Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.

Sachenmachenliste und Büchergelesenhaufen 2016

Huuu, neues Jahr! Schnell noch der Rückblick. Diesmal in zweifacher Ausführung.

Hier erstmal der Rückblick auf die 2016er-Sachenmachen-Liste:

Diesen Blog habe ich – meinen geringen Kenntnissen entsprechend – etwas aufgehübscht. Etwas professioneller soll’s noch werden, das steht noch aus. Aber er soll als Blog erkennbar sein, ganz oldschool. — Im Hohen Venn waren wir, sogar zweimal. Schön da. — Ich habe an insgesamt 5 Seminaren teilgenommen (geplant waren 6), volles Programm. Und siehe, es war sehr gut. Sehr sehr. Thematisch drehte es sich dabei immer um Wandel & Transformation. Viel erfahren und gelernt, und auch auf einer Meta-Ebene prägend (ich bin ja selbst in der Bildungsarbeit tätig und gucke mir gerne was ab). —  Das Sommerfest wurde ein Herbstfest, richtig schön. Und so einfach: Termin festlegen, anderen Kita-Eltern bescheid geben, Kaffeemaschine im Garten installieren und Feuer anmachen. Fertig. — Ich bin ja kein großer Bibelleser (die Geschichten und die Weisheit finde ich toll, aber sowohl als literarisches Werk wie auch als heiliges Buch ist es für mich immer wieder schwierig), daher ab und an mal bestimmte Leseabsichten. Und hier bin ich auf eine wirklich interessante Idee gestoßen: alles, was Jesus gesagt hat, rot markieren. Also eine selbstgemachte Red-Letter-Edition. Noch lange nicht fertig, aber erkenntnisreich. — Das Lastenfahrrad ist noch nicht gekauft, ich liebäugle mittlerweile auch viel mehr mit einem E-Bike samt einem Kindersattel auf dem Oberrohr. — Das Familienseminar bei Sobonfu war richtig gut. Und bei uns reift die Idee, aus dem Format „Familienseminar“ bzw. „Familien auf Seminare“ etwas zu machen. — Sich mit dem Thema Zucker zu beschäftgigen war ein echter Augenöffner (hinter die Erkenntniss, dass eine handeslübliche Tafel Schokolade aus 50g – also der Hälfte! – an Zucker besteht, kann ich nun nicht mehr zurück). Aber zuckerfrei kann und will ich nicht. — Kohlenstofflich habe ich dieses Jahr Jan, Wolfgang, Yvonne, Sandra und Konrad aus meiner Twitteria kennengelernt, beim EmergentForum war ich leider doch nicht. — Ja, und der gute Ort, das wird. Sowohl an Ideen als auch konkret.

Ob es für dieses Jahr auch wieder eine Sachenmachenliste gibt? Ich weiß es noch nicht… Aber jetzt kommt Teil II des Jahresrückblicks:

Das hier sind die Bücher, die ich im letzten Jahr gekauft habe. Nicht alle ganz durchgelesen (Sachbücher lese ich eh nicht linear und außerdem hat Marshall McLuhan ja völlig recht!), aber zumindest erkenntnsigewinnend gelesen. Darum geht’s ja. Ich klage ja immer darüber, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, aber mir scheint die These doch nicht ganz haltbar zu sein:

wp_20170104_007Ich will hier jetzt keine Buchbesprechung zu jedem einzelnen machen, nur ein paar rückblickende Beobachtungen aufzählen:

Ja, es sind ausschließlich Sachbücher. Zum Belletrsitiklesen habe ich einfach zu wenig Ruhe. Es gibt ein paar Bücher, die ich aus rein privatem bzw. aus rein beruflichem Interesse lese (letzteres waren eher Bibliotheksbücher, die sind hier nicht mit dabei), aber eigentlich ist das nur schwer zu trennen. Meine privaten und beruflichen Themen sind auch nicht immer zu trennen. Und das finde ich sehr gut so.

Die oberste Reihe sind die Bücher rund um Familie. Man erkennt wohl die Artgerecht/Achtsamkeits-Tendenz. „Wurzeln & Flügel“ habe ich gleich als Tipp in meinem Familienspiritualitäts-Blogpost aufgenommen. Den Doppelband von Joseph Cornell zur Naturerfahrung mit Kindern habe ich mir zugelegt, weil ich eine Waldgruppe in der Kita mache – und musste feststellen, dass Wald solch ein Selbstläufer ist, dass man gar keine Naturspiele braucht.

(Was hier völlig fehlt sind die Kinderbücher. Die meisten leihen wir uns zudem aus der Bibliothek aus)

Das Thema gewaltfreie Kommunikation brachte meine Frau letztes Jahr mit. Ich bin begeistert – weniger als Kommunikations-, sondern als Selbsterkundungsmethode. Und man kann sehen, wie vielseitig die GfK ist. Zwei Bücher (oben rechts) gehören in die Familienreihe, der Übungsbuch-Klassiker ins dienstliche Bücherregal und das „Exerzitien“-Buch nutzt GfK als spirituellen Übungsweg.

Wandel & Transformation – das ist die mittlere Reihe. Durchgearbeitet habe ich die beiden wirklich dicken Schinken von Ursula Seghezzi. Da mich die Frage interessiert, wie/ob ihr Lebensrad mit dem christlichen Kirchenjahr vereinbar ist, musste ich mir noch den Bieritz als Nachschlagewerk dazu kaufen. Zur Frage (bzw. dem Problem) des Naturbezugs des Christentums ist Hans-Joachim Werners „Eins mit der Natur“ ein wunderbarer Türöffner. Und ein Augenöffner ist Vivian Dittmars Gebrauchsanweisung für Gefühle. Dieses Buch, in dem Gefühle als „soziale Kräfte“ und der Umgang mit ihnen vorgestellt werden, ist gerade in unserer postfaktischen Zeit unendlich wichtig. Denn jetzt werden ständig auf ziemlich dumme Art „Vernunft“ und „Gefühle“ gegeneinander ausgespielt, sehr gefährlich! Lesen, lesen, lesen – am besten in Kombination mit Marshall Rosenberg! Über das Buch von Diana Richardson, das letzte in dieser Reihe, schweige ich mich hier aus : ))  Ich empfehle aber, in die Materie einzudringen.

Christliche Spiritualität & weitere Weisheitstraditionen. Dazu gehören auch die gerade erwähnten Bücher zur Natur, zum Kirchenjahr und das Exerzitien-Buch. Über eine „Spirituality of Food“ schreibt die Quäkerin Lisa McMinn. Die Bücher von David Steindl-Rast und Henri Nouwen habe ich hier im Blog ja schon vielfältig verarbeitet. Das steht für das Buch von Richard Rohr über das falsche und das wahre Selbst noch aus. Das Buch werde ich mir nochmal als Passions-Lese vornehmen. Richard Rohr setzt hier Christi Sterben und Auferstehung in Bezug zum Sterben des Egos und der Auferstehung des Selbst. Zu gegebener Zeit dazu mehr hier im Blog. Dann noch ein paar Bücher zu anderen Weiheitstraditionen, vor allem John O’Donohues Anam Cara (das nicht unchristlich, aber vor allem keltisch ist) fehlte noch im Bücherregal.

Last but not least gleich vier Bücher aus dem Drachenverlag, meine Entdeckung des letzten Jahres. Der Drachenverlag gibt auch die OYA heraus und ich könnte glatt das halbe Sortiment aufkaufen (natürlich neben dem Sortiment des Arbor-Verlags – dieses Jahr nur ein Buch von dort, aber ein ganz wichtiges). Über Wendel Berrys „Körper und Erde“ ist auch schon ein Blogbeitrag in Arbeit, das Schwitzhüttenbuch wird mögen, wer Schwitzhütten mag und bei der Permakultur will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Prinzipien (über den Ökoanbau hinaus) generell als Bausteine für „gutes Leben“ taugen.

Warum ändert man nichts? (activehope #04)

Es ist schon ein bisschen her, dass ich begonnen habe, Joanna Macys Active Hope-Ansatz einmal „durchzubloggen“. Aber nun geht es weiter. Bevor der zweite von vier Schritten dran ist („Den Schmerz würdigen“) gibt es zunächst noch ein paar Hintergründe, warum man sich selbst so oft im Wege steht, etwas (oder sich?) zu ändern.

Joanna Macy nennt sieben Gründe, die unsere Veränderungsbereitschaft blockieren:

  • Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist,
  • ich bin nicht dafür zuständig,
  • ich will nicht auffallen,
  • etwas zu ändern würde meine eigenen Interessen bedrohen,
  • ich fühle mich wie gelähmt und weiß nicht, was ich tun soll,
  • es lohnt sich nicht, etwas zu unternehmen, denn es ändert sowieso nichts,
  • es regt mich so auf, dass ich lieber gar nicht daran denke.

Also: Die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen (1), sie nicht verändern wollen (2-4) oder meinen, sie nicht verändern zu können (5-7) – alles recht hartnäckige Fälle!

Und es gibt einen weiteren, tieferen Grund: Die Angst vor dem Schmerz, wenn man sich wirklich auf das Hin-Sehen und Verändern-Wollen einlässt. Hieraus entwickelt Macy dann den 2. Schritt von Active Hope. Dazu später mehr.

Schon allein diese 7 Blockierungen zu erkennen, ist hilfreich. Denn um sie zu überwinden bedarf es, je nach dem, wozu man tendiert, andere Bewältigungsmechanismen.

Ein gängiges Mittel, um andere zu überzeugen, etwas zu ändern, ist Aufklärung durch Information. Doch genau an dieser Stelle ist Joanna Macy eher skeptisch:

„Organisationen, die sich mit Umweltfragen und sozialem Wandel beschäftigen, tappen häufig in die Falle anzunehmen, die Menschen würden aktiv werden und die Dinge angehen, wenn sie nur wüssten, wie schlimm es steht. Deshalb legen sie das Hauptgewicht darauf, Informationen und Argumente unter die Leute zu bringen und unterstreichen diese noch mit schockierenden Fakten, Grafiken und Bildern. Nun ist es zwar richtig und unerlässlich, das Bewusstsein zu wecken – aber was geschieht, wenn die Leute sich schon so überwältigt fühlen, dass sie das Gefühl haben, noch mehr Kummer und Stress könnten sie gar nicht bewältigen? Oder wenn sie glauben, sie müssten sich gegen negatives Denken schützen? In diesen Fällen erhöht die Präsentation von schockierenden Tatsachen oft nur den Widerstand“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, Stuttgart 2014, S. 74-75).

Bewusstseinweckung ohne Betroffenheitslähmung. Das ist wohl ein schmaler Grat. Oder die Quadratur des Kreises. Und genau das ist Macys Thema.

Aus ihren Überlegungen ziehe ich für mich drei gute Aspekte heraus:

Die eigenen Blockierungen erkennen. Geht nur bei einem selbst, nicht bei anderen. Aber damit sind wir ja auch schon mitten im Thema. Vielleicht hilft es einfach, eine Liste mit den eigenen Blockierungsgründen aufzustellen. Entweder ganz allgemein – hier hatte ich das vor einiger Zeit schon einmal für mich gemacht – oder konkret auf ein Problem bezogen. Gerade dann sind Macys sieben Blockierungsgründe hilfreich.

Dem Phänomen der „erlernten Hilflosigkeit“ begegnen. Dieses Phänomen beschreibt der großartige Jorge Bucay in der Geschichte vom angeketten Elefanten.

Nachzulesen in „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ und zum Mitlesen hier (S. 7-11). Erlernte Hilflosigkeit gründet in mangelnder Selbstwirksamkeitserfahrung, man hat das Gefühl, Veränderung werden grundsätzlich vom Außen bestimmt. Dass Gute daran ist: Man kann es  auch wieder verlernen, eben indem man selbstwirksame Erfahrungen macht. Joanna Macy nennt außerdem noch drei Dinge, die man gut brauchen kann, um handlunsgfähig zu werden: Wissen, Rüstzeug und Verbündete. Ich formuiere es als Fragen:

  • Habe ich das richtige (das heißt: not-wendige) Wissen?
  • Habe ich das richtige (das heißt: not-wendige) Rüstzeug (Fähigkeiten, aber auch Methoden, Tools, Tipps, Anleitungen)?
  • Habe ich die richtigen (das heißt: not-wendigen) Verbündeten?

Und schließlich: Den Mut haben, durch den Schmerz zu gehen. Das mag etwas pathetisch klingen, aber es ist wichtig. Langläufig wollen wir allem Negativen ausweichen. Es ist aber wichtig, das Schmerzhafte, dass sich bei einem Wandel einstellen wird, zu würdigen, es möglichst auch auszudrücken – gleichzeitig aber nicht in ihm zu versinken, sondern durch es durchzugehen. Schon wieder ein schmaler Grat. Um die wandelnde Kraft der Trauer geht es dann im nächsten Blogbeitrag. Und das ist Schritt Nummer 2 vom Active Hope-Vierschritt.

Exerzitien der Nächstenliebe

Endlich!, habe ich gedacht. Endlich verknüpft mal jemand gegenwärtige Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung mit biblischer Weisheit und macht daraus ein richtiges Übungsprogramm! Michael Pflaum, katholischer Priester aus Erlangen, fügt Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation, Byron Katies The Work und Ishin Yoshimotos Naikan zu „Exerzitien der Nächstenliebe“ zusammen.

ExzdNl„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Richtet nicht! Vergib dem Nächsten! Liebet eure Feinde! Seid dankbar! Die Goldene Regel. Das sind zentrale Aspekte der Ethik Jesu. Allgemein wissen wir das.

Aber wie können wir das konkret umsetzen? In den letzten 40 Jahren sind drei Übungswege neu entstanden, die alle drei auf ihre Weise helfen, die Nächstenliebe zu fördern – ganz konkret im Alltag: Gewaltfreie Kommunikation, Naikan und The Work. Sie setzen Jesu allgemein formulierte Ethik in durchführbare Übungswege um. Zusammengenommen ergeben die drei Wege eine besondere Art von Exerzitien der Nächstenliebe“ (Klappentext).

Das ist eine gute Frage: Wie geht denn dieses „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“ Im kirchlichen Kontext verhält sich die rhetorische Postulierung solcher Spitzensätze wohl umgekehrt proportional zur Befähigung, sie tatsächlich umzusetzen. Doch wenn man den Verkündigungsauftrag der Kirche ernst nimmt, geht es eben nicht darum, „Wahrheiten“ kund zu tun, sondern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie Wirklichkeit werden können. Erst dann sind sie „wirklich wahr“.

Dazu braucht es Übung. Und Übungen. Ohne geht es nicht. Und alle drei – Naikan, The Work und die GfK – bieten diese Übungen. Sie sind nicht einfach „Verfahren“, sie sind im Grunde Übungswege, fast schon spirituelle Übungswege. Gerade dadurch entfalten sie ihre eigentliche Kraft. Gewaltfreie Kommunikation kann man entweder als etwas gekünstelt wirkendes Kommunikation-Tool verstehen – oder als Erkundung der eigenen Bedürfnisse und Versöhnung mit den Bedürfnissen des Gegenübers. The Work ist heilsam, weil es durch das Aufdecken von Projektionen zurück zur eigenen Handlungsfähigkeit führt, also ermächtigend ist. Und Naikan führt einem das gegenseitige Geben und Nehmen vor Augen und lässt uns barmherziger werden. Alle drei Ansätze arbeiten mit der Grundunterscheidung zwischen „das, was ist“ und „das, was ich darüber denke“. Dies zu kapieren ist wohl eine der wichtigsten Lektionen im Leben – und sie tatsächlich zu beherzigen braucht sehr, sehr viel Geduld, Übung und Selbstannahme…

Michael Pflaums Exerzitien der Nächstenliebe sind in mehrfacher Hinsicht großartig:

Sie bieten Hilfe, christliche Ethik wirklich zu leben – und dabei bei sich selbst anzufangen. Denn an beidem scheitert es häufig. Bei der Umsetzung weiß man nicht so recht, wie’s geht und man verkennt, dass Wandel bei sich selbst anfängt. (Und daher landen wir so schnell beim Gegenteil: statt zu üben diskutieren wir lieber und statt bei uns selbst wollen wir beim Anderen anfangen.)

Sie verbinden gegenwärtige Transformationsansätze mit christlicher Weisheit – zu beiderseitigem Nutzen. So wird zum Beispiel die Geschichte vom verloren Sohn unter Naikan-Fragen betrachtet oder bei Marias & Marthas Auseinandersetzung kommt die Rosenberg’sche Unterscheidung von Bedürfnis und Strategie zum Einsatz. Und umgekehrt werden die drei genutzten Ansätze im Lichte der biblischen Botschaft betrachtet. (Michael Pflaum zeigt zum Beispiel deutlich die Grenzen von The Work auf – solch eine fundierte und redliche Kritik an Byron Katies Werk habe ich bisher noch nirgends gefunden.)

Die Exerzitien der Nächstenliebe sind didaktisch gut durchdacht. Die Abfolge der Lektionen ist sinnvoll, es gibt sogar eine jahreszeitliche Dramaturgie (wenn man sie denn nutzen will) und die einzelnen Schritte sind gut verwoben. Wenn zum Beispiel im Naikan die „vierte Frage“ („Welche Schwierigkeiten bereitet mir der Andere?“), auf die ja gerade verzichtet wird, immer wieder aufploppt, kann sie mit The Work näher angeschaut werden.

Unsicher bin ich mir, ob das Buch nicht zu viel will. Denn die drei Wege müssen ja – wenn auch Schritt für Schritt – erst einmal erklärt werden. Und man muss die oft ungewohnten Sichtweisen an sich heranlassen. Ich weiß noch, wie lange ich Byron Katies Idee umrundet habe, bis ich mich tatsächlich mal darauf eingelassen habe („Mit Projektionen kenn‘ ich mich doch aus, die habe ich im Griff, muss mir doch keiner sagen!“). Andererseits: Vielleicht können diese Nächstenliebe-Exerzitien genau hier etwas Besonderes leisten. Nämlich Menschen an diese Ideen sanft heranzuführen, im Wissen, dass sie sich auf dem Boden christlicher Spiritualität bewegen.

Das einzige Manko an diesem Buch ist das Layout. Nun, sagen wir so, es gibt eigentlich gar kein Layout. Es ist eher eine Manuskriptfassung, durch die man sich durchquälen muss. Das Buch ist eine Eigenpublikation bei Books in Demand. Vielleicht gibt es ja eine zweite, etwas lesefreundlichere Auflage? Patmos, Koesel oder Herder müssten sich doch die Finger danach lecken!

Äußeres & Inneres

Über die Wandlung von der ersten zur zweiten Lebenshälfte habe ich ja vor Kurzem schon einmal gebloggt. Nun bin ich auf ein Interview mit dem Resilienzforscher Harald Katzmair gestoßen (ich kannte ihn bisher nicht), der hier sogar von einem „fundamentalen Bruch“ spricht:

„Mit dem Wechsel der Lebenshälften gibt es einen klaren Bruch. Die Psychologie des ersten Lebensabschnittes unterscheidet sich von der des zweiten Lebensabschnittes. Die Bedeutung des Äußeren tritt zurück. Entscheidend ist, wie man mit diesem fundamentalen Bruch umgeht.“

Inneres und Äußeres ändern ihre Prioritäten. Will man sich weiterhin künstlich am Äußeren festhalten, mag das zwar bequem sein, verschließt aber den Zugang zu der inneren Entwicklung. Umgekehrt gilt das auch: Wenn ich mich meiner inneren Reise verweigere, bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Glück im Außen zu suchen, ich spiele zwangsläufig mit im Spiel um Konsum und Statussymbolen – und wenn ich dort nicht mehr mithalten kann, bleibt mir nur der Platz als Verlierer.

Interessant finde ich, dass Katzmair nicht beim Individuellen bleibt, sondern gerade die gesellschaftliche Bedeutung in den Blick nimmt:

„Wer sich der inneren Reise verweigert und sich nicht mit Äußerem ablenken kann, wird aggressiv und aversiv, ein „Wutbürger“. Wer die Enttäuschungen, Kränkungen und Rückstellungen des Lebens nicht verarbeitet, sieht sich entweder als Versager oder als Opfer. Beides ist hochproblematisch für die Betroffenen und die Gesellschaft.“

Es gibt dann also zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Die eine Lösung, die natürlich keine Lösung ist, hieße „Brot & Spiele“. Wer sich der Entwicklung verweigert, lenkt sich soweit mit Äußerlichkeiten ab, dass er ruhiggestellt ist und keinen weitweren Schaden anrichtet. Wie gesagt, keine wirkliche Lösung, aber ich glaube, dass dies genau die Lebensphase von nicht wenigen Menschen in der zweiten Lebenshälfte beschreibt. Die andere ist, die Abenteuer-Reise nach Innen anzutreten. Katzmair bietet dazu keine konkrete Ideen, aber etliche kluge Hinweise. Das Interview ist nicht lang und wirklich lesenswert.

Für mich ist es noch einmal eine Bestätigung, dass gesellschaftlicher Wandel – denn auch unsere Wohlstandsgesellschaft braucht dringend ihre „innere Journey“, wie Katzmair es sagt – letztlich nur durch den Einzelnen gelingen kann. Auch hierzu hatte ich schon einmal kurz etwas gebloggt.

Vor einiger Zeit bin ich auf eine Liste mit Fragen gestoßen, die ich sehr, sehr hilfreich finde, um seine eigene Entwicklung zu erkunden. Durch die Beschäftigung mit der „Theorie U“ (demnächst noch mehr dazu) bin ich auf die „U Journaling Practice“ gestoßen. Es geht um ein „guided journaling“, also um eine geführte (= fragengestützte) Erkundung, die man schreibend angeht.

Die vorgeschlagenen 17 Fragen finde ich gehaltvoll und tiefgehend. Sie folgen einer gewissen Dramaturgie (eben des Konzepts der besagten „Theorie U“), die man aber gar nicht zu verstehen braucht, um die Fragen zu beantworten. Man kann gleich auf die zweite Seite zu den einzelnen Fragen springen. Empfohlen wird, die Fragen in einem Rutsch und ohne langes Überlegen zu beantworten. Das fiel mir allerdings schwer, ich habe mir für jede einzelne Frage genügend Zeit genommen.

Ich finde, dass diese Erkundung eine ganz passable Reisevorbereitung darstellt.

Familiäres Barcamp

Am Freitag war ich auf dem openTransfer-Camp zum Thema Familie. Hauptsächlich ging es um Frühe Hilfen – also nicht mein unmittelbares Thema – aber beruflich versuche ich gerade, mir einen Einstieg in die sozialethischen Facetten rund ums Familienleben zu erarbeiten. Und da ich die openTransfer-Camps wunderbar finde und Barcamps für mich ein guter Denk-Inkubator sind, war ich dabei. Ein paar meiner Erkenntnisse halte ich einmal hier fest. Es ist aber kein recap des Barcamps, sondern es sind einfach meine learnings.

Resilienz durch Unperfektheit.

Das Barcamp fand in Essen im Unperfekthaus statt. Eine tolle Location, und programmatisch gibt es wohl keine bessere für ein Barcamp. In einer Session ging es um das Unperfektsein im Parenting. Es wurde eine Studie erwähnt (die ich leider nicht mehr benennen kann), in der das Lautieren von der Mutter mit ihrem 4-monatigem Baby (ja, es ging anscheinend nur um die Mütter…) als ein Indikator für das spätere Bindungsverhaten gesehen wird. Die Kinder der Mütter, die mit ihrem Kind nicht Mitbrabbeln und es nicht beachten, entwickeln ein problematisches Bindunsgverhalten. Das ist noch nicht überraschend. Allerdings entwickeln auch die Kinder, deren Mütter (übertrieben) perfekt auf ihr Kind eingehen, eine ambivalente Bindung. Am besten stehen die Kinder da, deren Müttter zugewandt, aber dabei auch immer wieder „unperfekt“ waren. Eine gute Erkenntnis, finde ich. Ich überspitze sie einmal und behaupte: Unperfektheit schafft Resilienz.

Bildung ist Teil des Problems.

Taucht der Begriff „Bildung“ im Zusammenhang mit Frühförderung auf, wird er fast immer als funktionale Bildung (miss)verstanden. Der Englisch-Kurs in der Kita. Spielzeug, das besondere Fähigkeiten schulen soll. Und so weiter. Bildung wird ja gern als Allheilmittel propagiert: Kein gesellschaftliches Defizit, das nicht durch eine ordentliche Portion Bildung behoben werden könne. Doch vor der Bildung kommt erst einmal die Bindung. In meinen Augen ist Bildung für eine gute kindliche (nein, menschliche) Entwicklung das nachrangigere Konzept. Bindung (zu Vater und Mutter, zu Freunden und Familie, mit der Natur, zur Welt) kommt vor Bildung. Die Mittelschichts-Eltern – die gesellschaftlich den Ton angeben – haben aber tendenziell einen Bildungsfetisch. Und so ist Bildung nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Das ist irgendwie auch bitter.

Gute One-Liner sind wertvoll.

Und noch etwas zum Thema Bildungsarbeit. In einer Session fiel ein interessanter Satz auf die Frage, wie man mit einfachen Worten ein Konzept wie Bedürfnisorientierung jungen Eltern nahebringen kann, die wenig Zugang dazu haben: „Das, was du mit deinem Handy machst, ist genau das, was dein Baby von dir braucht.“ Nämlich Augenkontakt, zärtliche Berührungen, es immer nah am Körper haben etc. Der Satz mag auch etwas Moralisches haben, aber mir geht es hier darum, dass es möglich ist, mit einem einzigen Satz ein ganzes Konzept zu erklären. Natürlich mag ich selbst auch Fachvorträge und mit vielen -ungs, -heits und -keits. Aber wirksam sind in aller Regel die One-Liner – wenn sie denn gut sind.

Ich schätze den Wert solcher „Wirksätze“ (zu denen auch Mantras gehören) immer mehr. Denn die wenigsten Leute ändern ihr Verhalten, weil sie sich mit einem „Konzept“ beschäftigen, sondern weil ein Satz sie getroffen hat, der anfängt, in ihnen zu wirken. Und darum geht es auch in guter Bildungsarbeit: Etwas ins Kippen zu bringen, um über herkömmliche Muster hinauszugehen. Wer wirksam sein will, muss an und mit solchen Wirksätzen arbeiten – ohne in Floskeln, Albernheiten, Küchenpsychologie oder Stammtischparolen zu verfallen. Eine Kunst, sicher.

Rückwärts führt kein Weg.

Ich finde es anregend, auch wieder über traditionelle Ideen nachzudenken. Aber nicht, um zu ihnen zurückzukehren, sondern um den essentiellen Kern, der mal gut und sinnvoll war, ins Heute zu übertragen. Mir gefällt der Dorf-Gedanke, aber ich will nicht in einem pietistischen Dorf der 50er Jahre leben. Mir gefällt die Clan-Idee, aber wir leben nicht mehr in Stämmen. Wir müssen wieder einen viel stärkeren Naturbezug hinkriegen, aber wir können nicht alle aufs Land ziehen. Für mich ist ein möglichst einfaches Leben eine der besten Antworten auf die aktuellen Krisen, aber ich will keine „Renaissance“ einer „einfacherern“ Zeit, sondern eine Weiterentwicklung unserer jetzigen Zeit.

Pierre Teilhard de Chardin, einer der Säulenheiligen evolutionärer Spiritualität, hat einmal gesagt: „Die Welt ist nur nach vorwärts interessant.“ Das finde ich richtig. Und zum Thema Regressivität/Progressivität ist auch Ken Wilbers Pre/Trans-Fallacy sehr hilfreich (einfach mal selbst googlen).

Weniger in Angeboten denken, mehr in Gemeinschaftsformen.

Zu guter Letzt noch ein Gedanke, der etwas mehr „meta“ ist und mich immer wieder beschäftigt: Gesellschaftlichen Defiziten wird in der Regel mit Maßnahmen und Angeboten begegnet. Vorherrschend ist also eine Institutions- bzw. Organisationslogik – und zwar unabhängig, ob es sich um konfessionelle Träger, um die öffentliche Hand oder um Social Businesses handelt. Auch wenn es dabei mittlerweile eine starke Einbindung der konkreten Zielgruppen gibt, letztlich werden Zielgruppen mit Angeboten bespielt. Ein anderer Ansatz wäre es, solche Zielgruppen stärker als besondere Gemeinschaftsformate zu sehen, die eben als solche – also als „Gemeinschaft“ – geformt und unterstützt werden.

Das, was ich hier sagen will, kann man auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Als ich Sozialarbeit studierte, war Einzelfallhilfe die gängige Sozialform (auch wenn der Begriff eher weniger gebräuchlich war). Gegenwärtig gibt es ein Neuaufblühen von Gemeinwesenarbeit und Community Organizing (wenn auch unter veränderten Vorzeichen). Das was allerdings fehlt, ist die Gruppenarbeit, um einmal die etwas oldschoolige Dreiersystematik der Sozialen Arbeit zu bemühen. Das Moment der Gemeinschaftsbildung scheint irgendwie abhanden gekommen zu sein. Bei den aktuellen Gemeinwesen-Ansätzen steht – zumindest nach meiner Beobachtung – gerade nicht die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund, sondern die Akteursvernetzung. Man muss nur einen Blick auf Projektbeschreibungen von Gemeinwesenprojekten werfen: Da wird in einer Nachbarschaft alles mögliche miteinander vernetzt, aber nicht unbedingt vergemeinschaftet.

Bezogen auf die Funktion von Wohlfahrtsverbänden (gerade den konfessionellen!), habe ich vor längerer Zeit schon mal etwas dazu geschrieben. Meine These: Soziale Einrichtungen haben nicht nur die klassischen Rollen von Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter inne, sondern eben auch die des Gemeinschaftsbilders.

Vor kurzem bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang auf den Begriff „Cultural Repair“ gestoßen. Dabei geht es darum, ganz neue Gemeinschaftsformen aufzubauen, um unsere Gesellschaft („Kultur“) zu „reparieren“. Meine Recherche führte leider nicht sehr weit, aber ich will das im Auge behaten. Ich sehe darin viel Wahres. Und Gutes und Schönes.