sola pax

Ich bin kein großer Freund der reformatorischen „Soli“, also sola scriptura (allein die Schrift), solus christus (allein Christus), sola fide (allein der Glaube) und sola gratia (allein die Gnade). Sie sind mir ehrlich gesagt wenig Hilfe, gerade auch als Kriterien (die sie ja sein wollen).

Vor einiger Zeit habe ich einen Hinweis gehört (ich weiß leider nicht mehr genau wo), wie man religiöse Erkenntnis und überhaupt spirituelles Leben beurteilen kann:

Je gewaltätiger, desto weiter entfernt vom Kern.
Je friedvoller, desto näher am Kern.

Man könnte es auch als ein „Sola“ formulieren: sola pax – allein der Friede.

Klingt das zu schlicht? Es ist kein moralischer Apell, sondern ein Versuch, christliche Essenz auf den Punkt zu bringen. Und man muss dieses Kriterium wirklich eine Zeit lang ausprobieren und schauen, wo es einen hinführt.

Also: Sola pax. Aber wie?

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Gewaltlosigkeit ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens. Doch sie hat einen schweren Stand. Oft wird sie nicht ernst genommen, meist missverstanden. Gewaltfreiheit wird schnell mit Passivität verwechselt. Doch damit hat sie nichts zu tun. „Aktive Gewaltfreiheit“, so die bessere Bezeichnung, geht einen dritten Weg zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltduldung.

Jesus verabscheut sowohl Passivität als auch Gewalt“ (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 99)

In Jesu Handeln und Reden nimmt Gewaltfreiheit eine zentrale Stellung ein. Mahatma Gandhi sieht in der Bergpredigt Jesu geradezu die Blaupause für gewaltfreie Aktion. Doch Walter Wink, der ein wunderbares Buch über die Theologie der Gewaltfreiheit geschrieben hat, stellt leider fest, dass im Christentum die eigene sprirituelle Tradition der Gewaltfreiheit oft verschüttet ist. Stattdessen ist es sogar so, dass die wirkmächtigste „Religion“ in der westlichen Welt – die ja stark vom Christentum geprägt ist – der „Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt“ ist. Also die Überzeugung, dass Gewalt durch Gewalt „besiegt“ werden könnte. Doch Gewalt hat keine erlösende Kraft. Im Gegenteil: Sie verstärkt das, was sie bekämpft.

Der Glaube an eine „erlösende Gewalt“ ist heute die vorherrschende Position. Daher wird Gewaltlosigkeit oft als naiv und lebensfern angesehen, die sie deshalb permanent rechtfertigen muss, während Gewaltanwendung schnell als unvermeidbar gilt. Doch wie naiv ist die Haltung, durch Gewalt Friedvolles zu erreichen?

Auch im christlichen Mainstream wird Gewaltlosigkeit zwar als schöne, aber leider eben doch naive Spinnerei dargestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Spiegel-Interview (33/2014) mit Margot Käßmann, der ja gerne Naivität unterstellt wird (was sie in meinen Augen aber gut kontert). Und christliche Glaubensgemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit hoch achten – wie beispielsweise die Mennoniten oder die Quäker – gelten als exotische Minderheiten.

Gewaltfreiheit ist eben keine naive Romantik – allerdings kann sie nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Daher ist Gewaltfreiheit auch weniger eine Haltung, sondern vielmehr eine Praxis, also eine Fähigkeit, die man lernen kann und üben muss.

„Obwohl die Gewaltfreiheit seit Jahrhunderten effektiv genutzt wurde, entwickelte sie sich erst durch Gandhi und King zu einer verbreiteten Bewegung und wurde durch neue Strategien und Taktiken vervollständigt (Walter Wink, S. 104).

Zwei „große“ Ansätze spielen hier eine wichtige Rolle: die „gewaltfreie Aktion“, eine Form des aktiven und hartnäckigen Widerstands (hierauf werde ich nicht weiter eingehen, aber man kann hier eine Liste mit 198 Interventionen einsehen) und die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg (GFK). Und so müsste das Zitat von Walter Wink mindestens noch um Marshall Rosenberg ergänzt werden.

Der Clou der GFK liegt darin, nicht vorschnell die eigenen Problemlösungsansätze zu verfolgen – die dann oft mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt werden müssen, weil sie eben mit den Lösungen Anderer kollidieren – sondern von den eigenen Bedürfnissen auszugehen. Es mag kurios klingen, aber während sich konkurrierende Problemlösungsversuche oft ausschließen, können unterschiedliche Bedürfnisse meist miteinander verbunden und so zu beidseitiger Zufriedenheit gestillt werden. So ist die GFK auch viel mehr als eine reine Kommunikationsmethode, sie ist vor allem ein Bedürfnis-Tool.

Die Crux ist, dass die konkreten Fähigkeiten, die man zur Gewaltfreiheit bedarf, eben kaum bekannt geschweige denn ausgebildet sind:

Aktive Gewaltfreiheit ist weiterhin eine unbekannte Größe in Kirche und Gesellschaft (Wink, S. 15). Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, von gelegentlichen gewaltfreien Aktionen hin zu einer dauerhaften gewaltfreien Bewegung zu kommen. Dabei muss es unser Ziel sein, Millionen gewaltfreier Aktivisten auszubilden (Wink, S. 108).

Langer Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum ich diesen Blogpost in den Zusammenhang mit Reformation stelle: Die jesuanischen Praxis der Gewaltfreiheit wieder zu entdecken, diese (eigene) Tradition wertzuschätzen und bekannt zu machen, sie der Häme zu entziehen und versuchen, sich vom sola pax leiten zu lassen. Nicht als ethisches Sahnehäubchen, sondern als spiritueller Kern. Nicht nur in einzelnen Friedensgruppen (die zudem fast völlig von der Aufmerksamkeitsbildfläche verschwunden sind), sondern als flächendeckende Vision. Das wäre für mich ein Reformationsprojekt!

Die Rolle der Kirche liegt meiner Meinung weniger darin, Gewaltlosigkeit zu predigen (kann man machen, wird aber alleine nicht viel bewirken) oder friedensethische Diskurse zu führen (denn dies sind immer über etwas-Diskurse, und in der Regel auch noch Diskurse über andere, deren Verhalten man dann aus einer erhabenen Position heraus analysiert und bewertet), sondern in Gewaltfreiheit ganz praktisch auszubilden!

By the way: In Deutschland spielte die Kirche sogar eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der GFK. Eine christliche Friedensgruppe in München war die Keimzelle der GFK in Deutschland. Und der Kirchentag 1993, ebenfalls in München, auf dem Marshall Rosenberg zu Gast war, brachte dann der Durchbruch.

Und noch ein by the way: Derzeit arbeite ich an einer Idee, wie man genau das erreichen kann: die GFK innerkirchlich zu stärken. Mehr dazu ab Herbst 2017.

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Sola pax – aber wie? Ein paar Ideen…

Meditiere das berühmte Zitat von Martin Luther King: Dunkelheit kann nicht Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das. – Inwiefern ist diess für dich eine Wahrheit (oder auch nicht)?

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Das hier im Blogpost zitierte Buch von Walter Wink kann ich nur empfehlen: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014.

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Walter Wink schlägt vor, anstelle von Luthers Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sich selbst zu fragen: „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“

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Gottfried Orth hat ein Buch geschrieben über den Einsatz von GFK in Kirchengemeinden: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015. (Am 12. Oktober ist Gottfried Orth übrigens in Köln an der Ev. Stadtakademie und spricht über die biblische Tradition der Gewaltfreiheit – und über die biblische Tradition der Gewalt, die es ja durchaus gibt, und gar nicht mal so marginal!)

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Der Versöhnungsbund ist eine christliche Bewegung, die sich einsetzt für „aktive Gewaltfreiheit als ein Mittel der persönlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandlung“. Auf seiner Internetseite findet man gutes Material (Buchempfehlungen, Handreichunghen) und im vierteljährigen Rundbrief „Versöhnung“ habe ich Hinweise und Ressourcen gefunden, die mir sonst im kirchlichen Kontext bisher noch nicht begegnet sind.

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GFK auch als eine christliche Übungspraxis zu verstehen ist ja ein Ansatz, den Michael Pflaum vorantreibt. Hier habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Und vom 23.-25. November habe ich Michael Pflaum an die Ev. Stadtakademie in Köln eingeladen. Er wird zwei Abendvorträge und zwei Nachmittagsworkshops geben.

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Hinterlasse möglichst wenig Spuren von Gewalt in dieser Welt! Diese Handlunsgmaxime wird oft im buddhistischen Kontext zitiert (und heute zielt sie oft auf Vegatrismus/Veganismus). Inwiefern kann dies eine gute Weisung für dich sein? Welche Spuren von Gewalt gehen von dir aus und welche sind vermeidbar?

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sola pax: Versuche dies als Kriterium zu nehmen, um an den „Kern“ zu kommen. Inwiefern ist dies hilfreich (oder auch nicht)? Könnte dies ein gutes reformatorisches „sola“ sein?

 

Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Was mir gut tut

Eine lose Sammlung, der Dinge, die meist schnell und allein umsetzbar sind. Nicht nach Prioritäten geordnet:

#1  Aufräumen.
#2  Etwas wegwerfen.
#3  Etwas pflegen, reparieren oder in Ordnung bringen.
#4  Dankbarkeitstagebuch schreiben.
#5  Mit einem Kaffee in der Sonne sitzen, dabei nichts tun (tagsüber).
#6  Mit einem Tee auf dem Balkon sitzen, dabei nichts tun (abends).
#7  Herzensgebet, im Liegen (ich weiß, das ist unüblich, aber bei mir klappt das gut und ist genau richtig).
#8  Etwas fertig machen/abschließen (meist ist es ein Text).
#9  Etwas veröffentlichen (Blogartikel, Flyer, …)
#10  Etwas schreiben, mit Bleistift oder Füller (meist in mein Notizbuch).
#11  Draußen sein.
#12  Imagination (keine Imaginationsübung, sondern ein bestimmtes Bild – nein: zwei!).
#13  Viel Wasser und Tee trinken.
#14  Im Wald sein (Geruch, Bäume).
#15  Schlafen.
#16  In der Sauna sein (Holzgeruch, Hitze, Dunkelheit).
(wird fortgesetzt)

Was derzeit fehlt: Musik. Tanzen.

Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.

 

Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.

Sachenmachenliste und Büchergelesenhaufen 2016

Huuu, neues Jahr! Schnell noch der Rückblick. Diesmal in zweifacher Ausführung.

Hier erstmal der Rückblick auf die 2016er-Sachenmachen-Liste:

Diesen Blog habe ich – meinen geringen Kenntnissen entsprechend – etwas aufgehübscht. Etwas professioneller soll’s noch werden, das steht noch aus. Aber er soll als Blog erkennbar sein, ganz oldschool. — Im Hohen Venn waren wir, sogar zweimal. Schön da. — Ich habe an insgesamt 5 Seminaren teilgenommen (geplant waren 6), volles Programm. Und siehe, es war sehr gut. Sehr sehr. Thematisch drehte es sich dabei immer um Wandel & Transformation. Viel erfahren und gelernt, und auch auf einer Meta-Ebene prägend (ich bin ja selbst in der Bildungsarbeit tätig und gucke mir gerne was ab). —  Das Sommerfest wurde ein Herbstfest, richtig schön. Und so einfach: Termin festlegen, anderen Kita-Eltern bescheid geben, Kaffeemaschine im Garten installieren und Feuer anmachen. Fertig. — Ich bin ja kein großer Bibelleser (die Geschichten und die Weisheit finde ich toll, aber sowohl als literarisches Werk wie auch als heiliges Buch ist es für mich immer wieder schwierig), daher ab und an mal bestimmte Leseabsichten. Und hier bin ich auf eine wirklich interessante Idee gestoßen: alles, was Jesus gesagt hat, rot markieren. Also eine selbstgemachte Red-Letter-Edition. Noch lange nicht fertig, aber erkenntnisreich. — Das Lastenfahrrad ist noch nicht gekauft, ich liebäugle mittlerweile auch viel mehr mit einem E-Bike samt einem Kindersattel auf dem Oberrohr. — Das Familienseminar bei Sobonfu war richtig gut. Und bei uns reift die Idee, aus dem Format „Familienseminar“ bzw. „Familien auf Seminare“ etwas zu machen. — Sich mit dem Thema Zucker zu beschäftgigen war ein echter Augenöffner (hinter die Erkenntniss, dass eine handeslübliche Tafel Schokolade aus 50g – also der Hälfte! – an Zucker besteht, kann ich nun nicht mehr zurück). Aber zuckerfrei kann und will ich nicht. — Kohlenstofflich habe ich dieses Jahr Jan, Wolfgang, Yvonne, Sandra und Konrad aus meiner Twitteria kennengelernt, beim EmergentForum war ich leider doch nicht. — Ja, und der gute Ort, das wird. Sowohl an Ideen als auch konkret.

Ob es für dieses Jahr auch wieder eine Sachenmachenliste gibt? Ich weiß es noch nicht… Aber jetzt kommt Teil II des Jahresrückblicks:

Das hier sind die Bücher, die ich im letzten Jahr gekauft habe. Nicht alle ganz durchgelesen (Sachbücher lese ich eh nicht linear und außerdem hat Marshall McLuhan ja völlig recht!), aber zumindest erkenntnsigewinnend gelesen. Darum geht’s ja. Ich klage ja immer darüber, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, aber mir scheint die These doch nicht ganz haltbar zu sein:

wp_20170104_007Ich will hier jetzt keine Buchbesprechung zu jedem einzelnen machen, nur ein paar rückblickende Beobachtungen aufzählen:

Ja, es sind ausschließlich Sachbücher. Zum Belletrsitiklesen habe ich einfach zu wenig Ruhe. Es gibt ein paar Bücher, die ich aus rein privatem bzw. aus rein beruflichem Interesse lese (letzteres waren eher Bibliotheksbücher, die sind hier nicht mit dabei), aber eigentlich ist das nur schwer zu trennen. Meine privaten und beruflichen Themen sind auch nicht immer zu trennen. Und das finde ich sehr gut so.

Die oberste Reihe sind die Bücher rund um Familie. Man erkennt wohl die Artgerecht/Achtsamkeits-Tendenz. „Wurzeln & Flügel“ habe ich gleich als Tipp in meinem Familienspiritualitäts-Blogpost aufgenommen. Den Doppelband von Joseph Cornell zur Naturerfahrung mit Kindern habe ich mir zugelegt, weil ich eine Waldgruppe in der Kita mache – und musste feststellen, dass Wald solch ein Selbstläufer ist, dass man gar keine Naturspiele braucht.

(Was hier völlig fehlt sind die Kinderbücher. Die meisten leihen wir uns zudem aus der Bibliothek aus)

Das Thema gewaltfreie Kommunikation brachte meine Frau letztes Jahr mit. Ich bin begeistert – weniger als Kommunikations-, sondern als Selbsterkundungsmethode. Und man kann sehen, wie vielseitig die GfK ist. Zwei Bücher (oben rechts) gehören in die Familienreihe, der Übungsbuch-Klassiker ins dienstliche Bücherregal und das „Exerzitien“-Buch nutzt GfK als spirituellen Übungsweg.

Wandel & Transformation – das ist die mittlere Reihe. Durchgearbeitet habe ich die beiden wirklich dicken Schinken von Ursula Seghezzi. Da mich die Frage interessiert, wie/ob ihr Lebensrad mit dem christlichen Kirchenjahr vereinbar ist, musste ich mir noch den Bieritz als Nachschlagewerk dazu kaufen. Zur Frage (bzw. dem Problem) des Naturbezugs des Christentums ist Hans-Joachim Werners „Eins mit der Natur“ ein wunderbarer Türöffner. Und ein Augenöffner ist Vivian Dittmars Gebrauchsanweisung für Gefühle. Dieses Buch, in dem Gefühle als „soziale Kräfte“ und der Umgang mit ihnen vorgestellt werden, ist gerade in unserer postfaktischen Zeit unendlich wichtig. Denn jetzt werden ständig auf ziemlich dumme Art „Vernunft“ und „Gefühle“ gegeneinander ausgespielt, sehr gefährlich! Lesen, lesen, lesen – am besten in Kombination mit Marshall Rosenberg! Über das Buch von Diana Richardson, das letzte in dieser Reihe, schweige ich mich hier aus : ))  Ich empfehle aber, in die Materie einzudringen.

Christliche Spiritualität & weitere Weisheitstraditionen. Dazu gehören auch die gerade erwähnten Bücher zur Natur, zum Kirchenjahr und das Exerzitien-Buch. Über eine „Spirituality of Food“ schreibt die Quäkerin Lisa McMinn. Die Bücher von David Steindl-Rast und Henri Nouwen habe ich hier im Blog ja schon vielfältig verarbeitet. Das steht für das Buch von Richard Rohr über das falsche und das wahre Selbst noch aus. Das Buch werde ich mir nochmal als Passions-Lese vornehmen. Richard Rohr setzt hier Christi Sterben und Auferstehung in Bezug zum Sterben des Egos und der Auferstehung des Selbst. Zu gegebener Zeit dazu mehr hier im Blog. Dann noch ein paar Bücher zu anderen Weiheitstraditionen, vor allem John O’Donohues Anam Cara (das nicht unchristlich, aber vor allem keltisch ist) fehlte noch im Bücherregal.

Last but not least gleich vier Bücher aus dem Drachenverlag, meine Entdeckung des letzten Jahres. Der Drachenverlag gibt auch die OYA heraus und ich könnte glatt das halbe Sortiment aufkaufen (natürlich neben dem Sortiment des Arbor-Verlags – dieses Jahr nur ein Buch von dort, aber ein ganz wichtiges). Über Wendel Berrys „Körper und Erde“ ist auch schon ein Blogbeitrag in Arbeit, das Schwitzhüttenbuch wird mögen, wer Schwitzhütten mag und bei der Permakultur will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Prinzipien (über den Ökoanbau hinaus) generell als Bausteine für „gutes Leben“ taugen.

Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Nicht die siebte, aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

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Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

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Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

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Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

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Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

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Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

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Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

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