Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Warum ändert man nichts? (activehope #04)

Es ist schon ein bisschen her, dass ich begonnen habe, Joanna Macys Active Hope-Ansatz einmal „durchzubloggen“. Aber nun geht es weiter. Bevor der zweite von vier Schritten dran ist („Den Schmerz würdigen“) gibt es zunächst noch ein paar Hintergründe, warum man sich selbst so oft im Wege steht, etwas (oder sich?) zu ändern.

Joanna Macy nennt sieben Gründe, die unsere Veränderungsbereitschaft blockieren:

  • Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist,
  • ich bin nicht dafür zuständig,
  • ich will nicht auffallen,
  • etwas zu ändern würde meine eigenen Interessen bedrohen,
  • ich fühle mich wie gelähmt und weiß nicht, was ich tun soll,
  • es lohnt sich nicht, etwas zu unternehmen, denn es ändert sowieso nichts,
  • es regt mich so auf, dass ich lieber gar nicht daran denke.

Also: Die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen (1), sie nicht verändern wollen (2-4) oder meinen, sie nicht verändern zu können (5-7) – alles recht hartnäckige Fälle!

Und es gibt einen weiteren, tieferen Grund: Die Angst vor dem Schmerz, wenn man sich wirklich auf das Hin-Sehen und Verändern-Wollen einlässt. Hieraus entwickelt Macy dann den 2. Schritt von Active Hope. Dazu später mehr.

Schon allein diese 7 Blockierungen zu erkennen, ist hilfreich. Denn um sie zu überwinden bedarf es, je nach dem, wozu man tendiert, andere Bewältigungsmechanismen.

Ein gängiges Mittel, um andere zu überzeugen, etwas zu ändern, ist Aufklärung durch Information. Doch genau an dieser Stelle ist Joanna Macy eher skeptisch:

„Organisationen, die sich mit Umweltfragen und sozialem Wandel beschäftigen, tappen häufig in die Falle anzunehmen, die Menschen würden aktiv werden und die Dinge angehen, wenn sie nur wüssten, wie schlimm es steht. Deshalb legen sie das Hauptgewicht darauf, Informationen und Argumente unter die Leute zu bringen und unterstreichen diese noch mit schockierenden Fakten, Grafiken und Bildern. Nun ist es zwar richtig und unerlässlich, das Bewusstsein zu wecken – aber was geschieht, wenn die Leute sich schon so überwältigt fühlen, dass sie das Gefühl haben, noch mehr Kummer und Stress könnten sie gar nicht bewältigen? Oder wenn sie glauben, sie müssten sich gegen negatives Denken schützen? In diesen Fällen erhöht die Präsentation von schockierenden Tatsachen oft nur den Widerstand“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, Stuttgart 2014, S. 74-75).

Bewusstseinweckung ohne Betroffenheitslähmung. Das ist wohl ein schmaler Grat. Oder die Quadratur des Kreises. Und genau das ist Macys Thema.

Aus ihren Überlegungen ziehe ich für mich drei gute Aspekte heraus:

Die eigenen Blockierungen erkennen. Geht nur bei einem selbst, nicht bei anderen. Aber damit sind wir ja auch schon mitten im Thema. Vielleicht hilft es einfach, eine Liste mit den eigenen Blockierungsgründen aufzustellen. Entweder ganz allgemein – hier hatte ich das vor einiger Zeit schon einmal für mich gemacht – oder konkret auf ein Problem bezogen. Gerade dann sind Macys sieben Blockierungsgründe hilfreich.

Dem Phänomen der „erlernten Hilflosigkeit“ begegnen. Dieses Phänomen beschreibt der großartige Jorge Bucay in der Geschichte vom angeketten Elefanten.

Nachzulesen in „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ und zum Mitlesen hier (S. 7-11). Erlernte Hilflosigkeit gründet in mangelnder Selbstwirksamkeitserfahrung, man hat das Gefühl, Veränderung werden grundsätzlich vom Außen bestimmt. Dass Gute daran ist: Man kann es  auch wieder verlernen, eben indem man selbstwirksame Erfahrungen macht. Joanna Macy nennt außerdem noch drei Dinge, die man gut brauchen kann, um handlunsgfähig zu werden: Wissen, Rüstzeug und Verbündete. Ich formuiere es als Fragen:

  • Habe ich das richtige (das heißt: not-wendige) Wissen?
  • Habe ich das richtige (das heißt: not-wendige) Rüstzeug (Fähigkeiten, aber auch Methoden, Tools, Tipps, Anleitungen)?
  • Habe ich die richtigen (das heißt: not-wendigen) Verbündeten?

Und schließlich: Den Mut haben, durch den Schmerz zu gehen. Das mag etwas pathetisch klingen, aber es ist wichtig. Langläufig wollen wir allem Negativen ausweichen. Es ist aber wichtig, das Schmerzhafte, dass sich bei einem Wandel einstellen wird, zu würdigen, es möglichst auch auszudrücken – gleichzeitig aber nicht in ihm zu versinken, sondern durch es durchzugehen. Schon wieder ein schmaler Grat. Um die wandelnde Kraft der Trauer geht es dann im nächsten Blogbeitrag. Und das ist Schritt Nummer 2 vom Active Hope-Vierschritt.

Dankbarkeitsübungen

Nachdem ich über Joanna Macys ersten Schritt ihrer Prozessarbeit („Beginnen mit Dankbarkeit“) und dann noch ein paar grundlegende Gedanken zur Dankbarkeit gebloggt habe („Über die Dankbarkeit“), folgen jetzt noch abschließend ein paar Hinweise zu Dankbarkeitsübungen.

Dankbarkeits-Tagebuch

Die wohl einfachste und bekannteste Übung ist ein Dankbarkeits-Tagebuch. Dazu notiert man jeden Tag (am besten abends) drei Dinge, für die man dankbar ist. Es gibt zahlreiche Varianten: nur eine Sache aufschreiben; so viel aufschreiben, wie einem einfällt; mit bestimmten thematischen Vorgaben; etc. Am besten ist es, diese Praxis über längere Zeit zu machen. Interssant finde ich, dass diese kleine Übung als therapeutische Intervention empirisch untersucht wurde, und von den Probanden selbst nach Beendigung der Untersuchung weitergeführt wurde (Quelle zum Beispiel hier).

dankbar sein für etwas & jemandem dankbar sein

Bei Joanna Macy und Chris Johnstone (Hoffnung durch Handeln, Paderborn 2014) habe ich bei einer Übung den Hinweis gefunden, dass Dankbarkeit letztlich zwei Dimensionen hat: nämlich einmal dankbar für etwas zu sein (also für die konkrete Sache, die einem widerfahren ist) und dann demjenigen dankbar zu sein, auf den dies zurückzuführen ist. Dies kann man gut ins Dankbarkeits-Tagebuch integrieren. Ob ich demjenigen dann auch aktiv und explizit dafür danke, ist noch einmal etwas anderes – hier sollte man sich aber lieber von moralischem Druck befreien. Sonst ist man schnell bei Übungen zum Umgang mit Dankesschuld…

Offene Sätze der Dankbarkeit

Und wenn mir nichts einfällt? Ich würde ja so gerne dankbar sein, aber… Dazu schlägt Joanna Macy eine simple Übunge vor: einfach einen der folgenden Sätze vervollständigen:

„Zu den Dingen, die ich an meinem Leben auf dieser Erde liebe, gehört…
Ein Ort, den ich als Kind märchenhaft empfunden habe habe, war…
Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört…
Jemand, der mir geholfen hat, an mich sebst zu glauben, ist oder war…
Zu den Dingen, die ich an mir schätze, gehört…“ (Macy/Johnstone, S. 55).

Geschenke in meiner Lebensgeschichte

Folgendes habe ich bei Otto Scharmer in seinem Buch über die „Theorie U“ gefunden:

„Gehe von hinten nach vorne durch deine Lebensgeschichte (angefangen mit dem heutigen Tag und so weit zurück, wie du dich erinnerst) und identifiziere dabei die Menschen, die dich auf deinem Weg beeinflusst haben. Frage dich, welches Geschenk du durch deine Verbindung mit diesen Personen erhalten hast. Schließe diese Übung ab, indem du zurück zum Anfang gehst, zu deinen Eltern und deinen frühen Familienerfahrungen. Zähle dann im Kopf alle Geschenke zusammen, die du erhalten hast, und ziehe diese von dem ab, was du heute bist. Häufig wird sichtbar, dass es fast nichts in dir gibt, was du nicht jemandem anders zu verdanken hast“ (C. Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen, Heidelberg 2015, 444-445).

Wie lebt Dankbarkeit in dir?

Diese Frage habe ich in einem Beitrag von Cornelia Timm in dem Buch Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden gefunden. Eine kleine Übung, in der man sich nicht damit beschäftigt, wofür man dankbar ist, sondern erkundet, wie Dankbarkeit in einem lebendig ist. Am besten geht das zu zweit, einer spricht, der andere hört zu, danach wird gewechselt. Es ist eine ungewohnte Fragestellung, ein bisschen „Drauflosreden“ hilft.

Vom Stolz zur Dankbarkeit

Bei Siegfried Essen bin ich auf einen Gedanken gestoßen, der Ausgangspunkt für eine Dankbarkeitsübung ist. Angeregt dazu wurde er von Matthias Varga von Kibéd, der sich wiederum auf ein Zitat von Ibn al Arabi bezieht „Es gibt nur zwei Dinge zu tun, das Notwendige und das Unmögliche.“

„Wenn uns aber das Unmögliche gelingt, so Matthias, dann sind wir nicht stolz, sondern dankbar. Stolz sind wir nur auf Mittelmäßiges. Eine Erfahrung ins Licht halten, bis sie leuchtet. Ich habe daraufhin für mich selbst einmal geschaut, worauf ich stolz bin. Irgend ein Ereignis. Dann habe ich das selbe Ereignis gedreht und gewendet, bis ich dankbar dafür war. So habe ich mit mir selbst narrative Therapie gemacht. Das geht. Und ich versichere euch, es lohnt sich. Es ist, wie wenn man eine Erfahrung in den Himmel hebt. Es leuchtet seither hundert mal so viel. Es nährt“ (Siegfried Essen, Quelle hier).

Was steht meiner Dankbarkeit entgegen?

Unser Verhältnis zur Dankbarkeit ist oft etwas ambivalent. Oder besser ausgedrückt: Die Beschäftigung mit Dankbarkeit löst manchmal ambivalente Gefühle aus. Dann hilft es, zu schauen, was die Unbehaglichkeit auslöst. Will ich Dank aufrechnen? Knüpfe ich unausgesprochene Bedingungen daran, meinen Dank jemanden auszudrücken? Fühle ich mich schuldig, dass es mir so gut geht, bei all der Not und dem Elend in der Welt?

Dankbarkeitsübungen als Achtsamkeitspraxis.

Den Zusammenhang von gratefulness und mindfulness hatte ich ja bereits erwähnt. Auf der Interentseite von David Steindl-Rast gibt es eine Liste mit Übungen, die sich alle ums Innehalten und Wahrnehmen von Dankbarkeit drehen.

Kurzes Fazit

Jeder soll natürlich seine eigenen Erfahrungen machen, aber zwei meiner Erkenntnisse finde ich so interessant, dass ich sie hier gleich mitteile: Dankbar bin ich vor allem für sehr existenzielle und für sehr einfache Dinge. Und häufig sind diese beiden identisch (was die Idee eines einfachen Lebens noch einmal untermauert). Und ich merke, wie stark verbunden (man könnte auch sagen: abhängig) ich mit allem bin. Dankbarkeit wertschätzt die Verbundenheit mit allem, was lebt.

 

Beginnen mit Dankbarkeit (activehope #03)

Joanna Macy beginnt bei ihrer „Arbeit, die wieder verbindet“ mit der Dankbarkeit. Dankbarkeit ist für sie der Ausgangspunkt bei Transformationsprozessen – und nicht etwa die Bestandsaufnahme oder Analyse. Das hat einen ganz funktionalen Grund: „Dankbarkeit steigert unsere Resilienz und stärkt uns dafür, belastende Informationen auszuhalten“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 51). Es hat aber auch einen tieferen Grund: Dankbarkeit ist für sie das Gegenmittel zum Konsumismus. Und das ist in der Tat ein guter Ausgangspunkt für einen „Großen Wandel“.

„Dankbarkeit und Materialismus bieten unterschiedliche Geschichten darüber an, was wir brauchen, um uns sicher zu fühlen. Beim Materialismus beruht die Sicherheit darauf, die richtigen Dinge zu haben […]. Dankbarkeit verschiebt unseren Fokus von dem, was fehlt, zu dem, was da ist. Wenn wir eine kulturelle Therapie entwerfen sollten, die uns vor Depression schützt und gleichzeitig den Konsumismus im Zaum halten hilft, dann werden wir sicherlich die Kultivierung unserer Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden, mit hineinnehmen. Uns zur Kunst der Dankbarkeit zu erziehen ist Teil des Großen Wandels“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 55).

Konsum funktioniert hauptsächlich über Unzufriedenheit. (Es gibt noch weitere Gründe für unser Konsumverhalten, aber dieser ist der wichtigste). Und so ist es die Aufgabe der Werbung, Unzufriedenheit zu wecken.

Was macht zufrieden? Paradoxerweise – sicherlich nicht immer, aber oft – das Reduzieren. Menschen, die fasten, berichten immer wieder, wie zufrieden sie sind. Es muss aber nicht gleich Fasten sein. Vor ein paar Wochen hatte ich hier ein Zitat von David Steindl-Rast gepostet: Verkleinere dein Gefäß. Er fügt noch hinzu: „Es gibt Kulturen, in denen man sich nicht daran freut, wie viel man besitzt, sondern darüber, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 90).

David Steindl-Rast war für mich übrigens die Entdeckung, als ich neben Joanna Macy nach weiteren spirituellen Lehrern suchte, die sich mit Dankbarkeit beschäftigen. „Grateful Living“ ist Steindl-Rasts Lebensthema, sein Netzwerk ein Dorado an Ideen, Erfahrungen und Übungen. Seine Gedanken fügen sich wunderbar zu Joanna Macys Ansatz – was auch kein Wunder ist, denn Dankbarkeit ist eben eine universelle Haltung.

„Dankbarkeit hilft, das nur selbstbezogene Ich zu überwinden“, so Steindl-Rast (S. 95). Sie kann Bitterheit heilen, sie ist das Gegengift zu Groll, sie überwindet Anspruchsdenken. Darüber hinaus stärkt sie unser Zugehörigkeitsgefühl:

„In der Dankbarkeit feiern wir unsere Zugehörigkeit und damit auch unsere gegenseitige Abhängigkeit“ (Steindl-Rast, Einladung zur Dankbarkeit, S. 105).

Und so wirkt sie auch nach außen: „Dankbarkeit motiviert uns, etwas für unsere Welt zu tun“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 58). Dankbarkeit ist eben nicht nur etwas Innerliches, sie eignet sich als Grundlage einer globalen Ethik:

„Grateful living is a universal ethic capable of ushering us peacefully into a new era in which we must share the world’s resources fairly and conserve the environment for future generations“

Dankbarkeit als ein „major key“ bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme – das finde ich wirklich inspirierend, weil es ein ganz anderer Ansatz als üblich ist. Eine Ethik, die bei einer spirituellen Praxis ansetzt.

Zurück zu Joanna Macys Transformationsarbeit: Dankbarkeit ist der erste Schritt ihrer vier-phasigen Spirale. So merkwürdig es auf den ersten Blick erscheint, Dankbarkeit an den Beginn und nicht ans Ende der Arbeit zu stellen, so sinnvoll ist es. Wofür bin ich dankbar? Am besten beginnt man mit den einfachen Dingen. Und die einfachen Dinge sind die existenziellen Dinge. Noch einmal David Steindl-Rast:

„Gratefulness and simple living go hand in hand. When we are grateful, we appreciate life’s free gifts: friendship and solitude; movement and rest; Nature’s bounty and her spare winter introversion; our own alternating sonata movements of joy, sorrow, and joy’s resurgence.“

Wer in diese Richtung weiterstöbern möchte, findet hier sicherlich einiges.

sich ermächtigen für ein gutes Leben

Menschen wollen eigentlich überall

* in Frieden leben – deshalb befreunden sie sich.
* in Wohlstand leben – deshalb helfen sie sich.
* in Muße leben – deshalb verwirklichen sie sich.
* in Gemeinschaft leben – deshalb verständigen sie sich.
* mit der Natur leben – deshalb mäßigen sie sich.
* ihren Kindern eine Zukunft geben – deshalb engagieren sie sich.
* einfach gut leben – deshalb ermächtigen sie sich.

So beginnt das Buch „Selbermachen! Mit Empowerment aus der Krise“ von Meinrad Armbruster. Diese 7 Werte (mit den entsprechenden 7 Fähigkeiten) passen gut zum „Programm“ meines Blogs. Ich habe das Buch gerade quergelesen – und ich freue mich, dass da noch mehr zueinander passt. Meinrad Armbruster spricht in dem Buch durchgängig von „Zeitenwende“ und weniger von „Krise“. So wie Joanna Macy eben vom „Großen Wandel“ spricht. Hier geht es nicht einfach um einen Euphemismus. Während ich „der Krise“ gegenüberstehe wie das Kaninchen vor der Schlange, kann ich „der Zeitewende“ begegnen, indem ich selbst Teil dieser Wende werde. Und hierzu braucht es Selbstermächtigung. Vor allem bei den folgenden drei Aufgaben (S. 113):

  • die eigenen Potenziale/Ressourcen entdecken – trotz aller Ablenkungen um mich herum,
  • das eigene Leben ändern – unabhängig davon, dass „die anderen“ so weiter leben wie bisher,
  • den eigenen Beitrag für die Zeitenwende leisten – auch wenn ich mich unbedeutend und ohnmächtig fühle.

Das schließt ganz gut an den letzten Beitrag „Ein Hebel“ an. Immer wieder taucht auch das Stichwort „Konvivialität“ auf. Das meint ein gutes Zusammenleben, con vivere. Der Begriff wurde in den 1970ern von Ivan Illich geprägt, ist in Deutschland allerdings verhältnismäßig unbekannt. Derzeit erlebt er eine Renaissance als Konvivialismus-Debatte. Interessant finde ich, wie hier Konvivialität beschrieben wird, nämliche als „maß- und genussvolle Lebensart“, als „Kunst der ausgeglichenen Bilanzen“, also nicht auf Kosten Anderer zu leben.

Ich werde mich an diesen Themen weiter abarbeiten…

 

Hoffnungsgründe (activehope #02)

Wie gelingt es, die Hoffnung nicht zu verlieren? Ohne Hoffnung kann ich ja kaum Teil einer Veränderung sein, geschweige denn eines Wandels oder gar des „Großen Wandels“, wie Joanna Macy es nennt. Bevor ich über die vier Schritte von Joanna Macys Ansatz im Einzelnen blogge, springe ich einmal ins 10. Kapitel von „Hoffnung durch Handeln“, in dem Macy dieser Frage nachgeht.

Also: Woher nehme ich Hoffnung?

Eine wesentlicher Punkt ist, sich immer wieder ermutigende Beispiele aus der Geschichte vor Augen zu halten. Macy macht hieraus gleich zwei Punkte, nämlich zum einen nach inspirierenden Beispielen aus der Weltgeschichte zu suchen, zum anderen sich die Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte in Erinnerung zu rufen, in denen sich eine beharrliche Haltung gelohnt hat.

Ich möchte hier noch ergänzen, dass solche  Ermutigungen nicht unbedingt in der Vergangenheit gesucht werden müssen. Gerade ein wacher Blick für das Hier und Jetzt kann zu überraschenden und hoffnungmachenden Einsichten führen (auch wenn gegenwärtig vor lauter Krisen Hoffnung ja schon fast zynisch erscheint): So sind zum Beispiel die extreme Armut und die Kindersterblichkeit auf der Welt deutlich zurückgegangen. Und es gibt Belege, dass wir gegenwärtig in der friedvollsten Phase der Menschheitsgeschichte leben.

Als drittes – neben inpirierenden Beispielen aus der Geschichte und der eigenen Biografie – nennt Joanna Macy das Inbetrachtziehen des Phänomen der diskontinuierlichen Veränderung. Man kann durchaus den Mut verlieren, wenn man Wandel als einen ausschließlich gleichmäßig voranschreitenden Prozess versteht. Denn „neben der gleichmäßigen Veränderung gibt es auch diskontinuierliche, sprich sprunghafte oder nichtlineare, Veränderung. Plötzliche Umschwünge können auf überraschende Weise kommen, Strukturen, die so fest und dauerhaft erscheinen wie die Mauer in Berlin, können in sehr kurzer Zeit zusammenbrechen oder abgerissen werden. Wenn wir verstehen, wie diskontinuierliche Verändrung fuktioniert, bekommen wir wieder ein Gefühl für neue Möglichkeiten“ (Macy/Johnstone 2014: 174-175).

Meist hat dies mit einem „Kipp-Punkt“ zu tun, also mit dem Punkt, ab dem etwas ins Kippen kommt, ab dem eine gewisse Schwelle überschritten ist, hinter der sich die Veränderung nicht mehr gleichmäßig sondern sprunghaft vollzieht. Wir wissen in der Regel nicht, wie groß eine „kritische Masse“ sein muss, um einen Durchbruch zu erzielen, um eine andere Ebene zu erreichen. Aber dieses Phänomen, dass lediglich eine „kritische Masse“ und eben nicht die mögliche Gesamtmasse für einen Wandel erforderlich ist, finde ich ausgesprochen hoffnungsvoll.

Schließlich schlägt Joanna Macy noch vor, der Hoffnungslosigkeit dadurch zu begegnen, dass man selbst Zeuge des Großen Wandels wird. Der Weg entsteht schließlich beim Gehen. Und Alternativen zeigen sich (erst) dann, wenn man nach ihnen sucht. Macy führt noch einen fünften Punkt auf („den Hütern der Schwelle entgegentreten“), aber in meinen Augen ist das eher eine konkrete Übung, ein Tool. Dazu später in einem eigenen Beitrag noch einmal mehr…

Ich möchte noch etwas hinzufügen. Für mich ist es immer wieder hoffnungsstärkend, zu erkennen: Nichts beginnt bei Null. Allerorten gibt es bereits Anfänge, und seien sie noch so klein. Ich muss sie nur suchen, finden – und aufgreifen. Christlich gesprochen könnte man darin auch die Dynamik von „schon“ und „noch nicht“ sehen. Gemeint ist damit das Reich Gottes, das schon angebrochen, aber eben noch nicht vollendet ist. Ich mag diesen Gedanken. In diesem Zusammenhang sind auch viele Gleichnisse Jesu hoffnungsvoll, allen voran das vom Senfkorn: Aus Kleinem kann Großes werden. Beides entspricht meiner Erfahrung. Nicht immer, aber immer wieder.

Hoffnung durch Handeln (activehope #01)

Es gibt zwei Arten von Hoffnung: Eine passive Hoffnung, die etwas erwartet und eine deutlich aktivere Form der Hoffnung, die wünscht und sich sehnt.

„Der eigentliche Unterschied liegt aber darin, wie wir mit unserer Hoffnung umgehen. Passive Hoffnung wartet darauf, dass äußere Wirkkräfte das herbeiführen, was wir uns wünschen. Hoffnung durch Handeln bedeutet, dass wir uns aktiv daran beteiligen, das herbeizuführen, was wir erhoffen“ (Joanna Macy/Chris Johnstone 2014, S. 16).

activehopeDas Zitat stammt aus dem Buch Hoffnung durch Handeln von Joanna Macy und Chris Johnstone. Das klingt etwas appellativ und daher gefallen mir der englische Originaltitel „Active Hope“ und der deutsche Untertitel „Dem Chaos standhalten, ohne verrückt zu werden“ auch viel besser.

Das Buch ist eine Quintessenz des tiefenökologischen Ansatzes, den Joanna Macy seit mehrern Jahrzehnten in unzähligen Workshops der Umwelt-, Friedens- und Versöhnungsarbeit entwickelt hat. Sie nennt diesen Ansatz auch „Die Arbeit, die wieder verbindet“, da genau dies ein wesentlicher Schritt ist, einen wirklichen Wandel herbeizuführen: sich wieder verbunden fühlen mit allem, was lebt und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden, um durch gemeinsames Handelen die Selbstheilungskräfte der Erde zu wecken.

Zweierlei ist für ihren Ansatz wesentlich: Die Wahl, wie wir den Lauf der Dinge sehen wollen („drei Geschichten über unsere Zeit“) und den eigentlichen Prozess, der verbindenden Arbeit („die Spirale der Arbeit, die wieder verbindet“).

Kurz gesagt gibt es drei Möglichkeiten, unsere Welt mit all ihren Krisen und Katastrophen zu sehen (Joanna Macy geht es um die Zerstörung unsere Lebensgrundlagen im weitesten Sinne, aber es gilt für sämtliche Krisen): Wir können so weiter machen wie bisher, eventuell mit der einen oder anderen kleinen Optimierung. Macy nennt diees „Business as ususal“. Wir können oder wollen dabei nicht sehen, dass sich etwas ändern muss. Die zweite Möglichkeit nennt Macy den „fortschreitenden Zerfallsprozess“. Hier sehen wir zwar sehr deutlich, was alles schief läuft, aber wir fühlen uns ohnmächtig. Die Krisen sind so gewaltig, dass wir überwältigt dastehen. Die dritte Geschichte – ja, natürlich ist es die, um die es im Folgenden gehen wird – ist die Geschichte vom „Großen Wandel“:

„Es geht dabei um den Übergang der zum Scheitern verurteilten Wirtschaft der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer das Leben erhaltenden Gesellschaft, mit der wir die Selbstheilungskräfte der Erde unterstützen. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange“ (S. 36).

Alles drei sind Geschichten, Erzählungen, Narrative über unsere Welt. Die Welt selbst ist nicht so, sondern es sind drei verschiedene Varianten, wie wir die Welt und uns darin sehen (wollen). Wir haben die Wahl, welche Geschichte wir erzählen wollen.

Aber was tun, um aus dem „business as usual“ auszusteigen und und nicht der Geschichte vom „fortschreitenden Zerfallsprozess“ zuviel Glauben zu schenken? Wir kommen zum Kern von Active Hope: „Hoffnung durch Handeln ist eine Praxis. Wie Tai Chi oder Gartenarbeit ist es eher ein Tun als etwas, was wir haben. Sie besteht in einem Prozess, den wir auf jede Situation anwenden können.“ (S. 17).

Dieser Prozess besteht aus vier aufeinanderfolgenden Schritten:

  • Dankbarkeit,
  • den Schmerz um die Welt würdigen,
  • mit neuen Augen sehen,
  • Weitergehen und Handeln.

Diese vier Schritte sind die Verdichtung von Macys jahrzehntelanger Erfahrung in der Tiefenökologie. Die Phasen sind eine „Quelle der Stärkung und der Erkenntnis“. Sie sollen uns ermutigen, immer wieder zu erkennen, „dass wir größer, stärker, tiefgründiger und kreativer sind, als man uns im Laufe unserer Erziehung zu glauben gelehrt hat“ (S. 45). Spiralförmig ist der Prozess deshalb, weil weder eine lineare noch eine zyklische Sicht der Dinge vorherrschen. Man kann auf dieses Modell immer wieder zurückgreifen und es auf nahezu jede Situation anwenden: für das eigene Tun, als Reflexionsmodell für Initiativen, für die Gestaltung von Workshops, als didaktische Kategorien in der Bildungsarbeit, als therapeutischen Ansatz, als spirituelles Programm.

Was mich an Joanna Macys Ansatz fasziniert? Macy geht es bei „Active Hope“ nicht um Optimismus, sondern um Absicht. Dies ist ein ganz entscheidender Schlüssel (mag er auch schlicht sein). Und die vier Schritte ihrer Arbeit unterscheiden sich deutlich von gängigen Problemlösungsansätzen. Es ist ein Transformationsansatz, der gerade dadurch kraftvoll sein kann, wenn er mit spirituellen Traditionen verbunden wird. Joanna Macy entwickelt ihre Arbeit aus ihrem buddhistischen Hintergrund. Ich wiederum erkenne – gerade in den vier Schritten – deutliche christliche Essentials.

Daher will ich über die Dankbarkeit, den Schmerz, das Sehen mit neuen Augen und das Weitergehen nach und nach bloggen: über Macys Ideen und meine christliche Sicht einer aktiven Hoffnung.