Die 4 Dimensionen des Wandels

Der Großen Wandel kann auf vielfältige Art mitgetragen werden – so Joanna Macy, Grande Dame der Tiefenökologie. Mit „Großem Wandel“ ist eine grundlegende ökosoziale Transformation gemeint. Und dieser Wandel besteht nach Joanna Macy aus drei Dimensionen, die sie in ihrem Buch Geliebte Erde, gereiftes Selbst beschreibt (Paderborn 2009, 140-143):

Abwehrende und aufhaltende Aktionen haben das Ziel, weitere Zerstörung zu vermeiden oder zumindest zu verlangsamen. Dies ist wichtig, um Leben zu bewahren und verschafft erst einnmal Zeit.  Das allein reicht aber natürlich nicht, deshalb braucht es auch Veränderungen der Strukturen und Entwicklung von Alternativen. Alternative Handlunsgweisen entstehen, lebenszerstörende Strukturen werden durch lebensdienliche ersetzt. „In keinem anderen Zeitalter der menschlichen Geschichte sind so viele neue Handlunsgweisen in so kurzer Zeit neu entstanden. Es mag für uns heute so aussehen, als seien sie unbedeutend, aber sie enthalten die Saaten der Zukunft“ (S. 141). Und damit sie bestehen bleiben und wirklich tief greifenen können, braucht es einen Wandel im Bewusstsein. Joanna Macy spricht hier von einem „Prozess des Erwachens“.

Aus Joanna Macys drei Dimensionen des Wandels mache ich nun vier, denn „Alternativen entwickeln“ und „Strukturen ändern“ sind für mich zwei eigenständige Dimensionen.

Die 4 Dimensionen des Großen Wandels sind dann also:

  • Zerstörung aufhalten
  • Alternativen entwickeln
  • Strukturen ändern
  • Bewusstsein wandeln

Jede dieser vier Dimensionen ist notwendig, aber keine alleine ist ausreichend. Der Große Wandel braucht alle vier. Jede dieser vier Dimensionen ist wichtig, keine ist besser oder schlechter. Jede dieser vier Dimensionen funktioniert für sich, hat eine eigene Logik (und auch eigene Szenen und „Typen“).

Das Denken in diesen 4 Dimensionen hilft, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken und um aus der Lähmung herauszukommen, die einem befällt, wenn man sieht, wie schlimm es um die Erde bestellt ist und wie groß der große Wandel doch ist. Denn es sind vier verschiedene Aufgaben. Damit wird der Wandel handhabbar(er).

Ich finde diese 4 Dimensionen auch sehr hilfreich, um den eigenen Beitrag zu reflektieren: Wo fühle ich mich hingezogen? Wo will ich mitwirken? Wo habe ich Stärken? Oder andersrum: Was ist nicht meins, wo sollte ich mich lieber nicht verausgaben, sondern auf das Tun Anderer vertrauen? Oder: Wo engagiere ich mich aktiv (durch eigenes Tun) und wo eher passiv (zum Beispiel durch Spenden oder Mitgliedschaften)?

Und schließlich kann die Unterscheidung dieser 4 Dimensionen auch einen Beitrag leisten, redlich zu sein. Denn oft – und vor allem gerne – wird ökosozial Engagierten eine Art Doppelmoral vorgeworfen, wenn sie sich an einer Stelle engagieren und an einer anderen eben nicht. Wer sich für gutes Leben einsetzt, müsse das bitteschön auch immer & überall und ganz & gar tun, ansonsten sei er unglaubwürdig und überhaupt viel schlimmer als die, die gar nichts tun. Das ist natürlich Quatsch. Wenn sich jemand in einer Dimension stark engagiert, in einer anderen nicht, schmälert das nicht sein Tun. Diese vier Dimensionen können eben nicht miteinander „verrechnet“ werden.

Advertisements

Warum meine Konsumentscheidungen etwas bewirken

Es sind ja so einige Wahlen in diesem Jahr. Gerade deshalb sollte man dies nicht vergessen: Auch mein Einkaufszettel ist ein Wahlzettel.

Okay, das wussten wir schon. Aber ist uns wirklich klar, wie machtvoll unser Konsumverhalten ist? Wenn es stimmt – und es spricht einiges dafür – dass manche Großunternehmen politisch einflussreicher sind als Nationalstaaten, dann ist der tägliche Einkaufszettel weit mächtiger als der fünfjährliche Wahlzettel.

Ja klar, wenn alle zusammen…. die große Masse… das wäre was… Aber ich allein?

Warum bewirken meine Konsumentscheidung wirklich etwas? Warum macht mein Beitrag tatsächlich einen Unterschied? Beweisen kann ich’s natürlich nicht, aber es spricht einiges dafür. Drei wichtige Punkte. Mindestens.

  • Indem ich Alternativen suche, erschaffe ich sie.
  • Indem ich alternative (Produktions- und Handels-)Strukturen nutze, stärke ich sie wirtschaftlich.
  • Indem ich dazu beitrage, Alternativen zu nutzen, etablieren sie sich und werden normaler.

Die zentrale Erkenntnis für mich ist: Um Wirkung zu entfalten braucht man keine große Masse. Eine kritische Masse reicht völlig aus. Und die ist manchmal viel kleiner, als man denkt. Wenn sie es zur rechten Zeit über die Aufmerksamkeitsschwelle schafft, kann sie eine ganze Bewegung auslösen, wie“Zero Waste“ zum Beispiel. Und wenn nicht, werden eben weiterhin in zig Nischen Alternativen entwickelt und schon mal deren Kinderkrankheiten auskuriert.

Wenn kleine Dinge etwas bewirken – auch wenn sie weit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle liegen und lange in Nischen inkubieren – befreien sie uns aus der Ohnmacht, eh nichts ändern zu können. Man tut also nicht nur etwas für die Sache, sondern die Sache ermächtigt einen auch. Schöne Sache! Heute ist die Strategie nicht, kaputt zu machen, was uns kaputt macht (aber das hat ja eh nie richtig funktioniert), sondern Alternativen zu suchen und diese praxistauglich zu machen. Das ist anfangs schwer, weil man oft gar nicht weiß, wonach man genau suchen soll. Das ist andererseits aber auch einfach, weil wir noch nie so vernetzt waren an Leuten, Ideen, Wissen und Inspiration.

Quelle: goodreads.com/quotes

Was mir gut tut

Eine lose Sammlung, der Dinge, die meist schnell und allein umsetzbar sind. Nicht nach Prioritäten geordnet:

#1  Aufräumen.
#2  Etwas wegwerfen.
#3  Etwas pflegen, reparieren oder in Ordnung bringen.
#4  Dankbarkeitstagebuch schreiben.
#5  Mit einem Kaffee in der Sonne sitzen, dabei nichts tun (tagsüber).
#6  Mit einem Tee auf dem Balkon sitzen, dabei nichts tun (abends).
#7  Herzensgebet, im Liegen (ich weiß, das ist unüblich, aber bei mir klappt das gut und ist genau richtig).
#8  Etwas fertig machen/abschließen (meist ist es ein Text).
#9  Etwas veröffentlichen (Blogartikel, Flyer, …)
#10  Etwas schreiben, mit Bleistift oder Füller (meist in mein Notizbuch).
#11  Draußen sein.
#12  Imagination (keine Imaginationsübung, sondern ein bestimmtes Bild – nein: zwei!).
#13  Viel Wasser und Tee trinken.
#14  Im Wald sein (Geruch, Bäume).
#15  Schlafen.
#16  In der Sauna sein (Holzgeruch, Hitze, Dunkelheit).
#17 Gartenarbeit.

(wird fortgesetzt)

Was derzeit fehlt: Musik. Tanzen.

Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Das Alte Testament nennt als generationenübergreifende Zeitspanne drei bis vier Generationen (2. Mose, 20; 2. Mose 34). Nicht die siebte oder vierte aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

***

Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

***

Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

***

Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

***

Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

***

Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

***

Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

***

Kirche. Eine Skizze.

Manche Blogartikel brauchen etwas länger. Dieser gärte drei Jahre. Angeregt wurde ich zu ihm durch Hannes Leitleins Artikel O Gott, was kommt da auf mich zu? in der Christ & Welt 49/2013 über den Zustand der evangelischen Kirche. Ich hatte damals zugesagt, meine Gedanken aufzuschreiben, wie ich mir Kirche vorstelle. Über das Entwurfstadium kam ich allerdings nicht hinaus. Nun bin ich beim „Tag der Inspiration“ der rheinischen Landeskirche im Forum „Geistlich Kirche sein“ mit auf dem Podium und habe die alten Notizen wieder herausgeholt und den Artikel zu Ende geschrieben.

Wie sollte Kirche sein? Yotin hat dies mal ironisch und bitterernst zugleich so gesagt: Ein Ort, an dem ich mich nicht fremdschämen muss. Bei mir setzt Fremdschämen ein, wenn es zu banal und zu betulich wird. Und ich denke, dass es nicht nur mir so geht. Viele Menschen finden in der Kirche nichts mehr – und suchen dort auch gar nichts, weil sie wissen, dass sie dort nichts finden werden – aufgrund der Selbstbanalisierung der Kirche. Lange Zeit war das Stichwort der Selbstsäkularisierung der Kirche en vogue, aber das trifft es meiner Meinung nach nicht. Problematisch sind in meinen Augen eben die Banalisierunsgtendenzen.

Es gibt unzählige Versuche, die Kirche attraktiver zu machen. Doch vieles davon finde ich eher peinlich. Auch wenn ich keine unattraktive Kirche will, ist Attraktivität für mich einfach die falsche Kategorie. Denn Attraktivität ist Geschmackssache. Und Geschmäcker sind stark millieugeprägt. Eine Orientierung an Milieus fördert wiederum Exklusionen und Ausschlüsse. Die Milieurorientierung ist ja auch ein Exklusionsprogramm: alle Milieus, bis auf das gewünschte Zielmilieu, werden bewusst exkludiert, in der Hoffnung, das gewünschte Milieu besser zu erreichen. Kirche hat aber gerade den gegenteiligen Auftrag: integrierend zu sein, ausschließende Grenzen zu überwinden. Und das geht eben am besten dann, wenn sich die Menschen in der Kirche erst gar nicht „einrichten“.

Vor einiger Zeit habe ich auf Twitter dazu ein Zitat dazu gefunden (dessen Quelle ich mir dummerweise nicht gemerkt habe), das genau das ausdrückt, worum es mir geht:

Die Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, ähnelt eher einem Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ als einem Country-Club.

Genau das ist es.

Ich wünsche mir eine heilsame Kirche. Dann ist mir auch egal, welches Etikett sie bekommt: ob „konservativ“, „liberal“ oder „progressiv“, ob „traditionell“ oder „innovativ“.

Denn der christliche Glaube hat vor allem mit Heilung zu tun. Wenn er nicht heilsam ist, kann er nicht christlich sein. Dementsprechend ist der Kern der Kirche, heilsam zu sein – für den Menschen wie für die Erde. Und wie müsste eine solche Kirche aussehen? Hier nun mein Versuch: Sie müsste spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch, gemeinschaftsbildend, erdheilend sein.

Das will ich kurz erklären.

Eine spirituelle Kirche

Eine heilsame Kirche ist sich ihrer spirituellen Tradition bewusst. Das ist mir besonders wichtig: die Wertschätzung von spirituellen Übungen und Übungswegen – wer mag kann es auch Frömmigkeitspraxis nennen. Und da sich das nicht einfach von selbst ergibt, muss es gepflegt und vor allem beigebracht, weitergegeben, vermittelt werden. Die Lehr-Aufgabe der Kirche besteht nicht in erster Linie in Glaubensinhalten, sondern in Glaubenspraktiken: Wie geht Beten? Wie geht Versöhnung? Wie geht Selbstliebe? Wie geht Teilen? Wie geht Fasten? Wie geht Hingabe? Wie geht Widerstand? Und so weiter…

Als zweites geht es um Ritual-Kompetenz, um die Kunst der Inszenierung – und die muss eben gekonnt sein. Das zeigt sich zum Beispiel in der Liturgie. Ich will kein lutherisches Hochamt, schlichte Formen reichen mir völlig, wenn sie denn liturgisch gut sind. Grundregel: Mehr Stille, weniger Logorrhoe. Vor kurzem erzählte mir ein Pfarrer, dass der Karfreitagsgottesdienst zur Todesstunde Jesu der am besten besuchte Gottesdienst (nach Weihnachten) in seiner Gemeinde sei. Weil er existenzielle Dimensionen aufgreift, die liturgisch dort Raum bekommen. Und das ist einer der sperrigsten Gottesdienste überhaupt, das genaue Gegenteil von „spiritueller Wellness“.

Eine weitere Art einer ritueller Kompetenz ist das Feiern des Jahreslaufs, des Kirchen- wie Naturjahres. Denn dies lehrt (mindestens) dreierlei: Gemeinsam feiern ist gut und wichtig. Die immer wiederkehrenden Jahresläufe fördern Vertrauen ins Leben (Genesis 8, 22). Und Natur und Kirchenjahr feiern das Gleiche: die unglaubliche Kraft des Leben.

Eine erfahrungsbezogene Kirche

Ohne Erfahrung ist der Glaube nichts. Egal wie ausgefeilt eine Dogmatik, wie methodisch geschickt ein Glaubenskurs oder wie anschaulich eine Bildungsveranstaltung ist, die eigene Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, sie ist Ausgangspunkt und Ziel.

Doch der Protestantismus ist zu sehr von theologischen Richtigkeiten geprägt und zu wenig von spirituellen Erfahrungen. Gewöhnlich ist es ja sogar so, dass für spirituelle Erfahrungen kaum Platz ist, dazu hatte ich ja schon einmal etwas geschrieben.

Fast alles ist vergeistigt – kaum etwas beseelt oder verkörpert.

Das hat damit zu tun, dass der Adressat klassischer evangelischer Verkündigung immer der Kopf ist – und selbst wenn beispielsweise eine Predigt „ans Herz gehen“ soll, geschieht dies immer mittels kognitiver Reflexion. Es wird dann allenfalls über Gefühle geredet, aber nicht aus ihnen heraus gesprochen, geschweige denn ihnen Raum gegeben. Man mag nun einwenden, dass  eine Predigt ja auch kaum der geeigente Raum dafür ist. Eben, genau darum geht’s. Und das gilt – mit Ausnahme der Kirchenmusik – für fast die gesamte evangelische Angebotspalette.

Nicht nur der Kopf hat seine (eigene) Wahrheit, sondern auch das Herz und der Bauch. Nicht nur Ratio und Intellekt wollen „bedacht“ werden, sondern auch die Seele und der ganze Leib umsorgt. Gefühle und Bedürfnisse, Körperlichkeit und Sexualität, die Verbindung zur Natur – überall lauern geistliche Erfahrungen.

Ein schöne und gleichzeitig sehr einfache Idee, wie der eigenen spirituellen Erfahrung Raum gegeben werden kann, ist beispielsweise die Spiritual Nurture Group der Quäker.

Eine initiatorische Kirche

Initiation meint Einführung – oder Einweihung – ins Leben. Genauer: in die Gehemnisse, wie das Leben so von statten geht.

Eine Besondere Aufgabe der Kirche liegt in der Begleitung bei den Lebensübergängen. Lebensübergänge sind komplexer und sensibler als Lebensphasen, aber gerade deshalb ist die Begleitung dort auch so wichtig. Übergänge sind immer Brüche – und Brüche sind im Geselligkeitsmodell der Vereinskirche nicht vorgesehen.

Gerade bei den Übergängen weist die christliche Tradition einen großen Fundus auf: Zu den klassischen Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung), die viel stärker als Initiationsriten gefeiert werden müssten, kommen „Neue Kasualien“ wie die Einschulung, das Erwachsenwerden (zum Beispiel in der Nacht des Feuers) vielleicht auch mal ein Ritual der Lebensmitte, der Übergang in den Ruhestand, Begleitung bei Verlust, Scheidung, Scheitern… Was bisher fehlt ist die Wiederentdeckung einer ars moriendi. In die Kunst des Sterbens einzuüben ist doch das spirituelle Thema überhaupt, sowohl in übertragener Bedeutung – denn „wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt“ – als auch ganz real bei dem letzten großen Übergang.

Kirche als initiatorische Prozessbegleitung könnte man das nennen.

Eine gemeinschaftsbildende Kirche

Das Wort Gemeinschaft ist sehnsuchtsbesetzt, eine Wärme-Metapher – gerade im kirchlichen Kontext. Doch bei Vielem geht es in meinen Augen eher um Geselligkeit als um Gemeinschaft. Gegen Geselligkeit ist nichts einzuwenden, gar nichts. Es ist nur kein kirchlicher Auftrag. Zudem: Was das Bürgerzentrum, der Karnevalsverein oder von mir aus auch der SPD-Ortsverein anbietet, muss die Kirchengemeinde nicht noch einmal doppeln.

Wie unterscheiden sich Gemeinschaft und Geselligkeit? Meine Faustregel ist: Wenn miteinander geteilt wird, ist es eine Gemeinschaft (und wenn sogar Risiken geteilt werden, ist es eine sehr tiefgehende Gemeinschaft).

Eine Idee, an der ich dran bin (demnächst mehr auf diesem Kanal!), ist die Erneuerung kirchlicher Kreiskultur. Im Kreis zu sitzen, einander zuzuhören und sich mitzuteilen, ist die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Und doch hat der „Kreis“ heute einen schlechten Stand in der Kirche, im Kreis zu sitzen empfinden viele als unangenehm. Aber es gibt gute Ideen, dem „Kreis“ seine gemeinschaftsbildende Kraft zuzückzugeben.

Spannend finde ich hier auch die Frage, welche Art von Zugehörigkeit Menschen überhaupt suchen. Ich glaube, dass es einerseits einen Wunsch nach „intimer“ Zugehörigkeit gibt – kleinere Gruppen so zwischen 10 und 50 Leuten – und gleichzeitig einen Wunsch, zu etwas Großem dazuzugehören. Die angemessennen kirchlichen Sozialformen müssen beiden Rechnung tragen. Konzepte um die Stichworte „cell – cluster – (Gesamt-)church“ finde ich interessant, aber das bräuchte noch einmal einen eigenen Blogbeitrag.

Eine erdheilende Kirche

Diejenigen, denen das alles zu innerlich war und das Politische vermisst haben, können jetzt durchatmen. Zumindest ein Bisschen.

Ich wünsche mir eine gesellschaftsverändernde Kirche, oder etwas pathetischer: eine weltwandelnde, ich lege noch eine Schippe drauf: eine erdheilende Kirche. Das hat vor allem zwei Dimensionen: ein guter Umgang mit Ressourcen aller Art (Nachhaltigkeit) und ein guter Umgang mit Menschen aller Art (Versöhnung).

Wem dies am Herzen liegt, muss schauen, wie es sich bewerkstelligen lässt. Wie kann Kirche wirklich wirksam dazu beitragen, dass die Welt nachhaltiger und versöhnender wird? Das Stichwort „politische Kirche“ ist für mich zu ideologisch aufgeladen, es geht dann immer um „richtig“ und „falsch“ (genauer: um die richtige und falsche Ideologie, welche auch immer das dann konkret ist), und zu wenig darum, was wirksam ist und was nicht.

Eine Voraussetzung für Transformation ist ein einigermaßen geklärtes Selbst. Der Kirche fallen hier zwei Aufgaben zu. Beides sind Aufgaben, die durchaus zu bewältigen sind, sie sind nicht naiv-illusionär. Zum einen muss die Kirche versuchen, selbst so zu sein, wie sie die Welt gerne hätte – also in meinen Augen: nachhaltig und versöhnend. Nur so kann sie zu einer Alternative zu den bestehenden Verhältnissen dieser Welt werden. Dann kann sie auch auf ihre ganzen Kundgebungen und Appelle verzichten (was für eine Erleichterung!). Das Problem ist allerdings, das unsere saturierte Kirche sich viel lieber „im Anschluss an“ (die Gesellschaft, den Staat…) versteht und viel zu wenig „als Alternative zu“.

Zum anderen kann die Kirche bei der Wandlung der Menschen helfen. Der „Große Wandel“ vollzieht sich durch gewandelte Menschen. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wenn es einen Hebel gibt, dann ist es dieser. „Der größte Beitrag zum Frieden ist, in uns selbst Frieden zu machen“, so sagt es Marshall Rosenberg. Hier hat die Kirche die Aufagbe, ihren Mitgliedern – oder all denen, die ihre Nähe suchen – bei ihrer Selbstwerdung zu helfen.

Wie? Indem sie spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch und gemeinschaftsbildend etwas anzubieten hat. Das ist eine ganze Menge, wenn’s gelingt.

Und damit schließt sich mein Kreis.

Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf.

Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte werden auf ein Viertel gekappt, die Läden haben 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar.

Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!

Mosaikstückchen

Ich war vier Tage in Bullerbü. Und es liegt gar nicht in Schweden, sondern in Vorpommern, in der Nähe von Lassan. Dort war ich auf einem Seminar (das einen eigenen Blogbeitrag wert ist) zum Thema Naturspiritualität (was etliche weitere Beiträge wert ist).

WP_20160603_009Aber ein paar Erkenntnisse schon mal vorab… Weniger vom Seminar selbst, sondern von dem, was sich immer mehr zusammenfügt.

Der Gedanken-(Um)Schalter

Kurz vor dem Seminar bin ich auf eine Achtsamkeits-Übung gestoßen (und zwar hier), die die Achtsamkeits-Freaks sicherlich alle kennen, die für ich aber neu war. Sie ist ganz einfach: Man beobachtet seine eigenen Gedanken und benennt, was für eine Art des Gedankenmachens das ist. Man erkundet also, was man gerade gedanklich tut: organisieren, planen, träumen, klären, schwelgen, erinnern, ärgern und so weiter… Das war auch schon die ganze Übung. Für mich war sie erhellend, denn ich entdeckte, wie oft es in meinen Gedanken darum geht… mich aufzuregen. Und über das Ausmaß war ich überrascht. Erschrocken.

Die zweite Erkenntnis dabei: „drinnen“ (und im Straßenverkehr!) ist es viel schlimmer als „draußen“. Als ich nun bei dem Seminar vier Tage fast ununterbrochen draußen war, war das weg. Mein Aufreg-Modus lag bei null. Bei einem Schwellengang habe ich einen ähnlichen Zusammenhang meiner Gestimmheit entdeckt. Ich saß zwei Stunden unter einem Baum. Linkerhand lag ein Wiesen- und Waldrand, rechterhand ein Getreidefeld. Habe ich nach rechts geschaut, also auf das Kulturland, war ich im Kopf. Habe ich auf die urwüchsige(re) Natur geschaut, war ich nicht mehr Kopf (wobei ich nicht genau sagen kann, wo ich statdessen war). Die Erkenntnis? Ich brauche gar keine Resilienzstudien, um zu wissen, wie wertvoll die Verbindung mit der Natur ist.

WP_20160603_011

Vier Verbindungen

Wenn ich in der Natur bin – und Zeit habe – fühle ich mich oft recht schnell mit der Natur verbunden. Wenn ich mich mit ihr verbunden fühle, bin ich generell besser in Verbindung – auch mit mir selbst. Kurioser Weise auch mit vielen Menschen, die gar nicht da sind. Ich bekomme einen Sinn für das Verbundensein mit allem, was lebt. Und mit dem Grund des Lebens. Nennen wir ihn Gott.

Die Verbindung mit Gott ist die abstrakteste, die mit anderen Menschen wohl die gewöhnlichste. Dadurch sind die beiden oft nicht präsent. Der Verbindung mit mir selbst ist sicherlich die unbequemste und die Verbindung mit der Natur (mit der Schöpfung / mit der Erde / mit allem, was lebt) die vergessenste dieser vier Dimensionen.

Sich mit diesen vier Dimensionen zu verbinden und zu versöhnen, wird mir immer wichtiger. Und ich versuche, diese Zusammenhänge immer mehr zu klären. (Details folgen…!)

Interessanter Weise fügt jedes Seminar, das ich in diesen seminar- und erkundungsreichen Zeiten mache, ein kleines Stückchen hinzu. Ein neues Steinchen, von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wo ich es einfügen soll, ist der (mittlerweile immer wiederkehrende) Fingerzeig, bei dem Verbundensein die Vorausgegangenen und die Nachfolgenden nicht zu vergessen, also die Vorfahren und die (noch nicht geborenenen) Nachkommen – sowohl die eigenen, als auch die der Menschheit generell.

Essen als Sakrament

Und noch ein Thema schält sich für mich immer mehr heraus: die allumfassende Bedeutung des Essens. Wobei es gar kein weiteres Thema ist, sondern ein konkreter „Anwendungsfall“ dieser vier Verbindungs- und Versöhnungsdimensionen. Allerdings ein ganz wesentlicher.

WP_20160602_002Ich bin mittlerweile davon überzegt, dass das Essen und alles, was damit zu tun hat, der wesentliche Faktor für unser Überleben und Miteinanderleben auf diesem Planten ist: Produktionsmittel und Landbesitz. Saatgut und Kulturtechniken. Würde und Entfremdung. Wirtschaft und Nachhhaltigkeit. Zubereitung und Ästhetik. Mäßigung und Sättigung. Klimawandel und Kriege. Erwerbsarbeit und Konsum. Gemeinschaft – und Sakrament. Also eigentlich… fast alles.

All das wurde für mich noch mal handgreiflich bei dem einfachen, aber guten Essen während des Seminars, bei der liebevollen Zubereitung und Anrichtung, bei der unglaublichen Fülle, die dar war, obwohl es gar keine „Massen“ an Lebensmittel gab.

Vor kurzem bin ich auf den Gedanken der Sakramentalität des Essens gestoßen (Danke, Hannes!). Ich habe einige Auszüge aus dem Buch The Theology of Food von Angel Méndez-Montoya gelesen, ein katholischer Theologe aus Mexiko. Es hat mich sofort angesprochen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe. Und beim Weiterstöbern habe ich dann Lisa McMinns Spirituality of Food, Farming und Community entdeckt. Sie ist Quäkerin, die mit ihrer Familie in Amerika eine SoLaWi betreibt (hier ein Interview mit ihr).

Und ich ertrage es kaum noch, dass gerade in der Kirche ökofair allenfalls bei Kaffee funktioniert, vegetarisch immer noch die Zusatzoption und nicht die Selbstverständlichkeit ist, vegan natürlich belächelt wird und es grundsätzlich wenig Kultur bei Zubereitung und Verzehr gibt. Zeige mir bei einer kichlichen Veranstaltung die Verpflegung und ich sage dir, welches spirituelle Verständnis vom Leben dort herrscht!

Was nähre ich und was nicht?

A propos Nahrung… Eigentlich habe ich hier schon alles dazu geschrieben, aber die Quintessenz wiederhole ich gerne:

Achte auf das, womit du dich umgibst und was du nährst!
Denn was dich umgibt, beeinflusst dich und was du nährst, wächst.

Als ich wieder zuhause war, schwappte mir gleich #AnneWill mit dem AfD-Gauland über alle Kanäle rein. Ich habe mich natürlich gleich wieder aufgeregt, ein paar Empörungs-Tweets retweetet, gerne die, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass die Aufregung über die AfD sie immer wieder nach oben treibt. … ! … Okay, ich hab’s verstanden. Das waren die letzten Tweets dieser Art. Ich nähre das nicht mehr. Ich will Lebensdienliches stärken.