Sachenmachenliste und Büchergelesenhaufen 2016

Huuu, neues Jahr! Schnell noch der Rückblick. Diesmal in zweifacher Ausführung.

Hier erstmal der Rückblick auf die 2016er-Sachenmachen-Liste:

Diesen Blog habe ich – meinen geringen Kenntnissen entsprechend – etwas aufgehübscht. Etwas professioneller soll’s noch werden, das steht noch aus. Aber er soll als Blog erkennbar sein, ganz oldschool. — Im Hohen Venn waren wir, sogar zweimal. Schön da. — Ich habe an insgesamt 5 Seminaren teilgenommen (geplant waren 6), volles Programm. Und siehe, es war sehr gut. Sehr sehr. Thematisch drehte es sich dabei immer um Wandel & Transformation. Viel erfahren und gelernt, und auch auf einer Meta-Ebene prägend (ich bin ja selbst in der Bildungsarbeit tätig und gucke mir gerne was ab). —  Das Sommerfest wurde ein Herbstfest, richtig schön. Und so einfach: Termin festlegen, anderen Kita-Eltern bescheid geben, Kaffeemaschine im Garten installieren und Feuer anmachen. Fertig. — Ich bin ja kein großer Bibelleser (die Geschichten und die Weisheit finde ich toll, aber sowohl als literarisches Werk wie auch als heiliges Buch ist es für mich immer wieder schwierig), daher ab und an mal bestimmte Leseabsichten. Und hier bin ich auf eine wirklich interessante Idee gestoßen: alles, was Jesus gesagt hat, rot markieren. Also eine selbstgemachte Red-Letter-Edition. Noch lange nicht fertig, aber erkenntnisreich. — Das Lastenfahrrad ist noch nicht gekauft, ich liebäugle mittlerweile auch viel mehr mit einem E-Bike samt einem Kindersattel auf dem Oberrohr. — Das Familienseminar bei Sobonfu war richtig gut. Und bei uns reift die Idee, aus dem Format „Familienseminar“ bzw. „Familien auf Seminare“ etwas zu machen. — Sich mit dem Thema Zucker zu beschäftgigen war ein echter Augenöffner (hinter die Erkenntniss, dass eine handeslübliche Tafel Schokolade aus 50g – also der Hälfte! – an Zucker besteht, kann ich nun nicht mehr zurück). Aber zuckerfrei kann und will ich nicht. — Kohlenstofflich habe ich dieses Jahr Jan, Wolfgang, Yvonne, Sandra und Konrad aus meiner Twitteria kennengelernt, beim EmergentForum war ich leider doch nicht. — Ja, und der gute Ort, das wird. Sowohl an Ideen als auch konkret.

Ob es für dieses Jahr auch wieder eine Sachenmachenliste gibt? Ich weiß es noch nicht… Aber jetzt kommt Teil II des Jahresrückblicks:

Das hier sind die Bücher, die ich im letzten Jahr gekauft habe. Nicht alle ganz durchgelesen (Sachbücher lese ich eh nicht linear und außerdem hat Marshall McLuhan ja völlig recht!), aber zumindest erkenntnsigewinnend gelesen. Darum geht’s ja. Ich klage ja immer darüber, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, aber mir scheint die These doch nicht ganz haltbar zu sein:

wp_20170104_007Ich will hier jetzt keine Buchbesprechung zu jedem einzelnen machen, nur ein paar rückblickende Beobachtungen aufzählen:

Ja, es sind ausschließlich Sachbücher. Zum Belletrsitiklesen habe ich einfach zu wenig Ruhe. Es gibt ein paar Bücher, die ich aus rein privatem bzw. aus rein beruflichem Interesse lese (letzteres waren eher Bibliotheksbücher, die sind hier nicht mit dabei), aber eigentlich ist das nur schwer zu trennen. Meine privaten und beruflichen Themen sind auch nicht immer zu trennen. Und das finde ich sehr gut so.

Die oberste Reihe sind die Bücher rund um Familie. Man erkennt wohl die Artgerecht/Achtsamkeits-Tendenz. „Wurzeln & Flügel“ habe ich gleich als Tipp in meinem Familienspiritualitäts-Blogpost aufgenommen. Den Doppelband von Joseph Cornell zur Naturerfahrung mit Kindern habe ich mir zugelegt, weil ich eine Waldgruppe in der Kita mache – und musste feststellen, dass Wald solch ein Selbstläufer ist, dass man gar keine Naturspiele braucht.

(Was hier völlig fehlt sind die Kinderbücher. Die meisten leihen wir uns zudem aus der Bibliothek aus)

Das Thema gewaltfreie Kommunikation brachte meine Frau letztes Jahr mit. Ich bin begeistert – weniger als Kommunikations-, sondern als Selbsterkundungsmethode. Und man kann sehen, wie vielseitig die GfK ist. Zwei Bücher (oben rechts) gehören in die Familienreihe, der Übungsbuch-Klassiker ins dienstliche Bücherregal und das „Exerzitien“-Buch nutzt GfK als spirituellen Übungsweg.

Wandel & Transformation – das ist die mittlere Reihe. Durchgearbeitet habe ich die beiden wirklich dicken Schinken von Ursula Seghezzi. Da mich die Frage interessiert, wie/ob ihr Lebensrad mit dem christlichen Kirchenjahr vereinbar ist, musste ich mir noch den Bieritz als Nachschlagewerk dazu kaufen. Zur Frage (bzw. dem Problem) des Naturbezugs des Christentums ist Hans-Joachim Werners „Eins mit der Natur“ ein wunderbarer Türöffner. Und ein Augenöffner ist Vivian Dittmars Gebrauchsanweisung für Gefühle. Dieses Buch, in dem Gefühle als „soziale Kräfte“ und der Umgang mit ihnen vorgestellt werden, ist gerade in unserer postfaktischen Zeit unendlich wichtig. Denn jetzt werden ständig auf ziemlich dumme Art „Vernunft“ und „Gefühle“ gegeneinander ausgespielt, sehr gefährlich! Lesen, lesen, lesen – am besten in Kombination mit Marshall Rosenberg! Über das Buch von Diana Richardson, das letzte in dieser Reihe, schweige ich mich hier aus : ))  Ich empfehle aber, in die Materie einzudringen.

Christliche Spiritualität & weitere Weisheitstraditionen. Dazu gehören auch die gerade erwähnten Bücher zur Natur, zum Kirchenjahr und das Exerzitien-Buch. Über eine „Spirituality of Food“ schreibt die Quäkerin Lisa McMinn. Die Bücher von David Steindl-Rast und Henri Nouwen habe ich hier im Blog ja schon vielfältig verarbeitet. Das steht für das Buch von Richard Rohr über das falsche und das wahre Selbst noch aus. Das Buch werde ich mir nochmal als Passions-Lese vornehmen. Richard Rohr setzt hier Christi Sterben und Auferstehung in Bezug zum Sterben des Egos und der Auferstehung des Selbst. Zu gegebener Zeit dazu mehr hier im Blog. Dann noch ein paar Bücher zu anderen Weiheitstraditionen, vor allem John O’Donohues Anam Cara (das nicht unchristlich, aber vor allem keltisch ist) fehlte noch im Bücherregal.

Last but not least gleich vier Bücher aus dem Drachenverlag, meine Entdeckung des letzten Jahres. Der Drachenverlag gibt auch die OYA heraus und ich könnte glatt das halbe Sortiment aufkaufen (natürlich neben dem Sortiment des Arbor-Verlags – dieses Jahr nur ein Buch von dort, aber ein ganz wichtiges). Über Wendel Berrys „Körper und Erde“ ist auch schon ein Blogbeitrag in Arbeit, das Schwitzhüttenbuch wird mögen, wer Schwitzhütten mag und bei der Permakultur will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Prinzipien (über den Ökoanbau hinaus) generell als Bausteine für „gutes Leben“ taugen.

Familienspiritualität

Ich beschäftige mich (immer mal wieder) mit Spiritualität in der Familie. In unserer Familie. Und jetzt habe ich einmal versucht, die ganzen Ideen zusammenzuschreiben: das, was wir machen und das, was wir machen wollen. Ich schreibe dies hier auch, um mich selbst immer wieder an die Ideen zu erinnern – aber natürlich auch, um Anregungen zu geben.

WP_20160824_001 (2) Weiterlesen „Familienspiritualität“

Beten mit Kindern

WP_20160511_002Als ich anfing, mich mit Beten mit Kindern zu beschäftigen, stieß ich auf dieses Buch: Heidi & Jörg Zink: Wie Sonne und Mond einander rufen. Ein Klassiker, leider vergriffen, aber antiquarisch noch erhältlich.

Das Buch ist wunderbar: unpathetisch und weise. (Das einzige, was etwas stört, ist die gelegentliche Gleichsetzung von „Eltern“ und „Mutter“. Da alles andere wirklich gut ist, lese ich darüber einfach hinweg).

In vier Kapiteln gibt es Gebete und Gedanken zu den verschiedenen Anlässen: Tagesablauf, Jahresverlauf, Geburtstag & Taufe, Gebete der Eltern für die Kinder. Dazwischen immer wieder Reflexionen übers Beten und Tipps für den religiösen Familienalltag.

Ein Abschnitt beschäftigt sich ganz grundlegend mit dem „Kindergebet in der Familie“ (S. 117-118). Er beginnt mit einer interessanten Beobachtung:

„Es war noch nie so schwierig, sich in religiösen Dingen auszusprechen, wie heute. Nicht, weil der Glaube selbst schwieriger geworden wäre – der Glaube war auch früher nichts Einfaches – sondern deshalb, weil wir heute mehr von uns verlangen. Unsere Großeltern begnügten sich mit gelernten Versen. Wir verlangen von uns eigene Worte, die unserer besonderen und eigenen Überzeugung Ausdruck geben“ (S. 117).

Es ist knapp vierzig Jahre her, dass die Zinks dies geschrieben haben. Dies spiegelt sicherlich die 70er-Jahre wider, in der nach langer Zeit der Verkrustung nun neu und eigenständig formuliert und gesprochen werden wollte. Aber der Gedanke, nicht zu viel zu verlangen, gefällt mir. Und ich nehme ihn als Plädoyer für vorformulierte, für liturgische Gebete.

Ein paar Hinweise zum Beten möchte ich hier wiedergeben. Da das Buch vergriffen ist, zitiere ich mal etwas ausführlicher.

Wenn man auf vorformulierte Gebete zurückgreift, sollten sie nicht kindisch sein:

„Wenn wir mit Kindern beten, sprechen wir Worte, die sich wie so vieles, was sie hören und nachsprechen, in ihr Herz und Gedächtnis fast unauslöschlich einprägen. Sie sind in der Erinnerung des erwachsenen Menschen mehr oder weniger bewußt noch da und reden und deuten weiter. Wir sollten mit Kindern also Gebete lernen, mit denen der fünfzehnjährige Junge und die vierzigjährig Frau noch etwas anfangen können und mit denen sie sich nicht kindisch vorkommen müssen, wenn sie sie noch einmal zu sprechen versuchen. Kinder werden mit den Worten, die sie lernen erwachsen. Verse, mit denen sie nicht erwachsen werden können, weil sie kindisch und für den Vierzigjährigen nicht mehr wahr sind, sind darum auch für das Kind nicht geeignet. Ein Kind braucht nicht nur das ‚Kindgemäße‘. Es braucht ganz ebenso Gedanken von Erwachsenen, und das heißt: Worte, in die es erst durch langes Hören allmählich eindringt. Wenn die Eltern ein Gebet sprechen, das dem Kind ‚zu hoch‘ ist, weil es dem Anspruch von Erwachsenen entspricht, öffnet sich ihm eine große und fremde Welt, in die hineinzuwachsen ja eben seine Aufgabe und seine Chance ist. […] ‚So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder‘ – diesen Vers betet das Vierjährige mit, und derselbe Vers ist für den Siebzigjährigen immer noch gültig“ (S. 117, 118).

Und Gebete sollen natürlich keinen theologischen Quatsch vermitteln. Gerade auch deshalb, weil sich Gebete (wie Lieder) leicht einnisten. Oft hilft es schon, mit einem Gebet nicht zu viel zu sagen.

„Es ist gut, wenn wir vor Gott – und auch vor den Menschen – im Gebet nicht zu viel sagen. Wer etwa sagt: ‚Ich bin klein, mein Herz mach (oder gar ist) rein, laß niemand drin wohnen als Jesus allein‘, sagt zu viel. So fromm ist kein Einsiedler in der Wüste, daß in seinem Herzen niemand mehr wohnt als Jesus allein. Im Herzen eines Kindes sollen Eltern und Geschwister wohnen und Platz haben […]. (S. 118)

In ein Gebet gehören keine Deutungen. Ein Gebet dient dem Ausdrücken der eigenen Frömmigkeit und nicht der Verkündigung oder Erziehung.

Und ein letzter Tipp: Eltern sollten (ein paar) Gebete auswendig lernen.

Dazu gleich zwei Vorschläge aus dem Buch.

Als Abendgebet:

Die Nacht bricht an
über Stadt und Feld.
Gott segne die Erde,
behüte die Welt.

Als Tischgebet kann man einen Vers aus Christian Morgensterns „Liebe Sonne, liebe Erde“ mit „Alle guten Gaben“ verbinden:

Einer:
Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nicht vergessen werde!

Alle:
Alle guten Gaben,
alles, was wir haben,
kommt, o Gott, von dir.
Wir danken dir dafür. Amen.

Grenzarbeit

Vor Kurzem blieb ich an diesem Satz hängen:

„Gerade im Experimentieren mit Grenzen spiegelt sich das tiefe Bedürfnis nach Entwicklung […]“ (Marascha Daniela Heisig).

Gefunden habe ich den Satz in einem Buch über therapeutische Naturarbeit (S. 41). Ich konnte dem natürlich sofort zustimmen. Doch dann kam mir in den Sinn, dass bei Kinder gerne exakt das Gegenteil geraten wird: Kindern müssten Grenzen gesetzt werden! Weil sie das bräuchten und letztlich sogar einforderten. Und wer seinen Kindern keine setze, ziehe kleine Tyrannen heran oder könne sich schlicht nicht durchsetzen. Wer will das schon.

Kindern Grenzen zu setzen ist einer der populärsten Weiterlesen „Grenzarbeit“

gekippt

Es muss jetzt gut zehn Jahre her sein, dass ich auf Richard Rohr gestoßen bin. Wohl kein anderer spiritueller Autor Lehrer hat mich so geprägt wie er. Deshalb will ich kurz die Geschichte erzählen, wie es dazu kam.

Ich war auf der via podiensis unterwegs und hatte mir als einzige Lektüre ein dünnes Bändchen von Richard Rohr mitgenommen (beim Pilgern muss man ja aufs Gewicht achten!). Es waren seine Geistlichen Reden zur Männerbefreiung, vier verschriftlichte Tonbandmittschnitte aus den 1970er Jahren. Es war das erste, das ich von Richard Rohr gelesen habe. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich zu ihm (oder er zu mir) gekommen ist.

Gleich auf den ersten Seiten hatte ich den ersten Aha-Effekt, aber es bliebt nicht der einzige. Richard Rohr zitiert die Geschichte vom Mann mit der verdorrten Hand aus dem Lukas-Evangelium (Lk 6, 6-11). Es ist eine Heilungsgeschichte, in die ein Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten eingearbeitet ist und in der es um die Frage nach der Autorität Jesu geht.

Für mich war aber etwas ganz anderes spannend, nämlich wie Richard Rohr den Mann mit der lahmen Hand charakterisiert:

Der Mann mit der verdorrten Hand […] ist für mich ein Bild für eine große Anzahl von Männern, die unsere Gesellschaft hervorbringt. Die rechte Hand ist die Hand der Tat, die arbeitet und etwas leistet, die weltverändernd wirkt. Diese Hand ist verdorrt, abgestorben, funktionsgehemmt. Der Krüppel ist ein schwacher Mann.

Bisher hatte ich Heilungsgeschichten immer anders gelesen. Nämlich als diakonische Geschichten. Da gibt es einen Kranken, einen Ausgestoßenen, eine arme Sau. Und dann kommt Jesus und macht ihn gesund, er therapiert, rehablitiert und resozialsiert ihn. Richard Rohr kümmert es an dieser Stelle allerdings wenig, wie diesem Mann vom Leben mitgespielt wurde und dass ihm mal eine kräftige Portion Zuwendung zuteil werden müsste. Stattdessen sinnt er über diesen Männer-Typus nach, über diejenigen, die sich dem Leben verweigern und laff werden. Nicht weil er eine kaputte Hand hat, ist er untätig, sondern andersrum: Weil er nichts werkt und wirkt, nichts bewirkt, hat er eine verdorrte Hand.

Da ist etwas gekippt.

Es war quasi die Initialzündung, bei der ich merkte, dass mir dieser Mensch etwas zu sagen hat. So kam ich zu Richard Rohr und habe es bis heute nicht bereut.

Wer etwas Systematisches von Richard Rohr lesen möchte, dem empfehle ich Weitergehen (das betuliche Cover hat dieses Buch allerdings wirklich nicht verdient!), wer sich stärker für kontemplative Ansätze interessiert, sollte zu Pure Präsenz greifen (Rezension dazu hier).

 

 

Familiäres Barcamp

Am Freitag war ich auf dem openTransfer-Camp zum Thema Familie. Hauptsächlich ging es um Frühe Hilfen – also nicht mein unmittelbares Thema – aber beruflich versuche ich gerade, mir einen Einstieg in die sozialethischen Facetten rund ums Familienleben zu erarbeiten. Und da ich die openTransfer-Camps wunderbar finde und Barcamps für mich ein guter Denk-Inkubator sind, war ich dabei. Ein paar meiner Erkenntnisse halte ich einmal hier fest. Es ist aber kein recap des Barcamps, sondern es sind einfach meine learnings.

Resilienz durch Unperfektheit.

Das Barcamp fand in Essen im Unperfekthaus statt. Eine tolle Location, und programmatisch gibt es wohl keine bessere für ein Barcamp. In einer Session ging es um das Unperfektsein im Parenting. Es wurde eine Studie erwähnt (die ich leider nicht mehr benennen kann), in der das Lautieren von der Mutter mit ihrem 4-monatigem Baby (ja, es ging anscheinend nur um die Mütter…) als ein Indikator für das spätere Bindungsverhaten gesehen wird. Die Kinder der Mütter, die mit ihrem Kind nicht Mitbrabbeln und es nicht beachten, entwickeln ein problematisches Bindunsgverhalten. Das ist noch nicht überraschend. Allerdings entwickeln auch die Kinder, deren Mütter (übertrieben) perfekt auf ihr Kind eingehen, eine ambivalente Bindung. Am besten stehen die Kinder da, deren Müttter zugewandt, aber dabei auch immer wieder „unperfekt“ waren. Eine gute Erkenntnis, finde ich. Ich überspitze sie einmal und behaupte: Unperfektheit schafft Resilienz.

Bildung ist Teil des Problems.

Taucht der Begriff „Bildung“ im Zusammenhang mit Frühförderung auf, wird er fast immer als funktionale Bildung (miss)verstanden. Der Englisch-Kurs in der Kita. Spielzeug, das besondere Fähigkeiten schulen soll. Und so weiter. Bildung wird ja gern als Allheilmittel propagiert: Kein gesellschaftliches Defizit, das nicht durch eine ordentliche Portion Bildung behoben werden könne. Doch vor der Bildung kommt erst einmal die Bindung. In meinen Augen ist Bildung für eine gute kindliche (nein, menschliche) Entwicklung das nachrangigere Konzept. Bindung (zu Vater und Mutter, zu Freunden und Familie, mit der Natur, zur Welt) kommt vor Bildung. Die Mittelschichts-Eltern – die gesellschaftlich den Ton angeben – haben aber tendenziell einen Bildungsfetisch. Und so ist Bildung nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Das ist irgendwie auch bitter.

Gute One-Liner sind wertvoll.

Und noch etwas zum Thema Bildungsarbeit. In einer Session fiel ein interessanter Satz auf die Frage, wie man mit einfachen Worten ein Konzept wie Bedürfnisorientierung jungen Eltern nahebringen kann, die wenig Zugang dazu haben: „Das, was du mit deinem Handy machst, ist genau das, was dein Baby von dir braucht.“ Nämlich Augenkontakt, zärtliche Berührungen, es immer nah am Körper haben etc. Der Satz mag auch etwas Moralisches haben, aber mir geht es hier darum, dass es möglich ist, mit einem einzigen Satz ein ganzes Konzept zu erklären. Natürlich mag ich selbst auch Fachvorträge und mit vielen -ungs, -heits und -keits. Aber wirksam sind in aller Regel die One-Liner – wenn sie denn gut sind.

Ich schätze den Wert solcher „Wirksätze“ (zu denen auch Mantras gehören) immer mehr. Denn die wenigsten Leute ändern ihr Verhalten, weil sie sich mit einem „Konzept“ beschäftigen, sondern weil ein Satz sie getroffen hat, der anfängt, in ihnen zu wirken. Und darum geht es auch in guter Bildungsarbeit: Etwas ins Kippen zu bringen, um über herkömmliche Muster hinauszugehen. Wer wirksam sein will, muss an und mit solchen Wirksätzen arbeiten – ohne in Floskeln, Albernheiten, Küchenpsychologie oder Stammtischparolen zu verfallen. Eine Kunst, sicher.

Rückwärts führt kein Weg.

Ich finde es anregend, auch wieder über traditionelle Ideen nachzudenken. Aber nicht, um zu ihnen zurückzukehren, sondern um den essentiellen Kern, der mal gut und sinnvoll war, ins Heute zu übertragen. Mir gefällt der Dorf-Gedanke, aber ich will nicht in einem pietistischen Dorf der 50er Jahre leben. Mir gefällt die Clan-Idee, aber wir leben nicht mehr in Stämmen. Wir müssen wieder einen viel stärkeren Naturbezug hinkriegen, aber wir können nicht alle aufs Land ziehen. Für mich ist ein möglichst einfaches Leben eine der besten Antworten auf die aktuellen Krisen, aber ich will keine „Renaissance“ einer „einfacherern“ Zeit, sondern eine Weiterentwicklung unserer jetzigen Zeit.

Pierre Teilhard de Chardin, einer der Säulenheiligen evolutionärer Spiritualität, hat einmal gesagt: „Die Welt ist nur nach vorwärts interessant.“ Das finde ich richtig. Und zum Thema Regressivität/Progressivität ist auch Ken Wilbers Pre/Trans-Fallacy sehr hilfreich (einfach mal selbst googlen).

Weniger in Angeboten denken, mehr in Gemeinschaftsformen.

Zu guter Letzt noch ein Gedanke, der etwas mehr „meta“ ist und mich immer wieder beschäftigt: Gesellschaftlichen Defiziten wird in der Regel mit Maßnahmen und Angeboten begegnet. Vorherrschend ist also eine Institutions- bzw. Organisationslogik – und zwar unabhängig, ob es sich um konfessionelle Träger, um die öffentliche Hand oder um Social Businesses handelt. Auch wenn es dabei mittlerweile eine starke Einbindung der konkreten Zielgruppen gibt, letztlich werden Zielgruppen mit Angeboten bespielt. Ein anderer Ansatz wäre es, solche Zielgruppen stärker als besondere Gemeinschaftsformate zu sehen, die eben als solche – also als „Gemeinschaft“ – geformt und unterstützt werden.

Das, was ich hier sagen will, kann man auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Als ich Sozialarbeit studierte, war Einzelfallhilfe die gängige Sozialform (auch wenn der Begriff eher weniger gebräuchlich war). Gegenwärtig gibt es ein Neuaufblühen von Gemeinwesenarbeit und Community Organizing (wenn auch unter veränderten Vorzeichen). Das was allerdings fehlt, ist die Gruppenarbeit, um einmal die etwas oldschoolige Dreiersystematik der Sozialen Arbeit zu bemühen. Das Moment der Gemeinschaftsbildung scheint irgendwie abhanden gekommen zu sein. Bei den aktuellen Gemeinwesen-Ansätzen steht – zumindest nach meiner Beobachtung – gerade nicht die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund, sondern die Akteursvernetzung. Man muss nur einen Blick auf Projektbeschreibungen von Gemeinwesenprojekten werfen: Da wird in einer Nachbarschaft alles mögliche miteinander vernetzt, aber nicht unbedingt vergemeinschaftet.

Bezogen auf die Funktion von Wohlfahrtsverbänden (gerade den konfessionellen!), habe ich vor längerer Zeit schon mal etwas dazu geschrieben. Meine These: Soziale Einrichtungen haben nicht nur die klassischen Rollen von Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter inne, sondern eben auch die des Gemeinschaftsbilders.

Vor kurzem bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang auf den Begriff „Cultural Repair“ gestoßen. Dabei geht es darum, ganz neue Gemeinschaftsformen aufzubauen, um unsere Gesellschaft („Kultur“) zu „reparieren“. Meine Recherche führte leider nicht sehr weit, aber ich will das im Auge behaten. Ich sehe darin viel Wahres. Und Gutes und Schönes.

Väter in Bilder- und Kinderbüchern

Mehr oder weniger durch Zufall bin ich darauf gestoßen: Eine Liste mit Bilder- und Vorlesebüchern, Kinder- und Jugenbüchern, in denen Väter eine bewusste Rolle spielen. Christian Meyn-Schwarze hat sie zusammengestellt und die einzelnen Bücher gemeinsam mit einer kleinen Gruppen von Literaturbegeisterten kommentiert. Die Liste wird jährlich aktualisiert und umfasst momentan rund 300 Titel. UPDATE: Hier ist die aktuelle Liste (Stand Nikolaus 2016) (Stand Nikolaus 2016).

Allein ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis der Liste zeigt schon, wie vielfältig die Kinderbuchliteratur mittlerweile ist:

  • Der werdende Vater
  • Der Vater mit kleinen Kindern – zweites bis viertes Lebensjahr
  • Der Vater mit Kindergartenkindern – viertes bis sechstes Lebensjahr
  • Der Vater mit Schulkindern – siebtes bis zehntes Lebensjahr
  • Der Vater in der Jugendliteratur – ab 10
  • Die Suche nach dem biologischen Vater
  • Der Vater, der um seinen Sohn trauert
  • Der alleinerziehende Vater mit ganz kleinen Kindern
  • Der alleinerziehende Vater mit Kinder ab drei
  • Der alleinerziehende Vater mit Schulkindern
  • Der alleinerziehende Vater mit Jugendlichen
  • Der Vater als Witwer
  • Der getrennt lebende Vater
  • Der Patchwork-Vater / Der „neue“ Vater
  • Der schwule Vater
  • Der soziale Väter – Adoptions- und Pflegevater
  • Der arbeitslose Vater
  • Der kranke Vater – der behinderte Vater
  • Der verstorbene Vater
  • Der Großvater und „Ersatz-Großvater“
  • Abschied vom Großvater
  • Väter in Nebenrollen, die sich positiv hervorheben
  • Erwachsene erinnern sich an ihren Vater
  • Der Vater mit behinderten Kindern
Ich finde das eine wunderbare und wertvolle Arbeit und verlinke sie hier, in der Hoffnung, dass diese Liste noch bekanter wird – und natürlich die Bücher! Schade ist einzig, dass die Liste nur als PDF vorliegt – hier würde sich doch ein Blogprojekt geradezu aufdrängen.