barfuß & wild

„Für viele Generationen vor uns war der christliche Glaube ein Schlüssel zu jener tiefen ‚Erfahrung des Lebendigseins‘, der geistliche Schlüssel zu einem ‚Leben in Fülle‘ (Joh 10,10), von dem Jesus spricht. Was ist daraus geworden? Mindestens im Westen steckt das Christentum in einer Krise. Es wirkt seltsam blutleer. Viel zu viel wird über den Schlüssel geredet. Es geht um die richtige Lehre über Gott, Jesus, den Heiligen Geist. Aber immer weniger Menschen verbinden mit diesen Worten überhaupt noch eine Erfahrung. Und ein Gott, der nicht erfahrbar ist, existiert auch nicht. Fast scheint in Vergessenheit zu geraten, wozu der Schlüssel da ist und in welche Schloss er passen könnte. […] Ich meine, es ist Zeit, sich die Religion der eigenen Väter und Mütter, Großväter und Großmütter (wieder) anzueignen. Umfassend.“ (Jan Frerichs, barfuß & wild, S. 8-11)

Diese Beobachtung ist nicht neu, aber ich teile sie voll und ganz. Und mit dieser Beobachtung beginnt Jan Frerichs sein Buch barfuß & wild – Wege zur eigenen Spiritualität, das gerade bei Patmos erschienen ist (*). Dabei geht es nicht darum, sich eine „eigene“ Spiritualität zu basteln, sondern sich die christliche Tradition wieder anzueignen. Das Buch richtet sich daher auch weniger an Neueinsteiger, sondern eher an die, die gerne in ihre Mütter-und-Väter-Religion wieder einsteigen möchten, aber den passenden Zugang bisher noch nicht gefunden haben.

Jan Frerichs ist ist der franziskanischen Tradition verwurzelt. Er ist Mitglied in der Franziskanischen Gemeinschaft (OFS) und hat eine eigene „Franziskanische Lebensschule“ entwickelt – ebenfalls unter dem Namen barfuß & wild. Die franziskanische Tradition ist für ihn auch einer von insgesamt fünf „Wegweisern“, die er für die (Wieder-)Aneignung der christlichen Spiritualität nutzt. Daneben orientiert er sich an der Natur, der Bibel, der Mystik und der Verbindung von Aktion & Kontemplation.

Einen ersten Eindruck vermittelt dieses kleine Video vom Autor. Danach nenne ich die beiden Aspekte, die mir an barfuß & wild am wichtigsten sind.

Der erste Wegweiser ist also die Natur. Die Natur ist eine spirituelle Lehrerin. Dass Jan Frerichs mit der Natur als erstem Wegweiser einsetzt, ist kein Zufall. Sie ist die „erste Bibel“, die Heilige Schrift die „zweite Bibel“.

Im westlichen Christentum hat die Verbindung von Spiritualität und Natur oft keine besonders große Rolle gespielt – im Grunde bis heute.

„Es ist eine Herausforderung für Christen, eine ökologische Spiritualität zu entwickeln und die Natur als einen spirituellen Ort zu entdecken. ‚Wieder‘ zu entdecken, müsste es genau heißen, denn eine christliche Schöpfungsspiritualität hat es immer gegeben“ (S. 20).

In der Schöpfung kann ich dem „wilden Gott“ begegnen, dem ganz Anderen und Fremden. Das bewahrt davor, Gott einzuordnen und meinen, alles über ihn zu wissen. Der wilde Gott, das klingt erst einmal ungewohnt. Wildnis ist das, was aus sich selbst heraus lebt, was nicht vom Menschen kontrolliert werden kann, es ist Selbstherrschaft, Lebendigkeit pur.

„Wild“ leitet auch über zum zweiten zentralen Punkt des Buchs: dem initiatorischen Verständnis von christlicher Spiritualität:

Die Spiritualität Jesu und die christliche Tradition sind von ihrem Ursprung her initiatorisch (S. 41).

Initiatorisch meint: ins Leben einführen, in dessen Geheimnisse einweihen. Und so versteht Jan Frerichs das Christentum auch nicht als eine heilsgeschichtlich-lineare Erzählung, sondern als eine existenziell-zyklische. Damit sind wir bei dem, was ich als Herzstück des Buches ausmache und was mich ebenso anspricht wie die starke schöpfungsspirituelle Grundierung des Buchs: Jan Frerichs hat eine eigene Version eines Lebensrades entwickelt. Und hier leistet er wirklich Pionierarbeit.

Lebensräder verknüpfen Jahresverlauf, Lebensbogen und spirituelle Weisheit miteinander. Lebensräder gibt es in einigen Kulturen, im Westen ist vor allem das indianisch geprägte (aber westlich adaptierte) Vier Schilde-Modell von Steven Foster und Meredith Little bekannt geworden. Jan Frerichs übernimmt dessen Grundstruktur und verknüpft sie mit dem Weg Jesu: geboren, gelebt, gelitten, gekreuzigt, begraben, auferstanden, aufgefahren. Entsprechend den Jahreszeiten leitet er vier Qualitäten bzw. Aufgaben ab: nackt dem nackten Christus folgen, mit dem Schatten tanzen, dem Leben dienen, dem eigenen Mythos auf die Spur kommen. Das einzige Manko ist, dass Jan Frerichs das Kirchenjahr – das eine besondere Form eines Lebensrads ist – nicht in seine Lebensrad-Version eingebaut hat. Zumindest nicht in seinem Buch, denn ich weiß, das er damit arbeitet bzw. dazu forscht.

Beim Lesen von barfuß & wild fühlte ich mich oft ein Bisschen wie „nach Haue kommen“. Der Zugang ist biblisch fundiert und theologisch ambitioniert, in der Tat „eigen“, manchmal auch etwas voraussetzungsreich. Ein gelungenes Buch, zum Stöbern und Sackenlassen, für neue Erkenntnisse wie für alte Einsichten, die neu verbunden werden.

(*) Ich habe vom Patmos-Verlag freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.

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evangelisch sein

Was bedeutet eigentlich evangelisch sein? Eine einfache Frage, die mir doch nicht ganz so leicht zu beantworten fällt.

Erst einmal hat es für mich nichts mit der Vorliebe für bestimmte theologische Themen zu tun. Selbst die Rechtfertigungslehre ist für mich nicht evangelisch, sie ist christlich. Das Evangelische besteht nicht in bestimmten Themen sondern zeigt sich in der Art der Frömmigkeitspraxis. Das Konfessionelle beschreibt den Zugang, nicht den Inhalt der Spiritualität. Daher mag ich auch die gängigen „themenfixierten“ Antworten nicht so, sie klingen auf mich oft nach auswendig gelernten Richtigkeiten, ohne von Erfahrung gedeckt zu sein.

Wie antworte ich also auf die Frage? Was ist evangelisch-sein für mich? Das Besondere evangelischer Frömmigkeit besteht für mich in zweierlei: einer alltagstauglichen Spiritualität, um sich selbst mit der Quelle zu verbinden.

Sich selbst mit der Quelle des Lebens zu verbinden wird im Protestantismus klassischerweise als „allgemeines Priestertum“ bezeichnet: Die Verbindung zu Gott braucht keine vermittelnde Instanz, keinen vermittelnden Priester. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Priester mehr gibt – sondern dass jeder selbst Priester ist.

Doch Obacht: Das ergibt sich nicht einfach so von selbst. Man ist nicht Priester durch die Definition eines theologischen Konzepts. Priester ist man, wenn man Priester kann. Und dazu braucht es Übungen, Praktiken, Praxis. Ein guter spiritueller Lehrer ist daher derjenige, der dir gute Übungen gibt. Übungen, mit denen du lernst, dich selbst mit der Quelle zu verbinden. Mit denen du eigene Erfahrungen machen kannst, mit denen du das beurteilen kannst, was die Kirche, die Bibel, die Theologie oder die Anderen dir sagen.

Diese Praxis muss im Alltag funktionieren, zwischen Familie und Beruf, zwischen Aufstehen und Schlafengehen. Nicht nur in einer zeitlichen und räumlichen Sonderwelt, nicht nur als klösterliche Auszeit (nichts gegen Klöster, ganz und gar nicht, aber ich bin skeptisch bei einer Spiritualitätspraxis, die auf „Auszeiten“ beruht).

Wenn spirituelle Übungen komplex und zeitaufwendig sind, mögen sie vielleicht in bestimmte Bewusstseinsstufen und -zustände führen, bleiben letztlich aber einer bestimmten Gruppe von Leuten vorbehalten, nämlich denjenigen, die dazu genügend Zeit, Kapazität und Ressourcen haben. Doch das widerspricht völlig der Lehre Jesu. Jesus hat sich an die einfachen Leute gewandt, die für komplizierte Religion keine Zeit hatten.

Evangelisch sein bedeutet, Alltagspriester zu sein. Das Mantra des Protestantismus „selber denken“ formuliere ich daher um zu „sich selber mit der Quelle verbinden können“.

All das wurde mir noch einmal deutlich, als ich ein Interview mit Sabine Bobert sah. Ich weiß, dass sie in der Theologie nicht unumstritten ist, aber für mich verkörpert sie genau das: eine alltagstaugliche und erfahrungsgesättigte Spiritualität.

Das Video hat vier Teile: Sabine Bobert spricht über ihren Lebensweg (ab Anfang), ihren Ansatz „Mystik & Coaching“ (ab 19’45), ihr Verständnis von Tod & Sterben (ab 43’45) und über Reformation in der evangelischen Kirche (ab 60’50).

Wer nicht alles schauen will, dem empfehle ich zunächst einmal den vierten Teil, also die zehn Minuten ab 60’50.

Dankbarkeitstagebuch

Ein Dankbarkeitstagebuch ist ein Notizbuch, in das man – meist abends – einträgt, wofür man an dem Tag dankbar ist. Am besten führt man solch ein Notizbuch regelmäßig. Und um etwas regelmäßig hinzukriegen, brauche ich (fast immer) eine Struktur, die mich darin unterstützt.

Natürlich könnte ich in jedes beliebige Notizbuch Tag für Tag etwas notieren, aber irgendwie hat es nicht funktioniert. Wenn ich länger ausgesetzt habe, fand ich es unschön, einfach hinter dem letzten Eintrag weiter zu machen. So habe ich dem Notizbuch eine zeitliche Struktur gegeben: Jeder Tag hat einen bestimmten Platz in dem Buch (und wenn ich an dem Tag nichts eintrage, bleibt die Stelle frei).

Dazu kombiniere ich zwei Ideen: Ich orientiere mich an den Jahreszeiten und ich mache dabei mehrere „Runden“ durch das Dankbarkeitsbuch, so stoße ich in einem bestimmten zeitlichen Abstand immer wieder ältere Eintragungen.

Bei den Jahreszeiten nutze ich die keltische Einteilung, bei der der Frühling am 1. Februar, der Sommer am 1. Mai, der Herbst am 1. August und der Winter am 1. November beginnt. Das ist einen Monat früher als der jeweilige meteorologische Beginn, mir gefällt das aber, weil die keltische Einteilung sehr eingängig ist: Sie ist deutlich näher an den phänologischen Jahreszeiten ist und trotzdem leicht zu merken (Beginn immer  am „1.“). Das hat mit dem Dankbarkeitstagebuch an sich nichts zu tun, aber mir macht das Spaß, weil ich mir dadurch auch jeden Tag den Stand der Jahreszeit vergegenwärtige.

Es gibt zwei Varianten: Ein Jahreszeiten-Heft oder ein Jahres-Buch. Für beide braucht man Heft oder Notizbuch mit einer bestimmten Seitenzahl. Für mich ist das Jahresbuch die deutlich schönere Variante, aber ich beschreibe hier beide Ideen.

Für das Jahreszeitenheft nimmt man ein gewöhnliches Schulheft (am besten blanko, A5 oder A4). Schulhefte sind günstig und haben genau 32 Seiten, sie sind also perfekt geeignet. Ich nummeriere die Seiten von 1 bis 31 (eine Seite bleibt halt frei) und teile die Seiten – entweder mit einem Stift oder in Gedanken – in 3 Zeilen. Die oberste Zeile ist dann für den ersten Monat der jeweiligen Jahreszeit, die zweite Zeile für den zweiten und die dritte für den dritten. Wenn ich im zweiten und dritten Monat der Jahreszeit bin, stoße ich somit automatisch wieder auf meine Einträge der Vormonate. Nach 3 Monaten kommt dann ein neues Heft.

Das Jahresbuch hat einen etwas anderen Aufbau, aber auch dort stößt man wieder auf vorherige Einträge, und zwar immer auf die der vorherigen Jahreszeiten (also auf den Tag genau vor 3, 6 oder 9  Monaten). Auf einer Doppelseite stehen 4 Tage. Das heißt ich teile die Doppelseite in 4 Quadranten (zum Beispiel links oben für Frühling, rechts oben für Sommer, links unten für Herbst und rechts unten für Winter). Bei der Vorbereitung des Buches muss ich dreimal von 1-31 durchnummerieren. 3 mal 31 macht 93, da es immer Doppelseiten sind braucht man 186 Seiten. Und ein Leuchtturm1917-Notizbuch hat – tatarata! – genau 186 Seiten.

Nach einem Vierteljahr stoße ich dann wieder auf alte Eintragungen, die ich natürlich erst noch einmal lese, bevor ich die aktuellen notiere. Und das ist wirklich schön. Das Erinnern hat eine ganz besondere Wirkung. Ein Vierteljahr ist so kurz, dass man sich noch genau an die Situationen erinnern kann, die man eingetragen hat, aber wiederum so lang, dass in der Zwischenzeit eine Menge passiert ist.

Für mich ist das genau die Struktur, die mich bei der Stange hält.

In ein paar Tagen ist (keltischer) Frühlingsanfang. Ein guter Zeitpunkt, ein Dankbarkeitstagebuch zu beginnen.

Hier auf dem Blog gibt es auch eine Liste mit Dankbarkeitsübungen und einige grundsätzliche Überlegungen zur Dankbarkeit.

2018

Mittlerweile ist das neue Jahr ja schon ein paar Tage alt, und mit diesem Abstand will ich ein paar Dinge nennen, die mir wichtig sind und von denen ich mir wünsche, dass sie mein Jahr prägen werden.

Mehr schreiben

Als ich mir zum Jahreswechsel überlegt habe, was in 2018 ansteht, was ich machen und gerne erreichen möchte, waren da immer wieder „Produkte“ darunter, die mit Schreiben zu tun haben. Ich hege ja keinerlei wissenschaftliche Absichten – und ich bin heilfroh darüber. Ein altes Projekt hängt immer noch in der Pipeline (und books-on-demand ist wirklich eine feine Sache!), die eine oder andere berufliche Doku steht noch aus, Blogartikelideen habe ich in Hülle und Fülle und, nennen wir es mal, Lebenskunst-Gebrauchstexte mag ich einfach.

Schreiben steht auch auf meiner Was-mir-gut-tut-Liste (#8, #9, #10). Also: Mehr schreiben. Einfach mehr schreiben dieses Jahr.

Früher nach Hause

Da ich öfter abends oder am Wochenende arbeiten muss, will ich unter der Woche früher Feierabend machen. Und zwar deutlich konsequenter als bisher. Um 16:00 Uhr ist jetzt Schluss. Ausnahmen bestätigen die Regel, klar aber grundsätzlich bin ich nur noch bis vier im Büro. Das heißt eine Stunde früher zuhause – und diese eine Stunde wirkt sich unglaublich positiv auf das Familienleben aus. Ich habe mir für die nächsten Wochen die 16Uhr-Marke im Kalender notiert. Einfach einen Strich auf Höhe von 16h gezogen, das ist eigentlich gar nicht schwer.

Weitermachen: Weniger Rechner, kein Smartphone

Mein Notebook war so alt, dass es irgendwann nicht mehr nutzbar war. Ich habe es weggetan und nicht sofort ein neues gekauft (auch aus dem Grund, weil ich überhaupt nicht wusste, was für eines). Das tat mir gut. Abends einfach mal auf dem Balkon sitzen und nicht vorm Rechner.

Da ich dann die Aktivitäten auf mein Smartphone verlagerte, habe ich auch das Smartphone weggelegt (ich habe zudem auch immer Pech mit meinen Smartphones, sie wollen nie so, wie ich es will und geben irgendwann ihren Geist auf – aber vielleicht soll es ja gerade so ein). Ich habe mir statt dessen ein Nokia 3310 gekauft, die 2017er-Edition. Da gab es sogar einen Lieferengpass, weil ich anscheinend nicht der einizige bin, der auf diese Idee kam. Mit meinem neuen Handy kann ich telefonieren und SMS schreiben, es hat einen Taschenrechner, einen  Wecker und eine Taschenlampe – wunderbar!

Dankbarkeitspraxis

Ich habe zwei spirituelle Praktiken: Herzensgebet und Dankbarkeitspraxis. Zu beidem habe ich hier auf dem Blog ja schon einiges geschrieben. Mein Artikel über die verschiedenen Dankbarkeitsübungen ist übrigens der meistgelesene auf dem Blog.

Seit dem letzten Jahr führe ich ein Dankbarkeitstagebuch, nicht täglich, aber doch sehr regelmäßig. Vorher habe ich mehrere Anläufe genommen, bis ich eine Variante entwickelt habe, die für mich wirklich funktioniert. Die Details erkläre ich später mal hier. Damit will ich weiter machen. Kaum etwas ist so wirkungsvoll und heilsam.

Heartfulness

Ich entdecke mein Herz (wenn das mal nichts ist!). Ich finde es erstaunlich, an wie vielen verschiedenen Stellen ich letztes Jahr auf dieses Thema gestoßen bin. Es sind ganz unterschiedliche Zugänge, aber das Spannende daran ist: organische, emotionale und spirituelle Dimensionen verweben sich miteinander. Dies ist verhältnismäßig neu, in den letzten Jahren scheint es da tatsächlich einige Erkenntnis-Durchbrüche gegeben zu haben, ich überblicke das noch nicht ganz. Ich ahne, dass da (für mich) ein wichtiger Schlüssel liegt. Wozu wird sich noch zeigen.

Es gibt Meditationen, die beim Herzen ansetzen. Zwei solcher Herz-Meditationen beschreibe ich im nächsten Blogpost, dann wird vielleicht deutlicher, was ich damit meine.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Heartfulness in den nächsten Jahren einen Boom erleben wird. Ich habe ja nie so recht einen Zugang zur Achtsamkeitspraxis gefunden. Vielleicht ist mir bei der Mindfulness – Achtsamkeit ist ja der deutsche Übersetzungsversuch für das englische Mindfulness – einfach zuviel mind im Spiel.

Mein Platz im Wandel

Die letzten beiden Blogartikel (wir & jetzt und Die 4 Dimensionen des Wandels) haben sich ja mit der Frage nach dem eigenen Platz im Wandel beschäftigt. Das eigentliche Ding ist, diesen Platz zu finden und ihn einzunehmen.

Ich habe einige recht konkrete Ideen, angefangen dass ich meine Spendenpraxis überdenke und wohl ändern werde. Auch entdecke ich immer mehr, wie sehr mich das Stichwort „Grüne Reformation“ beschäftigt, und dass ich dazu tatsächlich etwas anbieten und beitragen kann (einen Blogbeitrag hatte ich ja bereits angekündigt, den ich ja noch schuldig geblieben bin).

 

sola pax

Ich bin kein großer Freund der reformatorischen „Soli“, also sola scriptura (allein die Schrift), solus christus (allein Christus), sola fide (allein der Glaube) und sola gratia (allein die Gnade). Sie sind mir ehrlich gesagt wenig Hilfe, gerade auch als Kriterien (die sie ja sein wollen).

Vor einiger Zeit habe ich einen Hinweis gehört (ich weiß leider nicht mehr genau wo), wie man religiöse Erkenntnis und überhaupt spirituelles Leben beurteilen kann:

Je gewaltätiger, desto weiter entfernt vom Kern.
Je friedvoller, desto näher am Kern.

Man könnte es auch als ein „Sola“ formulieren: sola pax – allein der Friede.

Klingt das zu schlicht? Es ist kein moralischer Apell, sondern ein Versuch, christliche Essenz auf den Punkt zu bringen. Und man muss dieses Kriterium wirklich eine Zeit lang ausprobieren und schauen, wo es einen hinführt.

Also: Sola pax. Aber wie?

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Gewaltlosigkeit ist ein wesentlicher Kern des christlichen Glaubens. Doch sie hat einen schweren Stand. Oft wird sie nicht ernst genommen, meist missverstanden. Gewaltfreiheit wird schnell mit Passivität verwechselt. Doch damit hat sie nichts zu tun. „Aktive Gewaltfreiheit“, so die bessere Bezeichnung, geht einen dritten Weg zwischen Gewalttätigkeit und Gewaltduldung.

Jesus verabscheut sowohl Passivität als auch Gewalt“ (Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 99)

In Jesu Handeln und Reden nimmt Gewaltfreiheit eine zentrale Stellung ein. Mahatma Gandhi sieht in der Bergpredigt Jesu geradezu die Blaupause für gewaltfreie Aktion. Doch Walter Wink, der ein wunderbares Buch über die Theologie der Gewaltfreiheit geschrieben hat, stellt leider fest, dass im Christentum die eigene sprirituelle Tradition der Gewaltfreiheit oft verschüttet ist. Stattdessen ist es sogar so, dass die wirkmächtigste „Religion“ in der westlichen Welt – die ja stark vom Christentum geprägt ist – der „Glaube an den Mythos der erlösenden Gewalt“ ist. Also die Überzeugung, dass Gewalt durch Gewalt „besiegt“ werden könnte. Doch Gewalt hat keine erlösende Kraft. Im Gegenteil: Sie verstärkt das, was sie bekämpft.

Der Glaube an eine „erlösende Gewalt“ ist heute die vorherrschende Position. Daher wird Gewaltlosigkeit oft als naiv und lebensfern angesehen, die sie deshalb permanent rechtfertigen muss, während Gewaltanwendung schnell als unvermeidbar gilt. Doch wie naiv ist die Haltung, durch Gewalt Friedvolles zu erreichen?

Auch im christlichen Mainstream wird Gewaltlosigkeit zwar als schöne, aber leider eben doch naive Spinnerei dargestellt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Spiegel-Interview (33/2014) mit Margot Käßmann, der ja gerne Naivität unterstellt wird (was sie in meinen Augen aber gut kontert). Und christliche Glaubensgemeinschaften, die die Gewaltlosigkeit hoch achten – wie beispielsweise die Mennoniten oder die Quäker – gelten als exotische Minderheiten.

Gewaltfreiheit ist eben keine naive Romantik – allerdings kann sie nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie gekonnt eingesetzt wird. Daher ist Gewaltfreiheit auch weniger eine Haltung, sondern vielmehr eine Praxis, also eine Fähigkeit, die man lernen kann und üben muss.

„Obwohl die Gewaltfreiheit seit Jahrhunderten effektiv genutzt wurde, entwickelte sie sich erst durch Gandhi und King zu einer verbreiteten Bewegung und wurde durch neue Strategien und Taktiken vervollständigt (Walter Wink, S. 104).

Zwei „große“ Ansätze spielen hier eine wichtige Rolle: die „gewaltfreie Aktion“, eine Form des aktiven und hartnäckigen Widerstands (hierauf werde ich nicht weiter eingehen, aber man kann hier eine Liste mit 198 Interventionen einsehen) und die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg (GFK). Und so müsste das Zitat von Walter Wink mindestens noch um Marshall Rosenberg ergänzt werden.

Der Clou der GFK liegt darin, nicht vorschnell die eigenen Problemlösungsansätze zu verfolgen – die dann oft mehr oder weniger gewaltsam durchgesetzt werden müssen, weil sie eben mit den Lösungen Anderer kollidieren – sondern von den eigenen Bedürfnissen auszugehen. Es mag kurios klingen, aber während sich konkurrierende Problemlösungsversuche oft ausschließen, können unterschiedliche Bedürfnisse meist miteinander verbunden und so zu beidseitiger Zufriedenheit gestillt werden. So ist die GFK auch viel mehr als eine reine Kommunikationsmethode, sie ist vor allem ein Bedürfnis-Tool.

Die Crux ist, dass die konkreten Fähigkeiten, die man zur Gewaltfreiheit bedarf, eben kaum bekannt geschweige denn ausgebildet sind:

Aktive Gewaltfreiheit ist weiterhin eine unbekannte Größe in Kirche und Gesellschaft (Wink, S. 15). Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, von gelegentlichen gewaltfreien Aktionen hin zu einer dauerhaften gewaltfreien Bewegung zu kommen. Dabei muss es unser Ziel sein, Millionen gewaltfreier Aktivisten auszubilden (Wink, S. 108).

Langer Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum ich diesen Blogpost in den Zusammenhang mit Reformation stelle: Die jesuanischen Praxis der Gewaltfreiheit wieder zu entdecken, diese (eigene) Tradition wertzuschätzen und bekannt zu machen, sie der Häme zu entziehen und versuchen, sich vom sola pax leiten zu lassen. Nicht als ethisches Sahnehäubchen, sondern als spiritueller Kern. Nicht nur in einzelnen Friedensgruppen (die zudem fast völlig von der Aufmerksamkeitsbildfläche verschwunden sind), sondern als flächendeckende Vision. Das wäre für mich ein Reformationsprojekt!

Die Rolle der Kirche liegt meiner Meinung weniger darin, Gewaltlosigkeit zu predigen (kann man machen, wird aber alleine nicht viel bewirken) oder friedensethische Diskurse zu führen (denn dies sind immer über etwas-Diskurse, und in der Regel auch noch Diskurse über andere, deren Verhalten man dann aus einer erhabenen Position heraus analysiert und bewertet), sondern in Gewaltfreiheit ganz praktisch auszubilden!

By the way: In Deutschland spielte die Kirche sogar eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der GFK. Eine christliche Friedensgruppe in München war die Keimzelle der GFK in Deutschland. Und der Kirchentag 1993, ebenfalls in München, auf dem Marshall Rosenberg zu Gast war, brachte dann der Durchbruch.

Und noch ein by the way: Derzeit arbeite ich an einer Idee, wie man genau das erreichen kann: die GFK innerkirchlich zu stärken. Mehr dazu ab Herbst 2017.

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Sola pax – aber wie? Ein paar Ideen…

Meditiere das berühmte Zitat von Martin Luther King: Dunkelheit kann nicht Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das. – Inwiefern ist diess für dich eine Wahrheit (oder auch nicht)?

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Das hier im Blogpost zitierte Buch von Walter Wink kann ich nur empfehlen: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014.

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Walter Wink schlägt vor, anstelle von Luthers Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sich selbst zu fragen: „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“

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Gottfried Orth hat ein Buch geschrieben über den Einsatz von GFK in Kirchengemeinden: Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden, Paderborn 2015. (Am 12. Oktober ist Gottfried Orth übrigens in Köln an der Ev. Stadtakademie und spricht über die biblische Tradition der Gewaltfreiheit – und über die biblische Tradition der Gewalt, die es ja durchaus gibt, und gar nicht mal so marginal!)

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Der Versöhnungsbund ist eine christliche Bewegung, die sich einsetzt für „aktive Gewaltfreiheit als ein Mittel der persönlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandlung“. Auf seiner Internetseite findet man gutes Material (Buchempfehlungen, Handreichunghen) und im vierteljährigen Rundbrief „Versöhnung“ habe ich Hinweise und Ressourcen gefunden, die mir sonst im kirchlichen Kontext bisher noch nicht begegnet sind.

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GFK auch als eine christliche Übungspraxis zu verstehen ist ja ein Ansatz, den Michael Pflaum vorantreibt. Hier habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Und vom 23.-25. November habe ich Michael Pflaum an die Ev. Stadtakademie in Köln eingeladen. Er wird zwei Abendvorträge und zwei Nachmittagsworkshops geben.

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Hinterlasse möglichst wenig Spuren von Gewalt in dieser Welt! Diese Handlunsgmaxime wird oft im buddhistischen Kontext zitiert (und heute zielt sie oft auf Vegatrismus/Veganismus). Inwiefern kann dies eine gute Weisung für dich sein? Welche Spuren von Gewalt gehen von dir aus und welche sind vermeidbar?

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sola pax: Versuche dies als Kriterium zu nehmen, um an den „Kern“ zu kommen. Inwiefern ist dies hilfreich (oder auch nicht)? Könnte dies ein gutes reformatorisches „sola“ sein?

 

Was mir gut tut

Eine lose Sammlung, der Dinge, die meist schnell und allein umsetzbar sind. Nicht nach Prioritäten geordnet:

#1  Aufräumen.
#2  Etwas wegwerfen.
#3  Etwas pflegen, reparieren oder in Ordnung bringen.
#4  Dankbarkeitstagebuch schreiben.
#5  Mit einem Kaffee in der Sonne sitzen, dabei nichts tun (tagsüber).
#6  Mit einem Tee auf dem Balkon sitzen, dabei nichts tun (abends).
#7  Herzensgebet, im Liegen (ich weiß, das ist unüblich, aber bei mir klappt das gut und ist genau richtig).
#8  Etwas fertig machen/abschließen (meist ist es ein Text).
#9  Etwas veröffentlichen (Blogartikel, Flyer, …)
#10  Etwas schreiben, mit Bleistift oder Füller (meist in mein Notizbuch).
#11  Draußen sein.
#12  Imagination (keine Imaginationsübung, sondern ein bestimmtes Bild – nein: zwei!).
#13  Viel Wasser und Tee trinken.
#14  Im Wald sein (Geruch, Bäume).
#15  Schlafen.
#16  In der Sauna sein (Holzgeruch, Hitze, Dunkelheit).
#17 Gartenarbeit.

(wird fortgesetzt)

Was derzeit fehlt: Musik. Tanzen.

Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.