sola pax

Ich bin kein großer Freund der reformatorischen „Soli“, also sola scriptura (allein die Schrift), solus christus (allein Christus), sola fide (allein der Glaube) und sola gratia (allein die Gnade). Sie sind mir ehrlich gesagt wenig Hilfe, gerade auch als Kriterien (die sie ja sein wollen).

Vor einiger Zeit habe ich einen Hinweis gehört (ich weiß leider nicht mehr genau wo), wie man religiöse Erkenntnis und überhaupt spirituelles Leben beurteilen kann:

Je gewaltätiger, desto weiter entfernt vom Kern.
Je friedvoller, desto näher am Kern.

Man könnte es auch als ein „Sola“ formulieren: sola pax – allein der Friede.

Klingt das zu schlicht? Es ist kein moralischer Apell, sondern ein Versuch, christliche Essenz auf den Punkt zu bringen. Und man muss dieses Kriterium wirklich eine Zeit lang ausprobieren und schauen, wo es einen hinführt.

Also: Sola pax. Aber wie?

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Gewaltlosigkeit ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens. Doch sie hat einen schweren Stand. Oft wird sie nicht ernst genommen, meist missverstanden. Gewaltfreiheit wird schnell mit Passivität verwechselt. Doch damit hat sie nichts zu tun. „Aktive Gewaltfreiheit“, so die bessere Bezeichnung, geht einen dritten Weg zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltduldung.

Jesus verabscheut sowohl Passivität als auch Gewalt“ (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 99)

In Jesu Handeln und Reden nimmt Gewaltfreiheit eine zentrale Stellung ein. Mahatma Gandhi sieht in der Bergpredigt Jesu geradezu die Blaupause für gewaltfreie Aktion. Doch Walter Wink, der ein wunderbares Buch über die Theologie der Gewaltfreiheit geschrieben hat, stellt leider fest, dass im Christentum die eigene sprirituelle Tradition der Gewaltfreiheit oft verschüttet ist. Stattdessen ist es sogar so, dass die wirkmächtigste „Religion“ in der westlichen Welt – die ja stark vom Christentum geprägt ist – der „Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt“ ist. Also die Überzeugung, dass Gewalt durch Gewalt „besiegt“ werden könnte. Doch Gewalt hat keine erlösende Kraft. Im Gegenteil: Sie verstärkt das, was sie bekämpft.

Der Glaube an eine „erlösende Gewalt“ ist heute die vorherrschende Position. Daher wird Gewaltlosigkeit oft als naiv und lebensfern angesehen, die sie deshalb permanent rechtfertigen muss, während Gewaltanwendung schnell als unvermeidbar gilt. Doch wie naiv ist die Haltung, durch Gewalt Friedvolles zu erreichen?

Auch im christlichen Mainstream wird Gewaltlosigkeit zwar als schöne, aber leider eben doch naive Spinnerei dargestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Spiegel-Interview (33/2014) mit Margot Käßmann, der ja gerne Naivität unterstellt wird (was sie in meinen Augen aber gut kontert). Und christliche Glaubensgemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit hoch achten – wie beispielsweise die Mennoniten oder die Quäker – gelten als exotische Minderheiten.

Gewaltfreiheit ist eben keine naive Romantik – allerdings kann sie nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Daher ist Gewaltfreiheit auch weniger eine Haltung, sondern vielmehr eine Praxis, also eine Fähigkeit, die man lernen kann und üben muss.

„Obwohl die Gewaltfreiheit seit Jahrhunderten effektiv genutzt wurde, entwickelte sie sich erst durch Gandhi und King zu einer verbreiteten Bewegung und wurde durch neue Strategien und Taktiken vervollständigt (Walter Wink, S. 104).

Zwei „große“ Ansätze spielen hier eine wichtige Rolle: die „gewaltfreie Aktion“, eine Form des aktiven und hartnäckigen Widerstands (hierauf werde ich nicht weiter eingehen, aber man kann hier eine Liste mit 198 Interventionen einsehen) und die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg (GFK). Und so müsste das Zitat von Walter Wink mindestens noch um Marshall Rosenberg ergänzt werden.

Der Clou der GFK liegt darin, nicht vorschnell die eigenen Problemlösungsansätze zu verfolgen – die dann oft mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt werden müssen, weil sie eben mit den Lösungen Anderer kollidieren – sondern von den eigenen Bedürfnissen auszugehen. Es mag kurios klingen, aber während sich konkurrierende Problemlösungsversuche oft ausschließen, können unterschiedliche Bedürfnisse meist miteinander verbunden und so zu beidseitiger Zufriedenheit gestillt werden. So ist die GFK auch viel mehr als eine reine Kommunikationsmethode, sie ist vor allem ein Bedürfnis-Tool.

Die Crux ist, dass die konkreten Fähigkeiten, die man zur Gewaltfreiheit bedarf, eben kaum bekannt geschweige denn ausgebildet sind:

Aktive Gewaltfreiheit ist weiterhin eine unbekannte Größe in Kirche und Gesellschaft (Wink, S. 15). Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, von gelegentlichen gewaltfreien Aktionen hin zu einer dauerhaften gewaltfreien Bewegung zu kommen. Dabei muss es unser Ziel sein, Millionen gewaltfreier Aktivisten auszubilden (Wink, S. 108).

Langer Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum ich diesen Blogpost in den Zusammenhang mit Reformation stelle: Die jesuanischen Praxis der Gewaltfreiheit wieder zu entdecken, diese (eigene) Tradition wertzuschätzen und bekannt zu machen, sie der Häme zu entziehen und versuchen, sich vom sola pax leiten zu lassen. Nicht als ethisches Sahnehäubchen, sondern als spiritueller Kern. Nicht nur in einzelnen Friedensgruppen (die zudem fast völlig von der Aufmerksamkeitsbildfläche verschwunden sind), sondern als flächendeckende Vision. Das wäre für mich ein Reformationsprojekt!

Die Rolle der Kirche liegt meiner Meinung weniger darin, Gewaltlosigkeit zu predigen (kann man machen, wird aber alleine nicht viel bewirken) oder friedensethische Diskurse zu führen (denn dies sind immer über etwas-Diskurse, und in der Regel auch noch Diskurse über andere, deren Verhalten man dann aus einer erhabenen Position heraus analysiert und bewertet), sondern in Gewaltfreiheit ganz praktisch auszubilden!

By the way: In Deutschland spielte die Kirche sogar eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der GFK. Eine christliche Friedensgruppe in München war die Keimzelle der GFK in Deutschland. Und der Kirchentag 1993, ebenfalls in München, auf dem Marshall Rosenberg zu Gast war, brachte dann der Durchbruch.

Und noch ein by the way: Derzeit arbeite ich an einer Idee, wie man genau das erreichen kann: die GFK innerkirchlich zu stärken. Mehr dazu ab Herbst 2017.

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Sola pax – aber wie? Ein paar Ideen…

Meditiere das berühmte Zitat von Martin Luther King: Dunkelheit kann nicht Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das. – Inwiefern ist diess für dich eine Wahrheit (oder auch nicht)?

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Das hier im Blogpost zitierte Buch von Walter Wink kann ich nur empfehlen: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014.

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Walter Wink schlägt vor, anstelle von Luthers Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sich selbst zu fragen: „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“

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Gottfried Orth hat ein Buch geschrieben über den Einsatz von GFK in Kirchengemeinden: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015. (Am 12. Oktober ist Gottfried Orth übrigens in Köln an der Ev. Stadtakademie und spricht über die biblische Tradition der Gewaltfreiheit – und über die biblische Tradition der Gewalt, die es ja durchaus gibt, und gar nicht mal so marginal!)

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Der Versöhnungsbund ist eine christliche Bewegung, die sich einsetzt für „aktive Gewaltfreiheit als ein Mittel der persönlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandlung“. Auf seiner Internetseite findet man gutes Material (Buchempfehlungen, Handreichunghen) und im vierteljährigen Rundbrief „Versöhnung“ habe ich Hinweise und Ressourcen gefunden, die mir sonst im kirchlichen Kontext bisher noch nicht begegnet sind.

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GFK auch als eine christliche Übungspraxis zu verstehen ist ja ein Ansatz, den Michael Pflaum vorantreibt. Hier habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Und vom 23.-25. November habe ich Michael Pflaum an die Ev. Stadtakademie in Köln eingeladen. Er wird zwei Abendvorträge und zwei Nachmittagsworkshops geben.

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Hinterlasse möglichst wenig Spuren von Gewalt in dieser Welt! Diese Handlunsgmaxime wird oft im buddhistischen Kontext zitiert (und heute zielt sie oft auf Vegatrismus/Veganismus). Inwiefern kann dies eine gute Weisung für dich sein? Welche Spuren von Gewalt gehen von dir aus und welche sind vermeidbar?

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sola pax: Versuche dies als Kriterium zu nehmen, um an den „Kern“ zu kommen. Inwiefern ist dies hilfreich (oder auch nicht)? Könnte dies ein gutes reformatorisches „sola“ sein?

 

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Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.

 

Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.

Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Nicht die siebte, aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

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Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

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Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

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Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

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Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

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Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

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Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

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Kirche. Eine Skizze.

Manche Blogartikel brauchen etwas länger. Dieser gärte drei Jahre. Angeregt wurde ich zu ihm durch Hannes Leitleins Artikel O Gott, was kommt da auf mich zu? in der Christ & Welt 49/2013 über den Zustand der evangelischen Kirche. Ich hatte damals zugesagt, meine Gedanken aufzuschreiben, wie ich mir Kirche vorstelle. Über das Entwurfstadium kam ich allerdings nicht hinaus. Nun bin ich beim „Tag der Inspiration“ der rheinischen Landeskirche im Forum „Geistlich Kirche sein“ mit auf dem Podium und habe die alten Notizen wieder herausgeholt und den Artikel zu Ende geschrieben.

Wie sollte Kirche sein? Yotin hat dies mal ironisch und bitterernst zugleich so gesagt: Ein Ort, an dem ich mich nicht fremdschämen muss. Bei mir setzt Fremdschämen ein, wenn es zu banal und zu betulich wird. Und ich denke, dass es nicht nur mir so geht. Viele Menschen finden in der Kirche nichts mehr – und suchen dort auch gar nichts, weil sie wissen, dass sie dort nichts finden werden – aufgrund der Selbstbanalisierung der Kirche. Lange Zeit war das Stichwort der Selbstsäkularisierung der Kirche en vogue, aber das trifft es meiner Meinung nach nicht. Problematisch sind in meinen Augen eben die Banalisierunsgtendenzen.

Es gibt unzählige Versuche, die Kirche attraktiver zu machen. Doch vieles davon finde ich eher peinlich. Auch wenn ich keine unattraktive Kirche will, ist Attraktivität für mich einfach die falsche Kategorie. Denn Attraktivität ist Geschmackssache. Und Geschmäcker sind stark millieugeprägt. Eine Orientierung an Milieus fördert wiederum Exklusionen und Ausschlüsse. Die Milieurorientierung ist ja auch ein Exklusionsprogramm: alle Milieus, bis auf das gewünschte Zielmilieu, werden bewusst exkludiert, in der Hoffnung, das gewünschte Milieu besser zu erreichen. Kirche hat aber gerade den gegenteiligen Auftrag: integrierend zu sein, ausschließende Grenzen zu überwinden. Und das geht eben am besten dann, wenn sich die Menschen in der Kirche erst gar nicht „einrichten“.

Vor einiger Zeit habe ich auf Twitter dazu ein Zitat dazu gefunden (dessen Quelle ich mir dummerweise nicht gemerkt habe), das genau das ausdrückt, worum es mir geht:

Die Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft, ähnelt eher einem Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ als einem Country-Club.

Genau das ist es.

Ich wünsche mir eine heilsame Kirche. Dann ist mir auch egal, welches Etikett sie bekommt: ob „konservativ“, „liberal“ oder „progressiv“, ob „traditionell“ oder „innovativ“.

Denn der christliche Glaube hat vor allem mit Heilung zu tun. Wenn er nicht heilsam ist, kann er nicht christlich sein. Dementsprechend ist der Kern der Kirche, heilsam zu sein – für den Menschen wie für die Erde. Und wie müsste eine solche Kirche aussehen? Hier nun mein Versuch: Sie müsste spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch, gemeinschaftsbildend, erdheilend sein.

Das will ich kurz erklären.

Eine spirituelle Kirche

Eine heilsame Kirche ist sich ihrer spirituellen Tradition bewusst. Das ist mir besonders wichtig: die Wertschätzung von spirituellen Übungen und Übungswegen – wer mag kann es auch Frömmigkeitspraxis nennen. Und da sich das nicht einfach von selbst ergibt, muss es gepflegt und vor allem beigebracht, weitergegeben, vermittelt werden. Die Lehr-Aufgabe der Kirche besteht nicht in erster Linie in Glaubensinhalten, sondern in Glaubenspraktiken: Wie geht Beten? Wie geht Versöhnung? Wie geht Selbstliebe? Wie geht Teilen? Wie geht Fasten? Wie geht Hingabe? Wie geht Widerstand? Und so weiter…

Als zweites geht es um Ritual-Kompetenz, um die Kunst der Inszenierung – und die muss eben gekonnt sein. Das zeigt sich zum Beispiel in der Liturgie. Ich will kein lutherisches Hochamt, schlichte Formen reichen mir völlig, wenn sie denn liturgisch gut sind. Grundregel: Mehr Stille, weniger Logorrhoe. Vor kurzem erzählte mir ein Pfarrer, dass der Karfreitagsgottesdienst zur Todesstunde Jesu der am besten besuchte Gottesdienst (nach Weihnachten) in seiner Gemeinde sei. Weil er existenzielle Dimensionen aufgreift, die liturgisch dort Raum bekommen. Und das ist einer der sperrigsten Gottesdienste überhaupt, das genaue Gegenteil von „spiritueller Wellness“.

Eine weitere Art einer ritueller Kompetenz ist das Feiern des Jahreslaufs, des Kirchen- wie Naturjahres. Denn dies lehrt (mindestens) dreierlei: Gemeinsam feiern ist gut und wichtig. Die immer wiederkehrenden Jahresläufe fördern Vertrauen ins Leben (Genesis 8, 22). Und Natur und Kirchenjahr feiern das Gleiche: die unglaubliche Kraft des Leben.

Eine erfahrungsbezogene Kirche

Ohne Erfahrung ist der Glaube nichts. Egal wie ausgefeilt eine Dogmatik, wie methodisch geschickt ein Glaubenskurs oder wie anschaulich eine Bildungsveranstaltung ist, die eigene Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, sie ist Ausgangspunkt und Ziel.

Doch der Protestantismus ist zu sehr von theologischen Richtigkeiten geprägt und zu wenig von spirituellen Erfahrungen. Gewöhnlich ist es ja sogar so, dass für spirituelle Erfahrungen kaum Platz ist, dazu hatte ich ja schon einmal etwas geschrieben.

Fast alles ist vergeistigt – kaum etwas beseelt oder verkörpert.

Das hat damit zu tun, dass der Adressat klassischer evangelischer Verkündigung immer der Kopf ist – und selbst wenn beispielsweise eine Predigt „ans Herz gehen“ soll, geschieht dies immer mittels kognitiver Reflexion. Es wird dann allenfalls über Gefühle geredet, aber nicht aus ihnen heraus gesprochen, geschweige denn ihnen Raum gegeben. Man mag nun einwenden, dass  eine Predigt ja auch kaum der geeigente Raum dafür ist. Eben, genau darum geht’s. Und das gilt – mit Ausnahme der Kirchenmusik – für fast die gesamte evangelische Angebotspalette.

Nicht nur der Kopf hat seine (eigene) Wahrheit, sondern auch das Herz und der Bauch. Nicht nur Ratio und Intellekt wollen „bedacht“ werden, sondern auch die Seele und der ganze Leib umsorgt. Gefühle und Bedürfnisse, Körperlichkeit und Sexualität, die Verbindung zur Natur – überall lauern geistliche Erfahrungen.

Ein schöne und gleichzeitig sehr einfache Idee, wie der eigenen spirituellen Erfahrung Raum gegeben werden kann, ist beispielsweise die Spiritual Nurture Group der Quäker.

Eine initiatorische Kirche

Initiation meint Einführung – oder Einweihung – ins Leben. Genauer: in die Gehemnisse, wie das Leben so von statten geht.

Eine Besondere Aufgabe der Kirche liegt in der Begleitung bei den Lebensübergängen. Lebensübergänge sind komplexer und sensibler als Lebensphasen, aber gerade deshalb ist die Begleitung dort auch so wichtig. Übergänge sind immer Brüche – und Brüche sind im Geselligkeitsmodell der Vereinskirche nicht vorgesehen.

Gerade bei den Übergängen weist die christliche Tradition einen großen Fundus auf: Zu den klassischen Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung), die viel stärker als Initiationsriten gefeiert werden müssten, kommen „Neue Kasualien“ wie die Einschulung, das Erwachsenwerden (zum Beispiel in der Nacht des Feuers) vielleicht auch mal ein Ritual der Lebensmitte, der Übergang in den Ruhestand, Begleitung bei Verlust, Scheidung, Scheitern… Was bisher fehlt ist die Wiederentdeckung einer ars moriendi. In die Kunst des Sterbens einzuüben ist doch das spirituelle Thema überhaupt, sowohl in übertragener Bedeutung – denn „wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt“ – als auch ganz real bei dem letzten großen Übergang.

Kirche als initiatorische Prozessbegleitung könnte man das nennen.

Eine gemeinschaftsbildende Kirche

Das Wort Gemeinschaft ist sehnsuchtsbesetzt, eine Wärme-Metapher – gerade im kirchlichen Kontext. Doch bei Vielem geht es in meinen Augen eher um Geselligkeit als um Gemeinschaft. Gegen Geselligkeit ist nichts einzuwenden, gar nichts. Es ist nur kein kirchlicher Auftrag. Zudem: Was das Bürgerzentrum, der Karnevalsverein oder von mir aus auch der SPD-Ortsverein anbietet, muss die Kirchengemeinde nicht noch einmal doppeln.

Wie unterscheiden sich Gemeinschaft und Geselligkeit? Meine Faustregel ist: Wenn miteinander geteilt wird, ist es eine Gemeinschaft (und wenn sogar Risiken geteilt werden, ist es eine sehr tiefgehende Gemeinschaft).

Eine Idee, an der ich dran bin (demnächst mehr auf diesem Kanal!), ist die Erneuerung kirchlicher Kreiskultur. Im Kreis zu sitzen, einander zuzuhören und sich mitzuteilen, ist die einfachste und älteste Form religiöser Kommunikation. Und doch hat der „Kreis“ heute einen schlechten Stand in der Kirche, im Kreis zu sitzen empfinden viele als unangenehm. Aber es gibt gute Ideen, dem „Kreis“ seine gemeinschaftsbildende Kraft zuzückzugeben.

Spannend finde ich hier auch die Frage, welche Art von Zugehörigkeit Menschen überhaupt suchen. Ich glaube, dass es einerseits einen Wunsch nach „intimer“ Zugehörigkeit gibt – kleinere Gruppen so zwischen 10 und 50 Leuten – und gleichzeitig einen Wunsch, zu etwas Großem dazuzugehören. Die angemessennen kirchlichen Sozialformen müssen beiden Rechnung tragen. Konzepte um die Stichworte „cell – cluster – (Gesamt-)church“ finde ich interessant, aber das bräuchte noch einmal einen eigenen Blogbeitrag.

Eine erdheilende Kirche

Diejenigen, denen das alles zu innerlich war und das Politische vermisst haben, können jetzt durchatmen. Zumindest ein Bisschen.

Ich wünsche mir eine gesellschaftsverändernde Kirche, oder etwas pathetischer: eine weltwandelnde, ich lege noch eine Schippe drauf: eine erdheilende Kirche. Das hat vor allem zwei Dimensionen: ein guter Umgang mit Ressourcen aller Art (Nachhaltigkeit) und ein guter Umgang mit Menschen aller Art (Versöhnung).

Wem dies am Herzen liegt, muss schauen, wie es sich bewerkstelligen lässt. Wie kann Kirche wirklich wirksam dazu beitragen, dass die Welt nachhaltiger und versöhnender wird? Das Stichwort „politische Kirche“ ist für mich zu ideologisch aufgeladen, es geht dann immer um „richtig“ und „falsch“ (genauer: um die richtige und falsche Ideologie, welche auch immer das dann konkret ist), und zu wenig darum, was wirksam ist und was nicht.

Eine Voraussetzung für Transformation ist ein einigermaßen geklärtes Selbst. Der Kirche fallen hier zwei Aufgaben zu. Beides sind Aufgaben, die durchaus zu bewältigen sind, sie sind nicht naiv-illusionär. Zum einen muss die Kirche versuchen, selbst so zu sein, wie sie die Welt gerne hätte – also in meinen Augen: nachhaltig und versöhnend. Nur so kann sie zu einer Alternative zu den bestehenden Verhältnissen dieser Welt werden. Dann kann sie auch auf ihre ganzen Kundgebungen und Appelle verzichten (was für eine Erleichterung!). Das Problem ist allerdings, das unsere saturierte Kirche sich viel lieber „im Anschluss an“ (die Gesellschaft, den Staat…) versteht und viel zu wenig „als Alternative zu“.

Zum anderen kann die Kirche bei der Wandlung der Menschen helfen. Der „Große Wandel“ vollzieht sich durch gewandelte Menschen. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Wenn es einen Hebel gibt, dann ist es dieser. „Der größte Beitrag zum Frieden ist, in uns selbst Frieden zu machen“, so sagt es Marshall Rosenberg. Hier hat die Kirche die Aufagbe, ihren Mitgliedern – oder all denen, die ihre Nähe suchen – bei ihrer Selbstwerdung zu helfen.

Wie? Indem sie spirituell, erfahrungsbezogen, initiatorisch und gemeinschaftsbildend etwas anzubieten hat. Das ist eine ganze Menge, wenn’s gelingt.

Und damit schließt sich mein Kreis.

Jörg Zink

Jörg Zink ist gestorben. Ich kannte ihn weder als „Fernsehpfarrer“ (Wort zum Sonntag) noch habe ich ihn auf Kirchentagen gehört. Trotzdem hat er mich geprägt.

Und dafür bin ich ihm dankbar.

Es sind vor allem zwei Bücher, die dies geleistet haben. Die Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“. Ich hatte sie gerade hier im letzten Blogpost erwähnt (siehe unter „Erzählen“). Es war „meine“ Kinderbibel als Kind. Wunderschön erzählt und theologisch klug.

Das zweite wichtige Buch für mich ist „Die Urkraft des Heiligen“, gut zwanzig Jahre später (hier und hier). Allein schön der Titel! Sowohl Urkraft als auch Heiliges – beides sind so wunderbar unprotestantische Wörter. Denn genau darum geht es. Viele Dinge, die kulturell zum Protestantismus gehören, sagen mir nichts, berühren mich nicht (egal was das jetzt im Detail ist, darum soll es hier nicht gehen…). Der real existierende Protestantismus wird mir zunehmend fremd.

Und Jörg Zink – dieses protestantische Urgestein – zeigt mir, wie sehr ich doch am Kern bin. Meine Fragen, meine Erfahrungen, meine religiösen Konzepte, die ich mir zurecht bastele – all die finde ich in Zinks Urkraft des Heilgen wieder oder es ist zumindest anschlussfähig. Zink betreibt keine theologische Besserwisserei, keinen Moralismus, keine heilsgeschichtlichen Spekulationen. Er betreibt weisheitliche Theologie at its best. Es ist eine erdige, elemenare, existenzielle Theologie. Es ist eine Nach-Hause-Kommen-Theologie. So habe ich mich immer gefühlt, wenn ich etwas von ihm gelesen habe: nach Hause zu kommen.

Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Kapitel „Lebensgesetze zwischen Natur und Spiritualität“. Jörg Zink beschreibt hier Grundmuster unseres Lebens: die Analogien im Netzwerk der Welt, die Polarität in allen Dingen, das Gesetz der Resonanz, den Rhythmus als kosmische Kraft. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass für Jörg Zink diese Überlegungen selbstverständlicher Teil christlicher Theologie sind. Denn das ist eben mein Zugang, so herum denke ich: von den spirituellen Phänomenen und Erfahrungen her, nicht vom Katechismusbestand.

Eine Sache ist mir besonders in „Der Urkraft des Heiligen“ hängengeblieben: Die Rechtfertigung ist nicht das Ziel. Sondern sie ist das Tor am Anfang. Danach kommt noch was. Das Spannende ist doch, was kommt, wenn man durch das Tor hindurch geht. Hierzu finde ich im Protestantismus aber so unglaublich wenig. Für Zink scheint es essentiell zu sein:

„Die lutherische Kirche betrachtet die Rechtfertigungslehre als Mitte und Ziel des christlichen Glaubens. Aber Paulus geht ja weiter. Er beschreibt die Wandlung unseres inneren Menschen in den unzähligen mystischen Bildern und Gedanken, die der Rechtfertigungslehre folgen. Und erst dort, so will mir scheinen, kann uns aufgehen, was uns die Rechtfertigungslehre gebracht hat.

Da redet Paulus nicht mehr von Sünder, vom Verlorenen, der der Mensch sei, er redet vom geisterfüllten, erleuchteten, begnadeten Kind Gottes. Er redet vom Geist des Christus, von dem Menschen, der in Christus und in dem Christus sei, von dem Menschen, der den Weg des Christus mitgehe, der berufen sei, das Werk des Christus auf dieser Erde zu tun.

Natürlich gibt es keinen Weg dorthin außer durch das enge Tor der Rechtfertigung, aber was folgt, ist nicht mehr die Rechtfertigung. Was dem Protestantismus widerfahren ist, das ist, dass er das Tor, die Rechtfertigungslehre, zum ganzen Haus erklärt hat und dass er, was in dem Haus der Christusmystik zu finden gewesen wäre, sich nie wirklich zu eigen gemacht hat, sondern unter dem Tor stehen blieb“ (Die Urkraft des Heiligen, Stuttgart 2003, S. 56).

Ein sehr lesenswertes Interview in der Christ & Welt aus dem Jahr 2011, in dem auch die gerade genannte These noch einmal vertreten wird, gibt es hier.

Also: Nicht im Tor stehen bleiben. Am Tor: abladen, entlastet werden. Und dann: Durch. Nachhause kommen.

getrenntsein & verbundensein

Update: Diesen Artikel habe ich im Mai 2017 leicht überarbeitet: Die Grafik ist präziser aber auch umfangreicher geworden. Dementsprechend habe ich den Text bei den Erklärungen zur Grafik etwas angepasst.

Jesus wird gefragt: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5.Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Matthäus 22, 35-40)

Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe – diese drei Arten der Liebe fassen kurz & knapp zusammen, wie christliche Lebenspraxis aussehen könnte. Und es ist eine Struktur, die (fast) alle spirituellen Bezüge umfasst: die Beziehung zu mir selbst, zu den Anderen und zu Gott.

In letzter Zeit entdecke ich immer wieder Puzzle-Stückchen hierzu. Vor einiger Zeit bin ich bei David Steindl-Rast auf den Gedanken gestoßen, dass die religiösen Praktiken fasten, teilen und beten Wege darstelle, das Getrenntsein von mir selbst, den Anderen und von Gott zu überwinden. Das nächste Fundstück kam dann bei Henri Nouwen: Er beschreibt drei Bewegungen, drei Dynamiken auf dem spirituellen Weg, die ebenfalls dieser Struktur entsprechen. Und Möglichkeiten, wie man Selbst- und Nächstenliebe üben kann, findet man zum Beispiel bei den Exerzitien der Nächstenliebe.

All das passt wunderbar zusammen und ich habe diese „Beziehungs-Struktur“ einmal skizziert.

Die Trias im „Höchsten Gebots“ ist schön und gut, doch für mich mich fehlt da noch etwas Wesentliches: die Erde selbst, unsere natürliche Umgebung. Die Verbindung mit der Natur, mit allem, was lebt bzw. die Liebe zu unserer Heimat Erde samt allen Erdlingen ist existenziell, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

In meiner Skizze geht es mir ums Verbundensein. Genauer: Um die Zustände des Getrenntsein und die Wege, wieder in Verbindung zu kommen. Man kann auch noch einen Schritt weiter – bzw. tiefer – gehen und sagen, dass dies die vier Dimensionen sind, in denen wir Versöhnung brauchen.

Fügt man all dies zusammen, sieht das so aus:

 

Auch wenn im Liebesgebot knapp und klar formuliert ist, dass sich Selbst- und Fremdliebe die Waage halten sollen, wurde die Selbstliebe im Christentum oft verdrängt. Das ist tragisch, aber es zeigt sich ja – leider – immer wieder, dass der Inhalt und die Wirkungsgeschichte von Religion oft auseinandergehen. Oft sind es einfach Ungleichgewichte in diesen Beziehungen. Gerade bin ich wieder auf ein Beispiel gestoßen: In einer Kita-Konzeption habe ich den Satz gefunden, dass die religiöse Erziehung darauf ziele, „Gott und den Nächsten zu lieben“ – ausgerechnet die Beziehung zu sich selbst und zur Natur fehlen! Dabei sind diese – gerade auch ihre spirituellen Dimensionen – in meinen Augen für 2- bis 5-Jährige ganz wichtig.

Damit sind wir bei einem weiteren Schatten der christlichen Tradition, der völligen Naturvergessenheit. Dies kann natürlich nicht dem Liebesgebot angelastet werden, aber es haut zumindest noch einmal in dieselbe Kerbe. Mir ist diese vierte Liebes- bzw. Verbindungsdimension wichtig, für mich ist sie auch deutlicher Bestandteil des christlichen Glaubens (Beweisführung später an anderer Stelle), daher ergänze ich sie hier. Ich habe sie übrigens nicht „Schöpfungsliebe“ genannt, weil die Schöpfung ja auch mich und meine Mitmenschen miteinschließt. Mir geht es um die natürliche Umwelt, um unsere Heimat Erde, um Pflanzen und Tiere, und um all unsere Geschwister, wie Franziskus sie im Sonnengesang besingt: Feuer, Erde, Wasser, Luft, Sonne, Mond und Sterne. Die Beziehung zur Natur mag zu biblischen Zeiten viel präsenter gewesen sein und bedurfte weniger einer gesonderten Erwähnung. Heute ist sie wichtiger denn je. Und wenn wir uns auf den Weg machen, unsere Beziehung zur Erde mitsamt ihren Lebewesen neu auszurichten, hat dies auch unmittelbarte Auswirkungen auf die anderen drei Beziehungen.

Noch ein paar Hinweise zu einigen Formulierungen und Zuordnungen.

Die Idee mit den Bewegungen stammt von Henri Nouwen. Ich habe aber andere Formulierungen gewählt: „Vom falschen Selbst zum wahren Selbst“ stammt von Richard Rohr. „Von der Ablehnung zur Einladung“ orientiert sich auch an Henri Nouwen (er nennt es „Von der feindseligen Ablehnung zur Gastfreundschaft“). Hinter „Von der Entfremdung zur Lebendigkeit“ steckt meine Beobachtung, dass die Entfremdung von der Natur die stärkste Entfremdung ist, der wir derzeit unterliegen (so sehe ich es zumindest) und dass man gerade in der Natur Lebenskraft und Lebendigkeit erfahren kann. „Hesychia“ bei der Gottesbeziehung bedeutet Herzensruhe/Herzensfrieden.

Dass man den Verbindungsdimensionen konkrete „klassische“ religiöse Praktiken zuordnen kann, habe ich von David Steindl-Rast übernommen. Beten ist naheliegend. Auch Teilen dürfte sich von selbst verstehen. Hier ist allerdings wichtig, dass es sich wirklich um Teilen handelt, nicht um Spenden. Zum Verständnis des Teilens hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal eine kleine Notiz auf diakonisch.de geschrieben, die immer noch lesenswert ist. Wenn man beginnt, zu reduzieren und auf bestimmte Dinge – ob für kurz oder lang  – verzichtet, kommt man sehr schnell bei sich selbst an. Jeder der fastet kann diese Erfahrung machen. Daher passt das Fasten in der Tat gut zur Beziehung mit mir selbst. Allerdings geht es hier wirklich um Fasten im klassischen Sinne, also um ein bewusst gewähltes Verzichten auf materielle Dinge. Die immer alberner werdende Fastanaktion der evangelischen Kirche („Sieben Wochen Ohne“) geht einen anderen Weg. Beim Danken stellt sich meist ein Gefühl von Abhängigkeit (im Sinne von Verwobenheit, Verbundenheit, Angewiesensein) ein, und oft auch ein Gefühl von Lebendigkeit. Daher habe ich es der Verbindung mit „allem, was lebt“ zugeordnet.

Ergänzt habe ich das Ganze um weitere Ansätze, die helfen, sich zu verbinden. Im Gegensatz zur ersten Version habe ich dies nun noch präzisiert und sie 3 verschiedenen Katageorien zugeordnet. Bei der Lebenspraxis geht es um sehr grundsätzliche Praxis: Bedürfnisse erkunden, Gastfreundschaft üben, im Einklang mit der Natur leben und Gebetspraxis. Danach führe ich einige Ansätze auf zur tieferen Erkundung & heilsamen Unterstützung. Die Sammlung ist natürlich subjektiv, sie entspricht meinen persönlichen Vorlieben. Alles, was ich hier aufgeführt habe, schätze ich sehr, und ich halte es vor allem für wirksam. Es sind für mich nicht bloß Methoden und Tools, sondern tatsächlich spirituelle Ansätze. Abschließend gibt es noch einige ausgewählte Übungen/Meditationen für die Alltagspraxis. Hier geht es um Verbindungspraktiken, die mit wenig Aufwand und alleine durchführbar sind. Das Herzensgebet (Verbindung mit Gott) und das Sitzen in Stille (Verbindung mit mir) erschließen sich wohl von selbst. Die Übungen zur Disidentifikation (Roberto Assagioli), zur Herzens-Verbindung (die ich bei Anna Gamma gefunden habe) zum „Bauchen“ (aus einem Naturpädagogik-Handbuch von Michael Kalff) und die Sitzplatz-Übung (ein Klassiker der Wildnispädagogik) stelle ich nochmal als eigenen Beitrag vor.

Die kleine Skizze soll zeigen, dass es spirituell gesehen mehere Beziehungen gibt – und damit mehrere Zustände des Getrenntseins und Wege, diesem Getrenntsein wieder etwas entgegen zu setzen. Alle vier Beziehungen wirken aufeinander. Und alles zusammen ist dann – auch wenn es etwas oldschool klingt – Frömmigkeitspraxis. Diese Praxis sollte ausgewogen sein – wie das genau aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden, auch das ist Teil der Praxis.

Ein „Höchstes Gebot“ – mit dem ja der Blogbeitrag begann – würde ich so formulieren:

Suche die Verbindung
zu dir selbst
zu den Menschen um dich herum
zur Erde mit allem, was auf ihr lebt
zu Gott

Verharre nicht im Getrenntsein
Es ist nicht heilsam
Mache dich auf den Weg
Prüfe alles, was dir begegnet und behalte das Gute

Lass dich versöhnen
mit dir selbst
mit den Menschen um dich herum
mit der Erde samt allem, was auf ihr lebt
mit Gott