Fürchte dich ruhig!

„Fürchte dich nicht!“ ist das Billy-Regal unter den Seelsorge-Sprüchen. Und in der Corona-Pandemie ist es die Lieblingsphrase von kirchlichem Personal. Antje Schrupp hat diesen Satz zu ihrem persönlichen Unwort des Jahres gekürt:

Als Zuspruch finde ich diesen Satz wirklich ärgerlich. Jemanden, der Angst hat, zu sagen, er solle keine Angst haben, ist wenig hilfreich. Was soll das?

Dass der Satz aus der Bibel stammt, qualifiziert ihn nicht automatisch als Trostspender. Zumal der Satz dort vor allem eine Aussage über Gott ist (ein Gott, vor dem man sich nicht fürchten muss).

„Fürchte dich nicht!“ kommt als seelsorgerlicher Zuspruch daher, aber er ist einfach eine Phrase, die genau das Gegenteil von Seelsorge ist. Der Satz nimmt das Gegenüber nicht ernst und zeugt von einer mangelnden Kenntnis von Gefühlen.

Denn Gefühle lassen sich nicht durch Appell ändern. Auch wenn der Appell sanft formuliert und liebevoll gemeint ist. Gefühle stellen sich weder ein, noch lassen sie sich abstellen, wenn man sie dazu auffordert: „Nun freu dich mal!“, „Sei nicht so wütend!“, „Du musst nicht traurig sein.“, „Fürchte dich nicht!“.

Und selbst wenn es möglich wäre, Furcht einfach abzustellen, wäre es wohl nicht hilfreich. Denn Gefühle gibt es ja nicht ohne Grund. Und der Sinn von Gefühlen ist nicht der, weggemacht zu werden.

Wie könnte denn Zuspruch aussehen?

So paradox es klingt: „Fürchte dich ruhig!“, wäre ein guter Anfang. Du darfst dich fürchten. Auch wenn es ein unschönes Gefühl ist. – Und manchmal geht ein unschönes Gefühl einfach dadurch weg, wenn es da sein darf.

Und dann vielleicht: „Fühle die Furcht!“ Auch dies mag wieder merkwürdig klingen, aber ich kann hinter diese Erkenntnis einfach nicht mehr zurück: Gefühle wollen gefühlt werden. Sie wollen wahrgenommen werden. – Und manchmal ändert sich ein Gefühl einfach dadurch, dass es gefühlt wird.

Der nächste Schritt könnte sein: „Was will deine Furcht dir sagen?“ Die Angst wegmachen wollen – Ablenkung, Abstumpfung, Bekämpfen sind die drei gängigen Mittel – ohne zu hören, was sie einem mitteilen will, ist eigentlich schade. Die Botschaft, die in der Furcht liegt, könnte eine gute Erkenntnis bringen. Meist sagt sie etwas darüber aus, wen oder was man liebt. – Und manchmal verschwindet die Furcht, wenn sie ihre Botschaft überbracht hat und wirklich gehört worden ist.

„Erzähle von deiner Furcht!“ ist eine weitere Möglichkeit. Suche dir jemand, dem du sie zeigen kannst. Der nicht zurückschreckt und sich einfach anhört, was du zu erzählen hast – ohne gleich Taschentücher, Ratschläge oder Bibelzitate zu zücken. Gesegnet der, der solche Menschen hat (und by the way: Das erwarte ich eigentlich von der Kirche, solche Zeigen-und-Hören-Netzwerke aufzubauen, und nicht Bibelzitate zu droppen. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Fass).

Ich weiß, wovon ich spreche, I’ve learned it the hard way. Die Arbeit von Vivian Dittmar und von Marshall Rosenberg haben mich da geprägt und bereichert. Und immer, wenn ich ein „Fürchte dich nicht!“ höre oder lese, werde ich wütend und traurig. Denn ich wünsche mir einen guten – einen lebensdienlichen, heilsamen, reifen – Umgang mit Gefühlen. Und keine Phrasen, auch keine gut gemeinten.

3 Kommentare zu „Fürchte dich ruhig!“

  1. Gerade heute Morgen habe ich mit meiner Partnerin über verdrängte Gefühle gesprochen und wie es mir geholfen, hat in meiner Therapie zu meinen Gefühlen zu stehen. Und wie mein Leben wieder reicher geworden ist nachdem ich nicht nur Wut, Zorn und Trauer fühlen konnte, Sondern auch die Freude ganz neu empfinden. Danke für diese Aspekte zum Umgang mit der Angst. Ich finde, das wir in einer Zeit leben, in der man sich zurecht wohl fürchten kann. Und die Schritte, die du da beschreibst, sind sehr hilfreich.

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  2. „Denn ich wünsche mir einen guten – einen lebensdienlichen, heilsamen, reifen – Umgang mit Gefühlen“ – so sollte es sein. Leider habe ich aktuell die Erfahrung gemacht, dass dies nicht jeder möchte.

    Eine wunderbare Reflexion. Danke.

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