Die Erde spüren

In meiner Übersicht zu den vier Dimensionen des Verbundenseins habe ich bei der Erd-Liebe als eine „Alltagsübung“ das Bauchen erwähnt, aber noch nicht weiter erklärt. Das hole ich nun nach.

„Bauchen: Legen Sie sich mit dem ganzen Körper bäuchlings und lang ausgestreckt auf den Wald- oder Wiesenboden, „Herz an Herz“ mit der Erde. […] Spüren Sie die Erde mit dem ganzen Körper und nehmen Sie diese Lebenskraft mit dem ganzen Körper in sich auf. Lassen Sie sich ruhig viel Zeit, denn diese Übung fühlt sich schön an und wirkt sehr entspannend.“ (S. 85)

Die Übung stammt aus dem Buch Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern von Michael Kalff (*). Ich kann kaum beschreiben, wie schön diese Übung ist. Unbedingt einmal ausprobieren! Natürlich hat jeder schon mal ausgestreckt auf der Erde gelegen, klar. Aber eben nicht bäuchlings, vermute ich. (Noch zwei Tipps dazu: Wenn man länger liegen will, sollte man zwei kleine Thermositzkissen unterlegen. Und man sollte darauf achten, dass man sich eine Stelle aussucht, an der man unbeobachtet ist – auf Rücksicht auf Andere, denn bäuchlings ausgestreckt im Wald liegen kann schon erschrecken!)

Um sich mit der Erde zu verbinden, geht es aber auch deutlich einfacher. Zum Beispiel einfach die Hände auf den Boden legen. Genau das beschreibt Geseko von Lüpke in dem Vortragsvideo, auf das ich kürzlich schon eingegangen bin:

Wenn ich Visionssuchearbeit mache und mal nicht weiter weiß, dann lege ich die Hand auf die Erde, und dann kommen die nächsten Gedanken für das, wie’s grade weitergeht. Also sich beziehen auf das größere Ganze. Und sich mit dem zu verbinden, woher wir kommen und wohin wir gehen (ab 49’20).

Auch Thich Nhat Hanh empfiehlt, sich von der Erde Unterstützung zu holen:

„In Plum Village we do a practice called “Touching the Earth” every day. […] When you feel restless or lack confidence in yourself, or when you feel angry or unhappy, you can kneel down and touch the Earth deeply with your hand.“ (Quelle)

Und in dem zu Beginn erwähnten Naturmeditations-Buch von Michael Kalff wird als Anfangsritual für naturpädagogische Aktionen die Übung „Erde unten den Händen“ beschrieben:

„An einem markanten Punkt Ihres Platzes […] hocken Sie sich zusammen nieder und legen die Hände flach auf die Erde. Dann schließen Sie die Augen, spüren die Erde unter den Händen.“ (S. 14)

Hinter all dem steht die Vorstellung, dass die Erde nicht einfach ein Materiehaufen ist, sondern ein Lebewesen. Es gibt nicht bloß Leben auf der Erde (die Erde wäre dann nur die Bühne, auf der das Stück „Leben“ aufgeführt wird), sondern die Erde selbst lebt, sie ist ein riesiges Lebewesen. Daher kann man sich mit der Lebensenergie dieses Lebewesens verbinden. Oder bildlich gesprochen sogar das Herz dieses Wesens schlagen hören:

Wenn man ein Lebewesen so mit der Hand berührt, zum Beispiel einen Hund oder Menschen, kann man etwas von der Lebensenergie dieses Wesens fühlen. Aber auch die Erde lebt, sie ist ein riesiges großes Lebewesen mit verschiedenen Organen (den Wäldern, den Meeren, den Flüssen, der Luft, den Wolken…) – versuchen Sie, ob Sie etwas von der Lebenskraft der Erde unter den Händen spüren können. Wie die Pflanzen mit ihren Wurzeln dürfen Sie diese Energie durch die Hände aufnehmen. […] Kinder lieben diese Übung. In Kursen der Naturschule erzähle ich oft vom Glauben der Indianer, dass tief unten in der Erde das „Herz von Mutter Erde“ schlägt und das unser Herzschlag ein Echo auf den Puls von Mutter Erde ist. Oft ruft dann ein Kind überrascht aus: Ja – ich spür’s!“. Probieren Sie gemeinsam aus, ob Sie den Puls der Erde fühlen können. (S. 14)

Die Erde ist ein Lebewesen. Eine schöne Vorstellung!

Aber widerspricht das nicht völlig dem christlichen Glauben? Nein, erstaunlicher Weise gar nicht. Die Erde ist eben nicht einfach ein beliebiger Teil der Schöpfung, „sondern sie hat eine Eigendynamik und einen eigenen Status als Mitarbeiterin Gottes bekommen, die aktiv und rezeptiv die Schöpfung miterhält“ (Elisabeth Moltmann-Wendel). Und für Jürgen Moltmann ist die Bedeutung der Gaia-Hypothese – so wird die Annahme genannt, dass die Erde ein sich selbst erhaltendes lebendiges System ist, ein eigenes Lebewesen – sogar „kaum zu überschätzen“. (**)

Man muss allerdings zugeben, dass dieser Gedanke in der christlichen Spiritualität bisher kaum Platz gefunden hat. Deshalb stammt auch keines der hier aufgeführten Zitate aus christlicher Quelle. Was schade ist. Aber vielleicht fangen wir erst einmal damit an, die Erde unter den Händen zu spüren.

***

(*) Michael Kalff: Kinder erfahren die Stille. Naturmeditationen für Kinder und Eltern, Herder Verlag, 1998. Mittlerweile ist das Buch neu aufgelegt und als überarbeitete und erweiterte Auflage im Traumzeit-Verlag erschienen, Autoren sind nun Michael Kalff/Jessica Hergesell/Ina Hergesell. Es ist das mit Abstand beste Buch über Naturerfahrungen mit Kindern, leider bin ich erst nach meinen Kita-Wald-Aktionen darauf gestoßen. Wenn man nur ein einziges Buch zu dem Thema kaufen will, dann dieses.

(**) Die theologische Fachzeitschrift „Evangelische Theologie“ hat sich 1993 mit dem Schwerpunkt „Gott und Gaja. Zur Theologie der Erde“ auseinander gesetzt, in der die Gaia-Hypothese positiv rezipiert wird. Darin unter anderem: Elisabeth Moltmann-Wendel, Rückkehr zur Erde, EvTh 53, H. 5, 406-420, S. 419. Jürgen Moltmann, Die Erde und die Menschen. Zum theologischen Verständnis der Gaja-Hypothese, EvTh 53, H. 5, 420-438, S. 429.

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Sachenmachenliste und Büchergelesenhaufen 2016

Huuu, neues Jahr! Schnell noch der Rückblick. Diesmal in zweifacher Ausführung.

Hier erstmal der Rückblick auf die 2016er-Sachenmachen-Liste:

Diesen Blog habe ich – meinen geringen Kenntnissen entsprechend – etwas aufgehübscht. Etwas professioneller soll’s noch werden, das steht noch aus. Aber er soll als Blog erkennbar sein, ganz oldschool. — Im Hohen Venn waren wir, sogar zweimal. Schön da. — Ich habe an insgesamt 5 Seminaren teilgenommen (geplant waren 6), volles Programm. Und siehe, es war sehr gut. Sehr sehr. Thematisch drehte es sich dabei immer um Wandel & Transformation. Viel erfahren und gelernt, und auch auf einer Meta-Ebene prägend (ich bin ja selbst in der Bildungsarbeit tätig und gucke mir gerne was ab). —  Das Sommerfest wurde ein Herbstfest, richtig schön. Und so einfach: Termin festlegen, anderen Kita-Eltern bescheid geben, Kaffeemaschine im Garten installieren und Feuer anmachen. Fertig. — Ich bin ja kein großer Bibelleser (die Geschichten und die Weisheit finde ich toll, aber sowohl als literarisches Werk wie auch als heiliges Buch ist es für mich immer wieder schwierig), daher ab und an mal bestimmte Leseabsichten. Und hier bin ich auf eine wirklich interessante Idee gestoßen: alles, was Jesus gesagt hat, rot markieren. Also eine selbstgemachte Red-Letter-Edition. Noch lange nicht fertig, aber erkenntnisreich. — Das Lastenfahrrad ist noch nicht gekauft, ich liebäugle mittlerweile auch viel mehr mit einem E-Bike samt einem Kindersattel auf dem Oberrohr. — Das Familienseminar bei Sobonfu war richtig gut. Und bei uns reift die Idee, aus dem Format „Familienseminar“ bzw. „Familien auf Seminare“ etwas zu machen. — Sich mit dem Thema Zucker zu beschäftgigen war ein echter Augenöffner (hinter die Erkenntniss, dass eine handeslübliche Tafel Schokolade aus 50g – also der Hälfte! – an Zucker besteht, kann ich nun nicht mehr zurück). Aber zuckerfrei kann und will ich nicht. — Kohlenstofflich habe ich dieses Jahr Jan, Wolfgang, Yvonne, Sandra und Konrad aus meiner Twitteria kennengelernt, beim EmergentForum war ich leider doch nicht. — Ja, und der gute Ort, das wird. Sowohl an Ideen als auch konkret.

Ob es für dieses Jahr auch wieder eine Sachenmachenliste gibt? Ich weiß es noch nicht… Aber jetzt kommt Teil II des Jahresrückblicks:

Das hier sind die Bücher, die ich im letzten Jahr gekauft habe. Nicht alle ganz durchgelesen (Sachbücher lese ich eh nicht linear und außerdem hat Marshall McLuhan ja völlig recht!), aber zumindest erkenntnsigewinnend gelesen. Darum geht’s ja. Ich klage ja immer darüber, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, aber mir scheint die These doch nicht ganz haltbar zu sein:

wp_20170104_007Ich will hier jetzt keine Buchbesprechung zu jedem einzelnen machen, nur ein paar rückblickende Beobachtungen aufzählen:

Ja, es sind ausschließlich Sachbücher. Zum Belletrsitiklesen habe ich einfach zu wenig Ruhe. Es gibt ein paar Bücher, die ich aus rein privatem bzw. aus rein beruflichem Interesse lese (letzteres waren eher Bibliotheksbücher, die sind hier nicht mit dabei), aber eigentlich ist das nur schwer zu trennen. Meine privaten und beruflichen Themen sind auch nicht immer zu trennen. Und das finde ich sehr gut so.

Die oberste Reihe sind die Bücher rund um Familie. Man erkennt wohl die Artgerecht/Achtsamkeits-Tendenz. „Wurzeln & Flügel“ habe ich gleich als Tipp in meinem Familienspiritualitäts-Blogpost aufgenommen. Den Doppelband von Joseph Cornell zur Naturerfahrung mit Kindern habe ich mir zugelegt, weil ich eine Waldgruppe in der Kita mache – und musste feststellen, dass Wald solch ein Selbstläufer ist, dass man gar keine Naturspiele braucht.

(Was hier völlig fehlt sind die Kinderbücher. Die meisten leihen wir uns zudem aus der Bibliothek aus)

Das Thema gewaltfreie Kommunikation brachte meine Frau letztes Jahr mit. Ich bin begeistert – weniger als Kommunikations-, sondern als Selbsterkundungsmethode. Und man kann sehen, wie vielseitig die GfK ist. Zwei Bücher (oben rechts) gehören in die Familienreihe, der Übungsbuch-Klassiker ins dienstliche Bücherregal und das „Exerzitien“-Buch nutzt GfK als spirituellen Übungsweg.

Wandel & Transformation – das ist die mittlere Reihe. Durchgearbeitet habe ich die beiden wirklich dicken Schinken von Ursula Seghezzi. Da mich die Frage interessiert, wie/ob ihr Lebensrad mit dem christlichen Kirchenjahr vereinbar ist, musste ich mir noch den Bieritz als Nachschlagewerk dazu kaufen. Zur Frage (bzw. dem Problem) des Naturbezugs des Christentums ist Hans-Joachim Werners „Eins mit der Natur“ ein wunderbarer Türöffner. Und ein Augenöffner ist Vivian Dittmars Gebrauchsanweisung für Gefühle. Dieses Buch, in dem Gefühle als „soziale Kräfte“ und der Umgang mit ihnen vorgestellt werden, ist gerade in unserer postfaktischen Zeit unendlich wichtig. Denn jetzt werden ständig auf ziemlich dumme Art „Vernunft“ und „Gefühle“ gegeneinander ausgespielt, sehr gefährlich! Lesen, lesen, lesen – am besten in Kombination mit Marshall Rosenberg! Über das Buch von Diana Richardson, das letzte in dieser Reihe, schweige ich mich hier aus : ))  Ich empfehle aber, in die Materie einzudringen.

Christliche Spiritualität & weitere Weisheitstraditionen. Dazu gehören auch die gerade erwähnten Bücher zur Natur, zum Kirchenjahr und das Exerzitien-Buch. Über eine „Spirituality of Food“ schreibt die Quäkerin Lisa McMinn. Die Bücher von David Steindl-Rast und Henri Nouwen habe ich hier im Blog ja schon vielfältig verarbeitet. Das steht für das Buch von Richard Rohr über das falsche und das wahre Selbst noch aus. Das Buch werde ich mir nochmal als Passions-Lese vornehmen. Richard Rohr setzt hier Christi Sterben und Auferstehung in Bezug zum Sterben des Egos und der Auferstehung des Selbst. Zu gegebener Zeit dazu mehr hier im Blog. Dann noch ein paar Bücher zu anderen Weiheitstraditionen, vor allem John O’Donohues Anam Cara (das nicht unchristlich, aber vor allem keltisch ist) fehlte noch im Bücherregal.

Last but not least gleich vier Bücher aus dem Drachenverlag, meine Entdeckung des letzten Jahres. Der Drachenverlag gibt auch die OYA heraus und ich könnte glatt das halbe Sortiment aufkaufen (natürlich neben dem Sortiment des Arbor-Verlags – dieses Jahr nur ein Buch von dort, aber ein ganz wichtiges). Über Wendel Berrys „Körper und Erde“ ist auch schon ein Blogbeitrag in Arbeit, das Schwitzhüttenbuch wird mögen, wer Schwitzhütten mag und bei der Permakultur will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Prinzipien (über den Ökoanbau hinaus) generell als Bausteine für „gutes Leben“ taugen.

Familienspiritualität

Immer (mal) wieder beschäftige mich mit Spiritualität in der Familie. In unserer Familie. Und jetzt habe ich versucht, die all das zusammenzuschreiben: das, was wir machen und das, was wir machen wollen. Ich schreibe dies vor allem auch deshalb, um mich selbst immer wieder an die Ideen zu erinnern.

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Christliche Familienspiritualität hat für mich drei große Zugänge: der Jahreskreis, Praktiken und Lebenshaltungen, die Spiritualität nähren (Wurzeln). Es mag sicherlich noch anderes geben, aber diese drei Zugänge sind für mich die wesentlichen.

Beim Jahreskreis braucht man gute Ideen, bei den Praktiken muss man oft erst ein bisschen rumprobieren und bei den Wurzeln braucht es den Blick dafür, wie man sie im Alltag nähren kann.

 

Jahreskreis: Feste feiern

Wenn man die Feste des Jahreskreises feiert, immer und immer wieder, wird man dreierlei entdecken: Es gibt einen zyklischen Ablauf in der Zeit, es gibt Gründe zum Feiern und den Festen und Zeiten wohnen bestimmte Themen inne.

Im Grunde sind es ja zwei Jahreskreise, nämlich das Kirchenjahr und der Verlauf der Jahreszeiten. Beide hängen an etlichen Stellen zusammen und gerade diese Beziehungen sind spannend. Sie sind nicht immer sofort eingänglich, bieten aber viele Erkenntnisse über unsere Welt (…und was sie im Innersten zusammenhält). Gerade die alten (Kirchenjahres-)Feste und Bräuche haben oft eine Tiefe und Weisheit, die sich nicht immer sogleich erschließt. Wer hier gerne etwas tiefer bohren oder einfach nur anregend stöbern möchte, dem sei das beste Buch zum Thema empfohlen: Die Heilkraft der Feste von Hans Gerhard Behringer.

fffEine recht einfache Sache ist es ja, an den öffentlichen Festen teilzunehmen, also beispielsweise beim Martins-Umzug mitziehen oder den Erntedank-Gottesdienst besuchen.

Deutlich Anspruchsvoller wird es, die Kirchenjahres- oder Jahreszeitenfeste Zuhause in der Familie zu begehen. Es braucht zum einen gute Anregungen, zum anderen muss man rechtzeitig dran denken. Meistens scheitert es wohl aus diesen beiden Gründen. Eine praktische und gehaltvolle Inspirationsquelle ist für uns die (katholische) Internetseite Familien feiern Feste der Diözesen Innsbruck und Bozen-Brixen geworden.

 

Praktiken: Die eigene Spiritualität ausdrücken

Das Nächste sind religiöse Praktiken: Singen, Beten, Erzählen, Meditieren, Segnen (und das schon erwähnte Feiern gehört natürlich auch in diese Reihe, aber das Feiern des Jahresverlaufs ist für mich halt nochmal ein ganz eigener Zugang). All diese Praktiken sind einfach, elementar und da sie seit Jahrtausenden gepflegt werden irgendwie auch archaisch.

Singen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was Singen für eine Kraft und Tiefe hat. Beim Singen kann das Herz aufgehen. Singen ist etwas sehr Körperliches. Und wenn man singt, erlebt man, selbst Urheber zu sein – wohl eine der wichtigsten Erfahrungen, die man in dieser Welt machen kann. Singen kann man in vielen Varianten: vorsingen (vor allem beim Einschlafen), gemeinsam singen, mitsingen (z.B. zur CD), alleine singen.

Beten. Ich mag ritualisierte, vorformulierte Gebete. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben. Beim freien Beten finde ich gut, wenn es eine gewisse Struktur hat. Eine tolle Sache ist es, mit den „Perlen des Glauben“ zu beten (auch hierzu später mehr…). Und dann gibt es auch die Idee, auch mit Kindern das Herzensgebet zu beten. Dazu sollten die Kinder aber etwas älter sein (daher habe ich damit noch keine Erfahrung), außerdem empfielt Rüdiger Maschwitz einige Dinge zu beachten.

Erzählen und Vorlesen. Religionen sind Erzähltraditionen. Und Erzählen ist ein Kulturgut. Ich bin kein so guter Erzähler (zumindest im Vergleich zu meiner Frau), ich verlege mich hier aufs Vorlesen. Aber das ist ja auch gut. Mit Kinderbibeln habe ich bisher noch nicht so viel Erfahrung. Nur so viel: Ich mag Kees de Kort und Jörg Zink. Die Kees de Kort-Bilderbücher sind ja sehr bekannt (hier eine tolle Reportage über ihn). Weniger bekannt, trotzdem ein Klassiker, ist „meine“ alte Kinderbibel: Der Morgen weiß mehr als der Abend von Jörg Zink. Ich finde sie erzählerisch und theologisch großartig. Allerdings sollte man sich unbedingt antiquarisch die vergriffene Auflage aus dem Kreuz-Verlag besorgen, nicht die aktuell erhältliche Neuveröffentlichung aus dem Nikol-Verlag (ästhetisch deutlich schlechter!).

Zum Meditieren zählen für mich Stille-Übungen, WahrnehmungsÜbungen (den Atem wahrnehmen, die Natur wahrnehmen) und das Imaginieren. In der Praxis sind es meist Mischformen. Ein klein bisschen Erfahrung haben wir damit schon gemacht, auch hier kommt noch ein eigener Beitrag. Auf meiner Liste ganz oben stehen diese beiden Bücher: Stillsitzen wie ein Frosch und Kinder endtdecken ihre innere Kraft.

Aufs Segnen bin ich erst gar nicht gekommen. Aber mir wird es immer wichtiger. Das eine ist: sich segnen zu lassen. Das haben wir zum Beispiel mal auf dem Schwanberg gemacht (in dem die Segnung fester Bestandteil des Morgengottesdienstes ist). Schön finde ich, sich als Familie segnen zu lassen – also nicht nur die Kinder. Das andere ist: selbst zu segnen. Ich glaube, dass dies eine ganz wesentliche Aufgabe von Eltern ist: ihre Kinder zu segnen, ihnen die Hände aufzulegen und ein Segenswort zu sprechen, ihnen die Kraft zuzusprechen, die trägt. Vielleicht später dazu einmal mehr, ich muss damit erst selbst noch mehr Erfahrung machen. Aber erstaunlich, dass das Segnen eher unüblich ist. — Kurz & kompakt zum Segnen von Kindern ist diese Handreichung (eher ein Handzettel) der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung. Sehr ausführlich & empfehlenswert ist die Arbeitshilfe über das Segnen der Württembergischen Landeskirche.

Spirituelle Lebenshaltungen nähren

Bei diesem dritten Zugang geht es um all das, was Spiritualität im Alltag nährt, fördert, ermöglicht. Hier könnte man nun unzählige Sachen aufzählen, aber ich finde es anregender, nur wenige aber wesentliche Haltungen zu nennen. Hier meine fünf Favoriten: Verbundenheit, Mitgefühl, Achtsamkeit, Staunen, Schöpferischsein. Zu jedem Aspekt ist viel zu sagen, aber ich mach es kurz (auch weil ich selbst noch gar nicht so viel beisteueren kann).

Zur Verbundenheit habe ich ja schon etwas ausführlicher gebloggt. Hier geht’s erstmal um die Verbundenheit mit der eigene Familie, später mit den „Peers“ und natürlich mit der Natur. Anregend kann es auch sein, die eigenen Wurzeln zu bedenken.

Eine gute Idee, Mitgefühl zu entwickeln, ist das Geschichtenvorlesen (oder Bilderbuchangucken) und sich dann in die einzelnen Leute hineinzuversetzen: Wie fühlen sie sich wohl gerade? Und: Kennst du das auch, wie würdest du dich in der Situation fühlen?

Achtsamkeit – ein weites Feld. Mir fällt Achtsamkeit oft schwer, aber andererseits nervt mich Unachstamkeit kolossal. Eine schöne Inspirationsquelle ist der Blog Achstamkeit im Alltag leben und natürlich die Internetseite des Arbor-Verlags.

Staunen ist schon etwas Tolles. Staunen heißt ja, auf etwas Unerwartetes zu treffen und sich davon begeistern zu lassen. Ich staune immer wieder, worüber meine Kindern staunen. Wie kann man es fördern? „Add Magic to the Ordinary“ vielleicht? Oder einfach selber staunen…

Und schließlich ist da noch das Entdecken, selbst etwas zu erschaffen, schöpferisch zu sein. Zu erleben, selbst Urheber zu sein, Schöpferkraft zu besitzen – das geht natürlich gut bei allem Kreativen. Schönheit spielt dabei keine Rolle – der Satz „Das hast du aber schön gemacht!“ ist daher auch nichts so glücklich – sondern das sich Ausdrücken und Erschaffen. Wenn im christlichen/kirchlichen Kontext betont wird, dass der Mensch „Ebenbild Gottes“ sei, wird daraus meist Würde und Wert des Menschen abgeleitet. Viel näherliegend finde ich allerdings folgenden Zusammenhang: Wenn Gott der Schöpfer ist und der Mensch das Ebenbild Gottes, dann ist der Mensch… genau, selbst auch Schöpfer. Darum geht’s!

 

Zum Stöbern: die Perlen

hkdfEs gibt viele Bücher (und auch Internetseiten) rund um Spiritualität und Religion in der Familie. Allerdings gibt es auch sehr viel Gedöns. Daher möchte ich hier einige Perlen verlinken…

Beim Thema Feste feiern hatte ich ja schon auf die Internetseite Familien feiern Feste hingewisen. Das umfassende Buch „Die Heilkraft der Feste“ ist nur noch antiquarisch oder beim Autor selbst zu erhalten.

ggbZu den Praktiken, den „Ausdrucksformen“, kann ich das Buch Gemeinsam Gott begegnen sehr empfehlen. Dort beschreibt Rüdiger Maschwitz den Ansatz Kinder geistlich zu begleiten – in Abgrenzung zur Formulierung „Kinder religiös zu erziehen“. Ein paar Ideen finden sich auch auf seiner Internetseite kinder-geistlich-begleiten.de (etwas altbackener Look, aber guter Inhalt).

wufAnton Bucher, katholischer Religionspädagog-Prof, hat ein schönes Buch über spiritulle Erziehung geschrieben: Wurzeln und Flügel – Wie spirituelle Erziehung für das Leben stärkt. Er versteht Spiritualität als Verbundensein, und zwar mit natur & Kosmos, mit der sozialen Mitwelt, mit einem höheren, göttlichen Wesen und mit dem Selbst (also ziemlich genau das, was ich auch in meinem Blogbeitrag getrenntsein & verbundensein beschreibe). Alle vier Dimensionen werden gut verständlich erklärt und mit etlichen Anregungen versehen.

Wer schöne kreative Ideen sucht, viele Kunst- und Natur-Sachen, der findet auf dem Blog Explore and Express tolle Anregungen. Das Blog ist stark von Montessori und Godly Play geprägt und ist für mich ein Top-Tipp!

Etwas mehr churchy ist die Seite Spiritual Child Network. Der eigentliche Tipp ist die dazugehörende Facebook-Gruppe. Einfach mal abonnieren und gucken, ob es für einen passt…

10pfspLast but überhaupt nicht least noch das Buch 10 Principles for Spiritual Parenting. Leider gibt es das nicht auf deutsch. Mit guten Fragen für Kinder und für die ganze Familie, um in das jeweilige Thema einzusteigen plus Affirmationen & Mantren für Eltern und Kinder.

getrenntsein & verbundensein

Update: Diesen Artikel habe ich im Mai 2017 leicht überarbeitet: Die Grafik ist präziser aber auch umfangreicher geworden. Dementsprechend habe ich den Text bei den Erklärungen zur Grafik etwas angepasst.

Jesus wird gefragt: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5.Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3.Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Matthäus 22, 35-40)

Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe – diese drei Arten der Liebe fassen kurz & knapp zusammen, wie christliche Lebenspraxis aussehen könnte. Und es ist eine Struktur, die (fast) alle spirituellen Bezüge umfasst: die Beziehung zu mir selbst, zu den Anderen und zu Gott.

In letzter Zeit entdecke ich immer wieder Puzzle-Stückchen hierzu. Vor einiger Zeit bin ich bei David Steindl-Rast auf den Gedanken gestoßen, dass die religiösen Praktiken fasten, teilen und beten Wege darstelle, das Getrenntsein von mir selbst, den Anderen und von Gott zu überwinden. Das nächste Fundstück kam dann bei Henri Nouwen: Er beschreibt drei Bewegungen, drei Dynamiken auf dem spirituellen Weg, die ebenfalls dieser Struktur entsprechen. Und Möglichkeiten, wie man Selbst- und Nächstenliebe üben kann, findet man zum Beispiel bei den Exerzitien der Nächstenliebe.

All das passt wunderbar zusammen und ich habe diese „Beziehungs-Struktur“ einmal skizziert.

Die Trias im „Höchsten Gebots“ ist schön und gut, doch für mich mich fehlt da noch etwas Wesentliches: die Erde selbst, unsere natürliche Umgebung. Die Verbindung mit der Natur, mit allem, was lebt bzw. die Liebe zu unserer Heimat Erde samt allen Erdlingen ist existenziell, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

In meiner Skizze geht es mir ums Verbundensein. Genauer: Um die Zustände des Getrenntsein und die Wege, wieder in Verbindung zu kommen. Man kann auch noch einen Schritt weiter – bzw. tiefer – gehen und sagen, dass dies die vier Dimensionen sind, in denen wir Versöhnung brauchen.

Fügt man all dies zusammen, sieht das so aus:

 

Auch wenn im Liebesgebot knapp und klar formuliert ist, dass sich Selbst- und Fremdliebe die Waage halten sollen, wurde die Selbstliebe im Christentum oft verdrängt. Das ist tragisch, aber es zeigt sich ja – leider – immer wieder, dass der Inhalt und die Wirkungsgeschichte von Religion oft auseinandergehen. Oft sind es einfach Ungleichgewichte in diesen Beziehungen. Gerade bin ich wieder auf ein Beispiel gestoßen: In einer Kita-Konzeption habe ich den Satz gefunden, dass die religiöse Erziehung darauf ziele, „Gott und den Nächsten zu lieben“ – ausgerechnet die Beziehung zu sich selbst und zur Natur fehlen! Dabei sind diese – gerade auch ihre spirituellen Dimensionen – in meinen Augen für 2- bis 5-Jährige ganz wichtig.

Damit sind wir bei einem weiteren Schatten der christlichen Tradition, der völligen Naturvergessenheit. Dies kann natürlich nicht dem Liebesgebot angelastet werden, aber es haut zumindest noch einmal in dieselbe Kerbe. Mir ist diese vierte Liebes- bzw. Verbindungsdimension wichtig, für mich ist sie auch deutlicher Bestandteil des christlichen Glaubens (Beweisführung später an anderer Stelle), daher ergänze ich sie hier. Ich habe sie übrigens nicht „Schöpfungsliebe“ genannt, weil die Schöpfung ja auch mich und meine Mitmenschen miteinschließt. Mir geht es um die natürliche Umwelt, um unsere Heimat Erde, um Pflanzen und Tiere, und um all unsere Geschwister, wie Franziskus sie im Sonnengesang besingt: Feuer, Erde, Wasser, Luft, Sonne, Mond und Sterne. Die Beziehung zur Natur mag zu biblischen Zeiten viel präsenter gewesen sein und bedurfte weniger einer gesonderten Erwähnung. Heute ist sie wichtiger denn je. Und wenn wir uns auf den Weg machen, unsere Beziehung zur Erde mitsamt ihren Lebewesen neu auszurichten, hat dies auch unmittelbarte Auswirkungen auf die anderen drei Beziehungen.

Noch ein paar Hinweise zu einigen Formulierungen und Zuordnungen.

Die Idee mit den Bewegungen stammt von Henri Nouwen. Ich habe aber andere Formulierungen gewählt: „Vom falschen Selbst zum wahren Selbst“ stammt von Richard Rohr. „Von der Ablehnung zur Einladung“ orientiert sich auch an Henri Nouwen (er nennt es „Von der feindseligen Ablehnung zur Gastfreundschaft“). Hinter „Von der Entfremdung zur Lebendigkeit“ steckt meine Beobachtung, dass die Entfremdung von der Natur die stärkste Entfremdung ist, der wir derzeit unterliegen (so sehe ich es zumindest) und dass man gerade in der Natur Lebenskraft und Lebendigkeit erfahren kann. „Hesychia“ bei der Gottesbeziehung bedeutet Herzensruhe/Herzensfrieden.

Dass man den Verbindungsdimensionen konkrete „klassische“ religiöse Praktiken zuordnen kann, habe ich von David Steindl-Rast übernommen. Beten ist naheliegend. Auch Teilen dürfte sich von selbst verstehen. Hier ist allerdings wichtig, dass es sich wirklich um Teilen handelt, nicht um Spenden. Zum Verständnis des Teilens hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal eine kleine Notiz auf diakonisch.de geschrieben, die immer noch lesenswert ist. Wenn man beginnt, zu reduzieren und auf bestimmte Dinge – ob für kurz oder lang  – verzichtet, kommt man sehr schnell bei sich selbst an. Jeder der fastet kann diese Erfahrung machen. Daher passt das Fasten in der Tat gut zur Beziehung mit mir selbst. Allerdings geht es hier wirklich um Fasten im klassischen Sinne, also um ein bewusst gewähltes Verzichten auf materielle Dinge. Die immer alberner werdende Fastanaktion der evangelischen Kirche („Sieben Wochen Ohne“) geht einen anderen Weg. Beim Danken stellt sich meist ein Gefühl von Abhängigkeit (im Sinne von Verwobenheit, Verbundenheit, Angewiesensein) ein, und oft auch ein Gefühl von Lebendigkeit. Daher habe ich es der Verbindung mit „allem, was lebt“ zugeordnet.

Ergänzt habe ich das Ganze um weitere Ansätze, die helfen, sich zu verbinden. Im Gegensatz zur ersten Version habe ich dies nun noch präzisiert und sie 3 verschiedenen Katageorien zugeordnet. Bei der Lebenspraxis geht es um sehr grundsätzliche Praxis: Bedürfnisse erkunden, Gastfreundschaft üben, im Einklang mit der Natur leben und Gebetspraxis. Danach führe ich einige Ansätze auf zur tieferen Erkundung & heilsamen Unterstützung. Die Sammlung ist natürlich subjektiv, sie entspricht meinen persönlichen Vorlieben. Alles, was ich hier aufgeführt habe, schätze ich sehr, und ich halte es vor allem für wirksam. Es sind für mich nicht bloß Methoden und Tools, sondern tatsächlich spirituelle Ansätze. Abschließend gibt es noch einige ausgewählte Übungen/Meditationen für die Alltagspraxis. Hier geht es um Verbindungspraktiken, die mit wenig Aufwand und alleine durchführbar sind. Das Herzensgebet (Verbindung mit Gott) und das Sitzen in Stille (Verbindung mit mir) erschließen sich wohl von selbst. Die Übungen zur Disidentifikation (Roberto Assagioli), zur Herzens-Verbindung (die ich bei Anna Gamma gefunden habe) zum „Bauchen“ (aus einem Naturpädagogik-Handbuch von Michael Kalff) und die Sitzplatz-Übung (ein Klassiker der Wildnispädagogik) stelle ich nochmal als eigenen Beitrag vor.

Die kleine Skizze soll zeigen, dass es spirituell gesehen mehere Beziehungen gibt – und damit mehrere Zustände des Getrenntseins und Wege, diesem Getrenntsein wieder etwas entgegen zu setzen. Alle vier Beziehungen wirken aufeinander. Und alles zusammen ist dann – auch wenn es etwas oldschool klingt – Frömmigkeitspraxis. Diese Praxis sollte ausgewogen sein – wie das genau aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden, auch das ist Teil der Praxis.

Ein „Höchstes Gebot“ – mit dem ja der Blogbeitrag begann – würde ich so formulieren:

Suche die Verbindung
zu dir selbst
zu den Menschen um dich herum
zur Erde mit allem, was auf ihr lebt
zu Gott

Verharre nicht im Getrenntsein
Es ist nicht heilsam
Mache dich auf den Weg
Prüfe alles, was dir begegnet und behalte das Gute

Lass dich versöhnen
mit dir selbst
mit den Menschen um dich herum
mit der Erde samt allem, was auf ihr lebt
mit Gott

 

Beten mit Kindern

WP_20160511_002Als ich anfing, mich mit Beten mit Kindern zu beschäftigen, stieß ich auf dieses Buch: Heidi & Jörg Zink: Wie Sonne und Mond einander rufen. Ein Klassiker, leider vergriffen, aber antiquarisch noch erhältlich.

Das Buch ist wunderbar: unpathetisch und weise. (Das einzige, was etwas stört, ist die gelegentliche Gleichsetzung von „Eltern“ und „Mutter“. Da alles andere wirklich gut ist, lese ich darüber einfach hinweg).

In vier Kapiteln gibt es Gebete und Gedanken zu den verschiedenen Anlässen: Tagesablauf, Jahresverlauf, Geburtstag & Taufe, Gebete der Eltern für die Kinder. Dazwischen immer wieder Reflexionen übers Beten und Tipps für den religiösen Familienalltag.

Ein Abschnitt beschäftigt sich ganz grundlegend mit dem „Kindergebet in der Familie“ (S. 117-118). Er beginnt mit einer interessanten Beobachtung:

„Es war noch nie so schwierig, sich in religiösen Dingen auszusprechen, wie heute. Nicht, weil der Glaube selbst schwieriger geworden wäre – der Glaube war auch früher nichts Einfaches – sondern deshalb, weil wir heute mehr von uns verlangen. Unsere Großeltern begnügten sich mit gelernten Versen. Wir verlangen von uns eigene Worte, die unserer besonderen und eigenen Überzeugung Ausdruck geben“ (S. 117).

Es ist knapp vierzig Jahre her, dass die Zinks dies geschrieben haben. Dies spiegelt sicherlich die 70er-Jahre wider, in der nach langer Zeit der Verkrustung nun neu und eigenständig formuliert und gesprochen werden wollte. Aber der Gedanke, nicht zu viel zu verlangen, gefällt mir. Und ich nehme ihn als Plädoyer für vorformulierte, für liturgische Gebete.

Ein paar Hinweise zum Beten möchte ich hier wiedergeben. Da das Buch vergriffen ist, zitiere ich mal etwas ausführlicher.

Wenn man auf vorformulierte Gebete zurückgreift, sollten sie nicht kindisch sein:

„Wenn wir mit Kindern beten, sprechen wir Worte, die sich wie so vieles, was sie hören und nachsprechen, in ihr Herz und Gedächtnis fast unauslöschlich einprägen. Sie sind in der Erinnerung des erwachsenen Menschen mehr oder weniger bewußt noch da und reden und deuten weiter. Wir sollten mit Kindern also Gebete lernen, mit denen der fünfzehnjährige Junge und die vierzigjährig Frau noch etwas anfangen können und mit denen sie sich nicht kindisch vorkommen müssen, wenn sie sie noch einmal zu sprechen versuchen. Kinder werden mit den Worten, die sie lernen erwachsen. Verse, mit denen sie nicht erwachsen werden können, weil sie kindisch und für den Vierzigjährigen nicht mehr wahr sind, sind darum auch für das Kind nicht geeignet. Ein Kind braucht nicht nur das ‚Kindgemäße‘. Es braucht ganz ebenso Gedanken von Erwachsenen, und das heißt: Worte, in die es erst durch langes Hören allmählich eindringt. Wenn die Eltern ein Gebet sprechen, das dem Kind ‚zu hoch‘ ist, weil es dem Anspruch von Erwachsenen entspricht, öffnet sich ihm eine große und fremde Welt, in die hineinzuwachsen ja eben seine Aufgabe und seine Chance ist. […] ‚So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder‘ – diesen Vers betet das Vierjährige mit, und derselbe Vers ist für den Siebzigjährigen immer noch gültig“ (S. 117, 118).

Und Gebete sollen natürlich keinen theologischen Quatsch vermitteln. Gerade auch deshalb, weil sich Gebete (wie Lieder) leicht einnisten. Oft hilft es schon, mit einem Gebet nicht zu viel zu sagen.

„Es ist gut, wenn wir vor Gott – und auch vor den Menschen – im Gebet nicht zu viel sagen. Wer etwa sagt: ‚Ich bin klein, mein Herz mach (oder gar ist) rein, laß niemand drin wohnen als Jesus allein‘, sagt zu viel. So fromm ist kein Einsiedler in der Wüste, daß in seinem Herzen niemand mehr wohnt als Jesus allein. Im Herzen eines Kindes sollen Eltern und Geschwister wohnen und Platz haben […]. (S. 118)

In ein Gebet gehören keine Deutungen. Ein Gebet dient dem Ausdrücken der eigenen Frömmigkeit und nicht der Verkündigung oder Erziehung.

Und ein letzter Tipp: Eltern sollten (ein paar) Gebete auswendig lernen.

Dazu gleich zwei Vorschläge aus dem Buch.

Als Abendgebet:

Die Nacht bricht an
über Stadt und Feld.
Gott segne die Erde,
behüte die Welt.

Als Tischgebet kann man einen Vers aus Christian Morgensterns „Liebe Sonne, liebe Erde“ mit „Alle guten Gaben“ verbinden:

Einer:
Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nicht vergessen werde!

Alle:
Alle guten Gaben,
alles, was wir haben,
kommt, o Gott, von dir.
Wir danken dir dafür. Amen.

Ritual-Radar

Rituale im Familienleben sind ja ein beliebtes Thema. Und eigentlich ist dazu auch alles schon einmal gesagt worden.

Aber jetzt bin ich doch noch auf eine schöne Sache gestoßen, (m)ein Ritual-Radar.

Von der zeitlichen Struktur kann man ja zwischen wiederkehrenden Ritualen des Jahreskreises und Ritualen im Lebenslauf (in der Regel einmalig, aber das muss nicht zwingend so sein) unterscheiden. Bleiben wir bei den wiederkehrenden Ritualen, denn die Lebenslauf-Rituale sind in aller Regel Weiterlesen „Ritual-Radar“

Drei Wurzeln

Hier ist der zweite Beitrag in meiner was mir (als Vater) wichtig ist-Reihe.

Wichtig ist mir ein guter Kontakt zu den eigenen biografischen Wurzeln. Vielleicht ist das ein Thema, das in der zweiten Lebenshälfte (erst? wieder?) seine ganze Bedeutung entfaltet. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, hierauf ein paar Gedanken zu verschwenden.

Durch Friedrich Assländer bin ich auf einen Gedanken von Thich Nath Hanh aufmerksam geworden, der drei biografische Wurzeln unterscheidet: Weiterlesen „Drei Wurzeln“