Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

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Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Nicht die siebte, aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

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Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

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Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

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Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

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Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

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Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

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Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

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Kirche. Eine Skizze.

Manche Blogartikel brauchen etwas länger. Dieser gärte drei Jahre. Angeregt wurde ich zu ihm durch Hannes Leitleins Artikel O Gott, was kommt da auf mich zu? in der Christ & Welt 49/2013 über den Zustand der evangelischen Kirche. Ich hatte damals zugesagt, meine Gedanken aufzuschreiben, wie ich mir Kirche vorstelle. Über das Entwurfstadium kam ich allerdings nicht hinaus. Nun bin ich beim „Tag der Inspiration“ der rheinischen Landeskirche im Forum „Geistlich Kirche sein“ mit auf dem Podium und habe die alten Notizen wieder herausgeholt und den Artikel zu Ende geschrieben.

Wie sollte Kirche sein? Yotin hat dies mal ironisch und bitterernst zugleich so gesagt: Ein Ort, an dem ich mich nicht fremdschämen muss. Bei mir setzt Fremdschämen ein, wenn es zu banal und zu betulich wird. Und ich denke, dass es nicht nur mir so geht. Viele Menschen finden in der Kirche nichts mehr – und suchen dort auch gar nichts, weil sie wissen, dass sie dort nichts finden werden – aufgrund der Selbstbanalisierung der Kirche. Lange Zeit war das Stichwort der Selbstsäkularisierung der Kirche en vogue, aber das trifft es meiner Meinung nach nicht. Problematisch sind in meinen Augen eben die Banalisierunsgtendenzen.

Es gibt unzählige Versuche, die Kirche attraktiver zu machen. Doch vieles davon finde ich eher peinlich. Auch wenn ich keine unattraktive Kirche will, ist Attraktivität für mich einfach die falsche Kategorie. Denn Attraktivität ist Geschmackssache. Und Geschmäcker sind stark millieugeprägt. Eine Orientierung an Milieus fördert wiederum Exklusionen und Ausschlüsse. Die Milieurorientierung ist ja auch ein Exklusionsprogramm: alle Milieus, bis auf das gewünschte Zielmilieu, werden bewusst exkludiert, in der Hoffnung, das gewünschte Milieu besser zu erreichen. Kirche hat aber gerade den gegenteiligen Auftrag: integrierend zu sein, ausschließende Grenzen zu überwinden. Und das geht eben am besten dann, wenn sich die Menschen in der Kirche erst gar nicht „einrichten“.

Vor einiger Zeit habe ich auf Twitter dazu ein Zitat dazu gefunden (dessen Quelle ich mir dummerweise nicht gemerkt habe), das genau das ausdrückt, worum es mir geht:

Die Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, ähnelt eher einem Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ als einem Country-Club.

Genau das ist es.

Ich wünsche mir eine heilsame Kirche. Dann ist mir auch egal, welches Etikett sie bekommt: ob „konservativ“, „liberal“ oder „progressiv“, ob „traditionell“ oder „innovativ“.

Denn der christliche Glaube hat vor allem mit Heilung zu tun. Wenn er nicht heilsam ist, kann er nicht christlich sein. Dementsprechend ist der Kern der Kirche, heilsam zu sein – für den Menschen wie für die Erde. Und wie müsste eine solche Kirche aussehen? Hier nun mein Versuch: Sie müsste spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch, gemeinschaftsbildend, erdheilend sein.

Das will ich kurz erklären.

Eine spirituelle Kirche

Eine heilsame Kirche ist sich ihrer spirituellen Tradition bewusst. Das ist mir besonders wichtig: die Wertschätzung von spirituellen Übungen und Übungswegen – wer mag kann es auch Frömmigkeitspraxis nennen. Und da sich das nicht einfach von selbst ergibt, muss es gepflegt und vor allem beigebracht, weitergegeben, vermittelt werden. Die Lehr-Aufgabe der Kirche besteht nicht in erster Linie in Glaubensinhalten, sondern in Glaubenspraktiken: Wie geht Beten? Wie geht Versöhnung? Wie geht Selbstliebe? Wie geht Teilen? Wie geht Fasten? Wie geht Hingabe? Wie geht Widerstand? Und so weiter…

Als zweites geht es um Ritual-Kompetenz, um die Kunst der Inszenierung – und die muss eben gekonnt sein. Das zeigt sich zum Beispiel in der Liturgie. Ich will kein lutherisches Hochamt, schlichte Formen reichen mir völlig, wenn sie denn liturgisch gut sind. Grundregel: Mehr Stille, weniger Logorrhoe. Vor kurzem erzählte mir ein Pfarrer, dass der Karfreitagsgottesdienst zur Todesstunde Jesu der am besten besuchte Gottesdienst (nach Weihnachten) in seiner Gemeinde sei. Weil er existenzielle Dimensionen aufgreift, die liturgisch dort Raum bekommen. Und das ist einer der sperrigsten Gottesdienste überhaupt, das genaue Gegenteil von „spiritueller Wellness“.

Eine weitere Art einer ritueller Kompetenz ist das Feiern des Jahreslaufs, des Kirchen- wie Naturjahres. Denn dies lehrt (mindestens) dreierlei: Gemeinsam feiern ist gut und wichtig. Die immer wiederkehrenden Jahresläufe fördern Vertrauen ins Leben (Genesis 8, 22). Und Natur und Kirchenjahr feiern das Gleiche: die unglaubliche Kraft des Leben.

Eine erfahrungsbezogene Kirche

Ohne Erfahrung ist der Glaube nichts. Egal wie ausgefeilt eine Dogmatik, wie methodisch geschickt ein Glaubenskurs oder wie anschaulich eine Bildungsveranstaltung ist, die eigene Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, sie ist Ausgangspunkt und Ziel.

Doch der Protestantismus ist zu sehr von theologischen Richtigkeiten geprägt und zu wenig von spirituellen Erfahrungen. Gewöhnlich ist es ja sogar so, dass für spirituelle Erfahrungen kaum Platz ist, dazu hatte ich ja schon einmal etwas geschrieben.

Fast alles ist vergeistigt – kaum etwas beseelt oder verkörpert.

Das hat damit zu tun, dass der Adressat klassischer evangelischer Verkündigung immer der Kopf ist – und selbst wenn beispielsweise eine Predigt „ans Herz gehen“ soll, geschieht dies immer mittels kognitiver Reflexion. Es wird dann allenfalls über Gefühle geredet, aber nicht aus ihnen heraus gesprochen, geschweige denn ihnen Raum gegeben. Man mag nun einwenden, dass  eine Predigt ja auch kaum der geeigente Raum dafür ist. Eben, genau darum geht’s. Und das gilt – mit Ausnahme der Kirchenmusik – für fast die gesamte evangelische Angebotspalette.

Nicht nur der Kopf hat seine (eigene) Wahrheit, sondern auch das Herz und der Bauch. Nicht nur Ratio und Intellekt wollen „bedacht“ werden, sondern auch die Seele und der ganze Leib umsorgt. Gefühle und Bedürfnisse, Körperlichkeit und Sexualität, die Verbindung zur Natur – überall lauern geistliche Erfahrungen.

Ein schöne und gleichzeitig sehr einfache Idee, wie der eigenen spirituellen Erfahrung Raum gegeben werden kann, ist beispielsweise die Spiritual Nurture Group der Quäker.

Eine initiatorische Kirche

Initiation meint Einführung – oder Einweihung – ins Leben. Genauer: in die Gehemnisse, wie das Leben so von statten geht.

Eine Besondere Aufgabe der Kirche liegt in der Begleitung bei den Lebensübergängen. Lebensübergänge sind komplexer und sensibler als Lebensphasen, aber gerade deshalb ist die Begleitung dort auch so wichtig. Übergänge sind immer Brüche – und Brüche sind im Geselligkeitsmodell der Vereinskirche nicht vorgesehen.

Gerade bei den Übergängen weist die christliche Tradition einen großen Fundus auf: Zu den klassischen Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung), die viel stärker als Initiationsriten gefeiert werden müssten, kommen „Neue Kasualien“ wie die Einschulung, das Erwachsenwerden (zum Beispiel in der Nacht des Feuers) vielleicht auch mal ein Ritual der Lebensmitte, der Übergang in den Ruhestand, Begleitung bei Verlust, Scheidung, Scheitern… Was bisher fehlt ist die Wiederentdeckung einer ars moriendi. In die Kunst des Sterbens einzuüben ist doch das spirituelle Thema überhaupt, sowohl in übertragener Bedeutung – denn „wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt“ – als auch ganz real bei dem letzten großen Übergang.

Kirche als initiatorische Prozessbegleitung könnte man das nennen.

Eine gemeinschaftsbildende Kirche

Das Wort Gemeinschaft ist sehnsuchtsbesetzt, eine Wärme-Metapher – gerade im kirchlichen Kontext. Doch bei Vielem geht es in meinen Augen eher um Geselligkeit als um Gemeinschaft. Gegen Geselligkeit ist nichts einzuwenden, gar nichts. Es ist nur kein kirchlicher Auftrag. Zudem: Was das Bürgerzentrum, der Karnevalsverein oder von mir aus auch der SPD-Ortsverein anbietet, muss die Kirchengemeinde nicht noch einmal doppeln.

Wie unterscheiden sich Gemeinschaft und Geselligkeit? Meine Faustregel ist: Wenn miteinander geteilt wird, ist es eine Gemeinschaft (und wenn sogar Risiken geteilt werden, ist es eine sehr tiefgehende Gemeinschaft).

Eine Idee, an der ich dran bin (demnächst mehr auf diesem Kanal!), ist die Erneuerung kirchlicher Kreiskultur. Im Kreis zu sitzen, einander zuzuhören und sich mitzuteilen, ist die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Und doch hat der „Kreis“ heute einen schlechten Stand in der Kirche, im Kreis zu sitzen empfinden viele als unangenehm. Aber es gibt gute Ideen, dem „Kreis“ seine gemeinschaftsbildende Kraft zuzückzugeben.

Spannend finde ich hier auch die Frage, welche Art von Zugehörigkeit Menschen überhaupt suchen. Ich glaube, dass es einerseits einen Wunsch nach „intimer“ Zugehörigkeit gibt – kleinere Gruppen so zwischen 10 und 50 Leuten – und gleichzeitig einen Wunsch, zu etwas Großem dazuzugehören. Die angemessennen kirchlichen Sozialformen müssen beiden Rechnung tragen. Konzepte um die Stichworte „cell – cluster – (Gesamt-)church“ finde ich interessant, aber das bräuchte noch einmal einen eigenen Blogbeitrag.

Eine erdheilende Kirche

Diejenigen, denen das alles zu innerlich war und das Politische vermisst haben, können jetzt durchatmen. Zumindest ein Bisschen.

Ich wünsche mir eine gesellschaftsverändernde Kirche, oder etwas pathetischer: eine weltwandelnde, ich lege noch eine Schippe drauf: eine erdheilende Kirche. Das hat vor allem zwei Dimensionen: ein guter Umgang mit Ressourcen aller Art (Nachhaltigkeit) und ein guter Umgang mit Menschen aller Art (Versöhnung).

Wem dies am Herzen liegt, muss schauen, wie es sich bewerkstelligen lässt. Wie kann Kirche wirklich wirksam dazu beitragen, dass die Welt nachhaltiger und versöhnender wird? Das Stichwort „politische Kirche“ ist für mich zu ideologisch aufgeladen, es geht dann immer um „richtig“ und „falsch“ (genauer: um die richtige und falsche Ideologie, welche auch immer das dann konkret ist), und zu wenig darum, was wirksam ist und was nicht.

Eine Voraussetzung für Transformation ist ein einigermaßen geklärtes Selbst. Der Kirche fallen hier zwei Aufgaben zu. Beides sind Aufgaben, die durchaus zu bewältigen sind, sie sind nicht naiv-illusionär. Zum einen muss die Kirche versuchen, selbst so zu sein, wie sie die Welt gerne hätte – also in meinen Augen: nachhaltig und versöhnend. Nur so kann sie zu einer Alternative zu den bestehenden Verhältnissen dieser Welt werden. Dann kann sie auch auf ihre ganzen Kundgebungen und Appelle verzichten (was für eine Erleichterung!). Das Problem ist allerdings, das unsere saturierte Kirche sich viel lieber „im Anschluss an“ (die Gesellschaft, den Staat…) versteht und viel zu wenig „als Alternative zu“.

Zum anderen kann die Kirche bei der Wandlung der Menschen helfen. Der „Große Wandel“ vollzieht sich durch gewandelte Menschen. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wenn es einen Hebel gibt, dann ist es dieser. „Der größte Beitrag zum Frieden ist, in uns selbst Frieden zu machen“, so sagt es Marshall Rosenberg. Hier hat die Kirche die Aufagbe, ihren Mitgliedern – oder all denen, die ihre Nähe suchen – bei ihrer Selbstwerdung zu helfen.

Wie? Indem sie spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch und gemeinschaftsbildend etwas anzubieten hat. Das ist eine ganze Menge, wenn’s gelingt.

Und damit schließt sich mein Kreis.

Heilsamer Kreis

In den letzten Tagen bin ich auf zwei kleine (aber weitreichende) Erkenntnisse gestoßen, die mich sehr beschäftigen. Sie beschäftigen mich schon längere Zeit, aber jetzt wurden sie mir quasi noch mal frei Haus auf einem Tablett serviert.

Über Facebook bin ich auf ein Video gestoßen (Danke, Alok!), in dem Joachim Kunstmann der Frage nach dem Verhältnis von spirituellen Erfahrungen und kirchlichen Formen nachgeht. All seinen Gedanken sind nicht neu, aber Kunstmann bringt es gut auf den Punkt. Manchmal geht’s ja auch einfach darum, etwas treffend zu sagen, ein gutes Bild, eine gute Metapher anzubieten:

„Ich höre immer wieder, dass Menschen, wenn sie eine religiöse Erfahrung machen, […] sagen wir mal auf einem Bergesgipfel oder eine innere Erleuchtung oder ein bewegender Traum, dann ist ganz klar: Wenn Sie mit dieser Erfahrung am Sonntagmorgen in die Kirche kämen, dann würde da keiner zuhören wollen. Im Gegenteil, man würde sagen: „Pssst, sei ruhig, du störst hier den Betrieb!“Das sind so Beobachtungen, dass die Kirche, die die Autonomie des modernen Menschen – die für den modernen Menschen völlig alternativlos ist, wir müssen unser Leben ja selbst verantworten – dass diese Autonomie in Sachen Religion von den Kirchen nicht ernstgenommen wird, eher ist es eine Art Störfaktor. Freie, autonome Religiosität, selber verantwortet, die wird als so eine Art ‚Beliebigkeit‘, ‚religiöses Patchwork‘ oder so etwas eher negativ bewertet“ (5’45-6:40).

Woran ich hängengeblieben bin: In der Kirche ist kaum Raum für die eigenen spirituellen Erfahrungen. Das sehe ich auch so. Und das ist irgendwie traurig (für die Menschen, die dies suchen) und tragisch (für die Kirche, die bei dem Thema wenig zu bieten hat).

Natürlich gibt es  Möglichkeiten, diese Erfahrungen mitzuteilen: Ich kann mir einen geistlichen Begleiter suchen oder ich gehe zum Therapeuten. Beides gut und empfehlenswert. Oder, wenn ich lieber den gemeinschaftlichen Austausch will, suche ich auf dem freien Seminar-Markt. Hier gibt es natürlich auch Quatsch, aber ich habe dort schon deutlich mehr Gutes gefunden als Schlechtes. Und viele wunderbare Menschen.

Die zweite Entdeckung der letzten Tage: Ich habe in Gottfried Orths Buch über Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation in Kirche und Gemeinde gestöbert. Dort erzählt er in einem Interview, was er in einer GFK-Übungsgruppe erlebt hat:

„‚Ich habe das erste Mal so etwas erfahren wie heilende Gemeinschaft.‘ Und ebenso spontan sagte eine andere Teilnehmerin zu mir: ‚Gottfried, das ist doch eigentlich dein Job als Pfarrer‘. Seit dieser Zeit habe ich nachgedacht, warum das eigentlich nicht ‚mein Job‘ war oder warum ich das auch in Kirchengemeinden nicht oder nur ganz, ganz selten erfahren habe. Heute denke ich, dass Gemeinden oder Gruppen solche heilenden Gemeinschaften sein könnten, vielleicht sogar sein müssten und dass dies ursprünglich einmal eine der Kernkompetenzen gemeinschaftlichen christlichen Lebens war“ (Gottfried Ort: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015, S. 191).

Auch diese Erfahrung kann ich – für mich – voll und ganz bestätigen. Und auch dies ist traurig und tragisch: Kirchliche Gruppen und Kreise (derer gibt es ja zuhauf) werden oft gerade nicht als heilende Gemeinschaft erfahren. Im Gegenteil: Auf kirchlichem Parkett gelten Dos & Don’ts, die tiefe Erfahrungen eher behindern als fördern.

Wo kann ich hinkommen, wenn ich etwas Persönliches, etwas Existenzielles teilen will – jenseits eines vertraulichen Seelsorgegesprächs? Wo kann ich von Herzen reden, etwas preisgeben, mich voll und ganz zeigen?

Ich will hier kein Kirchen-Bashing betreiben sondern etwas Konstruktives beisteuern. Ich habe in manchen Gruppen und in Natur-Spiritualitäts-Szenen „heilende Gemeinschaften“ erlebt, die so wertvoll und, ja, eben heilsam sind, dass meine Mission vielleicht darin besteht, dies in die Kirche zu bringen.

Im nächsten Jahr mache ich über Männerpfade eine Ausbildung in der Council-Methode (in der Tradition der Ojai-Foundation). Sie besteht eigentlich (fast) nur darin, im Kreis zu sitzen und relevant (!) zu reden. Aber gerade die einfachen Formen wollen gelernt sein. „Schlichte“ Methoden sind ja oft eine recht komplexe Mischung aus Handwerk, Kunst und Intuition. Ich freu mich schon wie Bolle darauf.

Wer mal ein bisschen reinlesen will, findet im Klassiker von Jack Zimmerman & Virginia Coyle oder auch bei Vivian Dittmar was…

zufrieden entschieden

Schon einmal von der Abstimmungs-Methode systemisches Konsensieren gehört? Diese Methode verdient es, bekannt und verbreitet zu werden. Deshalb hier ein paar Zeilen dazu – und etwas Material.

Systemisches Konsensieren ist eine wunderbare Alternative zu unserer klassischen Abstimmungsmethode, der Mehrheitsentscheidung. Bei einer Mehrheitsentscheidung werden die Stimmen gezählt, die einen Vorschlag befürworten. Je nach Verfahren (einfache, relative, absolute Mehrheit) kommt man dann zu einem Ergebnis. Doch dieses Ergebnis ist – in sehr vielen Fällen! – gerade nicht das beste. Denn ein Mehrheitsentscheid berücksichtigt nicht, wie zufrieden die Leute mit der Entscheidung sind, ob die Entscheidung auch nach längerer Zeit noch tragfähig ist und welches Konfliktpotenzial in ihr liegt. Oft, sehr oft, kommt es dann im Laufe der Zeit zu einer schleichenden Sabotage des Beschlusses – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Konsens gar kein echter Konsens war.

Wie wäre es stattdessen mit Entscheidungen, mit denen alle zufrieden sind!?

Das geht doch gar nicht!

Doch, geht.

Und deshalb finde ich es so wichtig, die Methode „Systemisches Konsensieren“ zu vebreiten. Gerade im kirchlichen Kontext, in dem man ja sehr auf „einvernehmliche Entscheidungen“ bedacht ist, ist dies eine echte Alternative zur Mehrheitsentscheidung.

Entwickelt haben die Methode Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta. Die Idee ist ziemlich… schlicht. Aber gerade das ist das Geniale daran. Es ist keine Raketenwissenschaft, und wenn man sie verstanden hat und einmal geprobt hat, dann „kann“ man sie bereits. So einfach.

Beim systemischen Konsensieren sind zwei Dinge anders als beim klassischen Abstimmen: Es wird der Widerstand jeder einzelnen Alternative erhoben, und dieser wird in seiner Intensität gemessen. Das systemische Konsensieren misst also das Konfliktpotenzial. Und damit sieht und würdigt es die Bedürfnisse der Einzelnen.

Mehrheitsentscheidung:  Zustimmung zählen  — >  Alternative mit der größten Zustimmung ist die Lösung.

Systemisches Konsensieren:  Widerstand messen  — >  Alternative mit dem geringsten Widerstand ist die Lösung.

WP_20160426_002Jeder Beteiligte nennt für jede einzelne Lösung, wie hoch sein Widerstand ist, dazu wählt er eine Zahl zwischen „0“ (keinerlei Widerstand) und „10“ (maximaler Widerstand). Dies wird notiert, dann werden pro Alternative alle Widerstände zum Gesamtwiderstand zusammengezählt. Die Variante mit dem geringsten Gesamtwiderstand ist (wahrscheinlich) die Lösung. Hier im Bild einmal die Widerstandsstimmern von 14 Leuten, die über 7 Alternativen (A bis G) abgestimmt haben.

Jetzt gibt es zwei besondere Fälle:

Bei der Alternative mit dem geringsten Gesamtwiderstand sind einige wenige hohe Einzel-Widerstände dabei (dies ist der Fall im Bild, siehe die blau eingekreiste 7). Diese Leute werden nun gefragt: „Was fehlt dir? Was brauchst du noch, damit du mit der Entscheidung leben kannst?“ Meist – und das ist das Erstaunliche! – sind das unspektakuläre und einfache Dinge. Beim klassischen Mehrheitsentscheid spielen diese Bedürfnisse keine Rolle. Stattdessen wird oft signalsiert, jetzt aber bitteschön mal kein „schlechter Verlierer“ zu sein!

Der andere Fall: Es gibt eine Lösung, deren Widerstand niedriger ist als alle anderen, die aber  trotzdem viele einzelne Widerstandswerte im mittleren Bereich hat (oder höher). Dann ist diese Alternative zwar die beste Lösung, aber keine gute. Besser ist es, noch einmal neu über das Probelm nachzudenken.

Für einen Presbyteriums-Workshop hatte ich dazu zwei Probeabstimmungen als Rollenspiel vorbereitet. Das Handout dazu ist kurz und kompakt und kann hier als PDF heruntergeladen und genutzt werden. Empfehlenswert ist die Seite http://www.sk-prinzip.eu der Entwickler des Systemischen Konsensierens. Besonders gut haben mir die Tipps und Materialien auf www.systemisches-konsensieren-berlin.de gefallen!

Entdeckt habe ich diese Methode übrigens in Vivian Dittmars „Kleiner Gefühlskunde für Eltern“ (nebenbei bemerkt ein ganz wunderbares Buch, Danielle vom Gewünschtesten Wunschkind hat eine Rezension darüber geschrieben, aber auch die amazon-Rezensionen sprechen ja für sich). In dem Abschnitt „Verbindende Lösungen in Gruppen: Es geht!“ (S. 186-189) beschreibt sie, wie sie systemisches Konsensieren mit ihren Kindern anwendet.

Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, dass diese Methode im kirchlichen Kontext bisher völlig unbekannt ist (im Gegensatz zur Szene der intentionalen Gemeinschaften, wie mir scheint). Das würde ich gerne ändern. Bedürfnisse in den Blick zu nehmen und anzuerkennen, Konfliktpotenzial sichtbar zu machen (und nicht wie oft bei Mehrheitsentscheiden durch geschickte Abstimmungsformulierungen „wegzudrücken“) und tragfähige Lösungen zu suchen ist letztlich nichts Geringes als Versöhnungsarbeit.

Und ich bin sehr an Erfahrungen in Presbyterien und auf Synoden (!?) interessiert! Ich kann auch gerne für einen Workshop vorbeikommen…

Reaching Out

Durch Zufalll – oder auch nicht – bin ich auf Reaching Out von Henri Nouwen gestoßen. Da ich immer schon einmal etwas von ihm lesen wollte – Henri Nouwen hat ja eine durchaus interssante Vita – habe ich mir dann die deutsche Ausgabe von Reaching Out besorgt, auch wenn Titel und Cover etwas betulich daherkommen.

Henri Nouwen beschreibt christliche Spiritualität als drei Grundbewegungen. Es sind die Bewegungen hin zu unserer innersten Tiefe, zu unseren Mitmenschen und zu Gott.

Der Weg zu uns selbst führt von der Einsamkeit zur inneren Stille (Loneliness –> Solitude). Der Weg zu unseren Mitmenschen führt von der feindseligen Ablehnung zur gastfreundschaftlichen Annahme (Hostility –> Hospitality). Der Weg zu Gott führt von der Illusion zum Gebet (Illusion –> Prayer).

Spirituelles Leben hat also drei Aufgaben: zur Stille finden, Gastfreundschaft üben und eine Gebetspraxis pflegen. So einfach kann man christliche Frömmigkeitspraxis beschreiben.

Der Weg in unsere innerste Tiefe: Einsamkeit –> innere Stille

„In der inneren Stille strecken wir uns nach unserem tiefsten Selbst aus, wo wir unsere großen Heilkräfte entdecken könnnen“ (S. 88).

Die innere Stille schafft einen Raum, um auf unsere innere Stimme zu hören. Nur wenn wir auf sie hören, bekommen wir Antworten, die wirklich die unseren sind. Unsere Berufung offenbart sich dort. Allerdings können innere Stille und Einsamkeit leicht verwechselt werden, es braucht also die Fähigkeit, sie tatsächlich unterscheiden zu können.

Der Weg zur inneren Stille gelingt meist nicht, ohne sich von den Ablenkungen im Außen zurückzuziehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass dieser Weg zur Weltabgewandtheit führt. Im Gegenteil, die Beschäftigung mit den brennenden Fragen der Gegenwart wird intensiver. Was sich ändert, ist ein von Angst getriebenes Re-Agieren. Es geht gerade darum, gelassener, angstfreier und nachhaltiger aktiv zu weden. Dies deckt sich auch mit meiner Erfahrung: Die Menschen, die ein spirituelles Leben führen, erlebe ich gerade als sehr weltzugewandt und verbunden mit den Nöten und Fragen unserer Zeit. Der Begriff „contemplative activism“ (den Nouwen allerdings nicht benutzt) bringt das wohl gut auf den Punkt.

Der Weg zum Mitmenschen: Feindseligkeit –> Gastfreundschaft

Zwei Sätze von Nouwen, die – leider – genau zu unserer gegenwärtigen Situation passen:

„Unsere Gesellschaft scheint zunehmend aus Menschen zu bestehen, deren Leben von Angst, Sicherheitsdenken und Aggression bestimmt ist. […] In unserer Welt herrscht die Annahme vor, dass von Fremden eine potenzielle Gefahr ausgeht und es ihre Aufgabe ist, uns vom Gegenteil zu überzeugen“ (S. 92, 97).

Das Wort Gastfreundschaft mag etwas Liebliches, Behagliches oder auch Naives an sich haben. Und es scheint an Kraft und Tiefe verloren zu haben. Wenn man über christliche Spriritualität nachdenkt, kommt es einem wohl nicht als Erstes in den Sinn.

„Und dennoch: Wenn es überhaupt ein Konzept gibt, bei dem es sich lohnt, seine ursprüngliche Tiefe und Inspirationskraft wiederherzustellen, dann ist es Gastfreundschaft. Der Begriff ist einer der reichhaltigsten der Bibel und hat das Potenzial, unsere Einsicht in unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu vertiefen und zu erweitern. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gibt es Geschichten, die deutlich machen, wie ernst gemeint unsere Verpflichtung ist, Fremde in unser Haus aufzunehmen. Gleichzeitig erzählen sie aber auch davon, dass die Gäste kostbare Geben mit sich führen, die sie nur allzu gerne einem offenen Gastgeber überreichen möchten.“ (S. 92-93).

Man lese beispielsweise Genesis 18, 1-15 (Die drei Fremden aus Mamre), 1. Könige 17, 9-24 (Die Witwe in Sarepta) oder Lukas 24, 13-35 (Die Emmaus-Jünger).

Für Henri Nouwen ist Gastfreundschaft neben der wörtlichen Bedeutung – Fremde in seinem Haus aufzunehmen – auch eine grundsätzliche Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, nämlich ihnen schlicht Raum zu geben. „Den Begriff ‚Gastfreundschaft‘ habe ich nur gewählt, um das Wesen einer ausgereiften christlichen Beziehung zu unseren Mitmenschen leichter verständlich machen zu können“ (S. 155).

Eine Bedingung für echte Gastfreundschaft liegt dann auch darin, dass wir nicht Gastfreundschaft üben, um die eigene Einsamkeit zu stillen:“Solange wir einsam sind, können wir nicht gastfreundlich sein, da wir in unserer Einsamkeit keinen offenen Raum schaffen können“ (S. 155).

Außerdem können wir keine Gastfreundschaft üben bzw. dem Anderen einen offennen Raum bieten, wenn wir selbst ganz voll sind: „Das Paradox der Gastfreundschaft besteht tatsächlich darin, dass Armut uns zu einem guten Gastgeber macht“ (S. 146).

Zwei Arten der Armut sind dabei wichtig: die Armut im Geiste – das bedeutet frei zu sein von eigenen Ideen, Vorstellungen, Ansichten und Überzeugungen – und die Armut im Herzen – also frei zu sein von Vorurteilen, Sorgen und Eifersucht.

Der Weg zu Gott: Illusion –> Gebet

„Es gibt vermutlich kein Bild, das die Nähe zu Gott im Gebet besser beschreibt als das Bild vom Atem Gottes. […] Das Gebet ist daher der Atem Gottes in uns, durch den wir Teil von Gottes innerstem Leben und neu geboren werden“ (S. 177).

Hierzu nur kurz, den Henri Nouwen geht zum einen stark auf das Herzensgebet ein (dazu findet sich auf meinem Blog ja schon das eine oder andere), zum anderen schreibt er viel über christliche Gemeinschaft – dies ist aber wiederum einen eiegnen Beitrag wert.

Wichtig finde ich hier vor allem, dass Nouwen das Paradox betont, dass wir das Beten erlernen müssen, obwohl wir es doch nur als Geschenk empfangen können. Und „niemand, der ernsthaft eun Gebetsleben führen möchte, [kann] dieses Vorhaben ohne eine konkrete Methode durchhalten oder zumindest bis zu einem gewissen Grad verwirklichen“ (S. 190).

Spirituelles Leben

Durch das Buch ziehen sich zwei Grundgedanken: Wenn es darum geht, sich der Stille, der Gastfreundschaft und dem Gebet zuzuwenden, sich nach ihnen auszustrecken („reaching out“), bedeutet das nicht, Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, diese wahrzunehmen, sie sich einzugestehen und sie von dem jeweiligen anderen Pol tatsächlich unterscheiden zu können. Spirituelles Leben ist eh ein Hin- und Herpendeln zwischen diesen Polen. „Je mehr wir das schmerzliche Eingeständnis unserer Einsamkeit, Feindseligkeit und Illusion zulassen können, desto mehr sind wir in der Lage, Stille, Gastfreundschaft und Gebet als Teil unserer Vision vom Leben zu sehen“ (S. 25).

Der zweite Gedanke, der immer wieder auftaucht: Spirituelles Leben braucht eine Praxis. Es gibt eine Vielzahl an Varianten, die beschriebenen drei Aufgaben zu üben. Aber sie müssen halt geübt werden. Das heißt also zunächst einmal, die eigene Variante zu suchen und zu finden und sie dann zu erproben und zu pflegen.

Fehlt da etwas?

Die drei Bewegungen entsprechen ja den Dimensionen des Liebesgebotes: Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe (Matthäus 22, 37-39). Interessanter Weise leitet Henri Nouwen seine Ausfürhungen aber gar nicht hiervon ab, er zitiert die Stelle nicht einmal. Er beschreibt einfach die Dynamiken, auf die er in seiner Frömmigkeitspraxis gestoßen ist. Es ist also eher ein induktiver Ansatz, kein biblisch-deduktiver. Dann kann man aber auch weiter gehen und fragen, ob es nicht noch andere Dynamiken gibt, noch weitere Bewegungen des Ausstreckens und Zuwendens.

Was mir grundsätzlich immer wieder in der christlichen Tradition zu kurz kommt, ist die Verbindung mit allem Lebendigem. Das wird manchmal unter dem Aspekt der Zuwendung zum Mitmenschen – der Nächstenliebe – subsummiert. Aber das wird nicht dem gerecht, dass die Schöpfung weit mehr ist. Spirituelles Leben muss neben den Beziehungen zum wahren Selbst, zu den Menschenbrüdern und -schwestern und zu Gott genauso die Beziehung zur Erde, zur Schöpfung, eben zu allem, was lebt, einbeziehen.

Daher ergänze ich Henri Nouwens Reaching Out um eine vierte Bewegung: Die Bewegung von der Entfremdung zur Lebendigkeit beschreibt den Weg zu unserer Verbundenheit mit allem, was lebt. Das werde ich noch weiter entwickeln…

Bestimmung

Was ist meine Aufgabe? Was ist meine Bestimmung? Warum bin eigentlich ausgerechnet ich hier beim Projekt Erde mit dabei? Ich finde dies gute und wichtige Fragen – um für sich selbst zum Wesentlichen vorzudringen und um zu einem guten Leben für alle beizutragen.

Dazu ein Zitat, auf das ich gerade gestoßen bin und das in einem Buch steht, das mir wohl Türen aufschließt, hinter denen Vielversprechendes zu liegen scheint:

Was ist unsere Bestimmung, und was ist die Bestimmung der Erde? Was ist der Sinn der Tatsache, dass die Bedingungen auf unserem Planeten so einzigartig sind, dass hier Leben und selbstreflektiertes Bewusstsein entsehen konnte? Sind wir möglicherweise der einzige belebte Planet in einem Universum aus Milliarden von Milchstrassen, Feuern, Gaswolken und interstallaren, leeren Räumen? Wenn dem so wäre, welche Verantwortung wäre uns dann übertragen? Falls die Erde aber nicht der einzige belebte Planet ist, sondern umgeben von Himmelskörpern, auf denen ebenfalls Wesenseinheiten existieren, was ist dann unsere spezifische Aufgabe? […].

Die Astronauten, die im Schweigen und in der Dunkelheit des Alls die Erde erblickten, kamen verändert zurück. Sie sind zutiefst ergriffen von ihrer Schönheit und Gebrechlichkeit. Die Menschheit der Gegenwart und der Zukunft kommt nicht um die Beantwortung der Frage herum, was der Sinn des Planeten Erde im Universum ist, welches ihre Bestimmung im Plane Gottes ist. Jede kleinere Sichweise ist am Detail fixiert und kann von daher keine echten Antworten auf die uns bedrängenden Probleme geben.

Was ist die Bestimmung unseres Planeten? Das ist doch mal eine gute Frage. Um dann aus dieser Perspektive zu fragen: Was ist die Bestimmung der Menschheit? Und schließlich: Was ist meine Bestimmung? Wenn man dann eine Idee davon bekommt – wenn auch nur allmählich und stückweise – sich dann klarzumachen: Darunter mach ich’s nicht.

Das wär’s doch. Dabei muss das gar nichts Großes sein. Nur halt etwas Wesentliches. (Und nebenbei merkt man, wie unglaublich unwesentlich viele Debatten und Auseinandersetzungen sind.)

Das Zitat stammt von Pia Gyger, aus ihrem Buch Mensch verbinde Erde und Himmel. Christliche Elemente einer kosmischen Spiritualität (Luzern/Stuttgart 1993, S. 16, S. 17). Bis vor ein paar Tagen hatte ich noch nichts von ihr gehört und die Wege sind mal wieder verschlungen, wie ich an sie gekommen bin. Und die Idee des Kosmischen Christus, die sie rückgreifend auf Teilhard de Chardin entfaltet und mit etlichen Übungen unterlegt, finde ich faszinierend. Ich will damit nicht behaupten, dass ich das verstanden hätte… Die oben erwähnte Tür geht ja auch gerade erst auf.