Warum meine Konsumentscheidungen etwas bewirken

Es sind ja so einige Wahlen in diesem Jahr. Gerade deshalb sollte man dies nicht vergessen: Auch mein Einkaufszettel ist ein Wahlzettel.

Okay, das wussten wir schon. Aber ist uns wirklich klar, wie machtvoll unser Konsumverhalten ist? Wenn es stimmt – und es spricht einiges dafür – dass manche Großunternehmen politisch einflussreicher sind als Nationalstaaten, dann ist der tägliche Einkaufszettel weit mächtiger als der fünfjährliche Wahlzettel.

Ja klar, wenn alle zusammen…. die große Masse… das wäre was… Aber ich allein?

Warum bewirken meine Konsumentscheidung wirklich etwas? Warum macht mein Beitrag tatsächlich einen Unterschied? Beweisen kann ich’s natürlich nicht, aber es spricht einiges dafür. Drei wichtige Punkte. Mindestens.

  • Indem ich Alternativen suche, erschaffe ich sie.
  • Indem ich alternative (Produktions- und Handels-)Strukturen nutze, stärke ich sie wirtschaftlich.
  • Indem ich dazu beitrage, Alternativen zu nutzen, etablieren sie sich und werden normaler.

Die zentrale Erkenntnis für mich ist: Um Wirkung zu entfalten braucht man keine große Masse. Eine kritische Masse reicht völlig aus. Und die ist manchmal viel kleiner, als man denkt. Wenn sie es zur rechten Zeit über die Aufmerksamkeitsschwelle schafft, kann sie eine ganze Bewegung auslösen, wie“Zero Waste“ zum Beispiel. Und wenn nicht, werden eben weiterhin in zig Nischen Alternativen entwickelt und schon mal deren Kinderkrankheiten auskuriert.

Wenn kleine Dinge etwas bewirken – auch wenn sie weit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle liegen und lange in Nischen inkubieren – befreien sie uns aus der Ohnmacht, eh nichts ändern zu können. Man tut also nicht nur etwas für die Sache, sondern die Sache ermächtigt einen auch. Schöne Sache! Heute ist die Strategie nicht, kaputt zu machen, was uns kaputt macht (aber das hat ja eh nie richtig funktioniert), sondern Alternativen zu suchen und diese praxistauglich zu machen. Das ist anfangs schwer, weil man oft gar nicht weiß, wonach man genau suchen soll. Das ist andererseits aber auch einfach, weil wir noch nie so vernetzt waren an Leuten, Ideen, Wissen und Inspiration.

Quelle: goodreads.com/quotes

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Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.

 

Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf. Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte würden auf ein Viertel gekappt, die Läden hätten dann ungefähr 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar. Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!

Mosaikstückchen

Ich war vier Tage in Bullerbü. Und es liegt gar nicht in Schweden, sondern in Vorpommern, in der Nähe von Lassan. Dort war ich auf einem Seminar (das einen eigenen Blogbeitrag wert ist) zum Thema Naturspiritualität (was etliche weitere Beiträge wert ist).

WP_20160603_009Aber ein paar Erkenntnisse schon mal vorab… Weniger vom Seminar selbst, sondern von dem, was sich immer mehr zusammenfügt.

Der Gedanken-(Um)Schalter

Kurz vor dem Seminar bin ich auf eine Achtsamkeits-Übung gestoßen (und zwar hier), die die Achtsamkeits-Freaks sicherlich alle kennen, die für ich aber neu war. Sie ist ganz einfach: Man beobachtet seine eigenen Gedanken und benennt, was für eine Art des Gedankenmachens das ist. Man erkundet also, was man gerade gedanklich tut: organisieren, planen, träumen, klären, schwelgen, erinnern, ärgern und so weiter… Das war auch schon die ganze Übung. Für mich war sie erhellend, denn ich entdeckte, wie oft es in meinen Gedanken darum geht… mich aufzuregen. Und über das Ausmaß war ich überrascht. Erschrocken.

Die zweite Erkenntnis dabei: „drinnen“ (und im Straßenverkehr!) ist es viel schlimmer als „draußen“. Als ich nun bei dem Seminar vier Tage fast ununterbrochen draußen war, war das weg. Mein Aufreg-Modus lag bei null. Bei einem Schwellengang habe ich einen ähnlichen Zusammenhang meiner Gestimmheit entdeckt. Ich saß zwei Stunden unter einem Baum. Linkerhand lag ein Wiesen- und Waldrand, rechterhand ein Getreidefeld. Habe ich nach rechts geschaut, also auf das Kulturland, war ich im Kopf. Habe ich auf die urwüchsige(re) Natur geschaut, war ich nicht mehr Kopf (wobei ich nicht genau sagen kann, wo ich statdessen war). Die Erkenntnis? Ich brauche gar keine Resilienzstudien, um zu wissen, wie wertvoll die Verbindung mit der Natur ist.

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Vier Verbindungen

Wenn ich in der Natur bin – und Zeit habe – fühle ich mich oft recht schnell mit der Natur verbunden. Wenn ich mich mit ihr verbunden fühle, bin ich generell besser in Verbindung – auch mit mir selbst. Kurioser Weise auch mit vielen Menschen, die gar nicht da sind. Ich bekomme einen Sinn für das Verbundensein mit allem, was lebt. Und mit dem Grund des Lebens. Nennen wir ihn Gott.

Die Verbindung mit Gott ist die abstrakteste, die mit anderen Menschen wohl die gewöhnlichste. Dadurch sind die beiden oft nicht präsent. Der Verbindung mit mir selbst ist sicherlich die unbequemste und die Verbindung mit der Natur (mit der Schöpfung / mit der Erde / mit allem, was lebt) die vergessenste dieser vier Dimensionen.

Sich mit diesen vier Dimensionen zu verbinden und zu versöhnen, wird mir immer wichtiger. Und ich versuche, diese Zusammenhänge immer mehr zu klären. (Details folgen…!)

Interessanter Weise fügt jedes Seminar, das ich in diesen seminar- und erkundungsreichen Zeiten mache, ein kleines Stückchen hinzu. Ein neues Steinchen, von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wo ich es einfügen soll, ist der (mittlerweile immer wiederkehrende) Fingerzeig, bei dem Verbundensein die Vorausgegangenen und die Nachfolgenden nicht zu vergessen, also die Vorfahren und die (noch nicht geborenenen) Nachkommen – sowohl die eigenen, als auch die der Menschheit generell.

Essen als Sakrament

Und noch ein Thema schält sich für mich immer mehr heraus: die allumfassende Bedeutung des Essens. Wobei es gar kein weiteres Thema ist, sondern ein konkreter „Anwendungsfall“ dieser vier Verbindungs- und Versöhnungsdimensionen. Allerdings ein ganz wesentlicher.

WP_20160602_002Ich bin mittlerweile davon überzegt, dass das Essen und alles, was damit zu tun hat, der wesentliche Faktor für unser Überleben und Miteinanderleben auf diesem Planten ist: Produktionsmittel und Landbesitz. Saatgut und Kulturtechniken. Würde und Entfremdung. Wirtschaft und Nachhhaltigkeit. Zubereitung und Ästhetik. Mäßigung und Sättigung. Klimawandel und Kriege. Erwerbsarbeit und Konsum. Gemeinschaft – und Sakrament. Also eigentlich… fast alles.

All das wurde für mich noch mal handgreiflich bei dem einfachen, aber guten Essen während des Seminars, bei der liebevollen Zubereitung und Anrichtung, bei der unglaublichen Fülle, die dar war, obwohl es gar keine „Massen“ an Lebensmittel gab.

Vor kurzem bin ich auf den Gedanken der Sakramentalität des Essens gestoßen (Danke, Hannes!). Ich habe einige Auszüge aus dem Buch The Theology of Food von Angel Méndez-Montoya gelesen, ein katholischer Theologe aus Mexiko. Es hat mich sofort angesprochen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe. Und beim Weiterstöbern habe ich dann Lisa McMinns Spirituality of Food, Farming und Community entdeckt. Sie ist Quäkerin, die mit ihrer Familie in Amerika eine SoLaWi betreibt (hier ein Interview mit ihr).

Und ich ertrage es kaum noch, dass gerade in der Kirche ökofair allenfalls bei Kaffee funktioniert, vegetarisch immer noch die Zusatzoption und nicht die Selbstverständlichkeit ist, vegan natürlich belächelt wird und es grundsätzlich wenig Kultur bei Zubereitung und Verzehr gibt. Zeige mir bei einer kichlichen Veranstaltung die Verpflegung und ich sage dir, welches spirituelle Verständnis vom Leben dort herrscht!

Was nähre ich und was nicht?

A propos Nahrung… Eigentlich habe ich hier schon alles dazu geschrieben, aber die Quintessenz wiederhole ich gerne:

Achte auf das, womit du dich umgibst und was du nährst!
Denn was dich umgibt, beeinflusst dich und was du nährst, wächst.

Als ich wieder zuhause war, schwappte mir gleich #AnneWill mit dem AfD-Gauland über alle Kanäle rein. Ich habe mich natürlich gleich wieder aufgeregt, ein paar Empörungs-Tweets retweetet, gerne die, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass die Aufregung über die AfD sie immer wieder nach oben treibt. … ! … Okay, ich hab’s verstanden. Das waren die letzten Tweets dieser Art. Ich nähre das nicht mehr. Ich will Lebensdienliches stärken.

Verkleinere dein Gefäß

Gerade bin ich auf einen kleinen Text von David Steindl-Rast gestoßen. Ich finde, er ist eine wunderbare Antwort auf unseren doch ziemlich kranken westlichen Lebensstil. Und der Text ist ein schönes Bild für die Idee eines „einfachen Lebens“:

„VERKLEINERE DEIN GEFÄSS – Unsere Überflussgesellschaft hält das Hinzufließende zurück, indem sie einfach die Behälter vergrößert, wenn es gerade wie in den Schalen eines Brunnen überfließen möchte, sich über deren Rand ergießen in wunderschönen Wasserkaskaden. Die Wirtschaft der Überflussgesellschaft erfordert, dass die Dinge, die letztes Jahr für uns etwas Besonderes waren, jetzt als selbstverständlich erachtet werden; somit wird der Behälter größer, und damit die Freude am Überfließen, die Dankbarkeit, immer wieder hinausgeschoben. Wenn wir aber das Gefäß kleiner machen, indem wir unsere Bedürfnisse einschränken, dann fließt es schneller über, und damit wird uns die Freude der Dankbarkeit früher geschenkt. Es ist das Überfließende, was in der Sonne funkelt“ (David Steindl-Rast, Einladung zu Dankbarkeit, Stuttgart 2012, 72-73).

 

 

 

Nachhaltigkeit aus Not

Vor kurzem bin ich auf einen Artikel in der ZEIT über die kubanische Landwirtschaft getoßen (via hier, dem kongenialen Wirtschaftsteil der GLS-Bank). Ich muss gleich hinzufügen, dass Kuba für mich kein Sehnsuchtsland ist und ich auch keine sozialistisch-romantischen Gefühle bekomme. Aber mich hat sehr fasziniert, was da beschrieben wird: Weil sich kubanische Bauern weder industriellen Dünger und Pestizide noch kommerzialisiertes Saatgut leisten können, haben sie – nicht aus Absicht, sondern aus Not – die nachhaltige Landwirtschaft entdeckt:

„‚Langsam begannen wir, fruchtbaren Boden zurückzugewinnen, unser eigenes Saatgut herzustellen und natürliche Wege zu finden, um Pflanzen vor Schädlingen zu schützen‘, sagt Fernando Donis. […] Im Nachhinein eine glückliche Fügung. […] Heute wird beinahe jeder Acker Kubas aus westlicher Sicht, wo die industrielle Landwirtschaft Standard ist, nach ökologisch nachhaltigen Kriterien bearbeitet. Mit beinahe sagenhaftem Erfolg. […] 2013 bescheinigte die FAO der Insel als einzigem Land der Region, den Hunger besiegt zu haben.  Wie war das möglich? ‚Not macht bekanntlich erfinderisch‘, sagt Friedrich Leitgeb, Agrarwissenschaftler an der Universität für Bodenkultur Wien, der bei der Erforschung der kubanischen Landwirtschaft auf viele einfache wie geniale Innovationen gestoßen ist“ (Plötzlich Biobauer, ZEIT Online, 16.09.2015).

Dies passt zu einem Interview der Deutschen Welle mit der Inderin Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreies, die die These aufstellt, dass nur Kleinbauern die Welt ernäheren können. Die industrielle Landwirtschaft führe zu verheerenden Begleiterscheinungen (wie zum Beispiel der immense Bodenverbrauch durch industrielle Tierhaltung oder die Verschuldung der Bauern, die das patentiertes Saatgut immer nachkaufen müssen):

„Die Lebensmittelproduktion dort [im Punjab] ist mit der Einführung gentechnisch veränderter Pflanzen und industrialisierter Landwirtschaft zurückgegangen […]. Ökologische Systeme produzieren mehr Lebensmittel. In Indien könnten wir durch ökologische und nachhaltige Landwirtschaft den Kontinent zweimal ernähren. Die industrialisierte Landwirtschaft ist in Wirklichkeit nämlich vollkommen ineffizient. Politiker und Konzerne sagen, dass wir sie brauchen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Aber nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt“ („Nur Kleinbauern können die Welt ernähren“, Deutsche Welle, 23.11.2014).

Ich muss gestehen, dass ich von Landwirtschaft wenig Ahnung habe. Ich weiß alles nur aus zweiter Hand (so ist das nun mal in funktional differenzierten Gesellschaften), ich weiß noch nicht einmal, wie ich die Thesen überprüfen sollte. Denn die Zahlen hinter Kubas Landwirtschaftserfolge sind nicht gesichert und der spannenden These, dass gerade Kleinbauern die Welt ernähren können, täten bestimmt noch mehr Belege gut.

Trotzdem, die dahinter liegenden Prinzipien halte ich generell für sehr plausibel:

  • Wirtschaftlich betrachtet ist nachhaltige Landwirtschaft auf Dauer effizienter als industrielle.
  • Systemisch gesehen sind viele kleine Teile besser als wenige große.

Es wäre daher bedauerlich, wenn die echte Innovation ökologischer Nachhaltigkeit der Pseudo-Innovation einer industriellen Landwirtschaft wieder weichen würde. Denn:

„Da die meisten Landwirte aus purem Pragmatismus zu Biobauern wurden, werden viele sich von internationalen Konzernen für Dünger und Pflanzenschutzmittel überzeugen lassen, auf ‚modern‘ umzustellen. Fast niemand auf Kuba baut aus Überzeugung ökologisch an“ (Plötzlich Biobauer, ZEIT Online, 16.09.2015).

Update 09.10.2015: Daija hat mich auf die Debatte um Ecomodernism aufmerksam gemacht, darin wird auch das Thema von Kleinbauern vs. industrielle Landwirtschaft angeschnitten.

Ecomodernism ist eine neoliberal anmutende Initiative, die ökologische Probleme mit mehr „Modernisierung“ beheben will und dabei vor allem auf technologische Innovation setzt. Die Debatte ist interessant und verdient einen eigenen Blogpost – vor allem, weil ich hier auf ganz neue inspierende Quellen stoße (allerdings eher bei den Kritikern der Ecomodernisten).

An dieser Stelle nur kurz ein Aspekt, der direkt mit der Frage um kleinbäuerliche Landwirtschaft zu tun hat. Die Ecomodernisten gehen davon aus, dass Kleinbetriebe geringere Erträge erwirtschaften als Großfarmen. Das findet der Journalist George Monbiot sehr merkwürdig, denn

But since Amartya Sen’s groundbreaking work in 1962, hundreds of papers in the academic literature demonstrate the opposite: that there is an inverse relationship between the size of farms and the crops they produce. The smaller they are, on average, the greater the yield per hectare (George Monbiot im Guardian vom 24.09.2015).

Ich wusste gar nicht, dass sich Amartya Sen auch mit dieser Frage beschäftigt hat, ich kannte ihn bisher als Wirtschaftswissenschaftler, der eine inspirierende Gerechtigkeitstheorie entworfen hat. Die am Folgetag erschienene Replik auf Monbiot von Ecomodernist-Autoren wirft nun wieder Monbiot vor, dass er Äpfeln mit Birnen vergleiche, wenn er die Erträge von Kleinbauern in Entwicklungsländern mit Großbauern in Entwicklungsländern vergleiche. Schließlich müsse man die Erträge von Kleinbaueren in Entwicklungsländern mit denen von Landwirtschaften jeglicher Größe in industriell entwickelten Ländern zu vergleichen. Der Gedanke ist nicht völlig falsch, aber auch nicht wirklich richtig, finde ich. Dann werden halt Orangen mit Zitronen verglichen.

Durch die Kritik am Ecomodernist-Manifest bin ich schließlich auf den Blog Small Farm Future gestoßen, den ich mir noch einmal genauer anschauen werde. Und darüber bin ich wiederum auf eine andere spannede Sache gestoßen, nämlich –

Aber davon ein andernmal.

 

einfaches Leben

Die Flüchtlingskatastrophen beschäftigen mich sehr. Vieles berührt mich so doll, dass ich dazu gar nichts schreiben kann und will. Stattdessen möchte ich einen Gedanken niederschreiben, der nichts mit der aktuellen, konkreten Not zu tun hat, sondern grundsätzlich nach unserem Lebensstil fragt. Denn eins ist wohl klar: Wie wir mit unserem und anderem Leben umgehen, hängt zusammen.

Vor drei Wochen hatte ich hier einen Beitrag veröffentlicht, in dem ich vom Kauf meiner ersten Öko-Jeans berichte. Ich hatte ernsthaft überlegt, ihn nicht online zu stellen, weil mir im Angsicht der gegenwärtigen Katastrophen alles andere so belanglos vorkam. Aber mir ist klar geworden, wie sehr das doch zusammenhängt. Denn meine Kernaussage ist ja: Ich will nicht auf Kosten anderer leben. Wenn ich das an so vielen Stellen wie möglich beherzige, dort, wo ich dazu in der Lage bin, dann ist das nicht wenig.

Vielleicht müsste man (ich, wir,…) das viel stärker zu einem handlunsgleitenden ethischen Prinzip machen: Ich entscheide mich für die Alternative, bei der ich weniger auf Kosten anderer lebe. Es gibt ja den ökologischen Fußabdruck – gibt es analog dazu auch so etwas wie einen Externalisierungs-Fußabdruck? Weiß das jemand? Das ist vermutlich noch aufwendiger als bei der ökologischen Nachhaltigkeit. Aber vielleicht helfen ja bereits ein paar einfache Leitfragen, um zwar nicht völlig korrekt, aber immerhin besser als bisher entscheiden und handeln zu können.

Ich glaube, dass das automatisch zu einem einfacheren Lebensstil führt. Die Idee eines „einfachen Lebens“ – wie auch immer das konkret aussehen mag – finde ich reizvoll. Wenn ich „einfaches Leben“ nicht attraktiv finde, dann wird es wahrscheinlich kaum möglich sein, nicht auf Kosten anderer zu leben. Oder es bleibt immer ein schwerer, moralinsaurer Appell.

Bei Richard Rohr habe ich ein schönes Motto gefunden. Es geht auf Elizabeth Seton zurück (eine amerikanische Diakonisse, ich kannte sie bisher nicht) und lautet sinngemäß:

Ich versuche einfach zu leben, damit andere einfach leben können.

Ich finde das sehr klug – auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Elizabeth Seton das so gemeint hat, wie ich es verstehe.

Ich verfolge gerne, was auf einigen Minimalismus-Blogs läuft, vieles finde ich sehr anregend. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass Minimalismus für mich nicht passt. Mir geht es nicht um einen minimalistischen Lebensstil sondern um einen einfachen Lebensstil – von dem ich noch meilenweit entfernt bin, um es gleich vorweg zu sagen.

Einfaches Leben kann eine politische Tat sein, ein subversiver Akt, eine schöpfungsspirituelle Maxime. Aber einfaches Leben kann natürlich auch in einer naiven Variante daherkommen: Hauptsache ich lebe „einfach“ und mache mich nicht mitschuldig. Ich ziehe aufs Land und baue mein Gemüse selbst an, und zack, Welt gerettet.

Doch solange ich mehr als genug habe, habe ich auch eine größere Verantwortung. Folgender Spruch lief in den letzten Tagen öfter durch meine Twitter-Timeline:

Wenn wir mehr haben als genug, dann müssen wir nicht die Zäune höher machen, sondern die Tische länger.

Ich weiß nicht, von wem er stammt (es gibt auch mehrere Varianten). Er gefällt mir sehr. Denn ich halte viel von Tischen und wenig von Zäunen. Und es ist widersinnig, immer mehr Energie in den Schutz des eigenen Besitzes zu stecken (und zwar umso mehr desto mehr man besitzt), als Energie aus dem Nutzen des Besitzes zu ziehen. Also: Gerne mache ich den Tisch länger und den Zaun niedriger. Sagen zumindest mein Kopf und mein Herz. Mein Bauch grummelt dabei allerdings: „Ich brauche meine Ruhe, meinen Rückzugsraum. Ich bin froh, dass unser Garten nicht einsehbar ist und dass ich mein Büro mit niemandem teilen muss“.

Das ist eine andere Ebene, ja, aber irgendwie ist es doch die gleiche Ebene. Ich möchte gerne meinen Tisch länger machen und den Zaun nicht abbauen. Geht das?

Wir werden die Flüchtlingsfrage nicht lösen, wenn wir nicht auch über unseren Lebensstil nachdenken.

update (22.09.2015): „In den Flüchtlingsströmen wird ohne Zweifel etwas von der Kehrseite unseres exzessiven Konsums sichtbar“ – ein sehr interessantes Interview mit dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz auf derFreitag.de.