Die 4 Dimensionen des Wandels

Der Großen Wandel kann auf vielfältige Art mitgetragen werden – so Joanna Macy, Grande Dame der Tiefenökologie. Mit „Großem Wandel“ ist eine grundlegende ökosoziale Transformation gemeint. Und dieser Wandel besteht nach Joanna Macy aus drei Dimensionen, die sie in ihrem Buch Geliebte Erde, gereiftes Selbst beschreibt (Paderborn 2009, 140-143):

Abwehrende und aufhaltende Aktionen haben das Ziel, weitere Zerstörung zu vermeiden oder zumindest zu verlangsamen. Dies ist wichtig, um Leben zu bewahren und verschafft erst einnmal Zeit.  Das allein reicht aber natürlich nicht, deshalb braucht es auch Veränderungen der Strukturen und Entwicklung von Alternativen. Alternative Handlunsgweisen entstehen, lebenszerstörende Strukturen werden durch lebensdienliche ersetzt. „In keinem anderen Zeitalter der menschlichen Geschichte sind so viele neue Handlunsgweisen in so kurzer Zeit neu entstanden. Es mag für uns heute so aussehen, als seien sie unbedeutend, aber sie enthalten die Saaten der Zukunft“ (S. 141). Und damit sie bestehen bleiben und wirklich tief greifenen können, braucht es einen Wandel im Bewusstsein. Joanna Macy spricht hier von einem „Prozess des Erwachens“.

Aus Joanna Macys drei Dimensionen des Wandels mache ich nun vier, denn „Alternativen entwickeln“ und „Strukturen ändern“ sind für mich zwei eigenständige Dimensionen.

Die 4 Dimensionen des Großen Wandels sind dann also:

  • Zerstörung aufhalten
  • Alternativen entwickeln
  • Strukturen ändern
  • Bewusstsein wandeln

Jede dieser vier Dimensionen ist notwendig, aber keine alleine ist ausreichend. Der Große Wandel braucht alle vier. Jede dieser vier Dimensionen ist wichtig, keine ist besser oder schlechter. Jede dieser vier Dimensionen funktioniert für sich, hat eine eigene Logik (und auch eigene Szenen und „Typen“).

Das Denken in diesen 4 Dimensionen hilft, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken und um aus der Lähmung herauszukommen, die einem befällt, wenn man sieht, wie schlimm es um die Erde bestellt ist und wie groß der große Wandel doch ist. Denn es sind vier verschiedene Aufgaben. Damit wird der Wandel handhabbar(er).

Ich finde diese 4 Dimensionen auch sehr hilfreich, um den eigenen Beitrag zu reflektieren: Wo fühle ich mich hingezogen? Wo will ich mitwirken? Wo habe ich Stärken? Oder andersrum: Was ist nicht meins, wo sollte ich mich lieber nicht verausgaben, sondern auf das Tun Anderer vertrauen? Oder: Wo engagiere ich mich aktiv (durch eigenes Tun) und wo eher passiv (zum Beispiel durch Spenden oder Mitgliedschaften)?

Und schließlich kann die Unterscheidung dieser 4 Dimensionen auch einen Beitrag leisten, redlich zu sein. Denn oft – und vor allem gerne – wird ökosozial Engagierten eine Art Doppelmoral vorgeworfen, wenn sie sich an einer Stelle engagieren und an einer anderen eben nicht. Wer sich für gutes Leben einsetzt, müsse das bitteschön auch immer & überall und ganz & gar tun, ansonsten sei er unglaubwürdig und überhaupt viel schlimmer als die, die gar nichts tun. Das ist natürlich Quatsch. Wenn sich jemand in einer Dimension stark engagiert, in einer anderen nicht, schmälert das nicht sein Tun. Diese vier Dimensionen können eben nicht miteinander „verrechnet“ werden.

Advertisements

Der Kreis & die Kirche

Wir haben über Jahrzehnte den Kreis nicht als ein Kulturgut geschätzt.

Das sagt Christina Baldwin, eine der beiden Autorinnen von The Circle Wayim WDR-Radiofeature „Lebenszeichen“. Der „Kreis“ ist einfach kein Bestandteil unseres westlichen Lebensstils.

Und das gilt gerade auch für die Kirche, zumindest für die hier üblichen, bürgerlich geprägten Varianten von Kirche. Dabei ist im Kreis sitzen, einander zuhören und sich mitteilen die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Natürlich gibt es „Gruppen und Kreise“ zuhauf in der Kirche, aber eben kaum eine echte Kultur des Kreises: hierarchiefreies Reden & Hören ohne Diskutieren, Argumentieren und Rechthabenmüssen. Wo kann ich denn in der Kirche wirklich von Herzen sprechen, etwas Persönliches teilen, mich zeigen – jenseits des Seelsorgegespärchs?

Der Kreis ist weder christlich noch unchristlich, aber wenn ich mich mit christlicher Spiritualität beschäftige, lande ich über kurz oder lang beim Kreis. Denn der Kreis bringt genau das zum Ausdruck, was christlich unter Gemeinde verstanden wird. Und die Idee des Kreises ist so oldschool, das sie schon wieder innovativ ist. Man schätzt eine Kreiskultur aber nur dann, wenn man sie selbst als gut und bereichernd, vielleicht gar als heilsam erlebt hat.

Also habe ich mit der Aufgabe begonnen, Kreis und Kirche miteinander zu versöhnen. Vor gut einem Jahr habe ich hier dazu etwas geschrieben. Der erste Schritt war eine Veranstaltung zu christlicher Kreiskultur zusammen mit Frank Vogelsang, bei der auch Maria Riederer, die Autorin des Lebenszeichen-Beitrags, mit dabei war. Nun wurde der Beitrag gesendet und man kann ihn hier nachhören und hier nachlesen.

Etliche Menschen berichten darin, was sie am Kreis fasziniert, worin für sie das Besondere liegt. Manche meiner O-Töne in dem Radiofeature scheinen mir etwas skeptisch zu sein (so höre ich es zumindest), aber das ist eben dem Umstand geschuldet, „den Kreis“ kirchlich anschlussfähig machen zu wollen. Und auf kirchlichem Parkett sind in Bezug auf Ästhetik, Sprache und Grundduktus ein paar Besonderheiten zu beachten, um nicht gleich unnötigen Widerstand aufzubauen.

Aber all das kommt noch in einem eigenen Blogpost. Im Moment freue ich mich, dass ich etwas zur (Wieder-)Belebung des Kreises beitragen kann. Das Nächste wird eine kleine Handreichung mit den angedeuteten „kirchlichen Besonderheiten“ sein. Und mit Joerg Urbschat von der Nordkirche bastel ich gerade an einer Idee für ein Online-Seminarhaus, in dem der „Kreis“ eine wichtigen Rolle spielen wird.

***

Noch ein paar Links zum Lebenszeichen-Beitrag:

Die Idee des Kreises gehört niemandem, sie ist etwas Menschheitsumspannendes. Es gibt aber einige Linien, die das Kreisgespräch gepflegt, gefördert und auch methodisch formatiert haben.

***

CIRCLE WAY: Manitonquat Medicine Story mit seiner Frau Ellika Lindén. Auf deutsch findet man hier weitere Hintergründe.

Ebenfalls mit dem Namen CIRCLE WAY: Christina Baldwin & Ann Linea. Starker Einfluss auf die (amerikanische) Gruppenpädagogik , Team- und Organisationsentwicklung. Ihr Buch „The Cirlcle Way. A Leader in every Chair“ ist gerade auf deutsch erschienen: Circle. Die Kraft des Kreises.

COUNCIL, im Beitrag nur kurz erwähnt, wurde von der Ojai-Foundation, einer kalifornischen Naturspiritualitäts-Schule, geprägt. Das Standardwerk ist „Der große Rat“ von Jack Zimmerman & Virginia Coyle. Ausbildungen in Deutschland im Eschwege Institut bei Holger Heiten. Einführender Artikel von Holger über Council gibt es in der Oya.

CIRCLE OF TRUST, auch nur kurz namentlich erwähnt, heißt der Ansatz des Pädagogen und Quäkers Parker Palmer, der über den „Kreis“ weit hinausgeht. Spannende Themen (samt Fortbildungen) im Zentrum „Courage & Renewal“ (gibt’s etwas Vergleichbares in Deutschland bzw. Europa?).

sola pax

Ich bin kein großer Freund der reformatorischen „Soli“, also sola scriptura (allein die Schrift), solus christus (allein Christus), sola fide (allein der Glaube) und sola gratia (allein die Gnade). Sie sind mir ehrlich gesagt wenig Hilfe, gerade auch als Kriterien (die sie ja sein wollen).

Vor einiger Zeit habe ich einen Hinweis gehört (ich weiß leider nicht mehr genau wo), wie man religiöse Erkenntnis und überhaupt spirituelles Leben beurteilen kann:

Je gewaltätiger, desto weiter entfernt vom Kern.
Je friedvoller, desto näher am Kern.

Man könnte es auch als ein „Sola“ formulieren: sola pax – allein der Friede.

Klingt das zu schlicht? Es ist kein moralischer Apell, sondern ein Versuch, christliche Essenz auf den Punkt zu bringen. Und man muss dieses Kriterium wirklich eine Zeit lang ausprobieren und schauen, wo es einen hinführt.

Also: Sola pax. Aber wie?

***

Gewaltlosigkeit ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens. Doch sie hat einen schweren Stand. Oft wird sie nicht ernst genommen, meist missverstanden. Gewaltfreiheit wird schnell mit Passivität verwechselt. Doch damit hat sie nichts zu tun. „Aktive Gewaltfreiheit“, so die bessere Bezeichnung, geht einen dritten Weg zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltduldung.

Jesus verabscheut sowohl Passivität als auch Gewalt“ (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 99)

In Jesu Handeln und Reden nimmt Gewaltfreiheit eine zentrale Stellung ein. Mahatma Gandhi sieht in der Bergpredigt Jesu geradezu die Blaupause für gewaltfreie Aktion. Doch Walter Wink, der ein wunderbares Buch über die Theologie der Gewaltfreiheit geschrieben hat, stellt leider fest, dass im Christentum die eigene sprirituelle Tradition der Gewaltfreiheit oft verschüttet ist. Stattdessen ist es sogar so, dass die wirkmächtigste „Religion“ in der westlichen Welt – die ja stark vom Christentum geprägt ist – der „Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt“ ist. Also die Überzeugung, dass Gewalt durch Gewalt „besiegt“ werden könnte. Doch Gewalt hat keine erlösende Kraft. Im Gegenteil: Sie verstärkt das, was sie bekämpft.

Der Glaube an eine „erlösende Gewalt“ ist heute die vorherrschende Position. Daher wird Gewaltlosigkeit oft als naiv und lebensfern angesehen, die sie deshalb permanent rechtfertigen muss, während Gewaltanwendung schnell als unvermeidbar gilt. Doch wie naiv ist die Haltung, durch Gewalt Friedvolles zu erreichen?

Auch im christlichen Mainstream wird Gewaltlosigkeit zwar als schöne, aber leider eben doch naive Spinnerei dargestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Spiegel-Interview (33/2014) mit Margot Käßmann, der ja gerne Naivität unterstellt wird (was sie in meinen Augen aber gut kontert). Und christliche Glaubensgemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit hoch achten – wie beispielsweise die Mennoniten oder die Quäker – gelten als exotische Minderheiten.

Gewaltfreiheit ist eben keine naive Romantik – allerdings kann sie nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Daher ist Gewaltfreiheit auch weniger eine Haltung, sondern vielmehr eine Praxis, also eine Fähigkeit, die man lernen kann und üben muss.

„Obwohl die Gewaltfreiheit seit Jahrhunderten effektiv genutzt wurde, entwickelte sie sich erst durch Gandhi und King zu einer verbreiteten Bewegung und wurde durch neue Strategien und Taktiken vervollständigt (Walter Wink, S. 104).

Zwei „große“ Ansätze spielen hier eine wichtige Rolle: die „gewaltfreie Aktion“, eine Form des aktiven und hartnäckigen Widerstands (hierauf werde ich nicht weiter eingehen, aber man kann hier eine Liste mit 198 Interventionen einsehen) und die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg (GFK). Und so müsste das Zitat von Walter Wink mindestens noch um Marshall Rosenberg ergänzt werden.

Der Clou der GFK liegt darin, nicht vorschnell die eigenen Problemlösungsansätze zu verfolgen – die dann oft mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt werden müssen, weil sie eben mit den Lösungen Anderer kollidieren – sondern von den eigenen Bedürfnissen auszugehen. Es mag kurios klingen, aber während sich konkurrierende Problemlösungsversuche oft ausschließen, können unterschiedliche Bedürfnisse meist miteinander verbunden und so zu beidseitiger Zufriedenheit gestillt werden. So ist die GFK auch viel mehr als eine reine Kommunikationsmethode, sie ist vor allem ein Bedürfnis-Tool.

Die Crux ist, dass die konkreten Fähigkeiten, die man zur Gewaltfreiheit bedarf, eben kaum bekannt geschweige denn ausgebildet sind:

Aktive Gewaltfreiheit ist weiterhin eine unbekannte Größe in Kirche und Gesellschaft (Wink, S. 15). Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, von gelegentlichen gewaltfreien Aktionen hin zu einer dauerhaften gewaltfreien Bewegung zu kommen. Dabei muss es unser Ziel sein, Millionen gewaltfreier Aktivisten auszubilden (Wink, S. 108).

Langer Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum ich diesen Blogpost in den Zusammenhang mit Reformation stelle: Die jesuanischen Praxis der Gewaltfreiheit wieder zu entdecken, diese (eigene) Tradition wertzuschätzen und bekannt zu machen, sie der Häme zu entziehen und versuchen, sich vom sola pax leiten zu lassen. Nicht als ethisches Sahnehäubchen, sondern als spiritueller Kern. Nicht nur in einzelnen Friedensgruppen (die zudem fast völlig von der Aufmerksamkeitsbildfläche verschwunden sind), sondern als flächendeckende Vision. Das wäre für mich ein Reformationsprojekt!

Die Rolle der Kirche liegt meiner Meinung weniger darin, Gewaltlosigkeit zu predigen (kann man machen, wird aber alleine nicht viel bewirken) oder friedensethische Diskurse zu führen (denn dies sind immer über etwas-Diskurse, und in der Regel auch noch Diskurse über andere, deren Verhalten man dann aus einer erhabenen Position heraus analysiert und bewertet), sondern in Gewaltfreiheit ganz praktisch auszubilden!

By the way: In Deutschland spielte die Kirche sogar eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der GFK. Eine christliche Friedensgruppe in München war die Keimzelle der GFK in Deutschland. Und der Kirchentag 1993, ebenfalls in München, auf dem Marshall Rosenberg zu Gast war, brachte dann der Durchbruch.

Und noch ein by the way: Derzeit arbeite ich an einer Idee, wie man genau das erreichen kann: die GFK innerkirchlich zu stärken. Mehr dazu ab Herbst 2017.

***

Sola pax – aber wie? Ein paar Ideen…

Meditiere das berühmte Zitat von Martin Luther King: Dunkelheit kann nicht Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das. – Inwiefern ist diess für dich eine Wahrheit (oder auch nicht)?

***

Das hier im Blogpost zitierte Buch von Walter Wink kann ich nur empfehlen: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014.

***

Walter Wink schlägt vor, anstelle von Luthers Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sich selbst zu fragen: „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“

***

Gottfried Orth hat ein Buch geschrieben über den Einsatz von GFK in Kirchengemeinden: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015. (Am 12. Oktober ist Gottfried Orth übrigens in Köln an der Ev. Stadtakademie und spricht über die biblische Tradition der Gewaltfreiheit – und über die biblische Tradition der Gewalt, die es ja durchaus gibt, und gar nicht mal so marginal!)

***

Der Versöhnungsbund ist eine christliche Bewegung, die sich einsetzt für „aktive Gewaltfreiheit als ein Mittel der persönlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandlung“. Auf seiner Internetseite findet man gutes Material (Buchempfehlungen, Handreichunghen) und im vierteljährigen Rundbrief „Versöhnung“ habe ich Hinweise und Ressourcen gefunden, die mir sonst im kirchlichen Kontext bisher noch nicht begegnet sind.

***

GFK auch als eine christliche Übungspraxis zu verstehen ist ja ein Ansatz, den Michael Pflaum vorantreibt. Hier habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Und vom 23.-25. November habe ich Michael Pflaum an die Ev. Stadtakademie in Köln eingeladen. Er wird zwei Abendvorträge und zwei Nachmittagsworkshops geben.

***

Hinterlasse möglichst wenig Spuren von Gewalt in dieser Welt! Diese Handlunsgmaxime wird oft im buddhistischen Kontext zitiert (und heute zielt sie oft auf Vegatrismus/Veganismus). Inwiefern kann dies eine gute Weisung für dich sein? Welche Spuren von Gewalt gehen von dir aus und welche sind vermeidbar?

***

sola pax: Versuche dies als Kriterium zu nehmen, um an den „Kern“ zu kommen. Inwiefern ist dies hilfreich (oder auch nicht)? Könnte dies ein gutes reformatorisches „sola“ sein?

 

Reformationsreformation

Was kommt eigentlich nach dem Reformationsjubiläum? Wie geht es weiter, wenn im Oktober alle Reformationsfeuerwerke gezündet und das letzte Lutherbier getrunken wurde? Ich meine das ganz im Ernst: Was bleibt vom Reformationsjahr oder der ganzen -dekade?

Das einzige von Belang, das mir einfällt, ist die Lutherbibel 2017. Bei dieser Neuübersetzung ging es besonders um die Annäherung an die Luther-Sprache. Und damit steht sie symptomatisch für die gegenwärtigen Reformationsbestrebungen: Luther und sein Werk zu re-aktualisieren.

Ist das alles? Geht es nicht viel eher darum, den real existierenden Protestantismus zu reformieren? Bräuchten wir nicht eine Art „Aggiornamento“ des Protestantismus? Denn was uns 1517ff sagen kann/will/soll interessiert mich ehrlich gesagt nicht so doll, wie mich 2017ff interessiert. Ich würde die Reformation lieber nach vorne ziehen als im Hinten zu suchen.

Dass der Protestantismus in den letzten 500 Jahren viel ausgelöst und geleistet hat, ist unbestritten – nachzulesen zum Beispiel hier. Doch kann er auch zukünftig etwas auslösen? Worauf müsste er sich neu besinnen, was weiterentwickeln und wovon müsste er sich auch verabschieden?

Ich befürchte, dass es einige heilige Kühe sind, an die man da ran müsste. Ein paar habe ich hier mal vorsichtig als Fragen formuliert:

  • Ist die Parochie wirklich eine geeignete Gemeindestruktur?
  • Zu welchen Konsequenzen kommt man, wenn man Bonhoeffers prophetisches Wort vom „religionslosen Christentum“ einmal angstfrei durchdenkt?
  • Ist die innige Verbindung von Protestantismus und Bürgerlichkeit vielleicht gar nicht mehr die Stärke des Protestantismus, sondern mittlerweile eine Sackgasse, vielleicht sogar dessen  Gefahr?
  • Müssten wir die Erfahrung als Erkenntnisgröße nicht viel mehr wertschätzen und das „sola scriptura“-Prinzip kritisch hinterfragen?
  • Wie können die letzten hundert Jahre Bewusstseinsforschung geistlich ernst genommen und theologisch integriert werden?

Alles spannende Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, von denen ich aber ahne, dass sie relevant sind. Doch die innerkirchlichen Energien gehen gegenwärtig dahin, den Protestantismus „schön“ und die Kirche „attraktiv“ zu machen. Das mögen nette Versuche sein, doch was ist damit gewonnen? Es hilft wenig, kosmetisch an der Oberfläche rumzumachen, wenn die Substanz nicht berührt wird.

Das, was für mich spirituell Substanz hat, finde ich kaum noch in der Kirche, zumindest nicht in ihrem Mainstream-Modus. Allenfalls an ihren Rändern oder eben außerhalb. Und gleichzeitig ist das, was ich dort entdecke – ob es um Versöhnung & Transformation, Nachhaltigkeit & Tiefenökologie, Bildung & Entwicklung, Sexualität & Heilung, Persönlichkeitswachstum & Gemeinschaftsbildung geht – für mich oft zutiefst christlich.

Deshalb beschäftigt mich das Thema Reformation, aber eben nicht als regressives sondern als progressives Projekt. Was verstehe ich unter Reformation? Meine recht schlichte Arbeitsdefinition lautet:

Eine Fehlentwicklung wieder zurecht rücken und damit die Sache selbst weiterentwickeln.

In diesem Sinne möchte ich etwas beitragen. Hier im Blog, beruflich, privat. Nach meinen Möglichkeiten.

Es geht dabei nicht darum, sich völlig neue Themen auszudenken. Deshalb greifen meine beiden nächsten Blogposts auch Themen auf, die – im positiven Sinne – ganz oldschool sind: „sola pax“ und „Grüne Reformation“. Vielleicht wird daraus auch eine kleine Serie, mal schauen. Denn auch Körperlichkeit & Verkörperung, Erfahrung als Quelle von spiritueller Erkenntnis, die Frage nach der Bürgerlichkeit des Christentums und wirksame Transformationspraktiken beschäftigen mich – all das sind (für mich) gute Reformationsthemen, aber sie sind noch sehr im Schwange.

Warum meine Konsumentscheidungen etwas bewirken

Es sind ja so einige Wahlen in diesem Jahr. Gerade deshalb sollte man dies nicht vergessen: Auch mein Einkaufszettel ist ein Wahlzettel.

Okay, das wussten wir schon. Aber ist uns wirklich klar, wie machtvoll unser Konsumverhalten ist? Wenn es stimmt – und es spricht einiges dafür – dass manche Großunternehmen politisch einflussreicher sind als Nationalstaaten, dann ist der tägliche Einkaufszettel weit mächtiger als der fünfjährliche Wahlzettel.

Ja klar, wenn alle zusammen…. die große Masse… das wäre was… Aber ich allein?

Warum bewirken meine Konsumentscheidung wirklich etwas? Warum macht mein Beitrag tatsächlich einen Unterschied? Beweisen kann ich’s natürlich nicht, aber es spricht einiges dafür. Drei wichtige Punkte. Mindestens.

  • Indem ich Alternativen suche, erschaffe ich sie.
  • Indem ich alternative (Produktions- und Handels-)Strukturen nutze, stärke ich sie wirtschaftlich.
  • Indem ich dazu beitrage, Alternativen zu nutzen, etablieren sie sich und werden normaler.

Die zentrale Erkenntnis für mich ist: Um Wirkung zu entfalten braucht man keine große Masse. Eine kritische Masse reicht völlig aus. Und die ist manchmal viel kleiner, als man denkt. Wenn sie es zur rechten Zeit über die Aufmerksamkeitsschwelle schafft, kann sie eine ganze Bewegung auslösen, wie“Zero Waste“ zum Beispiel. Und wenn nicht, werden eben weiterhin in zig Nischen Alternativen entwickelt und schon mal deren Kinderkrankheiten auskuriert.

Wenn kleine Dinge etwas bewirken – auch wenn sie weit unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle liegen und lange in Nischen inkubieren – befreien sie uns aus der Ohnmacht, eh nichts ändern zu können. Man tut also nicht nur etwas für die Sache, sondern die Sache ermächtigt einen auch. Schöne Sache! Heute ist die Strategie nicht, kaputt zu machen, was uns kaputt macht (aber das hat ja eh nie richtig funktioniert), sondern Alternativen zu suchen und diese praxistauglich zu machen. Das ist anfangs schwer, weil man oft gar nicht weiß, wonach man genau suchen soll. Das ist andererseits aber auch einfach, weil wir noch nie so vernetzt waren an Leuten, Ideen, Wissen und Inspiration.

Quelle: goodreads.com/quotes

Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.