Resonanzkompass

Mit der Welt in Beziehung treten, sich Welt anverwandeln.
(Hartmut Rosa)

Das ist das Programm der Rosa’schen „Resonanzpädagogik“ (Rosa/Endres: Resonanzpädagogik, Beltz, 2016). Resonanzpädagogik geht über Aneignung einer Sache hinaus, es geht um ihre Anverwandlung. Aneignung bedeutet Kompetenzerwerb. „Anverwandlung bedeutet, sich eine Sache so zu eigen zu machen,  […] dass sie mich existenziell berührt oder tendenziell sogar verändert“ (S. 16). Und weiter: „Die Idee von Bildung ist, Welt für die Subjekte zum Sprechen zu bringen oder in Resonanz zu versetzen. Bildung bedeutet also weder Welt-Wissen zu erwerben, noch bedeutet es, sich selbst zu bilden, sondern Bildung ist Weltbeziehungs-Bildung“ (S. 18).

Ob das wirklich ein schuldidaktisches Konzept ist, kann ich nicht beurteilen (da ich kein Schul-Pädagoge bin), aber es ist auf jeden Fall ein lebensdidaktisches Konzept. Die Haltung dahinter passt (mir), sie ist wohltuend.

Auf die Frage, ob es denn so etwas wie einen „Resonanzkompass“ gebe, antwortet Hartmut Rosa:

„Einen Resonanzkompass kann ich so einfach nicht bieten. Aber ich glaube, dass wir versuchen können, einen zu entwickeln. Er ist ein feines Instrument, das uns anzeigen soll, in welcher Richtung möglicher Weise Lösungen zu finden sind. Und so wie ein Kompass über Magnetfelder oder Kraftfelder funktioniert, so können wir vielleicht versuchen, auch Orientierungen in unseren Weltbeziehungen und Lebensformen zu gewinnen. Dann könnte ich mich fragen, was war es eigentlich, was ich mir vom Leben versprochen habe und das ich jetzt vermisse? Und dann würden wir wahrscheinlich feststellen, […] dass es darum geht, herauszufinden, welche Weltausschnitte, welche Personen, welche Gegenden, welche kulturellen Dinge uns ansprechen können, welche uns zum Klingen bringen können“ (Hartmut Rosa in Rosa/Endres, S. 96).

Und dann habe ich gedacht: Na, da ist er doch, der Kompass! Er besteht einfach aus den beiden genannten Fragen:

  • Was vermisse ich, was ich mir eigentlich vom Leben versprochen habe?
  • Welche Weltausschnitte bringen mich zum Klingen?

Ich hoffe, dass Rosas Werk dazu beiträgt, dass diese Fragen in der Schule gestellt werden. Aber man kann sich auch einfach selbst diese Fragen stellen, immer mal wieder. Vielleicht gerade in Zeiten, in denen man irgendwie feststeckt.

Was vermisse ich? Etwas, das ich mir erhofft habe und das aus welchen Gründen auch immer bisher nicht eingetreten ist. Mit anderen Worten: Ich schaue auf meine unerfüllten Sehnsüchte. Auf meine Bedürfnisse, die momentan im Mangel sind. Die eigenen Bedürfnisse kann man selbst ergründen, auch wenn es manchmal erst etwas geübt werden muss.

Welche Weltausschnitte bringen mich zum Klingen? Wie stoße ich auf meine Weltanverwandlungsausschnitte? Das ist schon schwieriger. Gezielt suchen, zufällig finden (Serendipidität) oder darauf gestoßen werden – all das ist möglich. Gute Fragen für die Suche nach dem, was mich zum  Klingen bringt, sind: Worein kannst du dich stundenlang vertiefen? Wovon kannst du mit Begeisterung erzählen? Wofür würdest du morgens freiwillig früher aufstehen? Was hast du als Kind gerne gemacht? [*]

Das ist der Kompass. Im Grunde ist es schon mehr als ein Kompass, denn er zeigt ja bereits einen Kurs an. Fehlt dann nur noch die Route.

[*] Die letzten beiden Fragen habe ich aus diesem Video von Nicola Schmidt. Anderes Thema, aber die Fragen passen gut hierhin.

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Warum ich ein Öko bin

Für Umweltschutz habe ich mich eigentlich schon immer interessiert, mal mehr, mal weniger. Aber ein Öko bin ich nicht gar nicht so lange. Ich versuche es mit 5 Stichworten zu beschreiben. Es sind alles Dinge, die für mich erst in den letzten Jahren wesentlich geworden sind.

verbunden

Ich fühle in der Natur eine tiefe Verbundenheit. Nicht nur mit der Natur selbst, sondern auch darüber hinaus: mit mir, mit allem, was lebt, mit der Lebenskraft selbst (call it Gott). Zum Verbundensein habe ich ja schon ausführlicher gebloggt. Ich bin eingebunden in das Gewebe des Lebens. Ich bin ein Teil davon. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ich mich selbst als Teil der Natur verstehe (Öko), oder ob die Natur eine pittoreske Kulisse ist, die man sauber halten sollte (Umweltschutz).

lebendig

Was mich unglaublich fasziniert, ist diese gewaltige Lebenskraft, die in der Natur steckt und die von ihr ausgeht. Es lohnt sich, sich mit Wildnis oder Grünkraft zu beschäftigen. Manchmal reicht es mir sogar schon, in einem Permakultur-Buch zu blättern und in der Schönheit der Bilder zu schwelgen und meine Gestimmtheit ändert sich schlagartig. 

einfach

Umso wichtiger mir die Natur wird, umso „natürlicher“ ich zu leben versuche, desto mehr freue ich mich über die einfachen Dingen. Ein einfaches, gutes Essen (Pellkartoffeln mit Quark, Spaghetti all’olio), Nichtstun in der Natur (anstatt einer „Freizeitbeschäftigung“ nachzugehen), Leben im Rhythmus der Jahreszeiten… Für manche mag das angstbesetzt sein (natürlicher leben = weniger haben), aber mich befreit und beruhigt es ungemein.

pflegnutzen

Unsere Ressourcennutzung ist bei Lichte betrachtet gar keine – sie ist Ressourcenverbrauch. Das können wir auch mit „Nachhaltigkeit“ nicht retten, denn das meint lediglich, nicht mehr zu entnehmen als nachwächst. Doch wir müssen irgendwie vom Verzehren zum Nutzen kommen. Und momentan bedeutet das erst einmal, der Natur wieder mehr zurückgeben. Ein gutes Beispiel dafür ist die aufbauende Landwirtschaft, die durch Nutzen Pflegen will. Ein schönes Wort dafür ist pflegnutzen. Ganz in diesem Sinn verstehe ich das „Bebauen & Bewahren“ des zweiten biblischen Schöpfungsberichts (Genesis 2, 15).

enkeltauglich

Ich mag den Gedanken, etwas weiterzugeben. Ich habe selbst etwas bekommen und habe es mit dem mir Eigenen angereichert. Das ist das, was meine Nachfahren wiederum von mir bekommen werden. Ich finde diesen Gedanken schön, ergreifend, tröstend. (Dazu habe ich hier schon einmal kurz etwas geschrieben.) Ich mag die Idee einer enkeltauglichen Lebensweise – nicht auf meinem Vorteil bedacht zu sein, sondern auf den der nach mir Kommenden.

barfuß & wild

„Für viele Generationen vor uns war der christliche Glaube ein Schlüssel zu jener tiefen ‚Erfahrung des Lebendigseins‘, der geistliche Schlüssel zu einem ‚Leben in Fülle‘ (Joh 10,10), von dem Jesus spricht. Was ist daraus geworden? Mindestens im Westen steckt das Christentum in einer Krise. Es wirkt seltsam blutleer. Viel zu viel wird über den Schlüssel geredet. Es geht um die richtige Lehre über Gott, Jesus, den Heiligen Geist. Aber immer weniger Menschen verbinden mit diesen Worten überhaupt noch eine Erfahrung. Und ein Gott, der nicht erfahrbar ist, existiert auch nicht. Fast scheint in Vergessenheit zu geraten, wozu der Schlüssel da ist und in welche Schloss er passen könnte. […] Ich meine, es ist Zeit, sich die Religion der eigenen Väter und Mütter, Großväter und Großmütter (wieder) anzueignen. Umfassend.“ (Jan Frerichs, barfuß & wild, S. 8-11)

Diese Beobachtung ist nicht neu, aber ich teile sie voll und ganz. Und mit dieser Beobachtung beginnt Jan Frerichs sein Buch barfuß & wild – Wege zur eigenen Spiritualität, das gerade bei Patmos erschienen ist (*). Dabei geht es nicht darum, sich eine „eigene“ Spiritualität zu basteln, sondern sich die christliche Tradition wieder anzueignen. Das Buch richtet sich daher auch weniger an Neueinsteiger, sondern eher an die, die gerne in ihre Mütter-und-Väter-Religion wieder einsteigen möchten, aber den passenden Zugang bisher noch nicht gefunden haben.

Jan Frerichs ist in der franziskanischen Tradition verwurzelt. Er ist Mitglied in der Franziskanischen Gemeinschaft (OFS) und hat eine eigene „Franziskanische Lebensschule“ entwickelt – ebenfalls unter dem Namen barfuß & wild. Die franziskanische Tradition ist für ihn auch einer von insgesamt fünf „Wegweisern“, die er für die (Wieder-)Aneignung der christlichen Spiritualität nutzt. Daneben orientiert er sich an der Natur, der Bibel, der Mystik und der Verbindung von Aktion & Kontemplation.

Einen ersten Eindruck vermittelt dieses kleine Video vom Autor. Danach nenne ich die beiden Aspekte, die mir an barfuß & wild am wichtigsten sind.

Der erste Wegweiser ist also die Natur. Die Natur ist eine spirituelle Lehrerin. Dass Jan Frerichs mit der Natur als erstem Wegweiser einsetzt, ist kein Zufall. Sie ist die „erste Bibel“, die Heilige Schrift die „zweite Bibel“.

Im westlichen Christentum hat die Verbindung von Spiritualität und Natur oft keine besonders große Rolle gespielt – im Grunde bis heute.

„Es ist eine Herausforderung für Christen, eine ökologische Spiritualität zu entwickeln und die Natur als einen spirituellen Ort zu entdecken. ‚Wieder‘ zu entdecken, müsste es genau heißen, denn eine christliche Schöpfungsspiritualität hat es immer gegeben“ (S. 20).

In der Schöpfung kann ich dem „wilden Gott“ begegnen, dem ganz Anderen und Fremden. Das bewahrt davor, Gott einzuordnen und meinen, alles über ihn zu wissen. Der wilde Gott, das klingt erst einmal ungewohnt. Wildnis ist das, was aus sich selbst heraus lebt, was nicht vom Menschen kontrolliert werden kann, es ist Selbstherrschaft, Lebendigkeit pur.

„Wild“ leitet auch über zum zweiten zentralen Punkt des Buchs: dem initiatorischen Verständnis von christlicher Spiritualität:

Die Spiritualität Jesu und die christliche Tradition sind von ihrem Ursprung her initiatorisch (S. 41).

Initiatorisch meint: ins Leben einführen, in dessen Geheimnisse einweihen. Und so versteht Jan Frerichs das Christentum auch nicht als eine heilsgeschichtlich-lineare Erzählung, sondern als eine existenziell-zyklische. Damit sind wir bei dem, was ich als Herzstück des Buches ausmache und was mich ebenso anspricht wie die starke schöpfungsspirituelle Grundierung des Buchs: Jan Frerichs hat eine eigene Version eines Lebensrades entwickelt. Und hier leistet er wirklich Pionierarbeit.

Lebensräder verknüpfen Jahresverlauf, Lebensbogen und spirituelle Weisheit miteinander. Lebensräder gibt es in einigen Kulturen, im Westen ist vor allem das indianisch geprägte (aber westlich adaptierte) Vier Schilde-Modell von Steven Foster und Meredith Little bekannt geworden. Jan Frerichs übernimmt dessen Grundstruktur und verknüpft sie mit dem Weg Jesu: geboren, gelebt, gelitten, gekreuzigt, begraben, auferstanden, aufgefahren. Entsprechend den Jahreszeiten leitet er vier Qualitäten bzw. Aufgaben ab: nackt dem nackten Christus folgen, mit dem Schatten tanzen, dem Leben dienen, dem eigenen Mythos auf die Spur kommen. Das einzige Manko ist, dass Jan Frerichs das Kirchenjahr – das eine besondere Form eines Lebensrads ist – nicht in seine Lebensrad-Version eingebaut hat. Zumindest nicht in seinem Buch, denn ich weiß, das er damit arbeitet bzw. dazu forscht.

Beim Lesen von barfuß & wild fühlte ich mich oft ein Bisschen wie „nach Haue kommen“. Der Zugang ist biblisch fundiert und theologisch ambitioniert, in der Tat „eigen“, manchmal auch etwas voraussetzungsreich. Ein gelungenes Buch, zum Stöbern und Sackenlassen, für neue Erkenntnisse wie für alte Einsichten, die neu verbunden werden.

(*) Ich habe vom Patmos-Verlag freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.

Grüne Kirche

Wie kann eine Kirchengemeinde ökologischer werden? Für einen Workshop mit Presbyter/innen habe ich Beispiele gesammelt, die besonders auf den spirituellen Gehalt ökologischen Tuns zielen und einen konkreten Bezug zum Gemeindeleben haben.

Schöpfungsverantwortung ist für mich kein Ethik-Programm, sondern ein – christlicher – Beitrag zum ökosozialen Wandel. Ich hatte hier schon einmal in aller Kürze auf die vier Dimensionen des Wandels hingewiesen: Zerstörung entgegenwirken, Alternativen entwickeln, Strukturen gestalten und Bewusstsein wandeln. Alle vier Dimensionen sind wichtig, alle bedingen sich gegenseitig – aber man kann anfangen, wo man will! Und jede dieser Dimensionen zeigt etwas Wesentliches der Schöpfungsverantwortung, jede Dimension ist christlich interpretier- und reflektierbar. Mir ist besonders wichtig, dass ethische Reflexionen, moralische Appelle und konkrete Taten spirituell gegroundet sind. Denn sonst bleiben sie intellektualisierend, moralinsauer oder aktionistisch. Und das hilft leider nicht.

Hier nun meine Ideen-Sammlung, anderthalb Dutzend, 6 mal 3 Inspirationen. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Die Kategorien sind willkürlich, sie dienten einfach dazu, den Workshop zu strukturieren.

 

 

Lebendigkeit fördern

Hecken pflanzen

Ein Pastor in der Uckermark hat das „Hecken-Projekt“ erfunden: Die Kirchengemeinde pflanzt auf ihren eigenen (verpachteten) Grundstücken neue Feldhecken. Das verhindert Bodenerosion (ein großes Problem in der Uckermark), fördert den Lebensraum von vielen Tieren und trägt zur Klimaregulierung bei.

Das ist ein tolles Gemeindeprojekt – man kann zum Beispiel zur Taufe oder Konfirmation Hecken-Meter verschenken – und es ist auch auf Stadt-Kirchengemeinden übertragbar. Viele Grundstücke um Kirchen und Gemeindehäuser sind recht lieblos bepflanzt. Mit so etwas Simplem, aber ökologisch absolut Hochwertigem (solange es keine Thuja-Hecken sind) kann man einen praktischen und vor allem schönen Beitrag leisten. Hier ist das Heckenprojekt auf Facebook.

Diese Idee war übrigens der Startschuss für mich, einmal nach etwas anderen Öko-Ideen für Kirchengemeinden zu suchen.

Weidenhäuser pflanzen

Bekannt und bewährt, aber doch erstaunlich selten um Gemeindehäuser oder in Kindergärten zu finden sind selbstgepflanzte Weidentipis, -tunnels oder -iglus. Wer mit der Bildersuche „Weidentipi“ googelt finden viele tolle Ideen! Und es ist einfach und so gut wie kostenlos. Denn im frühen Frühjahr werden von Naturschutzverbänden Kopfweiden geschnitten, wer mithilft, darf Weitenruten mitnehmen. Wie das Ganze geht, findet man zum Beispiel hier.

Saatgutbörse

Es gibt kaum etwas so Faszinierendes wie Samen, Saatgut. Aus diesen winzigen trockenen Dingern wächst neues Leben! Unglaublich, oder? Man kann Kita-Kinder dafür begeistern, ganze Bibelwochen zu dem Thema gestalten und das Wunder der Schöpfungs(kraft) damit verdeutlichen. Und auch etwas ganz Konkretes tun: eine Saatgutbörse veranstalten.

Zum Beispiel als Teil des Gemeindefestes oder Adventsbasars. Es müssen ja nicht immer Häkeldeckchen sein. Es gibt bestimmt einige Menschen in der Gemeinde, die gärtnern und eigenes Saatgut anbieten könnten. Man braucht etwas Ahnung von der Materie, aber das ist machbar. Die beiden wichtigsten Grundregeln bei Saatgutbörsen lauten: Saatgut wird verschenkt oder getauscht, niemals verkauft. Und auf Saatgutbörsen gibt es nur samenfeste Sorten, keine Hybrid-Sorten! Praktische Tipps und ein Verzeichnis der stattfindenden Saatgutbörsen gibt es hier, politischer wird es hier.

 

Verankerung im Kirchenjahr

Nur was seinen festen Platz im Kirchenjahr hat, wird auch gefeiert. Und nur was immer und immer wieder gefeiert wird, verankert sich tatsächlich im Gemeindeleben. Also: Schöpfung ins Kirchenjahr!

Schöpfungszeit

Es gibt eine „neue“ Kirchenjahreszeit: die Schöpfungszeit. Das ist der Zeitraum vom 1. September (dem orthodoxen Schöpfungstag) bis zum 4. Oktober (dem Gedenktag von Franz von Assisi). Einstiegsinfos gibt es im Wikipedia-Artikel. Evangelischerseits ist es vor allem der Schöpfungstag, der erste Freitag im September, der sich langsam einbürgert.

Fastenzeit

Wir können es drehen und wenden, wir leben weit über unsere Verhältnisse. Sich daher der Frage zu stellen, was wir wirklich zum Leben brauchen, wie wir einfacher und mit weniger leben können, ist wohl eine der wichtigsten aber leider auch unangenehmsten Fragen. Die Passionszeit bietet sich hier an, eigene Erfahrungen zu machen und sie mit der geistlichen Übung des Fastens zu verbinden. Wichtig ist, dass das Fasten ganz klassisch auf ein Reduzieren zielt (die immer vergeistigteren Aktionen der Kampagne „7WochenOhne“ haben mit Fasten im eigentlichen Sinne nichts mehr zu tun).

Eine gute Initiative, die auch von der rheinischen Kirche unterstützt wird, ist die „Fastenaktion für Klimaschutz & Klimagerechtigkeit“ mit Material und Aktionsanregungen.

Erntedankfest als Dankbarkeitsfest neu beleben

Wer mit der Bildersuche „Erntedankgottesdienst“ googlet, wird feststellen, dass das Erntedankfest zu einem agrar-romantischen Fest in „LandLust“-Optik geworden ist. Die Kirche wird mit Gemüse dekoriert, das man vorher noch schnell im Discounter gekauft hat. Kaum etwas zeigt unsere Entfremdung von den Lebensgrundlagen so sehr, wie dieses Fest – auch wenn alles gut gemeint ist!

Vielleicht könnte man Erntedank als Dankbarkeitsfeier neu beleben. Ein tiefes Schauen und Feiern, wofür ich dankbar bin. Man wird an den Punkt kommen, was alles existenzielle Lebens-Mittel sind. Von hierher kann man das Erntedankfest neu feiern und gestalten.

 

Geistliches Leben

„erd-verbunden“: ein geistlicher Übungsweg

Die Pfälzische Landeskirche und das Bistum Speyer haben einen „ökumenisch-geistlichen Weg zur Schöpfungsverantwortung im Anthropozän“ entwickelt. Der geistliche Übungsweg gibt für einen Zeitraum von vier Wochen Impulse für eine tägliche Einzelbetrachtung und für wöchentliche Treffen in der Gruppe.

„erd-verbunden“ lädt mit seinen geistlichen Übungen ein, die tiefe Verbundenheit mit „Mutter Erde“ und allen Geschöpfen, die auf ihr leben, zu stärken. Sie zielen auf einen prophetischen Lebensstil und eine veränderte Lebensweise. Sowohl das vierwöchige Programm als auch das Hintergrundmaterial kann ich sehr empfehlen.

„Laudato Si“ als geistlichen Text lesen

Papst Franziskus ist mittlerweile der Protagonist eines neuen spirituellen Nachdenkens über unsere „Sorge für das gemeinsame Haus“ – so der Untertitel seiner Enzyklika „Laudato Si“. Franziskus wird übrigens auch in säkularen Öko-Szenen anerkannt, geschätzt und gern zitiert.

Warum nicht einmal „Laudato Si“ lesen? Im Gegensatz zu ähnlichen Texten, die wir im evangelischen Bereich kennen, ist es kein politischer Konsenstext (die ja immer recht schwer zu lesen sind), sondern ein geistlicher Text. Der Text besteht aus 245 kleinen Abschnitten. Man kann zum Beispiel Tag für Tag einen Abschnitt meditativ lesen. Hier ist Laudato Si imVolltext.

Bibel-Arbeit mit nachaltig-predigen.de

Nun wird es wieder evangelischer. Auf der Seite nachhaltig-predigen.de gibt es Reflexionen zu allen Predigtexten der Perikopenordnung im Kirchenjahr, die den jeweiligen Bibeltext aus theologisch-ökologischer Perspektive beleuchten. Hauptsächlich für Pfarrer und Pfarrerin geschrieben – solche Predigthilfen gibt es ja in den verschiedensten Varianten – kann man nachhaltig-predigen.de natürlich auch für die eigene Arbeit mit der Bibel nutzen, ob alleine oder in der Gruppe. Hier geht’s zur aktuellen Predigtreihe für das Kirchenjahr 2017/2018.

 

Erfahrungen weitergeben

Praxis-Workshops zu nachhaltigem Lebensstil

Workshops, in denen man konkrete Ideen bekommt, wie man im Alltag nachhaltiger leben kann, stoßen aktuell auf ein reges Interesse. Kein moralischer Appell, sondern handfeste Tipps für praktische Probleme. Ein gutes Beispiel sind hier Workshops zum Thema „Zero Waste“ oder „plastikfrei leben“. Das trifft – in bestimmten Milieus – gerade einen Trend. Wer nach 90 Minuten mit zehn erprobten Tipps nach Hause geht, setzt vielleicht das eine oder andere tatsächlich um.

Den Ökostrom-Anbieter zeigen

Viele Gemeinden beziehen für Gemeindehaus und Kirche Ökostrom. Aber ich habe bisher noch nie einen entsprechenden Hinweis im Gemeindehaus gesehen. Man muss es ja nicht Werbung nennen, aber ich finde, man darf  ruhig groß und auffällig kundtun, bei welchem „echten“ Ökostrom-Anbieter die Gemeinde Ihren Strom bezieht. Am besten mit Internet-Link und dem Hinweis, das Wechseln ja wirklich, wirklich einfach ist. Hier noch eine Übersicht der „echten“ Öko-Stromanbieter.

Eine Rubrik im Gemeindebrief

Es gibt sehr viele Blogs mit unzähligen, tollen Tipps zum nachhaltigen Leben. Alltagstaugliche Praxistipps sind gefragt. Wie wäre es mit einer regelmäßigen Rubrik im Gemeindebrief: Der Öko-Alltags-Tipp. Sicherlich gibt es dafür auch noch einen besseren Name. Wichtig ist, dass es tatsächlich erprobte Sachen sind. Und gut wäre es, wenn es einen personalen Bezug hat. Ich könnte mir vorstellen, dass es etliche Menschen in der Gemeinde gibt, die solch eine Rubrik spielend füllen könnten und es gerne tun würden.

 

Umgang mit Dingen

Dreh- und Angelpunkt für eine ökologischere Lebensweise ist unser Konsumverhalten. Hier gibt es spannende Bewegungen, an die Kirchengemeinden anschließen können bzw. in die Gemeinden hineinholen können.

Do-It-Yourself- und Maker-Bewegung

Selbermachen ist ein Gegentrend zur Wegwerfkultur. Und Selbermachen stärkt die Selbstwirksamkeit. Beides ist förderlich für einen nachhaltigeren Lebensstil. Und noch besser ist es, Dinge herzustellen, die einen direkten ökologischen Nutzen haben. Nistkästen zum Beispiel. Oder eine Windturbine für weniger als 25€.

Der Anschluss an die „Maker“-Bewegung ist auch ein Beitrag für das, was dem verkopften Protestantismus so oft fehlt: etwas mit den Händen zu tun.

Repair-Bewegung

Reparieren wird heute wieder mehr geschätzt, mittlerweile ist hier eine ganze Bewegung entstanden. Interessant ist das „Reparatur-Manifest“. In Deutschland gibt es mittlerweile eine Reparatur-Szene mit etliche „Repair-Cafés“. Warum nicht so etwas in der Gemeinde etablieren? Warum nicht eine Werkstatt einrichten, mit Geräten, die nicht jeder zu Hause hat? Vielleicht sucht ja auch noch ein Handwerker oder Ingenieur im Ruhestand ein ehrenamtliches Betätigungsfeld in der Gemeinde?

Minimalismus-Bewegung

Am ökologischsten ist es, grundsätzlich wenig(er) zu konsumieren. Das meiste Zeugs brauchen wir ja eh nicht. Dass das nichts mit miesepetriger Entbehrung zu tun haben muss, zeigt die Minimalismus-Bewegung: „Weniger ist mehr“ wird hier zu einem ästhetischen Prinzip. Und die Idee des „einfacher Lebens“ hat viele interessante Beziehungen zum christlichen Glauben.

Kann Minimalismus ein christlicher Lebensstil sein? Der Spur könnte man gut in Predigt, Hauskreis, Gesprächsabend nachgehen. Hierzu ist übrigens auch ein Blog-Projekt der Melanchthon-Akademie in Vorbereitung…

 

Selbst Teil der Öko-Bewegung sein

Strom produzieren und einspeisen

ALID Süd macht es gerade vor: Solarzellen auf die Discounter-Dächer und den Kunden kostenlose E-Tankstellen anbieten. ALDI baut damit eine eigene Infrastruktur auf. Wie viele konventionelle Kraftwerke könnten einsparen, wenn in Deutschland flächendeckend alle Dächer von Gemeindehäusern und kirchlichen Gebäuden Strom produzieren würden?

Auch wenn das Problem der Stromspeicherung noch nicht hinreichend gelöst ist, kann man darüber einmal nachdenken. Und vielleicht kann man Kontakt zu einer regionalen Energiegenossenschaft aufnehmen.

Waldkindergarten-Gruppe

Mittlerweile haben sich Waldkindergärten gut etabliert, es gibt auch einige in evangelischer Trägerschaft. Sollten eine Kindergartenerweiterung anstehen, ist es grundsätzlich auch möglich, eine Kindergarten-Gruppe als dauerhafte Waldgruppe zu konzipieren. Kindergartenvergößerung ohne Anzubauen!

Eco-Club

Last but not least eine Idee, die eine besondere Ressource von Kirchengemeinden aufgreift: die Gruppen und Kreise. Gruppen und Kreise gibt es zu vielen Themen und für etliche Zielgruppen. Doch „Umweltgruppen“ sind in den Gemeinden mittlerweile selten geworden – ganz im Gegensatz zu den 80er Jahren. An diese Tradition kann man ja wieder anschließen. Vielleicht ist das auch eine schöne Idee für die Nach-Konfi-Zeit. Dazu gibt es sogar einen ausgearbeiteten Vorschlag: den „Eco-Club“. Die Idee wird hier vorgestellt.

barfuß

Jetzt habe ich im letzten Blogpost etwas übers Erdeberühren geschrieben und etwas ganz Wesentliches vergessen. Man kann ja nicht nur mit den Händen (oder dem ganzen Körper) die Erde berühren, sondern auch mit den Füßen. Das nennt man barfuß.

Warum habe ich das bloß vergessen? Ich bin oft barfuß, war es schon gerne als Kind. Das Barfußsein hat auch auch eine spirituelle Qualität. In der Bibel gibt es zwei Stellen, an denen der Kontakt zwischen Erde und nackten Sohlen von besonderer Bedeutung ist.

Mose vernimmt Gottes Stimme am brennenden Dornbusch in der Wüste:

Er sprach: Tritt nicht herzu,
zieh deine Schuhe von deinen Füßen;
denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
(Exodus 3, 5)

Und Jesus gibt den Jüngern, die er zum Lehren und Heilen aussendet, ein paar kurze Hinweise mit auf den Weg:

Nehmt keinen Geldbeutel mit,
keine Vorratstasche
und keine Sandalen.
(Lukas 10, 4a)

Das Ausziehen der Schuhe auf heiligem Boden ist ein Zeichen von Respekt, das Gehen ohne Schuhwerk ein Zeichen von Gewaltlosigkeit. So beschreibt es Christian Herwartz in dem Bändchen Auf nackten Sohlen über seine Straßenexerzitien (S. 32 + 76).

Barfuß steht für die Haltung, sich unmittelbar berühren zu lassen, die Aufmerksamkeit „vom Kopf auf die Füße zu stellen“ und Sicherheiten abzulegen, so im gerade erschienenen barfuß & wild von Jan Frerichs (S. 11).

Heute saß ich mit diesen beiden Büchern in der Sonne. Jan Frerichs barfuß & wild kam vor ein paar Tagen als Rezensionsexemplar an, Christian Herwartz‘ Auf nackten Sohlen habe ich heute als Gastgeber für die Straßenexerzitien in Köln geschenkt bekommen.

Was für ein Zufall!

Die heilige Erde spüren – und zwar barfuß. Das fehlte im letzten Beitrag.

Die Erde spüren

In meiner Übersicht zu den vier Dimensionen des Verbundenseins habe ich bei der Erd-Liebe als eine „Alltagsübung“ das Bauchen erwähnt, aber noch nicht weiter erklärt. Das hole ich nun nach.

„Bauchen: Legen Sie sich mit dem ganzen Körper bäuchlings und lang ausgestreckt auf den Wald- oder Wiesenboden, „Herz an Herz“ mit der Erde. […] Spüren Sie die Erde mit dem ganzen Körper und nehmen Sie diese Lebenskraft mit dem ganzen Körper in sich auf. Lassen Sie sich ruhig viel Zeit, denn diese Übung fühlt sich schön an und wirkt sehr entspannend.“ (S. 85)

Die Übung stammt aus dem Buch Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern von Michael Kalff (*). Ich kann kaum beschreiben, wie schön diese Übung ist. Unbedingt einmal ausprobieren! Natürlich hat jeder schon mal ausgestreckt auf der Erde gelegen, klar. Aber eben nicht bäuchlings, vermute ich. (Noch zwei Tipps dazu: Wenn man länger liegen will, sollte man zwei kleine Thermositzkissen unterlegen. Und man sollte darauf achten, dass man sich eine Stelle aussucht, an der man unbeobachtet ist – auf Rücksicht auf Andere, denn bäuchlings ausgestreckt im Wald liegen kann schon erschrecken!)

Um sich mit der Erde zu verbinden, geht es aber auch deutlich einfacher. Zum Beispiel einfach die Hände auf den Boden legen. Genau das beschreibt Geseko von Lüpke in dem Vortragsvideo, auf das ich kürzlich schon eingegangen bin:

Wenn ich Visionssuchearbeit mache und mal nicht weiter weiß, dann lege ich die Hand auf die Erde, und dann kommen die nächsten Gedanken für das, wie’s grade weitergeht. Also sich beziehen auf das größere Ganze. Und sich mit dem zu verbinden, woher wir kommen und wohin wir gehen (ab 49’20).

Auch Thich Nhat Hanh empfiehlt, sich von der Erde Unterstützung zu holen:

„In Plum Village we do a practice called “Touching the Earth” every day. […] When you feel restless or lack confidence in yourself, or when you feel angry or unhappy, you can kneel down and touch the Earth deeply with your hand.“ (Quelle)

Und in dem zu Beginn erwähnten Naturmeditations-Buch von Michael Kalff wird als Anfangsritual für naturpädagogische Aktionen die Übung „Erde unten den Händen“ beschrieben:

„An einem markanten Punkt Ihres Platzes […] hocken Sie sich zusammen nieder und legen die Hände flach auf die Erde. Dann schließen Sie die Augen, spüren die Erde unter den Händen.“ (S. 14)

Hinter all dem steht die Vorstellung, dass die Erde nicht einfach ein Materiehaufen ist, sondern ein Lebewesen. Es gibt nicht bloß Leben auf der Erde (die Erde wäre dann nur die Bühne, auf der das Stück „Leben“ aufgeführt wird), sondern die Erde selbst lebt, sie ist ein riesiges Lebewesen. Daher kann man sich mit der Lebensenergie dieses Lebewesens verbinden. Oder bildlich gesprochen sogar das Herz dieses Wesens schlagen hören:

Wenn man ein Lebewesen so mit der Hand berührt, zum Beispiel einen Hund oder Menschen, kann man etwas von der Lebensenergie dieses Wesens fühlen. Aber auch die Erde lebt, sie ist ein riesiges großes Lebewesen mit verschiedenen Organen (den Wäldern, den Meeren, den Flüssen, der Luft, den Wolken…) – versuchen Sie, ob Sie etwas von der Lebenskraft der Erde unter den Händen spüren können. Wie die Pflanzen mit ihren Wurzeln dürfen Sie diese Energie durch die Hände aufnehmen. […] Kinder lieben diese Übung. In Kursen der Naturschule erzähle ich oft vom Glauben der Indianer, dass tief unten in der Erde das „Herz von Mutter Erde“ schlägt und das unser Herzschlag ein Echo auf den Puls von Mutter Erde ist. Oft ruft dann ein Kind überrascht aus: Ja – ich spür’s!“. Probieren Sie gemeinsam aus, ob Sie den Puls der Erde fühlen können. (S. 14)

Die Erde ist ein Lebewesen. Eine schöne Vorstellung!

Aber widerspricht das nicht völlig dem christlichen Glauben? Nein, erstaunlicher Weise gar nicht. Die Erde ist eben nicht einfach ein beliebiger Teil der Schöpfung, „sondern sie hat eine Eigendynamik und einen eigenen Status als Mitarbeiterin Gottes bekommen, die aktiv und rezeptiv die Schöpfung miterhält“ (Elisabeth Moltmann-Wendel). Und für Jürgen Moltmann ist die Bedeutung der Gaia-Hypothese – so wird die Annahme genannt, dass die Erde ein sich selbst erhaltendes lebendiges System ist, ein eigenes Lebewesen – sogar „kaum zu überschätzen“. (**)

Man muss allerdings zugeben, dass dieser Gedanke in der christlichen Spiritualität bisher kaum Platz gefunden hat. Deshalb stammt auch keines der hier aufgeführten Zitate aus christlicher Quelle. Was schade ist. Aber vielleicht fangen wir erst einmal damit an, die Erde unter den Händen zu spüren.

***

(*) Michael Kalff: Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern, Herder Verlag, 1998. Mittlerweile ist das Buch neu aufgelegt und als überarbeitete und erweiterte Auflage im Traumzeit-Verlag erschienen, Autoren sind nun Michael Kalff/Jessica Hergesell/Ina Hergesell. Es ist das mit Abstand beste Buch über Naturerfahrungen mit Kindern, leider bin ich erst nach meinen Kita-Wald-Aktionen darauf gestoßen. Wenn man nur ein einziges Buch zu dem Thema kaufen will, dann dieses.

(**) Die theologische Fachzeitschrift „Evangelische Theologie“ hat sich 1993 mit dem Schwerpunkt „Gott und Gaja. Zur Theologie der Erde“ auseinander gesetzt, in der die Gaia-Hypothese positiv rezipiert wird. Darin unter anderem: Elisabeth Moltmann-Wendel, Rückkehr zur Erde, EvTh 53, H. 5, 406-420, S. 419. Jürgen Moltmann, Die Erde und die Menschen. Zum theologischen Verständnis der Gaja-Hypothese, EvTh 53, H. 5, 420-438, S. 429.

evangelisch sein

Was bedeutet eigentlich evangelisch sein? Eine einfache Frage, die mir doch nicht ganz so leicht zu beantworten fällt.

Erst einmal hat es für mich nichts mit der Vorliebe für bestimmte theologische Themen zu tun. Selbst die Rechtfertigungslehre ist für mich nicht evangelisch, sie ist christlich. Das Evangelische besteht nicht in bestimmten Themen sondern zeigt sich in der Art der Frömmigkeitspraxis. Das Konfessionelle beschreibt den Zugang, nicht den Inhalt der Spiritualität. Daher mag ich auch die gängigen „themenfixierten“ Antworten nicht so, sie klingen auf mich oft nach auswendig gelernten Richtigkeiten, ohne von Erfahrung gedeckt zu sein.

Wie antworte ich also auf die Frage? Was ist evangelisch-sein für mich? Das Besondere evangelischer Frömmigkeit besteht für mich in zweierlei: einer alltagstauglichen Spiritualität, um sich selbst mit der Quelle zu verbinden.

Sich selbst mit der Quelle des Lebens zu verbinden wird im Protestantismus klassischerweise als „allgemeines Priestertum“ bezeichnet: Die Verbindung zu Gott braucht keine vermittelnde Instanz, keinen vermittelnden Priester. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Priester mehr gibt – sondern dass jeder selbst Priester ist.

Doch Obacht: Das ergibt sich nicht einfach so von selbst. Man ist nicht Priester durch die Definition eines theologischen Konzepts. Priester ist man, wenn man Priester kann. Und dazu braucht es Übungen, Praktiken, Praxis. Ein guter spiritueller Lehrer ist daher derjenige, der dir gute Übungen gibt. Übungen, mit denen du lernst, dich selbst mit der Quelle zu verbinden. Mit denen du eigene Erfahrungen machen kannst, mit denen du das beurteilen kannst, was die Kirche, die Bibel, die Theologie oder die Anderen dir sagen.

Diese Praxis muss im Alltag funktionieren, zwischen Familie und Beruf, zwischen Aufstehen und Schlafengehen. Nicht nur in einer zeitlichen und räumlichen Sonderwelt, nicht nur als klösterliche Auszeit (nichts gegen Klöster, ganz und gar nicht, aber ich bin skeptisch bei einer Spiritualitätspraxis, die auf „Auszeiten“ beruht).

Wenn spirituelle Übungen komplex und zeitaufwendig sind, mögen sie vielleicht in bestimmte Bewusstseinsstufen und -zustände führen, bleiben letztlich aber einer bestimmten Gruppe von Leuten vorbehalten, nämlich denjenigen, die dazu genügend Zeit, Kapazität und Ressourcen haben. Doch das widerspricht völlig der Lehre Jesu. Jesus hat sich an die einfachen Leute gewandt, die für komplizierte Religion keine Zeit hatten.

Evangelisch sein bedeutet, Alltagspriester zu sein. Das Mantra des Protestantismus „selber denken“ formuliere ich daher um zu „sich selber mit der Quelle verbinden können“.

All das wurde mir noch einmal deutlich, als ich ein Interview mit Sabine Bobert sah. Ich weiß, dass sie in der Theologie nicht unumstritten ist, aber für mich verkörpert sie genau das: eine alltagstaugliche und erfahrungsgesättigte Spiritualität.

Das Video hat vier Teile: Sabine Bobert spricht über ihren Lebensweg (ab Anfang), ihren Ansatz „Mystik & Coaching“ (ab 19’45), ihr Verständnis von Tod & Sterben (ab 43’45) und über Reformation in der evangelischen Kirche (ab 60’50).

Wer nicht alles schauen will, dem empfehle ich zunächst einmal den vierten Teil, also die zehn Minuten ab 60’50.