eine tiefgreifende Veränderung des theologischen Paradigmas – des Anthropozentrismus – der Mittelpunktstellung des Menschen, mit dem wir heute die Welt interpretieren, wird uns herausführen“ (Bärbel Wartenberg-Potter).

 

6 Spirituelle Aufgaben

Eine Grüne Reformation darf nicht vorschnell auf ihre ethische Dimension reduziert werden. Gerade die spirituelle Durchdringung des Großen Wandels ist nötig. Interessanter Weise wird dies in bisher als „säkular“ geltenden Szenen erkannt, siehe zum Beispiel das Stichwort „sacred activism“.

Zudem hat der Protestantismus bis heute ein ambivalentes Naturverhältnis. Natur war lange Zeit etwas Belächeltes (ein kirchlicher Sponti-Spruch der 90er lautete: „Wer Gott im Wald sucht, soll sich auch vom Oberförster beerdigen lasen!“), etwas Gefährliches (dessen Wildheit eingedämmt und begrenzt werden musste), etwas Pittoreskes („Geh aus mein Herz und suche Freud“, Strophen 1-7) oder letztlich etwas Unrelevantes, weil sie nur der irdische Wartesaal für das himmlische Leben darstellte („Geh aus mein Herz und suche Freud“, Strophen 9-15). Genauso wie der Protestantismus de facto immer ein verkorkstes Verhältnis zur Körperlichkeit hatte, wurde auch die Natur spirituell tabuisiert. Alles Naturhafte steht schnell unter Esoterikverdacht (Pantheismus! Panentheismus! Animismus! Naturismus! Theosophie! – aus gut protestantischer Sicht sind dies Irrlehren).

Eine Grüne Reformation braucht eine „erdige“ Frömmigkeitspraxis: Das meint eine Liebe zur Erde (zur Mutter Erde wie zur Muttererde) und bedeutet, sich selbst in erster Linie als „Erdling“ (Geiko Müller-Fahrenholz) zu verstehen.

Es gilt die diesbezüglich fruchtbaren Spiritualitäten wieder zu entdecken. Beispielsweise die Naturverbundenheit des keltischen Christentums, Hildegard von Bingens „Grünkraft“, Franz von Assis Schöpfungsverbundenheit, Teilhard de Chardins evolutionäres Spiritualitätsverständnis, Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“, Matthew Fox‘ Arbeiten zur Schöpfungsspiritualität, die „transformative Spiritualität“ des Ökumenischen Bewegung, Franziskus „Sorge für das gemeinsame Haus“ und viele weitere Ansätze…

 

7 Kybernetische Aufgaben

Für die Kirchengemeinden liegt in einer Grünen Reformation die Chance, das Gemeindeleben zu vitalisieren: In den Gemeinden gibt es – meiner Beobachtung nach – etliche Menschen, die geradezu darauf warten, über die Fragen des ökosozialen Wandels, der damit verbundenen theologischen und spirituellen „Grundierung“ und konkreten Praxisprojekten (wieder) miteinzusteigen. Attraktivität durch Relevanz! Kirchengemeinden können zu schöpfungsspirituellen Lernzentren werden – quer durch die gemeindlichen Handlungsfelder.

Die Homebase des Protestantismus – das satte bürgerliche Milieu – ist letztlich Nutznießer der gegenwärtigen Weltverhältnisse. Gerade hier könnten Kirchengemeinden wirksam werden.

Ein Füllhorn an Anregungen gibt es unter Greening Your Church auf der umfangreichen Webseite „Eco-Justice Ministries“.

 

8 Warum ist dies überhaupt eine christliche bzw. kirchliche Aufgabe?

Zunächst einmal: Das Christentum trägt besondere Verantwortung, weil der gnadenlose Umgang mit der Natur gerade auch auf die Geisteshaltung des Christentums zurück zu führen ist (zum Beispiel Lynn White 1967, Eugen Drewermann 1981). Eine imperiale Lebensweise wird vor allem von protestantisch geprägten Ländern vorangetrieben.

Oft unterschätzt: Das Christentum hat eigene Traditionen und Theologien eines Lebens in Schöpfungsverbundenheit. Es gibt reiche schöpfungsspirituelle Ansätze (allerdings zählen sie nicht unbedingt zum Mainstream).

Der wichtigste Grund: Wandel ist ein geistlicher Prozess und der christliche Glaube ist in seinem Kern ein Transformationsgeschehen. Umkehr, Wandel, Metanoia sind zentrale Themen des christlichen Glaubens.

 

9 Ressourcen der Kirche

Die eigene christliche Tradition ist reich (muss aber wiederentdeckt und fruchtbar gemacht werden).

Das Christentum (als Bewegung) hat sich immer auch als alternative Lebensform verstanden.

Mit ihren eigenen Ressourcen – geistlichen wie infrastrukturellen – kann sich die Kirche nicht nur einbringen, sondern eigene Akzente setzen.

Die Kirchengemeinden verfügen über nicht unerhebliche Flächen an Grund und Boden, die sie so gestalten können, wie sie wollen.

Eine Grüne Reformation kann (wird!) die Kirche vitalisieren und lebendig machen. Und wieder: Es geht nicht in erster Linie um moralisches Tun, sondern um das Feiern des Lebens und um Leben in Fülle.

 

10 Strategisch ansetzen

Grüne Reformation = die „Große Transformation“ in die Breite der Kirche bringen.

Veränderung genügt nicht, es braucht einen wirklichen Wandel. Ein wirksamer Wandel geht nicht ohne Bewusstseinswandel. Ein tiefgehender Bewusstseinswandel ist letztlich ein geistlicher Prozess. Den geistlichen Gehalt entfalten, und nicht vorschnell eine Grüne Reformation „ethisieren“.

Erkunden und experimentieren, wie man den geistlichen Gehalt in konkrete Praxisformen überführen kann.

Möglichst zügig eine kritische Masse aufbauen. Alle wird es eh nicht interessieren, aber das ist auch nicht erforderlich.

 

***

 

Wichtige Literatur

Bertelmann, Brigitte/Heidel, Klaus (Hg.): Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit, München 2018, oekom.

Biel, Michael/Kappes, Bernd/Wartenberg-Potter, Bärbel (Hg.): Grüne Reformation. Ökologische Theologie, Hamburg 2017, Missionshilfe Verlag.

Müller-Fahrenholz, Geiko: Heimat Erde. Christliche Spiritualität unter endzeitlichen Lebensbedingungen, Gütersloh 2013, Gütersloher Verlagshaus.

ACK Region Südwest u.a. (Hg.): erd-verbunden: ökumenisch-geistlicher Weg zur Schöpfungsverantwortung im Anthropozän, 2 Hefte, Infos hier.

Wartenberg-Potter, Bärbel: Bekehrung zu Gottes Erde. Theologische Erwägungen zur ökologischen Krise des Planeten. Deutsches Pfarrerblatt 1/2015.

Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders (Hg.): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, Gütersloh 2017, Gütersloher Verlagshaus.

Schneidewind, Uwe: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels, Frankfurt/Main 2018, Fischer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.