sola pax

Ich bin kein großer Freund der reformatorischen „Soli“, also sola scriptura (allein die Schrift), solus christus (allein Christus), sola fide (allein der Glaube) und sola gratia (allein die Gnade). Sie sind mir ehrlich gesagt wenig Hilfe, gerade auch als Kriterien (die sie ja sein wollen).

Vor einiger Zeit habe ich einen Hinweis gehört (ich weiß leider nicht mehr genau wo), wie man religiöse Erkenntnis und überhaupt spirituelles Leben beurteilen kann:

Je gewaltätiger, desto weiter entfernt vom Kern.
Je friedvoller, desto näher am Kern.

Man könnte es auch als ein „Sola“ formulieren: sola pax – allein der Friede.

Klingt das zu schlicht? Es ist kein moralischer Apell, sondern ein Versuch, christliche Essenz auf den Punkt zu bringen. Und man muss dieses Kriterium wirklich eine Zeit lang ausprobieren und schauen, wo es einen hinführt.

Also: Sola pax. Aber wie?

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Gewaltlosigkeit ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens. Doch sie hat einen schweren Stand. Oft wird sie nicht ernst genommen, meist missverstanden. Gewaltfreiheit wird schnell mit Passivität verwechselt. Doch damit hat sie nichts zu tun. „Aktive Gewaltfreiheit“, so die bessere Bezeichnung, geht einen dritten Weg zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltduldung.

Jesus verabscheut sowohl Passivität als auch Gewalt“ (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 99)

In Jesu Handeln und Reden nimmt Gewaltfreiheit eine zentrale Stellung ein. Mahatma Gandhi sieht in der Bergpredigt Jesu geradezu die Blaupause für gewaltfreie Aktion. Doch Walter Wink, der ein wunderbares Buch über die Theologie der Gewaltfreiheit geschrieben hat, stellt leider fest, dass im Christentum die eigene sprirituelle Tradition der Gewaltfreiheit oft verschüttet ist. Stattdessen ist es sogar so, dass die wirkmächtigste „Religion“ in der westlichen Welt – die ja stark vom Christentum geprägt ist – der „Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt“ ist. Also die Überzeugung, dass Gewalt durch Gewalt „besiegt“ werden könnte. Doch Gewalt hat keine erlösende Kraft. Im Gegenteil: Sie verstärkt das, was sie bekämpft.

Der Glaube an eine „erlösende Gewalt“ ist heute die vorherrschende Position. Daher wird Gewaltlosigkeit oft als naiv und lebensfern angesehen, die sie deshalb permanent rechtfertigen muss, während Gewaltanwendung schnell als unvermeidbar gilt. Doch wie naiv ist die Haltung, durch Gewalt Friedvolles zu erreichen?

Auch im christlichen Mainstream wird Gewaltlosigkeit zwar als schöne, aber leider eben doch naive Spinnerei dargestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Spiegel-Interview (33/2014) mit Margot Käßmann, der ja gerne Naivität unterstellt wird (was sie in meinen Augen aber gut kontert). Und christliche Glaubensgemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit hoch achten – wie beispielsweise die Mennoniten oder die Quäker – gelten als exotische Minderheiten.

Gewaltfreiheit ist eben keine naive Romantik – allerdings kann sie nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Daher ist Gewaltfreiheit auch weniger eine Haltung, sondern vielmehr eine Praxis, also eine Fähigkeit, die man lernen kann und üben muss.

„Obwohl die Gewaltfreiheit seit Jahrhunderten effektiv genutzt wurde, entwickelte sie sich erst durch Gandhi und King zu einer verbreiteten Bewegung und wurde durch neue Strategien und Taktiken vervollständigt (Walter Wink, S. 104).

Zwei „große“ Ansätze spielen hier eine wichtige Rolle: die „gewaltfreie Aktion“, eine Form des aktiven und hartnäckigen Widerstands (hierauf werde ich nicht weiter eingehen, aber man kann hier eine Liste mit 198 Interventionen einsehen) und die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg (GFK). Und so müsste das Zitat von Walter Wink mindestens noch um Marshall Rosenberg ergänzt werden.

Der Clou der GFK liegt darin, nicht vorschnell die eigenen Problemlösungsansätze zu verfolgen – die dann oft mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt werden müssen, weil sie eben mit den Lösungen Anderer kollidieren – sondern von den eigenen Bedürfnissen auszugehen. Es mag kurios klingen, aber während sich konkurrierende Problemlösungsversuche oft ausschließen, können unterschiedliche Bedürfnisse meist miteinander verbunden und so zu beidseitiger Zufriedenheit gestillt werden. So ist die GFK auch viel mehr als eine reine Kommunikationsmethode, sie ist vor allem ein Bedürfnis-Tool.

Die Crux ist, dass die konkreten Fähigkeiten, die man zur Gewaltfreiheit bedarf, eben kaum bekannt geschweige denn ausgebildet sind:

Aktive Gewaltfreiheit ist weiterhin eine unbekannte Größe in Kirche und Gesellschaft (Wink, S. 15). Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, von gelegentlichen gewaltfreien Aktionen hin zu einer dauerhaften gewaltfreien Bewegung zu kommen. Dabei muss es unser Ziel sein, Millionen gewaltfreier Aktivisten auszubilden (Wink, S. 108).

Langer Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum ich diesen Blogpost in den Zusammenhang mit Reformation stelle: Die jesuanischen Praxis der Gewaltfreiheit wieder zu entdecken, diese (eigene) Tradition wertzuschätzen und bekannt zu machen, sie der Häme zu entziehen und versuchen, sich vom sola pax leiten zu lassen. Nicht als ethisches Sahnehäubchen, sondern als spiritueller Kern. Nicht nur in einzelnen Friedensgruppen (die zudem fast völlig von der Aufmerksamkeitsbildfläche verschwunden sind), sondern als flächendeckende Vision. Das wäre für mich ein Reformationsprojekt!

Die Rolle der Kirche liegt meiner Meinung weniger darin, Gewaltlosigkeit zu predigen (kann man machen, wird aber alleine nicht viel bewirken) oder friedensethische Diskurse zu führen (denn dies sind immer über etwas-Diskurse, und in der Regel auch noch Diskurse über andere, deren Verhalten man dann aus einer erhabenen Position heraus analysiert und bewertet), sondern in Gewaltfreiheit ganz praktisch auszubilden!

By the way: In Deutschland spielte die Kirche sogar eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der GFK. Eine christliche Friedensgruppe in München war die Keimzelle der GFK in Deutschland. Und der Kirchentag 1993, ebenfalls in München, auf dem Marshall Rosenberg zu Gast war, brachte dann der Durchbruch.

Und noch ein by the way: Derzeit arbeite ich an einer Idee, wie man genau das erreichen kann: die GFK innerkirchlich zu stärken. Mehr dazu ab Herbst 2017.

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Sola pax – aber wie? Ein paar Ideen…

Meditiere das berühmte Zitat von Martin Luther King: Dunkelheit kann nicht Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das. – Inwiefern ist diess für dich eine Wahrheit (oder auch nicht)?

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Das hier im Blogpost zitierte Buch von Walter Wink kann ich nur empfehlen: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014.

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Walter Wink schlägt vor, anstelle von Luthers Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sich selbst zu fragen: „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“

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Gottfried Orth hat ein Buch geschrieben über den Einsatz von GFK in Kirchengemeinden: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015. (Am 12. Oktober ist Gottfried Orth übrigens in Köln an der Ev. Stadtakademie und spricht über die biblische Tradition der Gewaltfreiheit – und über die biblische Tradition der Gewalt, die es ja durchaus gibt, und gar nicht mal so marginal!)

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Der Versöhnungsbund ist eine christliche Bewegung, die sich einsetzt für „aktive Gewaltfreiheit als ein Mittel der persönlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandlung“. Auf seiner Internetseite findet man gutes Material (Buchempfehlungen, Handreichunghen) und im vierteljährigen Rundbrief „Versöhnung“ habe ich Hinweise und Ressourcen gefunden, die mir sonst im kirchlichen Kontext bisher noch nicht begegnet sind.

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GFK auch als eine christliche Übungspraxis zu verstehen ist ja ein Ansatz, den Michael Pflaum vorantreibt. Hier habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Und vom 23.-25. November habe ich Michael Pflaum an die Ev. Stadtakademie in Köln eingeladen. Er wird zwei Abendvorträge und zwei Nachmittagsworkshops geben.

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Hinterlasse möglichst wenig Spuren von Gewalt in dieser Welt! Diese Handlunsgmaxime wird oft im buddhistischen Kontext zitiert (und heute zielt sie oft auf Vegatrismus/Veganismus). Inwiefern kann dies eine gute Weisung für dich sein? Welche Spuren von Gewalt gehen von dir aus und welche sind vermeidbar?

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sola pax: Versuche dies als Kriterium zu nehmen, um an den „Kern“ zu kommen. Inwiefern ist dies hilfreich (oder auch nicht)? Könnte dies ein gutes reformatorisches „sola“ sein?

 

Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Schönheit & Verbundenheit

Gerade bin ich wieder über Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si gestolpert (Danke, Joerg!) und habe nochmal ein bisschen in ihr gestöbert. Zwei Dinge sind mir aufgefallen, die Franziskus immer wieder betont: Das Hüten der  Schönheit und das Erkennen unserer gegenseitigen Verbundenheit.

„Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen. Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.“ (Ziffer 215).

Schönheit ist aber noch mehr. Gottes Traum von dieser Erde, Gottes Plan für diesen Planeten ist Frieden, Fülle und Schönheit (Ziffer 53). Diese drei sind sozusagen so etwas wie die Bestimmung der Erde.

Daneben betont Franziskus immer wieder, dass die ganze Schöpfung „innig“ und „zutiefst“ miteinander verbunden ist:

„Da alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, muss jedes mit Liebe und Bewunderung gewürdigt werden, und alle sind wir aufeinander angewiesen.“ (Ziffer 42)

Die These, dass alles miteinander verbunden ist, ist nun grundsätzlich nicht neu, aber in der christlichen Theologie ist sie mir bisher kaum begegnet. Franziskus holt sie aus der esoterischen Schmuddelecke heraus und stellt sie als grundlegende Erkenntnis dar.

Damit ist der Mensch auch kein Gegenüber zur Natur, sondern Teil von ihr. Mit anderen Worten: Wo beginnt die Natur? Unter deinem T-Shirt! Auch das ist in bestimmten Szenen keine Neuigkeit, aber im Mainstream des Christentums ist das wohl noch nicht angekommen. Zumindest hat das Christentum – wie keine andere spirituelle Tradition auf der Welt, leider! – wirkungsgeschichtlich dazu beigetragen, dass sich der Mensch als Gegenüber zur Natur begreift. Auch wenn es theologischerseits immer wieder Versuche gegeben hat, das „Machet euch die Erde untertan!“ (Genesis 1,28) positiv zu lesen, bleibt es meist bei der Grundfigur, dass Mensch und Natur/Erde als Gegenüber zu begreifen sind. Doch der Mensch ist aus Erde – auch das sagt ja die Genesis – und er ist ein Teil der Natur. Und so ist die Krone der Schöpfung auch nicht der Mensch, sondern das Leben selbst. Dies anzuerkennen ist die wichtigste Lektion, die wir zu lernen haben.

Das Hüten der Schönheit und das Erkennen der Verbundenheit – vielleicht ist das ja gerade in unserer gegenwärtigen Weltlage genau das richtige Gegenprogramm.

Den Volltext von „Laudato Si“ findet man hier, und einige von Jan Frerichs ausgewählte Zitate als Schnelleinstieg gibt es hier.

 

Die Vorausgangenen und die Nachfolgenden

Das Interessante an der Idee der Nachhaltigkeit ist das Mitbedenken künftiger Generationen. Im „Brundtlandt-Bericht“, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ ja weit bekannt machte, gibt es zwei Definitionen: Handele so, dass es den nachfolgenden Generationen nicht schadet (Nachhaltigkeit als eine Art Risikofolgenabschätzung). Und: Handele so, dass es auch den nachfolgenden Generationen nützt.

Ob nun Schlechtes vermeiden oder Gutes ermöglichen: Das Mitbedenken künftiger Generationen bedeutet letztlich vom reinen Eigeninteresse abzusehen und dieses bewusst zu begrenzen, um Leben, das es noch gar nicht gibt, zu ermöglichen.

Dieser Gedanke scheint in indigenen Traditionen eine besondere Beachtung zu finden:

„Berücksichtige in jeder Entscheidung die Auswirkung dieser Absicht auf die kommende siebte Generation. Kümmere Dich um das Wohlergehen aller Menschen und behalte immer nicht nur die heutige Generation, sondern auch die kommenden Generationen im Blick” (Quelle).

Sieben Generationen! Das ist ganz schön lange, das sind ca. 200 Jahre („früher“ waren es vielleicht nur 130, 140 Jahre). Eine völlig unüberblickbare Zeitspannne. Aber das ist ja auch der Sinn, dass es eben nicht zu überblicken ist. Denn dann kann man nicht taktieren, etwa in dem Sinne, dass das Handeln gerade noch den eigenen Kindern nützt und danach dann die Sintflut kommen möge. Nicht die siebte, aber immerhin die übernächste Generationen greift der schöne Begriff „enkeltauglich“ auf. Er will den abstrakten Begriff Nachhaltigkeit anschaulicher machen, wahrscheinlich tauchte er 2001 in einer „Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt“ zum erstenmal auf. In der Nachhaltigkeitsszene trifft man immer mal wieder auf ihn.

Unsere Kultur hat wenig Sinn für Generativität, also für „Fortpflanzung“ im übertragenen Sinne: etwas weiterzugeben, sich um Zukünftiges zu kümmern. Vielleicht ist es Zeit für einen „generativen Imperativ“:

„Für fast alle Ressourcen, die du nutzt, hast du nichts getan. Nun tue du auch etwas für die Pflege oder Entstehung von neuen Ressourcen, die dir selbst nicht mehr nützen werden!“

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir uns – unsere Generation, uns selbst, jeder selbst – kaum in einer „Linie“ stehen sehen. Das englische Wort für Abstammung ist Lineage, das finde ich ganz treffend. Eingereiht in der Geschichte der Vorausgegangenen und Nachfolgenden, bedeutet auch, in zwei Richtungen zu schauen: nach vorne und nach hinten.

Auch nach hinten schauen, ist oft ungewohnt für uns. Merkwürdig, wie wenig wir über unsere Ahnen wissen. Selbst bei den einfachsten Dingen. Wer weiß denn zum Beispiel, wie sich die eigenen Großeltern kennengelernt haben?

Woher kommen wir? Was bringen wir dadurch mit? Wie sehr sind wir von den Vorausgegangenen beeinflusst?

Die Wirkmächtigkeit der Vorherigen für unser Handeln finde ich in systemischer Therapie und Aufstellungsarbeit. Auch wenn sie manchmal etwas normativ erscheinen mag, ist sie immer von Versöhnung und Ermächtigung geprägt, so habe ich es bisher kennengelernt. Die Ahnen, die nicht mehr Lebenden, haben kein Interesse daran, Schlechtes weiterzugeben, warum sollten sie auch? Wenn es ihnen noch möglich ist, weiterzuwirken, dann wollen sie Liebe und Kraft weitergeben.

Die gleichzeitige Einbeziehung beider Richtungen – also Vergangenheit & Zukunft, Vorausgegangene & Nachfolgende – entdecke ich vor allem in der Tiefenökologie (zum Beispiel bei Joanna Macy) oder in der einen oder anderen Weisheitstradition (wie beispielsweise bei Sobonfu Somé).

In unserer mitteleuropäischen Kultur scheint das Thema „Lineage“ und Generativität recht abstinent zu sein (oder irre ich mich hier völlig?), selbst in der Kirche (was übrigens auch für die Kirche selbst bedauerlich ist, ich hatte es hier schon einmal in einem ganz pragmatischen Zusammenhang erwähnt).

Da das Christentum ja eben keine individualistische sondern eine Gemeinschaftsreligion ist, könnte man doch im Glaubensbekenntnis anstelle der „Gemeinschaft der Heiligen“ auch von der Gemeinschaft der Vorausgegangenen und noch Kommenden sprechen – oder?

… ich glaube an die Gemeinschaft die Heiligen,
einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten,
der Vorausgegangenen und der noch Kommenden,
der Geborenen und nicht Geborenen, …

 

Ein paar Übungen…

…um dem Gefühl nachzuspüren, in einer Reihe von Vorausgegangenen und Nachfolgenden zu stehen.

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Der wie vielte Mensch auf Erden bist du? Hier kann man es herausfinden. Ich bin übrigens der achtundsiebzigmilliardendreihundertzweiundneunzigmilionenneunhundertsechsundachtzigtausendsiebenhunderteinundachtzigste Mensch auf diesem Planten. Jedenfalls so ungefähr.

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Was weißt du über deine Vorfahren? Die Novemberzeit ist eine gute Möglichgkeit, sich damit zu beschäftigen.

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Nun die andere Richtung: Machmal stelle ich mir vor, wie meine Kinder wohl so als Großväter sein werden. An den Gedanken muss man sich einen Moment gewöhnen, aber er löst – bei mir – sehr viel Frieden aus. Auf jeden Fall bin ich dann längst tot.

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Was liegt dir am Herzen, das du gerne weitergeben möchtest?

Steigerung: Was möchtest du enkeltauglich machen?

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Meditiere folgenen Satz: „You don’t pay love back; you pay it forward“. (Lily Hardy Hammond (1916), siehe den Wikipedia-Artikel zum Prinzip „Pay it forward“)

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Interessant ist es, beim Nachsinnen über Vergangene und Künftige mal die „richtige“ Richtung des Zeitverlaufs umzukehren:

  • Dann schaue ich nicht nur: Was können mir meine Ahnen für heute mitgeben? (Vergangenheit — > Gegenwart), sondern: Kann ich noch etwas für meine Ahnen tun? (Vergangenheit < — Gegenwart).
  • Oder nicht nur: Was bedeutet mein Handeln heute für die nachfolgenden Generationen? (Gegenwart — > Zukunft), sondern auch: Was bedeutet das, was die Nachfolgenden über mich sagen werden, für mein Handeln? (Gegenwart < — Zukunft).

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Winterschlaf

Margarete Stokowski beschreibt in ihrer SPON-Kolumne einen gesetzlich verordneten Winterschlaf:

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis – alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort „Nation“, weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das ist doch mal eine Idee!

Wir brauchen Phasen der Brache, des Nichts-Tuns und des Schlafens. Dringend. Und nicht nur der Einzelne, sondern unsere durchgetaktete Gesellschaft im Ganzen. Ein Leben im Einklang mit dem eigenen Biorhythmus wird ja gerne mal diskutiert, Stichwort Lerchen und Eulen. Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten ist hingegen kaum ein Thema.

Deshalb gefällt mir das Winterschlaf-Bild so gut. Und ich stelle mir einfach mal vor, es gäbe wirklich einen gesellschaftlich tolerierten und organisierten Winterschlaf. Vielleicht so:

Die Arbeitszeit wird um ein Viertel gekürzt, wer mag kann das frei gewordene Viertel am Stück im Winter nehmen. Die Öffnungszeiten der Geschäfte würden auf ein Viertel gekappt, die Läden hätten dann ungefähr 3 Stunden am Tag geöffnet. Schulen werden zwar nicht geschlossen, aber sie setzen ein Vierteljahr lang den Lehrplan aus und die Schulplicht wird in diesem Zeitraum aufgehoben.

Unrealistisch, schon klar. Letztlich bleibt dann nur, ein paar individuelle Ideen auszuprobieren:

  • Wenn man ein Arbeitszeitkonto hat, in der dunklen Zeit später zur Arbeit gehen und früher heimkommen.
  • Was kaputt gegangen ist, wird nun repapiert.
  • Die Winterzeit wird genutzt, um einmal alles Alte aufzubrauchen: Die Lebensmittel vom Vorjahr, die sich ganz unauffällig immer mehr nach hinten in den Schrank geschoben haben, werden verkocht und verbacken. Die Bücher, die man das Jahr über gekauft hat und bei denen man dann über das Inhaltsverzeichnis doch nicht hinausgekommen ist, werden bei booklooker.de eingestellt.
  • Drei Monate lang wird nichts gekauft außer Lebensmittel und Reparaturmaterial. (Eine Lösung für die Weihnachtgeschenke habe ich grad nicht, denn Schenken und Beschenktwerden ist schon schön und sollte nicht wegfallen. Aber da ließe sich bestimmt irgendeine Lösung finden.)
  • Keine außerhäusigen Freizeitaktivitäten, zumindest keine kommerziellen. Stattdessen sich gegenseitig einladen und eingeladen werden.
  • Und das Wichtgste: Schlafen, so viel wie es geht!

Nicht nur, dass wir einfach viel mehr schlafen müssen. Wir brauchen die Zeiten der Brache. Aber nicht um Nachzuholen, was man bis dahin im Jahr versäumt hat, sondern um tatsächlich nichts zu tun. Das Schwierigste dabei ist nicht das Nichtstun selbst, sondern das Vertrauen, dass Nichtstun gut ist, dass es wirkungsvoll ist, dass es heilsam ist.

Und so ist auch die spirituelle Qualität des Winters – es mag verwundern – Heilung. Heilung beginnt oft gerade im Dunkeln und/oder in der Tiefe. Dort, wo man eigentlich Lebens-Starre und -Stillstand vermutet, bahnt sich neues Leben an. Und der Winter ist eben auch die Jahreszeit, in der das Licht „geboren“ wird. Genau in der Mitte des Winters (zur Jahreszeiteinteilung komme ich gleich noch): christlich ist das Weihnachten (24.12.), naturmystisch ist es der Beginn der heller werdenden Tage (21.12.).

Bleibt noch die Frage, wann eigentlich Winter ist. Statt astronomischen oder meteorologischer Winterbeginn schlage ich eine andere Rechnung vor. Bei Ursula Seghezzi habe ich eine Zeiteinteilung kennengelernt, die mich überzeugt, auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist. Sie orientiert sich stäker an den phänologischen Zeiten, vor allem aber an der spirituellen Dynamik der Jahreszeiten. Und so kommt sie zu einer Zählweise, die unserem gewöhnlichen Empfinden einen Monat vorhaus geht:

Der Frühling beginnt am 1. Februar (Krokusse!), der Sommer am 1. Mai (das passt ja auch, da Mittsommer (Mitt-Sommer!) kurz nach Mitte Juni ist), der Herbst beginnt mit dem 1. August (ab dann kann man ihn riechen) und der Winter startet entsprechend am 1. November – demnach liegen die Totengedenkfeste im Winter, da gehören sie auch hin. (Nachlesen kann man das bei Ursula Seghezzi: Das Wissen vom Wandel. Die natürliche Struktur wirksamer Transformationsprozesse, Liechtenstein 2013, S. 118-143.)

Ganz im Ernst: Ich orientiere mich seit einiger Zeit stärker an dieser Jahreszeiten-Einteilung und ich muss sagen, dass ich mich noch nie so intensiv dem jahreszeitlichen Rhythmus verbunden gefühlt habe.

Also: Der Winter steht vor der Tür, in weniger als zwei Wochen ist es soweit. Und dann ab in die Betten!

Jörg Zink

Jörg Zink ist gestorben. Ich kannte ihn weder als „Fernsehpfarrer“ (Wort zum Sonntag) noch habe ich ihn auf Kirchentagen gehört. Trotzdem hat er mich geprägt.

Und dafür bin ich ihm dankbar.

Es sind vor allem zwei Bücher, die dies geleistet haben. Die Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“. Ich hatte sie gerade hier im letzten Blogpost erwähnt (siehe unter „Erzählen“). Es war „meine“ Kinderbibel als Kind. Wunderschön erzählt und theologisch klug.

Das zweite wichtige Buch für mich ist „Die Urkraft des Heiligen“, gut zwanzig Jahre später (hier und hier). Allein schön der Titel! Sowohl Urkraft als auch Heiliges – beides sind so wunderbar unprotestantische Wörter. Denn genau darum geht es. Viele Dinge, die kulturell zum Protestantismus gehören, sagen mir nichts, berühren mich nicht (egal was das jetzt im Detail ist, darum soll es hier nicht gehen…). Der real existierende Protestantismus wird mir zunehmend fremd.

Und Jörg Zink – dieses protestantische Urgestein – zeigt mir, wie sehr ich doch am Kern bin. Meine Fragen, meine Erfahrungen, meine religiösen Konzepte, die ich mir zurecht bastele – all die finde ich in Zinks Urkraft des Heilgen wieder oder es ist zumindest anschlussfähig. Zink betreibt keine theologische Besserwisserei, keinen Moralismus, keine heilsgeschichtlichen Spekulationen. Er betreibt weisheitliche Theologie at its best. Es ist eine erdige, elemenare, existenzielle Theologie. Es ist eine Nach-Hause-Kommen-Theologie. So habe ich mich immer gefühlt, wenn ich etwas von ihm gelesen habe: nach Hause zu kommen.

Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Kapitel „Lebensgesetze zwischen Natur und Spiritualität“. Jörg Zink beschreibt hier Grundmuster unseres Lebens: die Analogien im Netzwerk der Welt, die Polarität in allen Dingen, das Gesetz der Resonanz, den Rhythmus als kosmische Kraft. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass für Jörg Zink diese Überlegungen selbstverständlicher Teil christlicher Theologie sind. Denn das ist eben mein Zugang, so herum denke ich: von den spirituellen Phänomenen und Erfahrungen her, nicht vom Katechismusbestand.

Eine Sache ist mir besonders in „Der Urkraft des Heiligen“ hängengeblieben: Die Rechtfertigung ist nicht das Ziel. Sondern sie ist das Tor am Anfang. Danach kommt noch was. Das Spannende ist doch, was kommt, wenn man durch das Tor hindurch geht. Hierzu finde ich im Protestantismus aber so unglaublich wenig. Für Zink scheint es essentiell zu sein:

„Die lutherische Kirche betrachtet die Rechtfertigungslehre als Mitte und Ziel des christlichen Glaubens. Aber Paulus geht ja weiter. Er beschreibt die Wandlung unseres inneren Menschen in den unzähligen mystischen Bildern und Gedanken, die der Rechtfertigungslehre folgen. Und erst dort, so will mir scheinen, kann uns aufgehen, was uns die Rechtfertigungslehre gebracht hat.

Da redet Paulus nicht mehr von Sünder, vom Verlorenen, der der Mensch sei, er redet vom geisterfüllten, erleuchteten, begnadeten Kind Gottes. Er redet vom Geist des Christus, von dem Menschen, der in Christus und in dem Christus sei, von dem Menschen, der den Weg des Christus mitgehe, der berufen sei, das Werk des Christus auf dieser Erde zu tun.

Natürlich gibt es keinen Weg dorthin außer durch das enge Tor der Rechtfertigung, aber was folgt, ist nicht mehr die Rechtfertigung. Was dem Protestantismus widerfahren ist, das ist, dass er das Tor, die Rechtfertigungslehre, zum ganzen Haus erklärt hat und dass er, was in dem Haus der Christusmystik zu finden gewesen wäre, sich nie wirklich zu eigen gemacht hat, sondern unter dem Tor stehen blieb“ (Die Urkraft des Heiligen, Stuttgart 2003, S. 56).

Ein sehr lesenswertes Interview in der Christ & Welt aus dem Jahr 2011, in dem auch die gerade genannte These noch einmal vertreten wird, gibt es hier.

Also: Nicht im Tor stehen bleiben. Am Tor: abladen, entlastet werden. Und dann: Durch. Nachhause kommen.

Heilsamer Kreis

In den letzten Tagen bin ich auf zwei kleine (aber weitreichende) Erkenntnisse gestoßen, die mich sehr beschäftigen. Sie beschäftigen mich schon längere Zeit, aber jetzt wurden sie mir quasi noch mal frei Haus auf einem Tablett serviert.

Über Facebook bin ich auf ein Video gestoßen (Danke, Alok!), in dem Joachim Kunstmann der Frage nach dem Verhältnis von spirituellen Erfahrungen und kirchlichen Formen nachgeht. All seinen Gedanken sind nicht neu, aber Kunstmann bringt es gut auf den Punkt. Manchmal geht’s ja auch einfach darum, etwas treffend zu sagen, ein gutes Bild, eine gute Metapher anzubieten:

„Ich höre immer wieder, dass Menschen, wenn sie eine religiöse Erfahrung machen, […] sagen wir mal auf einem Bergesgipfel oder eine innere Erleuchtung oder ein bewegender Traum, dann ist ganz klar: Wenn Sie mit dieser Erfahrung am Sonntagmorgen in die Kirche kämen, dann würde da keiner zuhören wollen. Im Gegenteil, man würde sagen: „Pssst, sei ruhig, du störst hier den Betrieb!“Das sind so Beobachtungen, dass die Kirche, die die Autonomie des modernen Menschen – die für den modernen Menschen völlig alternativlos ist, wir müssen unser Leben ja selbst verantworten – dass diese Autonomie in Sachen Religion von den Kirchen nicht ernstgenommen wird, eher ist es eine Art Störfaktor. Freie, autonome Religiosität, selber verantwortet, die wird als so eine Art ‚Beliebigkeit‘, ‚religiöses Patchwork‘ oder so etwas eher negativ bewertet“ (5’45-6:40).

Woran ich hängengeblieben bin: In der Kirche ist kaum Raum für die eigenen spirituellen Erfahrungen. Das sehe ich auch so. Und das ist irgendwie traurig (für die Menschen, die dies suchen) und tragisch (für die Kirche, die bei dem Thema wenig zu bieten hat).

Natürlich gibt es  Möglichkeiten, diese Erfahrungen mitzuteilen: Ich kann mir einen geistlichen Begleiter suchen oder ich gehe zum Therapeuten. Beides gut und empfehlenswert. Oder, wenn ich lieber den gemeinschaftlichen Austausch will, suche ich auf dem freien Seminar-Markt. Hier gibt es natürlich auch Quatsch, aber ich habe dort schon deutlich mehr Gutes gefunden als Schlechtes. Und viele wunderbare Menschen.

Die zweite Entdeckung der letzten Tage: Ich habe in Gottfried Orths Buch über Marshall Rosenbergs Gewaltfreie Kommunikation in Kirche und Gemeinde gestöbert. Dort erzählt er in einem Interview, was er in einer GFK-Übungsgruppe erlebt hat:

„‚Ich habe das erste Mal so etwas erfahren wie heilende Gemeinschaft.‘ Und ebenso spontan sagte eine andere Teilnehmerin zu mir: ‚Gottfried, das ist doch eigentlich dein Job als Pfarrer‘. Seit dieser Zeit habe ich nachgedacht, warum das eigentlich nicht ‚mein Job‘ war oder warum ich das auch in Kirchengemeinden nicht oder nur ganz, ganz selten erfahren habe. Heute denke ich, dass Gemeinden oder Gruppen solche heilenden Gemeinschaften sein könnten, vielleicht sogar sein müssten und dass dies ursprünglich einmal eine der Kernkompetenzen gemeinschaftlichen christlichen Lebens war“ (Gottfried Ort: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015, S. 191).

Auch diese Erfahrung kann ich – für mich – voll und ganz bestätigen. Und auch dies ist traurig und tragisch: Kirchliche Gruppen und Kreise (derer gibt es ja zuhauf) werden oft gerade nicht als heilende Gemeinschaft erfahren. Im Gegenteil: Auf kirchlichem Parkett gelten Dos & Don’ts, die tiefe Erfahrungen eher behindern als fördern.

Wo kann ich hinkommen, wenn ich etwas Persönliches, etwas Existenzielles teilen will – jenseits eines vertraulichen Seelsorgegesprächs? Wo kann ich von Herzen reden, etwas preisgeben, mich voll und ganz zeigen?

Ich will hier kein Kirchen-Bashing betreiben sondern etwas Konstruktives beisteuern. Ich habe in manchen Gruppen und in Natur-Spiritualitäts-Szenen „heilende Gemeinschaften“ erlebt, die so wertvoll und, ja, eben heilsam sind, dass meine Mission vielleicht darin besteht, dies in die Kirche zu bringen.

Im nächsten Jahr mache ich über Männerpfade eine Ausbildung in der Council-Methode (in der Tradition der Ojai-Foundation). Sie besteht eigentlich (fast) nur darin, im Kreis zu sitzen und relevant (!) zu reden. Aber gerade die einfachen Formen wollen gelernt sein. „Schlichte“ Methoden sind ja oft eine recht komplexe Mischung aus Handwerk, Kunst und Intuition. Ich freu mich schon wie Bolle darauf.

Wer mal ein bisschen reinlesen will, findet im Klassiker von Jack Zimmerman & Virginia Coyle oder auch bei Vivian Dittmar was…