Die 4 Dimensionen des Wandels

Der Großen Wandel kann auf vielfältige Art mitgetragen werden – so Joanna Macy, Grande Dame der Tiefenökologie. Mit „Großem Wandel“ ist eine grundlegende ökosoziale Transformation gemeint. Und dieser Wandel besteht nach Joanna Macy aus drei Dimensionen, die sie in ihrem Buch Geliebte Erde, gereiftes Selbst beschreibt (Paderborn 2009, 140-143):

Abwehrende und aufhaltende Aktionen haben das Ziel, weitere Zerstörung zu vermeiden oder zumindest zu verlangsamen. Dies ist wichtig, um Leben zu bewahren und verschafft erst einnmal Zeit.  Das allein reicht aber natürlich nicht, deshalb braucht es auch Veränderungen der Strukturen und Entwicklung von Alternativen. Alternative Handlunsgweisen entstehen, lebenszerstörende Strukturen werden durch lebensdienliche ersetzt. „In keinem anderen Zeitalter der menschlichen Geschichte sind so viele neue Handlunsgweisen in so kurzer Zeit neu entstanden. Es mag für uns heute so aussehen, als seien sie unbedeutend, aber sie enthalten die Saaten der Zukunft“ (S. 141). Und damit sie bestehen bleiben und wirklich tief greifenen können, braucht es einen Wandel im Bewusstsein. Joanna Macy spricht hier von einem „Prozess des Erwachens“.

Aus Joanna Macys drei Dimensionen des Wandels mache ich nun vier, denn „Alternativen entwickeln“ und „Strukturen ändern“ sind für mich zwei eigenständige Dimensionen.

Die 4 Dimensionen des Großen Wandels sind dann also:

  • Zerstörung aufhalten
  • Alternativen entwickeln
  • Strukturen ändern
  • Bewusstsein wandeln

Jede dieser vier Dimensionen ist notwendig, aber keine alleine ist ausreichend. Der Große Wandel braucht alle vier. Jede dieser vier Dimensionen ist wichtig, keine ist besser oder schlechter. Jede dieser vier Dimensionen funktioniert für sich, hat eine eigene Logik (und auch eigene Szenen und „Typen“).

Das Denken in diesen 4 Dimensionen hilft, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken und um aus der Lähmung herauszukommen, die einem befällt, wenn man sieht, wie schlimm es um die Erde bestellt ist und wie groß der große Wandel doch ist. Denn es sind vier verschiedene Aufgaben. Damit wird der Wandel handhabbar(er).

Ich finde diese 4 Dimensionen auch sehr hilfreich, um den eigenen Beitrag zu reflektieren: Wo fühle ich mich hingezogen? Wo will ich mitwirken? Wo habe ich Stärken? Oder andersrum: Was ist nicht meins, wo sollte ich mich lieber nicht verausgaben, sondern auf das Tun Anderer vertrauen? Oder: Wo engagiere ich mich aktiv (durch eigenes Tun) und wo eher passiv (zum Beispiel durch Spenden oder Mitgliedschaften)?

Und schließlich kann die Unterscheidung dieser 4 Dimensionen auch einen Beitrag leisten, redlich zu sein. Denn oft – und vor allem gerne – wird ökosozial Engagierten eine Art Doppelmoral vorgeworfen, wenn sie sich an einer Stelle engagieren und an einer anderen eben nicht. Wer sich für gutes Leben einsetzt, müsse das bitteschön auch immer & überall und ganz & gar tun, ansonsten sei er unglaubwürdig und überhaupt viel schlimmer als die, die gar nichts tun. Das ist natürlich Quatsch. Wenn sich jemand in einer Dimension stark engagiert, in einer anderen nicht, schmälert das nicht sein Tun. Diese vier Dimensionen können eben nicht miteinander „verrechnet“ werden.

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Warum meine Konsumentscheidungen etwas bewirken

Es sind ja so einige Wahlen in diesem Jahr. Gerade deshalb sollte man dies nicht vergessen: Auch mein Einkaufszettel ist ein Wahlzettel.

Okay, das wussten wir schon. Aber ist uns wirklich klar, wie machtvoll unser Konsumverhalten ist? Wenn es stimmt – und es spricht einiges dafür – dass manche Großunternehmen politisch einflussreicher sind als Nationalstaaten, dann ist der tägliche Einkaufszettel weit mächtiger als der fünfjährliche Wahlzettel.

Ja klar, wenn alle zusammen…. die große Masse… das wäre was… Aber ich allein?

Warum bewirken meine Konsumentscheidung wirklich etwas? Warum macht mein Beitrag tatsächlich einen Unterschied? Beweisen kann ich’s natürlich nicht, aber es spricht einiges dafür. Drei wichtige Punkte. Mindestens.

  • Indem ich Alternativen suche, erschaffe ich sie.
  • Indem ich alternative (Produktions- und Handels-)Strukturen nutze, stärke ich sie wirtschaftlich.
  • Indem ich dazu beitrage, Alternativen zu nutzen, etablieren sie sich und werden normaler.

Die zentrale Erkenntnis für mich ist: Um Wirkung zu entfalten braucht man keine große Masse. Eine kritische Masse reicht völlig aus. Und die ist manchmal viel kleiner, als man denkt. Wenn sie es zur rechten Zeit über die Aufmerksamkeitsschwelle schafft, kann sie eine ganze Bewegung auslösen, wie“Zero Waste“ zum Beispiel. Und wenn nicht, werden eben weiterhin in zig Nischen Alternativen entwickelt und schon mal deren Kinderkrankheiten auskuriert.

Wenn kleine Dinge etwas bewirken – auch wenn sie weit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle liegen und lange in Nischen inkubieren – befreien sie uns aus der Ohnmacht, eh nichts ändern zu können. Man tut also nicht nur etwas für die Sache, sondern die Sache ermächtigt einen auch. Schöne Sache! Heute ist die Strategie nicht, kaputt zu machen, was uns kaputt macht (aber das hat ja eh nie richtig funktioniert), sondern Alternativen zu suchen und diese praxistauglich zu machen. Das ist anfangs schwer, weil man oft gar nicht weiß, wonach man genau suchen soll. Das ist andererseits aber auch einfach, weil wir noch nie so vernetzt waren an Leuten, Ideen, Wissen und Inspiration.

Quelle: goodreads.com/quotes

Was mir gut tut

Eine lose Sammlung, der Dinge, die meist schnell und allein umsetzbar sind. Nicht nach Prioritäten geordnet:

#1  Aufräumen.
#2  Etwas wegwerfen.
#3  Etwas pflegen, reparieren oder in Ordnung bringen.
#4  Dankbarkeitstagebuch schreiben.
#5  Mit einem Kaffee in der Sonne sitzen, dabei nichts tun (tagsüber).
#6  Mit einem Tee auf dem Balkon sitzen, dabei nichts tun (abends).
#7  Herzensgebet, im Liegen (ich weiß, das ist unüblich, aber bei mir klappt das gut und ist genau richtig).
#8  Etwas fertig machen/abschließen (meist ist es ein Text).
#9  Etwas veröffentlichen (Blogartikel, Flyer, …)
#10  Etwas schreiben, mit Bleistift oder Füller (meist in mein Notizbuch).
#11  Draußen sein.
#12  Imagination (keine Imaginationsübung, sondern ein bestimmtes Bild – nein: zwei!).
#13  Viel Wasser und Tee trinken.
#14  Im Wald sein (Geruch, Bäume).
#15  Schlafen.
#16  In der Sauna sein (Holzgeruch, Hitze, Dunkelheit).
#17 Gartenarbeit.

(wird fortgesetzt)

Was derzeit fehlt: Musik. Tanzen.

Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf.

Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte werden auf ein Viertel gekappt, die Läden haben 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar.

Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!

Mosaikstückchen

Ich war vier Tage in Bullerbü. Und es liegt gar nicht in Schweden, sondern in Vorpommern, in der Nähe von Lassan. Dort war ich auf einem Seminar (das einen eigenen Blogbeitrag wert ist) zum Thema Naturspiritualität (was etliche weitere Beiträge wert ist).

WP_20160603_009Aber ein paar Erkenntnisse schon mal vorab… Weniger vom Seminar selbst, sondern von dem, was sich immer mehr zusammenfügt.

Der Gedanken-(Um)Schalter

Kurz vor dem Seminar bin ich auf eine Achtsamkeits-Übung gestoßen (und zwar hier), die die Achtsamkeits-Freaks sicherlich alle kennen, die für ich aber neu war. Sie ist ganz einfach: Man beobachtet seine eigenen Gedanken und benennt, was für eine Art des Gedankenmachens das ist. Man erkundet also, was man gerade gedanklich tut: organisieren, planen, träumen, klären, schwelgen, erinnern, ärgern und so weiter… Das war auch schon die ganze Übung. Für mich war sie erhellend, denn ich entdeckte, wie oft es in meinen Gedanken darum geht… mich aufzuregen. Und über das Ausmaß war ich überrascht. Erschrocken.

Die zweite Erkenntnis dabei: „drinnen“ (und im Straßenverkehr!) ist es viel schlimmer als „draußen“. Als ich nun bei dem Seminar vier Tage fast ununterbrochen draußen war, war das weg. Mein Aufreg-Modus lag bei null. Bei einem Schwellengang habe ich einen ähnlichen Zusammenhang meiner Gestimmheit entdeckt. Ich saß zwei Stunden unter einem Baum. Linkerhand lag ein Wiesen- und Waldrand, rechterhand ein Getreidefeld. Habe ich nach rechts geschaut, also auf das Kulturland, war ich im Kopf. Habe ich auf die urwüchsige(re) Natur geschaut, war ich nicht mehr Kopf (wobei ich nicht genau sagen kann, wo ich statdessen war). Die Erkenntnis? Ich brauche gar keine Resilienzstudien, um zu wissen, wie wertvoll die Verbindung mit der Natur ist.

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Vier Verbindungen

Wenn ich in der Natur bin – und Zeit habe – fühle ich mich oft recht schnell mit der Natur verbunden. Wenn ich mich mit ihr verbunden fühle, bin ich generell besser in Verbindung – auch mit mir selbst. Kurioser Weise auch mit vielen Menschen, die gar nicht da sind. Ich bekomme einen Sinn für das Verbundensein mit allem, was lebt. Und mit dem Grund des Lebens. Nennen wir ihn Gott.

Die Verbindung mit Gott ist die abstrakteste, die mit anderen Menschen wohl die gewöhnlichste. Dadurch sind die beiden oft nicht präsent. Der Verbindung mit mir selbst ist sicherlich die unbequemste und die Verbindung mit der Natur (mit der Schöpfung / mit der Erde / mit allem, was lebt) die vergessenste dieser vier Dimensionen.

Sich mit diesen vier Dimensionen zu verbinden und zu versöhnen, wird mir immer wichtiger. Und ich versuche, diese Zusammenhänge immer mehr zu klären. (Details folgen…!)

Interessanter Weise fügt jedes Seminar, das ich in diesen seminar- und erkundungsreichen Zeiten mache, ein kleines Stückchen hinzu. Ein neues Steinchen, von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wo ich es einfügen soll, ist der (mittlerweile immer wiederkehrende) Fingerzeig, bei dem Verbundensein die Vorausgegangenen und die Nachfolgenden nicht zu vergessen, also die Vorfahren und die (noch nicht geborenenen) Nachkommen – sowohl die eigenen, als auch die der Menschheit generell.

Essen als Sakrament

Und noch ein Thema schält sich für mich immer mehr heraus: die allumfassende Bedeutung des Essens. Wobei es gar kein weiteres Thema ist, sondern ein konkreter „Anwendungsfall“ dieser vier Verbindungs- und Versöhnungsdimensionen. Allerdings ein ganz wesentlicher.

WP_20160602_002Ich bin mittlerweile davon überzegt, dass das Essen und alles, was damit zu tun hat, der wesentliche Faktor für unser Überleben und Miteinanderleben auf diesem Planten ist: Produktionsmittel und Landbesitz. Saatgut und Kulturtechniken. Würde und Entfremdung. Wirtschaft und Nachhhaltigkeit. Zubereitung und Ästhetik. Mäßigung und Sättigung. Klimawandel und Kriege. Erwerbsarbeit und Konsum. Gemeinschaft – und Sakrament. Also eigentlich… fast alles.

All das wurde für mich noch mal handgreiflich bei dem einfachen, aber guten Essen während des Seminars, bei der liebevollen Zubereitung und Anrichtung, bei der unglaublichen Fülle, die dar war, obwohl es gar keine „Massen“ an Lebensmittel gab.

Vor kurzem bin ich auf den Gedanken der Sakramentalität des Essens gestoßen (Danke, Hannes!). Ich habe einige Auszüge aus dem Buch The Theology of Food von Angel Méndez-Montoya gelesen, ein katholischer Theologe aus Mexiko. Es hat mich sofort angesprochen, auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe. Und beim Weiterstöbern habe ich dann Lisa McMinns Spirituality of Food, Farming und Community entdeckt. Sie ist Quäkerin, die mit ihrer Familie in Amerika eine SoLaWi betreibt (hier ein Interview mit ihr).

Und ich ertrage es kaum noch, dass gerade in der Kirche ökofair allenfalls bei Kaffee funktioniert, vegetarisch immer noch die Zusatzoption und nicht die Selbstverständlichkeit ist, vegan natürlich belächelt wird und es grundsätzlich wenig Kultur bei Zubereitung und Verzehr gibt. Zeige mir bei einer kichlichen Veranstaltung die Verpflegung und ich sage dir, welches spirituelle Verständnis vom Leben dort herrscht!

Was nähre ich und was nicht?

A propos Nahrung… Eigentlich habe ich hier schon alles dazu geschrieben, aber die Quintessenz wiederhole ich gerne:

Achte auf das, womit du dich umgibst und was du nährst!
Denn was dich umgibt, beeinflusst dich und was du nährst, wächst.

Als ich wieder zuhause war, schwappte mir gleich #AnneWill mit dem AfD-Gauland über alle Kanäle rein. Ich habe mich natürlich gleich wieder aufgeregt, ein paar Empörungs-Tweets retweetet, gerne die, in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass die Aufregung über die AfD sie immer wieder nach oben treibt. … ! … Okay, ich hab’s verstanden. Das waren die letzten Tweets dieser Art. Ich nähre das nicht mehr. Ich will Lebensdienliches stärken.

Meine Schwelle (besser) hüten

Womit will ich mich beschäftigen? Womit mich umgeben? Was will ich in mir bewegen? Was will ich Raum zum Wachsen geben? Das sind wichtige Fragen in einer Welt mit unendlichen Möglichkeiten, mit einer Informationsflut nach der anderen und mit einer permanent mitlaufenden Aufmerksamkeitsökonomie.

Das Ganze lässt sich gut zuspitzen: Was will ich nähren? Denn was man nährt, wächst. Das ist die bekannte Geschichte mit den zwei Wölfen. Und davor liegt noche eine Frage: Was will ich überhaupt in mich hineinlassen? Was will ich also über meine Schwelle lassen?

Das, was man hineinlässt, sind ja nicht nur Sachen, die man über die Haustür-Schwelle trägt – aber schon das ist ein gutes Bild! Was ich in mich hineinlasse bzw. an mich heranlasse kann drei verschiedene „Aggregatformen“ haben: Menschen, Ideen oder Dinge. Daraus ergeben sich dann drei Fragen:

  • Von welchen Menschen lasse ich mich berühren?
  • Welche Ideen bewege ich?
  • Mit welchen Dingen umgebe ich mich?

Ich merke, wie wichtig diese Fragen für mich werden. Und ich merke, dass ich reduzieren muss. Weil ich an Grenzen stoße. Nicht aus Gründen einer begrenzten Aufnahmefähigkeit oder weil ich keine Lust mehr auf Horizonterweiterung hätte. Sondern weil ich in den letzten zwei, drei Jahren bei mir sehr eindeutig folgenden Zusammenhang erkennen konnte: Umso mehr ich aufnehme, desto weniger handele ich.

Also: Welche Menschen, Ideen und Dingen will ich hinein-/heranlassen und nähren?

Beim Umgang mit den Dingen finde ich die Minimalsmusdebatten sehr anregend. Aber ich bin kein Minimalist, ich bin eher ein Rightsizer (die wunderbare Unterscheidung von Minimalismus und Rightsizing habe ich von hier).

Bei der Frage, welche Ideen ich für mich bewegen und wachsen lassen will, hilft mir das Bloggen. Und ihr kennt ja nur den veröffentlichten Eisberg über Wasser – wenn ihr wüsstest, was so alles im Entwürfe-Ordner liegt…!

Bei den Menschen geht es mir weniger um konkrete Personen (denn das ist ja leicht: ich weiß sehr gut, mit wem ich Kontakt will und mit wem nicht), sondern um Szenen, um Communities. Auch wenn heute so viel miteinander vernetzt ist, leben wir doch in einer Gesellschaft, die aus zigtausendmillionen Filterbubbles besteht. Zu welchen will ich gehören?

Gesellschaftlich gilt das Phänomen der Filterbubbles ja eher als ein Problem. Man nistet sich in seiner Nische ein und hält sie für die Welt. Es gibt einige Strategien dagegen (wenn man denn will), aber mir geht’s hier ja gerade um die gegenteilige Dynamik: die in mich hereinschwappende Flut zu begrenzen. So genommen ist es ein Plädoyer für die Filterbubbles. Denn dies hat einen Vorteil: Es erleichtert Commitment. Und ich merke, dass ich mich stärker committen muss.

Habe ich mein Commitment klar, weiß der Schwellenhüter, was zu tun ist. Beachte ich meine Schwelle nicht (weil ich keinen Sinn dafür habe oder weil der Schwellenhüter grad im Urlaub ist…), ist Commitment nur schwer möglich.

sich ermächtigen für ein gutes Leben

Menschen wollen eigentlich überall

* in Frieden leben – deshalb befreunden sie sich.
* in Wohlstand leben – deshalb helfen sie sich.
* in Muße leben – deshalb verwirklichen sie sich.
* in Gemeinschaft leben – deshalb verständigen sie sich.
* mit der Natur leben – deshalb mäßigen sie sich.
* ihren Kindern eine Zukunft geben – deshalb engagieren sie sich.
* einfach gut leben – deshalb ermächtigen sie sich.

So beginnt das Buch „Selbermachen! Mit Empowerment aus der Krise“ von Meinrad Armbruster. Diese 7 Werte (mit den entsprechenden 7 Fähigkeiten) passen gut zum „Programm“ meines Blogs. Ich habe das Buch gerade quergelesen – und ich freue mich, dass da noch mehr zueinander passt. Meinrad Armbruster spricht in dem Buch durchgängig von „Zeitenwende“ und weniger von „Krise“. So wie Joanna Macy eben vom „Großen Wandel“ spricht. Hier geht es nicht einfach um einen Euphemismus. Während ich „der Krise“ gegenüberstehe wie das Kaninchen vor der Schlange, kann ich „der Zeitewende“ begegnen, indem ich selbst Teil dieser Wende werde. Und hierzu braucht es Selbstermächtigung. Vor allem bei den folgenden drei Aufgaben (S. 113):

  • die eigenen Potenziale/Ressourcen entdecken – trotz aller Ablenkungen um mich herum,
  • das eigene Leben ändern – unabhängig davon, dass „die anderen“ so weiter leben wie bisher,
  • den eigenen Beitrag für die Zeitenwende leisten – auch wenn ich mich unbedeutend und ohnmächtig fühle.

Das schließt ganz gut an den letzten Beitrag „Ein Hebel“ an. Immer wieder taucht auch das Stichwort „Konvivialität“ auf. Das meint ein gutes Zusammenleben, con vivere. Der Begriff wurde in den 1970ern von Ivan Illich geprägt, ist in Deutschland allerdings verhältnismäßig unbekannt. Derzeit erlebt er eine Renaissance als Konvivialismus-Debatte. Interessant finde ich, wie hier Konvivialität beschrieben wird, nämliche als „maß- und genussvolle Lebensart“, als „Kunst der ausgeglichenen Bilanzen“, also nicht auf Kosten Anderer zu leben.

Ich werde mich an diesen Themen weiter abarbeiten…