barfuß & wild

„Für viele Generationen vor uns war der christliche Glaube ein Schlüssel zu jener tiefen ‚Erfahrung des Lebendigseins‘, der geistliche Schlüssel zu einem ‚Leben in Fülle‘ (Joh 10,10), von dem Jesus spricht. Was ist daraus geworden? Mindestens im Westen steckt das Christentum in einer Krise. Es wirkt seltsam blutleer. Viel zu viel wird über den Schlüssel geredet. Es geht um die richtige Lehre über Gott, Jesus, den Heiligen Geist. Aber immer weniger Menschen verbinden mit diesen Worten überhaupt noch eine Erfahrung. Und ein Gott, der nicht erfahrbar ist, existiert auch nicht. Fast scheint in Vergessenheit zu geraten, wozu der Schlüssel da ist und in welche Schloss er passen könnte. […] Ich meine, es ist Zeit, sich die Religion der eigenen Väter und Mütter, Großväter und Großmütter (wieder) anzueignen. Umfassend.“ (Jan Frerichs, barfuß & wild, S. 8-11)

Diese Beobachtung ist nicht neu, aber ich teile sie voll und ganz. Und mit dieser Beobachtung beginnt Jan Frerichs sein Buch barfuß & wild – Wege zur eigenen Spiritualität, das gerade bei Patmos erschienen ist (*). Dabei geht es nicht darum, sich eine „eigene“ Spiritualität zu basteln, sondern sich die christliche Tradition wieder anzueignen. Das Buch richtet sich daher auch weniger an Neueinsteiger, sondern eher an die, die gerne in ihre Mütter-und-Väter-Religion wieder einsteigen möchten, aber den passenden Zugang bisher noch nicht gefunden haben.

Jan Frerichs ist ist der franziskanischen Tradition verwurzelt. Er ist Mitglied in der Franziskanischen Gemeinschaft (OFS) und hat eine eigene „Franziskanische Lebensschule“ entwickelt – ebenfalls unter dem Namen barfuß & wild. Die franziskanische Tradition ist für ihn auch einer von insgesamt fünf „Wegweisern“, die er für die (Wieder-)Aneignung der christlichen Spiritualität nutzt. Daneben orientiert er sich an der Natur, der Bibel, der Mystik und der Verbindung von Aktion & Kontemplation.

Einen ersten Eindruck vermittelt dieses kleine Video vom Autor. Danach nenne ich die beiden Aspekte, die mir an barfuß & wild am wichtigsten sind.

Der erste Wegweiser ist also die Natur. Die Natur ist eine spirituelle Lehrerin. Dass Jan Frerichs mit der Natur als erstem Wegweiser einsetzt, ist kein Zufall. Sie ist die „erste Bibel“, die Heilige Schrift die „zweite Bibel“.

Im westlichen Christentum hat die Verbindung von Spiritualität und Natur oft keine besonders große Rolle gespielt – im Grunde bis heute.

„Es ist eine Herausforderung für Christen, eine ökologische Spiritualität zu entwickeln und die Natur als einen spirituellen Ort zu entdecken. ‚Wieder‘ zu entdecken, müsste es genau heißen, denn eine christliche Schöpfungsspiritualität hat es immer gegeben“ (S. 20).

In der Schöpfung kann ich dem „wilden Gott“ begegnen, dem ganz Anderen und Fremden. Das bewahrt davor, Gott einzuordnen und meinen, alles über ihn zu wissen. Der wilde Gott, das klingt erst einmal ungewohnt. Wildnis ist das, was aus sich selbst heraus lebt, was nicht vom Menschen kontrolliert werden kann, es ist Selbstherrschaft, Lebendigkeit pur.

„Wild“ leitet auch über zum zweiten zentralen Punkt des Buchs: dem initiatorischen Verständnis von christlicher Spiritualität:

Die Spiritualität Jesu und die christliche Tradition sind von ihrem Ursprung her initiatorisch (S. 41).

Initiatorisch meint: ins Leben einführen, in dessen Geheimnisse einweihen. Und so versteht Jan Frerichs das Christentum auch nicht als eine heilsgeschichtlich-lineare Erzählung, sondern als eine existenziell-zyklische. Damit sind wir bei dem, was ich als Herzstück des Buches ausmache und was mich ebenso anspricht wie die starke schöpfungsspirituelle Grundierung des Buchs: Jan Frerichs hat eine eigene Version eines Lebensrades entwickelt. Und hier leistet er wirklich Pionierarbeit.

Lebensräder verknüpfen Jahresverlauf, Lebensbogen und spirituelle Weisheit miteinander. Lebensräder gibt es in einigen Kulturen, im Westen ist vor allem das indianisch geprägte (aber westlich adaptierte) Vier Schilde-Modell von Steven Foster und Meredith Little bekannt geworden. Jan Frerichs übernimmt dessen Grundstruktur und verknüpft sie mit dem Weg Jesu: geboren, gelebt, gelitten, gekreuzigt, begraben, auferstanden, aufgefahren. Entsprechend den Jahreszeiten leitet er vier Qualitäten bzw. Aufgaben ab: nackt dem nackten Christus folgen, mit dem Schatten tanzen, dem Leben dienen, dem eigenen Mythos auf die Spur kommen. Das einzige Manko ist, dass Jan Frerichs das Kirchenjahr – das eine besondere Form eines Lebensrads ist – nicht in seine Lebensrad-Version eingebaut hat. Zumindest nicht in seinem Buch, denn ich weiß, das er damit arbeitet bzw. dazu forscht.

Beim Lesen von barfuß & wild fühlte ich mich oft ein Bisschen wie „nach Haue kommen“. Der Zugang ist biblisch fundiert und theologisch ambitioniert, in der Tat „eigen“, manchmal auch etwas voraussetzungsreich. Ein gelungenes Buch, zum Stöbern und Sackenlassen, für neue Erkenntnisse wie für alte Einsichten, die neu verbunden werden.

(*) Ich habe vom Patmos-Verlag freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.

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Grüne Kirche

Wie kann eine Kirchengemeinde ökologischer werden? Für einen Workshop mit Presbyter/innen habe ich Beispiele gesammelt, die besonders auf den spirituellen Gehalt ökologischen Tuns zielen und einen konkreten Bezug zum Gemeindeleben haben.

Schöpfungsverantwortung ist für mich kein Ethik-Programm, sondern ein – christlicher – Beitrag zum ökosozialen Wandel. Ich hatte hier schon einmal in aller Kürze auf die vier Dimensionen des Wandels hingewiesen: Zerstörung entgegenwirken, Alternativen entwickeln, Strukturen gestalten und Bewusstsein wandeln. Alle vier Dimensionen sind wichtig, alle bedingen sich gegenseitig – aber man kann anfangen, wo man will! Und jede dieser Dimensionen zeigt etwas Wesentliches der Schöpfungsverantwortung, jede Dimension ist christlich interpretier- und reflektierbar. Mir ist besonders wichtig, dass ethische Reflexionen, moralische Appelle und konkrete Taten spirituell gegroundet sind. Denn sonst bleiben sie intellektualisierend, moralinsauer oder aktionistisch. Und das hilft leider nicht.

Hier nun meine Ideen-Sammlung, anderthalb Dutzend, 6 mal 3 Inspirationen. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Die Kategorien sind willkürlich, sie dienten einfach dazu, den Workshop zu strukturieren.

 

 

Lebendigkeit fördern

Hecken pflanzen

Ein Pastor in der Uckermark hat das „Hecken-Projekt“ erfunden: Die Kirchengemeinde pflanzt auf ihren eigenen (verpachteten) Grundstücken neue Feldhecken. Das verhindert Bodenerosion (ein großes Problem in der Uckermark), fördert den Lebensraum von vielen Tieren und trägt zur Klimaregulierung bei.

Das ist ein tolles Gemeindeprojekt – man kann zum Beispiel zur Taufe oder Konfirmation Hecken-Meter verschenken – und es ist auch auf Stadt-Kirchengemeinden übertragbar. Viele Grundstücke um Kirchen und Gemeindehäuser sind recht lieblos bepflanzt. Mit so etwas Simplem, aber ökologisch absolut Hochwertigem (solange es keine Thuja-Hecken sind) kann man einen praktischen und vor allem schönen Beitrag leisten. Hier ist das Heckenprojekt auf Facebook.

Diese Idee war übrigens der Startschuss für mich, einmal nach etwas anderen Öko-Ideen für Kirchengemeinden zu suchen.

Weidenhäuser pflanzen

Bekannt und bewährt, aber doch erstaunlich selten um Gemeindehäuser oder in Kindergärten zu finden sind selbstgepflanzte Weidentipis, -tunnels oder -iglus. Wer mit der Bildersuche „Weidentipi“ googelt finden viele tolle Ideen! Und es ist einfach und so gut wie kostenlos. Denn im frühen Frühjahr werden von Naturschutzverbänden Kopfweiden geschnitten, wer mithilft, darf Weitenruten mitnehmen. Wie das Ganze geht, findet man zum Beispiel hier.

Saatgutbörse

Es gibt kaum etwas so Faszinierendes wie Samen, Saatgut. Aus diesen winzigen trockenen Dingern wächst neues Leben! Unglaublich, oder? Man kann Kita-Kinder dafür begeistern, ganze Bibelwochen zu dem Thema gestalten und das Wunder der Schöpfungs(kraft) damit verdeutlichen. Und auch etwas ganz Konkretes tun: eine Saatgutbörse veranstalten.

Zum Beispiel als Teil des Gemeindefestes oder Adventsbasars. Es müssen ja nicht immer Häkeldeckchen sein. Es gibt bestimmt einige Menschen in der Gemeinde, die gärtnern und eigenes Saatgut anbieten könnten. Man braucht etwas Ahnung von der Materie, aber das ist machbar. Die beiden wichtigsten Grundregeln bei Saatgutbörsen lauten: Saatgut wird verschenkt oder getauscht, niemals verkauft. Und auf Saatgutbörsen gibt es nur samenfeste Sorten, keine Hybrid-Sorten! Praktische Tipps und ein Verzeichnis der stattfindenden Saatgutbörsen gibt es hier, politischer wird es hier.

 

Verankerung im Kirchenjahr

Nur was seinen festen Platz im Kirchenjahr hat, wird auch gefeiert. Und nur was immer und immer wieder gefeiert wird, verankert sich tatsächlich im Gemeindeleben. Also: Schöpfung ins Kirchenjahr!

Schöpfungszeit

Es gibt eine „neue“ Kirchenjahreszeit: die Schöpfungszeit. Das ist der Zeitraum vom 1. September (dem orthodoxen Schöpfungstag) bis zum 4. Oktober (dem Gedenktag von Franz von Assisi). Einstiegsinfos gibt es im Wikipedia-Artikel. Evangelischerseits ist es vor allem der Schöpfungstag, der erste Freitag im September, der sich langsam einbürgert.

Fastenzeit

Wir können es drehen und wenden, wir leben weit über unsere Verhältnisse. Sich daher der Frage zu stellen, was wir wirklich zum Leben brauchen, wie wir einfacher und mit weniger leben können, ist wohl eine der wichtigsten aber leider auch unangenehmsten Fragen. Die Passionszeit bietet sich hier an, eigene Erfahrungen zu machen und sie mit der geistlichen Übung des Fastens zu verbinden. Wichtig ist, dass das Fasten ganz klassisch auf ein Reduzieren zielt (die immer vergeistigteren Aktionen der Kampagne „7WochenOhne“ haben mit Fasten im eigentlichen Sinne nichts mehr zu tun).

Eine gute Initiative, die auch von der rheinischen Kirche unterstützt wird, ist die „Fastenaktion für Klimaschutz & Klimagerechtigkeit“ mit Material und Aktionsanregungen.

Erntedankfest als Dankbarkeitsfest neu beleben

Wer mit der Bildersuche „Erntedankgottesdienst“ googlet, wird feststellen, dass das Erntedankfest zu einem agrar-romantischen Fest in „LandLust“-Optik geworden ist. Die Kirche wird mit Gemüse dekoriert, das man vorher noch schnell im Discounter gekauft hat. Kaum etwas zeigt unsere Entfremdung von den Lebensgrundlagen so sehr, wie dieses Fest – auch wenn alles gut gemeint ist!

Vielleicht könnte man Erntedank als Dankbarkeitsfeier neu beleben. Ein tiefes Schauen und Feiern, wofür ich dankbar bin. Man wird an den Punkt kommen, was alles existenzielle Lebens-Mittel sind. Von hierher kann man das Erntedankfest neu feiern und gestalten.

 

Geistliches Leben

„erd-verbunden“: ein geistlicher Übungsweg

Die Pfälzische Landeskirche und das Bistum Speyer haben einen „ökumenisch-geistlichen Weg zur Schöpfungsverantwortung im Anthropozän“ entwickelt. Der geistliche Übungsweg gibt für einen Zeitraum von vier Wochen Impulse für eine tägliche Einzelbetrachtung und für wöchentliche Treffen in der Gruppe.

„erd-verbunden“ lädt mit seinen geistlichen Übungen ein, die tiefe Verbundenheit mit „Mutter Erde“ und allen Geschöpfen, die auf ihr leben, zu stärken. Sie zielen auf einen prophetischen Lebensstil und eine veränderte Lebensweise. Sowohl das vierwöchige Programm als auch das Hintergrundmaterial kann ich sehr empfehlen.

„Laudato Si“ als geistlichen Text lesen

Papst Franziskus ist mittlerweile der Protagonist eines neuen spirituellen Nachdenkens über unsere „Sorge für das gemeinsame Haus“ – so der Untertitel seiner Enzyklika „Laudato Si“. Franziskus wird übrigens auch in säkularen Öko-Szenen anerkannt, geschätzt und gern zitiert.

Warum nicht einmal „Laudato Si“ lesen? Im Gegensatz zu ähnlichen Texten, die wir im evangelischen Bereich kennen, ist es kein politischer Konsenstext (die ja immer recht schwer zu lesen sind), sondern ein geistlicher Text. Der Text besteht aus 245 kleinen Abschnitten. Man kann zum Beispiel Tag für Tag einen Abschnitt meditativ lesen. Hier ist Laudato Si imVolltext.

Bibel-Arbeit mit nachaltig-predigen.de

Nun wird es wieder evangelischer. Auf der Seite nachhaltig-predigen.de gibt es Reflexionen zu allen Predigtexten der Perikopenordnung im Kirchenjahr, die den jeweiligen Bibeltext aus theologisch-ökologischer Perspektive beleuchten. Hauptsächlich für Pfarrer und Pfarrerin geschrieben – solche Predigthilfen gibt es ja in den verschiedensten Varianten – kann man nachhaltig-predigen.de natürlich auch für die eigene Arbeit mit der Bibel nutzen, ob alleine oder in der Gruppe. Hier geht’s zur aktuellen Predigtreihe für das Kirchenjahr 2017/2018.

 

Erfahrungen weitergeben

Praxis-Workshops zu nachhaltigem Lebensstil

Workshops, in denen man konkrete Ideen bekommt, wie man im Alltag nachhaltiger leben kann, stoßen aktuell auf ein reges Interesse. Kein moralischer Appell, sondern handfeste Tipps für praktische Probleme. Ein gutes Beispiel sind hier Workshops zum Thema „Zero Waste“ oder „plastikfrei leben“. Das trifft – in bestimmten Milieus – gerade einen Trend. Wer nach 90 Minuten mit zehn erprobten Tipps nach Hause geht, setzt vielleicht das eine oder andere tatsächlich um.

Den Ökostrom-Anbieter zeigen

Viele Gemeinden beziehen für Gemeindehaus und Kirche Ökostrom. Aber ich habe bisher noch nie einen entsprechenden Hinweis im Gemeindehaus gesehen. Man muss es ja nicht Werbung nennen, aber ich finde, man darf  ruhig groß und auffällig kundtun, bei welchem „echten“ Ökostrom-Anbieter die Gemeinde Ihren Strom bezieht. Am besten mit Internet-Link und dem Hinweis, das Wechseln ja wirklich, wirklich einfach ist. Hier noch eine Übersicht der „echten“ Öko-Stromanbieter.

Eine Rubrik im Gemeindebrief

Es gibt sehr viele Blogs mit unzähligen, tollen Tipps zum nachhaltigen Leben. Alltagstaugliche Praxistipps sind gefragt. Wie wäre es mit einer regelmäßigen Rubrik im Gemeindebrief: Der Öko-Alltags-Tipp. Sicherlich gibt es dafür auch noch einen besseren Name. Wichtig ist, dass es tatsächlich erprobte Sachen sind. Und gut wäre es, wenn es einen personalen Bezug hat. Ich könnte mir vorstellen, dass es etliche Menschen in der Gemeinde gibt, die solch eine Rubrik spielend füllen könnten und es gerne tun würden.

 

Umgang mit Dingen

Dreh- und Angelpunkt für eine ökologischere Lebensweise ist unser Konsumverhalten. Hier gibt es spannende Bewegungen, an die Kirchengemeinden anschließen können bzw. in die Gemeinden hineinholen können.

Do-It-Yourself- und Maker-Bewegung

Selbermachen ist ein Gegentrend zur Wegwerfkultur. Und Selbermachen stärkt die Selbstwirksamkeit. Beides ist förderlich für einen nachhaltigeren Lebensstil. Und noch besser ist es, Dinge herzustellen, die einen direkten ökologischen Nutzen haben. Nistkästen zum Beispiel. Oder eine Windturbine für weniger als 25€.

Der Anschluss an die „Maker“-Bewegung ist auch ein Beitrag für das, was dem verkopften Protestantismus so oft fehlt: etwas mit den Händen zu tun.

Repair-Bewegung

Reparieren wird heute wieder mehr geschätzt, mittlerweile ist hier eine ganze Bewegung entstanden. Interessant ist das „Reparatur-Manifest“. In Deutschland gibt es mittlerweile eine Reparatur-Szene mit etliche „Repair-Cafés“. Warum nicht so etwas in der Gemeinde etablieren? Warum nicht eine Werkstatt einrichten, mit Geräten, die nicht jeder zu Hause hat? Vielleicht sucht ja auch noch ein Handwerker oder Ingenieur im Ruhestand ein ehrenamtliches Betätigungsfeld in der Gemeinde?

Minimalismus-Bewegung

Am ökologischsten ist es, grundsätzlich wenig(er) zu konsumieren. Das meiste Zeugs brauchen wir ja eh nicht. Dass das nichts mit miesepetriger Entbehrung zu tun haben muss, zeigt die Minimalismus-Bewegung: „Weniger ist mehr“ wird hier zu einem ästhetischen Prinzip. Und die Idee des „einfacher Lebens“ hat viele interessante Beziehungen zum christlichen Glauben.

Kann Minimalismus ein christlicher Lebensstil sein? Der Spur könnte man gut in Predigt, Hauskreis, Gesprächsabend nachgehen. Hierzu ist übrigens auch ein Blog-Projekt der Melanchthon-Akademie in Vorbereitung…

 

Selbst Teil der Öko-Bewegung sein

Strom produzieren und einspeisen

ALID Süd macht es gerade vor: Solarzellen auf die Discounter-Dächer und den Kunden kostenlose E-Tankstellen anbieten. ALDI baut damit eine eigene Infrastruktur auf. Wie viele konventionelle Kraftwerke könnten einsparen, wenn in Deutschland flächendeckend alle Dächer von Gemeindehäusern und kirchlichen Gebäuden Strom produzieren würden?

Auch wenn das Problem der Stromspeicherung noch nicht hinreichend gelöst ist, kann man darüber einmal nachdenken. Und vielleicht kann man Kontakt zu einer regionalen Energiegenossenschaft aufnehmen.

Waldkindergarten-Gruppe

Mittlerweile haben sich Waldkindergärten gut etabliert, es gibt auch einige in evangelischer Trägerschaft. Sollten eine Kindergartenerweiterung anstehen, ist es grundsätzlich auch möglich, eine Kindergarten-Gruppe als dauerhafte Waldgruppe zu konzipieren. Kindergartenvergößerung ohne Anzubauen!

Eco-Club

Last but not least eine Idee, die eine besondere Ressource von Kirchengemeinden aufgreift: die Gruppen und Kreise. Gruppen und Kreise gibt es zu vielen Themen und für etliche Zielgruppen. Doch „Umweltgruppen“ sind in den Gemeinden mittlerweile selten geworden – ganz im Gegensatz zu den 80er Jahren. An diese Tradition kann man ja wieder anschließen. Vielleicht ist das auch eine schöne Idee für die Nach-Konfi-Zeit. Dazu gibt es sogar einen ausgearbeiteten Vorschlag: den „Eco-Club“. Die Idee wird hier vorgestellt.

Die Erde spüren

In meiner Übersicht zu den vier Dimensionen des Verbundenseins habe ich bei der Erd-Liebe als eine „Alltagsübung“ das Bauchen erwähnt, aber noch nicht weiter erklärt. Das hole ich nun nach.

„Bauchen: Legen Sie sich mit dem ganzen Körper bäuchlings und lang ausgestreckt auf den Wald- oder Wiesenboden, „Herz an Herz“ mit der Erde. […] Spüren Sie die Erde mit dem ganzen Körper und nehmen Sie diese Lebenskraft mit dem ganzen Körper in sich auf. Lassen Sie sich ruhig viel Zeit, denn diese Übung fühlt sich schön an und wirkt sehr entspannend.“ (S. 85)

Die Übung stammt aus dem Buch Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern von Michael Kalff (*). Ich kann kaum beschreiben, wie schön diese Übung ist. Unbedingt einmal ausprobieren! Natürlich hat jeder schon mal ausgestreckt auf der Erde gelegen, klar. Aber eben nicht bäuchlings, vermute ich. (Noch zwei Tipps dazu: Wenn man länger liegen will, sollte man zwei kleine Thermositzkissen unterlegen. Und man sollte darauf achten, dass man sich eine Stelle aussucht, an der man unbeobachtet ist – auf Rücksicht auf Andere, denn bäuchlings ausgestreckt im Wald liegen kann schon erschrecken!)

Um sich mit der Erde zu verbinden, geht es aber auch deutlich einfacher. Zum Beispiel einfach die Hände auf den Boden legen. Genau das beschreibt Geseko von Lüpke in dem Vortragsvideo, auf das ich kürzlich schon eingegangen bin:

Wenn ich Visionssuchearbeit mache und mal nicht weiter weiß, dann lege ich die Hand auf die Erde, und dann kommen die nächsten Gedanken für das, wie’s grade weitergeht. Also sich beziehen auf das größere Ganze. Und sich mit dem zu verbinden, woher wir kommen und wohin wir gehen (ab 49’20).

Auch Thich Nhat Hanh empfiehlt, sich von der Erde Unterstützung zu holen:

„In Plum Village we do a practice called “Touching the Earth” every day. […] When you feel restless or lack confidence in yourself, or when you feel angry or unhappy, you can kneel down and touch the Earth deeply with your hand.“ (Quelle)

Und in dem zu Beginn erwähnten Naturmeditations-Buch von Michael Kalff wird als Anfangsritual für naturpädagogische Aktionen die Übung „Erde unten den Händen“ beschrieben:

„An einem markanten Punkt Ihres Platzes […] hocken Sie sich zusammen nieder und legen die Hände flach auf die Erde. Dann schließen Sie die Augen, spüren die Erde unter den Händen.“ (S. 14)

Hinter all dem steht die Vorstellung, dass die Erde nicht einfach ein Materiehaufen ist, sondern ein Lebewesen. Es gibt nicht bloß Leben auf der Erde (die Erde wäre dann nur die Bühne, auf der das Stück „Leben“ aufgeführt wird), sondern die Erde selbst lebt, sie ist ein riesiges Lebewesen. Daher kann man sich mit der Lebensenergie dieses Lebewesens verbinden. Oder bildlich gesprochen sogar das Herz dieses Wesens schlagen hören:

Wenn man ein Lebewesen so mit der Hand berührt, zum Beispiel einen Hund oder Menschen, kann man etwas von der Lebensenergie dieses Wesens fühlen. Aber auch die Erde lebt, sie ist ein riesiges großes Lebewesen mit verschiedenen Organen (den Wäldern, den Meeren, den Flüssen, der Luft, den Wolken…) – versuchen Sie, ob Sie etwas von der Lebenskraft der Erde unter den Händen spüren können. Wie die Pflanzen mit ihren Wurzeln dürfen Sie diese Energie durch die Hände aufnehmen. […] Kinder lieben diese Übung. In Kursen der Naturschule erzähle ich oft vom Glauben der Indianer, dass tief unten in der Erde das „Herz von Mutter Erde“ schlägt und das unser Herzschlag ein Echo auf den Puls von Mutter Erde ist. Oft ruft dann ein Kind überrascht aus: Ja – ich spür’s!“. Probieren Sie gemeinsam aus, ob Sie den Puls der Erde fühlen können. (S. 14)

Die Erde ist ein Lebewesen. Eine schöne Vorstellung!

Aber widerspricht das nicht völlig dem christlichen Glauben? Nein, erstaunlicher Weise gar nicht. Die Erde ist eben nicht einfach ein beliebiger Teil der Schöpfung, „sondern sie hat eine Eigendynamik und einen eigenen Status als Mitarbeiterin Gottes bekommen, die aktiv und rezeptiv die Schöpfung miterhält“ (Elisabeth Moltmann-Wendel). Und für Jürgen Moltmann ist die Bedeutung der Gaia-Hypothese – so wird die Annahme genannt, dass die Erde ein sich selbst erhaltendes lebendiges System ist, ein eigenes Lebewesen – sogar „kaum zu überschätzen“. (**)

Man muss allerdings zugeben, dass dieser Gedanke in der christlichen Spiritualität bisher kaum Platz gefunden hat. Deshalb stammt auch keines der hier aufgeführten Zitate aus christlicher Quelle. Was schade ist. Aber vielleicht fangen wir erst einmal damit an, die Erde unter den Händen zu spüren.

***

(*) Michael Kalff: Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern, Herder Verlag, 1998. Mittlerweile ist das Buch neu aufgelegt und als überarbeitete und erweiterte Auflage im Traumzeit-Verlag erschienen, Autoren sind nun Michael Kalff/Jessica Hergesell/Ina Hergesell. Es ist das mit Abstand beste Buch über Naturerfahrungen mit Kindern, leider bin ich erst nach meinen Kita-Wald-Aktionen darauf gestoßen. Wenn man nur ein einziges Buch zu dem Thema kaufen will, dann dieses.

(**) Die theologische Fachzeitschrift „Evangelische Theologie“ hat sich 1993 mit dem Schwerpunkt „Gott und Gaja. Zur Theologie der Erde“ auseinander gesetzt, in der die Gaia-Hypothese positiv rezipiert wird. Darin unter anderem: Elisabeth Moltmann-Wendel, Rückkehr zur Erde, EvTh 53, H. 5, 406-420, S. 419. Jürgen Moltmann, Die Erde und die Menschen. Zum theologischen Verständnis der Gaja-Hypothese, EvTh 53, H. 5, 420-438, S. 429.

Kinder in den Wald

In der Kita vom Hannoverjungen habe ich im letzten Jahr Waldtage gemacht, insgesamt zwölf Stück. Im Grunde waren es Waldvormittage: Eine feste Gruppe mit acht Vier- und Fünfjährigen, eine  Erzieherin der Kita und ich zogen für 3 Stunden in den nahe gelegenen Wald(streifen).

Fünf Gedanken will ich hier teilen. Und danach meine Lieblings-Waldbücher empfehlen.

Wald ist ein Selbstläufer. Man muss fast nichts machen. Das musste ich erst lernen. Am Anfang hatte ich immer kleine Spiele vorbereitet, so die Klassiker: Suchaufträge, Fühlmemory usw. Aber die Kinder wollten das gar nicht, sie wollten einen anderen Klassiker: Freispiel. Einfach im Wald sein: Toben, Buddeln, Entdecken, Bauen. Sie wissen etwas mit sich und dem Wald anzufangen. Wir mussten wenig „machen“, hauptsächlich den Rahmen gestalten: Nest bauen, Morgenlied singen, frühstücken. Und zum Schluss wieder in den Kreis und ein Abschlusslied singen.

Die Gestimmtheit im Wald. Wald ist etwas Besonderes. Es gibt einige Landschaften, die eine ganz eigene Gestimmtheit ausstrahlen: Küste, Berge, Wüste… Und eben auch der Wald. Das merken auch die Kinder. Ich habe den Eindruck, dass sie anders spielen. Und das liegt nicht einfach nur am draußen sein, es hat etwas mit dem Wald selbst zu tun. Das fiel mir besonders im Vergleich zur Wiese auf. Einige wenige Male haben wir einen Teil der Zeit auf einer parkähnlichen Wiese neben dem Wald verbracht. Das Spiel und die Stimmung der Kindern waren anders. Ich empfand einen unterschwellige Aufforderung nach Animation und Entertainment, die ich im Wald so nie gespürt habe.

Wald bietet viel. Wald geht bei fast jedem Wetter. Während man in der Kita bei Regen natürlich drin bleibt, ist Regen im Wald kein großes Problem. Die Bäume halten einiges ab, zur Not spannt man eine Plane und matschige Erde ist ja eh wunderbar (das eine oder andere Mal hatte ich echt ein bisschen Sorge, Ärger von den anderen Eltern zu bekommen, weil die Kinder wirklich richtig, richtig dreckig zurückkamen). – Was der Wald auch wie kaum eine andere Umgebung bietet: Man kann sich dort wunderbar gemeinsam und alleine beschäftigen. Man kann jederzeit wechseln, grad was für einen am besten passt. Immer wieder gab es Kinder, die für eine zeitlang ganz alleine gespielt haben.

Warum Wald? Bindung vor Bildung ist ja eins der Mantren der bedürfnisorientierten Erziehung. Ich finde das auch ganz richtig. Und neben der Bindung/Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Familie und Freunden ist für mich eben auch die Bindung zur Natur von ganz großer Bedeutung. Ich glaube, dass es keine Überdosis Natur gib (wohl aber eine Überdosis Gruppenraum!). Also: Raus, so oft es geht! Aber eben nicht nur einfach nach draußen , sondern möglichst naturnah. Wenn man die drei bisherigen Gedanken zusammennimmt – Selbstläufer, Gestimmtheit und Potenzial – dann frage ich mich, warum Kindergarten-Kinder nicht viel, viel öfter in der Natur sind.

Input & Output. 12 mal vormittags in den Wald erforderte exakt eine Woche Überstunden und 3 Tage Urlaub. Das ist machbar. Besser ist es natürlich, wenn man sich das mit mehreren teilt, aber mir war wichtig, dass es überhaupt losgeht und funktioniert, da ist es nicht verkehrt, wenn das in einer Hand liegt. Ich hatte nicht immer Lust dazu, aber jedes Mal war ich nachher glücklich (siehe den zweiten Punkt!). Den Kindern hat’s richtig gut gefallen. Und auf einmal gab es noch eine zweite Waldgruppe für eine andere Kita-Gruppe. Wegen der Gerechtigkeit (ich finde, Wald selbst hätte als Argument gereicht, aber so ist es natürlich auch gut). Der Hannoverjunge kommt nun in die Schule, heute war der letzte Kindergartentag. Aber die Waldtage gehen weiter. Die nächsten Väter stehen schon in den Startlöchern.

***

Hier nun meine Lieblings-Waldbücher. Es gibt zu dem Thema mittlerweile Unzähliges, daher empfehle ich gerne eine kleine, feine Auswahl.

Aber weiterhin gilt, was ich ganz am Anfang schon geschrieben habe: Der Wald ist ein Selbstläufer, man braucht also auch keine Bücher. Doch ich stöbere immer gerne und mir hilft das, mich selbst einzustimmen.

Ich glaube, man kann grob zwei Arten von Naturerfahrung(sspiel)en unterscheiden: nämlich das Erforschen der Natur und das sich Verbinden mit der Natur. Mein Ansatz zielt vor allem auf die Verbundenheit. In den vier folgenden Büchern findet man einige richtig tolle Ideen und Übungen dazu.

Eines „meiner“ ersten Naturbücher war Susanne Fischer-Rizzis Mit der Wildnis verbunden – Kraft schöpfen, Heilung finden (antiquarisch, es gibt aber eine Neuauflage). Es ist schon recht speziell, eine Mischung aus Weisheitswissen und Naturspiritualität, wunderbar. Es kreist immer wieder um das, was ich oben als „Gestimmtheit“ bezeichnet habe. Und übers ganze Buch verteilt sind ca. 50 „Ideen zum Ausprobieren“. Nicht unbedingt für Kindergartenkinder geeignet, aber für sich selbst: zum selbst Ausprobieren und zum Reinkommen in eine ganz andere Beziehung zur Natur. (Danke Joerg!)

Ein gutes Buch mit vielen konkreten Ideen zu Naturaktionen und -spielen ist Waldfühlungen (gibt’s auch als Wiesen-, Wasser- und Wetterfühlungen). Die Naturideen sind nach Jahreszeiten geordnet, die Wahrnehmungsübungen nochmal nach Sinnen sortiert. Und vor allem viel zu Bäumen (inklusive Mythologie und Geschichten zu den verschiedenen Bäumen), mich faszinieren Bäume einfach…

In der Naturwerkstatt Landart aus dem AT Verlag gibt es neben viel Grundlegendem zur Naturkunst auch ein extra Kapitel rund um Landart mit Kindergartenkinder (ebenso auch für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene). Auch wenn ich es nicht ausprobiert habe, scheint mir das sehr praxistauglich zu sein. Und über Landart hinaus finden sich hier auch etliche weitere gute Aktionen zur Naturverbundenheit, es muss nicht immer gleich ein Kunstwerk erschaffen werden.

Michael Kalffs Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik (nur noch antiquarisch, je nach Angebotslage recht teuer, aber lohnend!) ist ein Klassiker. Im Untertitel wird gleich der „Umwelt“-Begriff zurechtgerückt, denn es geht um ein „tieferes Mitweltverständnis“, und so ist das Buch im Grunde eine Art Tiefenökologie-Pädagogik, auch wenn dieser Begriff gar nicht fällt. Das Buch zielt auf eine meditative Naturbegegnung und -erfahrung, dazu bietet Michael Kalff gute didaktische Reflexionen. Anfang der 90er geschrieben, atmet es auch noch etwas den Geist der 80er, ich mag das. Sehr textlastig, sehr gehaltvoll.

Wer Aktionen und Ideen sucht, bei denen stärker das Entdecken & Erforschen im Vordergrund steht, sollte unbedingt den Ordner Kinder entdecken die Natur – Aktionsordner von der Naturschutzjugend (NAJU) bestellen. Allerdings richten sich die Aktionen an Kinder ab 6 Jahren, also für Kindergartenkinder eher nicht geeignet. Das passt aber auch zu meiner Erfahrung, dass die mitgenommenen Becherlupen überhaupt nicht der Renner waren…

Last but not least will ich noch den Natur-Spiele-Klassiker von Joseph Cornell erwähnen: Mit Cornell die Natur erleben – Naturerfahrungsspiele für Kinder und Jugendliche. Es ist quasi eine Kreuzung von Umweltbildung mit amerikanischer New Games-Tradition. Joseph Cornell hat in seiner Didaktik eine  vierschrittige Dramaturgie entwickelt: 1. Begeisterung wecken, 2. Konzentriert wahrnehmen, 3. Unmittelbar erfahren/verbinden, 4. Gemeinsam teilhaben. Diese vier Typen und auch die Abfolge finde ich plausibel und ich habe meine Ideen-Sammlung danach strukturiert.

***

Was mir gefehlt hat, ist eine gute Liedersammlung. Entweder habe ich falsch gesucht oder es gibt wirklich nichts Dolles. Ich werde auf jeden Fall nochmal meine Sammlung an Schöpfungs- & Naturliedern zusammenstellen, das kommt aber gesondert in einem Blogpost (und dann nicht nur für Kinder).

Wir haben zum Abschluss immer das Lied „Du hast uns deine Welt geschenkt“ gesungen. Mit zwei kleinen Änderungen: Statt „Herr“ singen wir „Gott“, und nach jeder Strophe rufen die Kinder rein, welche zwei Naturdinge wir in die nächste Strophe einbauen. Irgendetwas, das wir an dem Tag gesehen haben.

Was mir gut tut

Eine lose Sammlung, der Dinge, die meist schnell und allein umsetzbar sind. Nicht nach Prioritäten geordnet:

#1  Aufräumen.
#2  Etwas wegwerfen.
#3  Etwas pflegen, reparieren oder in Ordnung bringen.
#4  Dankbarkeitstagebuch schreiben.
#5  Mit einem Kaffee in der Sonne sitzen, dabei nichts tun (tagsüber).
#6  Mit einem Tee auf dem Balkon sitzen, dabei nichts tun (abends).
#7  Herzensgebet, im Liegen (ich weiß, das ist unüblich, aber bei mir klappt das gut und ist genau richtig).
#8  Etwas fertig machen/abschließen (meist ist es ein Text).
#9  Etwas veröffentlichen (Blogartikel, Flyer, …)
#10  Etwas schreiben, mit Bleistift oder Füller (meist in mein Notizbuch).
#11  Draußen sein.
#12  Imagination (keine Imaginationsübung, sondern ein bestimmtes Bild – nein: zwei!).
#13  Viel Wasser und Tee trinken.
#14  Im Wald sein (Geruch, Bäume).
#15  Schlafen.
#16  In der Sauna sein (Holzgeruch, Hitze, Dunkelheit).
#17 Gartenarbeit.

(wird fortgesetzt)

Was derzeit fehlt: Musik. Tanzen.

Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.

 

Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf.

Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte werden auf ein Viertel gekappt, die Läden haben 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar.

Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!