Sachenmachenliste und Büchergelesenhaufen 2016

Huuu, neues Jahr! Schnell noch der Rückblick. Diesmal in zweifacher Ausführung.

Hier erstmal der Rückblick auf die 2016er-Sachenmachen-Liste:

Diesen Blog habe ich – meinen geringen Kenntnissen entsprechend – etwas aufgehübscht. Etwas professioneller soll’s noch werden, das steht noch aus. Aber er soll als Blog erkennbar sein, ganz oldschool. — Im Hohen Venn waren wir, sogar zweimal. Schön da. — Ich habe an insgesamt 5 Seminaren teilgenommen (geplant waren 6), volles Programm. Und siehe, es war sehr gut. Sehr sehr. Thematisch drehte es sich dabei immer um Wandel & Transformation. Viel erfahren und gelernt, und auch auf einer Meta-Ebene prägend (ich bin ja selbst in der Bildungsarbeit tätig und gucke mir gerne was ab). —  Das Sommerfest wurde ein Herbstfest, richtig schön. Und so einfach: Termin festlegen, anderen Kita-Eltern bescheid geben, Kaffeemaschine im Garten installieren und Feuer anmachen. Fertig. — Ich bin ja kein großer Bibelleser (die Geschichten und die Weisheit finde ich toll, aber sowohl als literarisches Werk wie auch als heiliges Buch ist es für mich immer wieder schwierig), daher ab und an mal bestimmte Leseabsichten. Und hier bin ich auf eine wirklich interessante Idee gestoßen: alles, was Jesus gesagt hat, rot markieren. Also eine selbstgemachte Red-Letter-Edition. Noch lange nicht fertig, aber erkenntnisreich. — Das Lastenfahrrad ist noch nicht gekauft, ich liebäugle mittlerweile auch viel mehr mit einem E-Bike samt einem Kindersattel auf dem Oberrohr. — Das Familienseminar bei Sobonfu war richtig gut. Und bei uns reift die Idee, aus dem Format „Familienseminar“ bzw. „Familien auf Seminare“ etwas zu machen. — Sich mit dem Thema Zucker zu beschäftgigen war ein echter Augenöffner (hinter die Erkenntniss, dass eine handeslübliche Tafel Schokolade aus 50g – also der Hälfte! – an Zucker besteht, kann ich nun nicht mehr zurück). Aber zuckerfrei kann und will ich nicht. — Kohlenstofflich habe ich dieses Jahr Jan, Wolfgang, Yvonne, Sandra und Konrad aus meiner Twitteria kennengelernt, beim EmergentForum war ich leider doch nicht. — Ja, und der gute Ort, das wird. Sowohl an Ideen als auch konkret.

Ob es für dieses Jahr auch wieder eine Sachenmachenliste gibt? Ich weiß es noch nicht… Aber jetzt kommt Teil II des Jahresrückblicks:

Das hier sind die Bücher, die ich im letzten Jahr gekauft habe. Nicht alle ganz durchgelesen (Sachbücher lese ich eh nicht linear und außerdem hat Marshall McLuhan ja völlig recht!), aber zumindest erkenntnsigewinnend gelesen. Darum geht’s ja. Ich klage ja immer darüber, dass ich keine Zeit zum Lesen habe, aber mir scheint die These doch nicht ganz haltbar zu sein:

wp_20170104_007Ich will hier jetzt keine Buchbesprechung zu jedem einzelnen machen, nur ein paar rückblickende Beobachtungen aufzählen:

Ja, es sind ausschließlich Sachbücher. Zum Belletrsitiklesen habe ich einfach zu wenig Ruhe. Es gibt ein paar Bücher, die ich aus rein privatem bzw. aus rein beruflichem Interesse lese (letzteres waren eher Bibliotheksbücher, die sind hier nicht mit dabei), aber eigentlich ist das nur schwer zu trennen. Meine privaten und beruflichen Themen sind auch nicht immer zu trennen. Und das finde ich sehr gut so.

Die oberste Reihe sind die Bücher rund um Familie. Man erkennt wohl die Artgerecht/Achtsamkeits-Tendenz. „Wurzeln & Flügel“ habe ich gleich als Tipp in meinem Familienspiritualitäts-Blogpost aufgenommen. Den Doppelband von Joseph Cornell zur Naturerfahrung mit Kindern habe ich mir zugelegt, weil ich eine Waldgruppe in der Kita mache – und musste feststellen, dass Wald solch ein Selbstläufer ist, dass man gar keine Naturspiele braucht.

(Was hier völlig fehlt sind die Kinderbücher. Die meisten leihen wir uns zudem aus der Bibliothek aus)

Das Thema gewaltfreie Kommunikation brachte meine Frau letztes Jahr mit. Ich bin begeistert – weniger als Kommunikations-, sondern als Selbsterkundungsmethode. Und man kann sehen, wie vielseitig die GfK ist. Zwei Bücher (oben rechts) gehören in die Familienreihe, der Übungsbuch-Klassiker ins dienstliche Bücherregal und das „Exerzitien“-Buch nutzt GfK als spirituellen Übungsweg.

Wandel & Transformation – das ist die mittlere Reihe. Durchgearbeitet habe ich die beiden wirklich dicken Schinken von Ursula Seghezzi. Da mich die Frage interessiert, wie/ob ihr Lebensrad mit dem christlichen Kirchenjahr vereinbar ist, musste ich mir noch den Bieritz als Nachschlagewerk dazu kaufen. Zur Frage (bzw. dem Problem) des Naturbezugs des Christentums ist Hans-Joachim Werners „Eins mit der Natur“ ein wunderbarer Türöffner. Und ein Augenöffner ist Vivian Dittmars Gebrauchsanweisung für Gefühle. Dieses Buch, in dem Gefühle als „soziale Kräfte“ und der Umgang mit ihnen vorgestellt werden, ist gerade in unserer postfaktischen Zeit unendlich wichtig. Denn jetzt werden ständig auf ziemlich dumme Art „Vernunft“ und „Gefühle“ gegeneinander ausgespielt, sehr gefährlich! Lesen, lesen, lesen – am besten in Kombination mit Marshall Rosenberg! Über das Buch von Diana Richardson, das letzte in dieser Reihe, schweige ich mich hier aus : ))  Ich empfehle aber, in die Materie einzudringen.

Christliche Spiritualität & weitere Weisheitstraditionen. Dazu gehören auch die gerade erwähnten Bücher zur Natur, zum Kirchenjahr und das Exerzitien-Buch. Über eine „Spirituality of Food“ schreibt die Quäkerin Lisa McMinn. Die Bücher von David Steindl-Rast und Henri Nouwen habe ich hier im Blog ja schon vielfältig verarbeitet. Das steht für das Buch von Richard Rohr über das falsche und das wahre Selbst noch aus. Das Buch werde ich mir nochmal als Passions-Lese vornehmen. Richard Rohr setzt hier Christi Sterben und Auferstehung in Bezug zum Sterben des Egos und der Auferstehung des Selbst. Zu gegebener Zeit dazu mehr hier im Blog. Dann noch ein paar Bücher zu anderen Weiheitstraditionen, vor allem John O’Donohues Anam Cara (das nicht unchristlich, aber vor allem keltisch ist) fehlte noch im Bücherregal.

Last but not least gleich vier Bücher aus dem Drachenverlag, meine Entdeckung des letzten Jahres. Der Drachenverlag gibt auch die OYA heraus und ich könnte glatt das halbe Sortiment aufkaufen (natürlich neben dem Sortiment des Arbor-Verlags – dieses Jahr nur ein Buch von dort, aber ein ganz wichtiges). Über Wendel Berrys „Körper und Erde“ ist auch schon ein Blogbeitrag in Arbeit, das Schwitzhüttenbuch wird mögen, wer Schwitzhütten mag und bei der Permakultur will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Prinzipien (über den Ökoanbau hinaus) generell als Bausteine für „gutes Leben“ taugen.

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Familienspiritualität

Ich beschäftige mich (immer mal wieder) mit Spiritualität in der Familie. In unserer Familie. Und jetzt habe ich einmal versucht, die ganzen Ideen zusammenzuschreiben: das, was wir machen und das, was wir machen wollen. Ich schreibe dies hier auch, um mich selbst immer wieder an die Ideen zu erinnern – aber natürlich auch, um Anregungen zu geben.

WP_20160824_001 (2) Weiterlesen „Familienspiritualität“

Beten mit Kindern

WP_20160511_002Als ich anfing, mich mit Beten mit Kindern zu beschäftigen, stieß ich auf dieses Buch: Heidi & Jörg Zink: Wie Sonne und Mond einander rufen. Ein Klassiker, leider vergriffen, aber antiquarisch noch erhältlich.

Das Buch ist wunderbar: unpathetisch und weise. (Das einzige, was etwas stört, ist die gelegentliche Gleichsetzung von „Eltern“ und „Mutter“. Da alles andere wirklich gut ist, lese ich darüber einfach hinweg).

In vier Kapiteln gibt es Gebete und Gedanken zu den verschiedenen Anlässen: Tagesablauf, Jahresverlauf, Geburtstag & Taufe, Gebete der Eltern für die Kinder. Dazwischen immer wieder Reflexionen übers Beten und Tipps für den religiösen Familienalltag.

Ein Abschnitt beschäftigt sich ganz grundlegend mit dem „Kindergebet in der Familie“ (S. 117-118). Er beginnt mit einer interessanten Beobachtung:

„Es war noch nie so schwierig, sich in religiösen Dingen auszusprechen, wie heute. Nicht, weil der Glaube selbst schwieriger geworden wäre – der Glaube war auch früher nichts Einfaches – sondern deshalb, weil wir heute mehr von uns verlangen. Unsere Großeltern begnügten sich mit gelernten Versen. Wir verlangen von uns eigene Worte, die unserer besonderen und eigenen Überzeugung Ausdruck geben“ (S. 117).

Es ist knapp vierzig Jahre her, dass die Zinks dies geschrieben haben. Dies spiegelt sicherlich die 70er-Jahre wider, in der nach langer Zeit der Verkrustung nun neu und eigenständig formuliert und gesprochen werden wollte. Aber der Gedanke, nicht zu viel zu verlangen, gefällt mir. Und ich nehme ihn als Plädoyer für vorformulierte, für liturgische Gebete.

Ein paar Hinweise zum Beten möchte ich hier wiedergeben. Da das Buch vergriffen ist, zitiere ich mal etwas ausführlicher.

Wenn man auf vorformulierte Gebete zurückgreift, sollten sie nicht kindisch sein:

„Wenn wir mit Kindern beten, sprechen wir Worte, die sich wie so vieles, was sie hören und nachsprechen, in ihr Herz und Gedächtnis fast unauslöschlich einprägen. Sie sind in der Erinnerung des erwachsenen Menschen mehr oder weniger bewußt noch da und reden und deuten weiter. Wir sollten mit Kindern also Gebete lernen, mit denen der fünfzehnjährige Junge und die vierzigjährig Frau noch etwas anfangen können und mit denen sie sich nicht kindisch vorkommen müssen, wenn sie sie noch einmal zu sprechen versuchen. Kinder werden mit den Worten, die sie lernen erwachsen. Verse, mit denen sie nicht erwachsen werden können, weil sie kindisch und für den Vierzigjährigen nicht mehr wahr sind, sind darum auch für das Kind nicht geeignet. Ein Kind braucht nicht nur das ‚Kindgemäße‘. Es braucht ganz ebenso Gedanken von Erwachsenen, und das heißt: Worte, in die es erst durch langes Hören allmählich eindringt. Wenn die Eltern ein Gebet sprechen, das dem Kind ‚zu hoch‘ ist, weil es dem Anspruch von Erwachsenen entspricht, öffnet sich ihm eine große und fremde Welt, in die hineinzuwachsen ja eben seine Aufgabe und seine Chance ist. […] ‚So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder‘ – diesen Vers betet das Vierjährige mit, und derselbe Vers ist für den Siebzigjährigen immer noch gültig“ (S. 117, 118).

Und Gebete sollen natürlich keinen theologischen Quatsch vermitteln. Gerade auch deshalb, weil sich Gebete (wie Lieder) leicht einnisten. Oft hilft es schon, mit einem Gebet nicht zu viel zu sagen.

„Es ist gut, wenn wir vor Gott – und auch vor den Menschen – im Gebet nicht zu viel sagen. Wer etwa sagt: ‚Ich bin klein, mein Herz mach (oder gar ist) rein, laß niemand drin wohnen als Jesus allein‘, sagt zu viel. So fromm ist kein Einsiedler in der Wüste, daß in seinem Herzen niemand mehr wohnt als Jesus allein. Im Herzen eines Kindes sollen Eltern und Geschwister wohnen und Platz haben […]. (S. 118)

In ein Gebet gehören keine Deutungen. Ein Gebet dient dem Ausdrücken der eigenen Frömmigkeit und nicht der Verkündigung oder Erziehung.

Und ein letzter Tipp: Eltern sollten (ein paar) Gebete auswendig lernen.

Dazu gleich zwei Vorschläge aus dem Buch.

Als Abendgebet:

Die Nacht bricht an
über Stadt und Feld.
Gott segne die Erde,
behüte die Welt.

Als Tischgebet kann man einen Vers aus Christian Morgensterns „Liebe Sonne, liebe Erde“ mit „Alle guten Gaben“ verbinden:

Einer:
Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nicht vergessen werde!

Alle:
Alle guten Gaben,
alles, was wir haben,
kommt, o Gott, von dir.
Wir danken dir dafür. Amen.

Familiäres Barcamp

Am Freitag war ich auf dem openTransfer-Camp zum Thema Familie. Hauptsächlich ging es um Frühe Hilfen – also nicht mein unmittelbares Thema – aber beruflich versuche ich gerade, mir einen Einstieg in die sozialethischen Facetten rund ums Familienleben zu erarbeiten. Und da ich die openTransfer-Camps wunderbar finde und Barcamps für mich ein guter Denk-Inkubator sind, war ich dabei. Ein paar meiner Erkenntnisse halte ich einmal hier fest. Es ist aber kein recap des Barcamps, sondern es sind einfach meine learnings.

Resilienz durch Unperfektheit.

Das Barcamp fand in Essen im Unperfekthaus statt. Eine tolle Location, und programmatisch gibt es wohl keine bessere für ein Barcamp. In einer Session ging es um das Unperfektsein im Parenting. Es wurde eine Studie erwähnt (die ich leider nicht mehr benennen kann), in der das Lautieren von der Mutter mit ihrem 4-monatigem Baby (ja, es ging anscheinend nur um die Mütter…) als ein Indikator für das spätere Bindungsverhaten gesehen wird. Die Kinder der Mütter, die mit ihrem Kind nicht Mitbrabbeln und es nicht beachten, entwickeln ein problematisches Bindunsgverhalten. Das ist noch nicht überraschend. Allerdings entwickeln auch die Kinder, deren Mütter (übertrieben) perfekt auf ihr Kind eingehen, eine ambivalente Bindung. Am besten stehen die Kinder da, deren Müttter zugewandt, aber dabei auch immer wieder „unperfekt“ waren. Eine gute Erkenntnis, finde ich. Ich überspitze sie einmal und behaupte: Unperfektheit schafft Resilienz.

Bildung ist Teil des Problems.

Taucht der Begriff „Bildung“ im Zusammenhang mit Frühförderung auf, wird er fast immer als funktionale Bildung (miss)verstanden. Der Englisch-Kurs in der Kita. Spielzeug, das besondere Fähigkeiten schulen soll. Und so weiter. Bildung wird ja gern als Allheilmittel propagiert: Kein gesellschaftliches Defizit, das nicht durch eine ordentliche Portion Bildung behoben werden könne. Doch vor der Bildung kommt erst einmal die Bindung. In meinen Augen ist Bildung für eine gute kindliche (nein, menschliche) Entwicklung das nachrangigere Konzept. Bindung (zu Vater und Mutter, zu Freunden und Familie, mit der Natur, zur Welt) kommt vor Bildung. Die Mittelschichts-Eltern – die gesellschaftlich den Ton angeben – haben aber tendenziell einen Bildungsfetisch. Und so ist Bildung nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Das ist irgendwie auch bitter.

Gute One-Liner sind wertvoll.

Und noch etwas zum Thema Bildungsarbeit. In einer Session fiel ein interessanter Satz auf die Frage, wie man mit einfachen Worten ein Konzept wie Bedürfnisorientierung jungen Eltern nahebringen kann, die wenig Zugang dazu haben: „Das, was du mit deinem Handy machst, ist genau das, was dein Baby von dir braucht.“ Nämlich Augenkontakt, zärtliche Berührungen, es immer nah am Körper haben etc. Der Satz mag auch etwas Moralisches haben, aber mir geht es hier darum, dass es möglich ist, mit einem einzigen Satz ein ganzes Konzept zu erklären. Natürlich mag ich selbst auch Fachvorträge und mit vielen -ungs, -heits und -keits. Aber wirksam sind in aller Regel die One-Liner – wenn sie denn gut sind.

Ich schätze den Wert solcher „Wirksätze“ (zu denen auch Mantras gehören) immer mehr. Denn die wenigsten Leute ändern ihr Verhalten, weil sie sich mit einem „Konzept“ beschäftigen, sondern weil ein Satz sie getroffen hat, der anfängt, in ihnen zu wirken. Und darum geht es auch in guter Bildungsarbeit: Etwas ins Kippen zu bringen, um über herkömmliche Muster hinauszugehen. Wer wirksam sein will, muss an und mit solchen Wirksätzen arbeiten – ohne in Floskeln, Albernheiten, Küchenpsychologie oder Stammtischparolen zu verfallen. Eine Kunst, sicher.

Rückwärts führt kein Weg.

Ich finde es anregend, auch wieder über traditionelle Ideen nachzudenken. Aber nicht, um zu ihnen zurückzukehren, sondern um den essentiellen Kern, der mal gut und sinnvoll war, ins Heute zu übertragen. Mir gefällt der Dorf-Gedanke, aber ich will nicht in einem pietistischen Dorf der 50er Jahre leben. Mir gefällt die Clan-Idee, aber wir leben nicht mehr in Stämmen. Wir müssen wieder einen viel stärkeren Naturbezug hinkriegen, aber wir können nicht alle aufs Land ziehen. Für mich ist ein möglichst einfaches Leben eine der besten Antworten auf die aktuellen Krisen, aber ich will keine „Renaissance“ einer „einfacherern“ Zeit, sondern eine Weiterentwicklung unserer jetzigen Zeit.

Pierre Teilhard de Chardin, einer der Säulenheiligen evolutionärer Spiritualität, hat einmal gesagt: „Die Welt ist nur nach vorwärts interessant.“ Das finde ich richtig. Und zum Thema Regressivität/Progressivität ist auch Ken Wilbers Pre/Trans-Fallacy sehr hilfreich (einfach mal selbst googlen).

Weniger in Angeboten denken, mehr in Gemeinschaftsformen.

Zu guter Letzt noch ein Gedanke, der etwas mehr „meta“ ist und mich immer wieder beschäftigt: Gesellschaftlichen Defiziten wird in der Regel mit Maßnahmen und Angeboten begegnet. Vorherrschend ist also eine Institutions- bzw. Organisationslogik – und zwar unabhängig, ob es sich um konfessionelle Träger, um die öffentliche Hand oder um Social Businesses handelt. Auch wenn es dabei mittlerweile eine starke Einbindung der konkreten Zielgruppen gibt, letztlich werden Zielgruppen mit Angeboten bespielt. Ein anderer Ansatz wäre es, solche Zielgruppen stärker als besondere Gemeinschaftsformate zu sehen, die eben als solche – also als „Gemeinschaft“ – geformt und unterstützt werden.

Das, was ich hier sagen will, kann man auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Als ich Sozialarbeit studierte, war Einzelfallhilfe die gängige Sozialform (auch wenn der Begriff eher weniger gebräuchlich war). Gegenwärtig gibt es ein Neuaufblühen von Gemeinwesenarbeit und Community Organizing (wenn auch unter veränderten Vorzeichen). Das was allerdings fehlt, ist die Gruppenarbeit, um einmal die etwas oldschoolige Dreiersystematik der Sozialen Arbeit zu bemühen. Das Moment der Gemeinschaftsbildung scheint irgendwie abhanden gekommen zu sein. Bei den aktuellen Gemeinwesen-Ansätzen steht – zumindest nach meiner Beobachtung – gerade nicht die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund, sondern die Akteursvernetzung. Man muss nur einen Blick auf Projektbeschreibungen von Gemeinwesenprojekten werfen: Da wird in einer Nachbarschaft alles mögliche miteinander vernetzt, aber nicht unbedingt vergemeinschaftet.

Bezogen auf die Funktion von Wohlfahrtsverbänden (gerade den konfessionellen!), habe ich vor längerer Zeit schon mal etwas dazu geschrieben. Meine These: Soziale Einrichtungen haben nicht nur die klassischen Rollen von Dienstleister, Anwalt und Solidaritätsstifter inne, sondern eben auch die des Gemeinschaftsbilders.

Vor kurzem bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang auf den Begriff „Cultural Repair“ gestoßen. Dabei geht es darum, ganz neue Gemeinschaftsformen aufzubauen, um unsere Gesellschaft („Kultur“) zu „reparieren“. Meine Recherche führte leider nicht sehr weit, aber ich will das im Auge behaten. Ich sehe darin viel Wahres. Und Gutes und Schönes.

Vater-Sohn-Wochenende

Letztes Wochenende war ich – zum ersten Mal – auf einem Vater-Kind-Wochenende. Leider war es nur eine kleine Gruppe mit 5 Vätern und 7 Kindern. Aber es war richtig gut und auch eine wohltuende Erfahrung. Und dem Hannoverjungen hat’s auch gefallen.

Vier kleine Aha-Effekte möchte ich kurz festhalten.

Präsent sein.

Zwei Tage alleine für den Großen da zu sein – das war eine tolle Erfahrung. Es gab keine anderen Verpflichtungen und keine Ablenkungen. Wenn er etwas wollte, hatte ich Zeit. Wunderbar. Dadurch lief Vieles einfach stressfrei – ganz anders als im Alltag. Wir schliefen sogar in einem Bett, auf einer 80cm-Matratze, denn wir  hatten ein Stockbett und mir war klar, dass er nicht alleine schlafen wollte (egal ob oben oder unten). Solche Wochenenden, solche Zeiten braucht es wesentlich häufiger und am besten regelmäßig.

Barmherziger werden.

Ich habe die Macken andere Väter und anderer Kinder mitbekommen. Das tut gut. Es macht mich nämlich barmherziger mit den eigenen Macken und denen meines Kindes. Es gibt Dinge, die mich immer wieder bei meinem Sohn nerven. Und ich erlebe auf einmal die gleichen Dinge bei anderen – und zwar in viel „schlimmeren“ Ausmaß. Das rückt mein eigenes Maß wieder zurecht: Das, was mich ärgert, ist gar nicht so schlimm.

Wollen und nicht können.

Der Hannoverjunge wollte immer mit dabei sein und war es auch. Allerdings gab es Sachen, bei denen er neben den Größeren nicht zum Zuge kam. In der Sporthalle (die luxuriöser Weise zu dem Freizeitheim gehörte) konnte er nicht bei allem mitmachen, weil er zu klein war. Und dann setzt wirklich eine richtige Not ein: wollen und nicht können. Das übertrug sich dann leider auch auf Sachen, die er locker könnte, aber zu denen er dann plötzlich doch nicht mehr in der Lage war. Helfen und trösten hilft dann nicht. Diese Not rührt mich immer sehr an. Und ich kann ihn so gut verstehen.

Wald geht immer.

Wir waren zweimal draußen im Wald und zweimal drinnen in der Sporthalle. In der Halle wurden aus Matten, Bänken und Kästen Hindernisse gebaut und natürlich auch Fußball gespielt, im Wald gab es Waldspiele und Freispiel. Ich finde beides gut. Mir ist aber aufgefallen, wie begrenzt letztlich die Sporthalle ist. Die Energie in einer Sporthalle geht immer in eine Richtung: Auspowern. Im Wald geht das natürlich auch, aber man kann genau so gut abschalten oder runterkommen. Und der Wald bietet mehr Gelegenheiten für altersübergreifendes Spielen: Wenn im Wald ein Ast zu schwer ist, nimmt man halt einen anderen und kann weiterspielen, wenn aber in der Sporthalle ein Kasten zu hoch ist, ist er zu hoch und dieses Spiel geht dann einfach nicht (oder das Setting muss erst wieder umgebaut werden).

 

Dinge hinkriegen (2) – Familienleben

Dinge hinkriegen – nach dem Alltagskram jetzt rund ums Familienleben. Es geht nicht um Tipps und Techniken, sondern um die Grundhaltungen.

Gestaltete Zeiten. Ich halte wenig von der Idee einer „Quality-Time“. Zum einen zeigt das ja nur, dass wir ein akutes Zeitproblem haben (und deshalb schon „qualitative“ von nicht so qualitativen Zeiten unterscheiden wollen), zum anderen beschwört es einen Anspruch herauf, von dem ich mich gerade frei machen will (dass es nämlich dann besonders toll sein muss). Was ich aber sehr mag sind wiederkehrende Zeiten. Sie sind also schon dadurch gestaltet, dass sie erwartbar sind, ritualisiert. Die abendliche „Erzähl deine Geschichte, was du heute gemachst hast, von Bett zu Bett“-Runde, zum Beispiel. Ich habe gemerkt – hier muss ich mich einmal selbst loben – wie gut und hilfreich das Ritual-Radar ist, das ich hier für genau diesen Zweck vorgestellt habe. Ich habe dadurch gemerkt, dass mir diese Zeiten zwar wirklich wichtig sind, ich sie aber letztlich doch mehr dem Zufall überlasse als sie bewusst zu inszenieren.

Möglichst früh Zuhause sein. Gunter Dueck hat das wunderbar auf den Punkt gebracht: Väter gehören nach 17:00 nicht mehr ins Büro. Er sei immer um halb fünf nach Hause gegangen, bis sein Sohn 12 Jahre alt war. Ich finde das sehr gut, dass er das gerade auch als Manager sagt. Und er hat absolut recht: Leute, die viel arbeiten und lange am Arbeiten sind, haben einfach ihr Zeitmanagement nicht im Griff. Oder ihre Unabkömmlichkeitsneurose. Ausnahmen gibt es immer, natürlich. Aber sie dürfen nicht als Legitimation missbraucht werden, dass es ja gar nicht anders ginge. Mir fällt auf, wie viele ältere Väter sagen, dass sie „damals“ echt etwas verpasst hätten und nun bereuen, so wenig zuhause gewesen zu sein. Anfangs hielt ich das für netten (Männer-)Smalltalk. Mittlerweile denke ich, dass es echt ein starkes Bereuen ist. Ich habe immer mal wieder Termine am Abend und am Wochenende. Das sind alles Überstunden, die es mir ermöglichen, deutlich vor fünf nach Hause zu kommen (und ja, ich mach das auch noch nicht konsequent genug!).

Überlebensmodus und Entfaltungsmodus reflektieren. In einem der besten Elternratgeber, den ich bisher gelesen habe (vielleicht folgt hier im Blog noch eine kleine Rezension…) beschreiben Daniel Siegel und Tina Bryson, dass es faktisch zwei Ziele in der Erziehung gibt: Überleben und Entfalten. Im Grunde sind das zwei Grundmodi des Familienlebens: Es gibt Momente, Phasen oder Zeiten, in denen man einfach das ganze Theater nur überstehen  will, Hauptsache man kommt ohne große Kollateralschäden in den nächsten Tag. Und dann gibt es den Wunsch nach Entfaltung und Erfüllung, nach dem guten Leben, den großen Ideen, die man für sich und die Seinen hat. Siegel und Bryson beschreiben nun, dass gerade in den Überlebensmomenten durchaus gute Ansatzpunkte für den Entfalten-Modus liegen. Das mag etwas „advanced“ klingen, aber ich will hier nicht in die Feinheiten dieses Ansatzes einsteigen. Für mich reicht es manchmal schon, zu wissen, dass es diese beiden Modi gibt (und das ich sie wähle). Und wenn ich zu stark im Überlebensmodus reagiere, dass ich mich darin erinnere, dass es auch noch einen anderen Modus gibt.

Vertrauen, das es sich (gut) entwickeln wird. „Alles ist nur eine Phase. Man weiß nur nicht, wie lange sie dauert.“ Klingt vielleicht ein bisschen witzig, ist aber ein weiser Satz. Ein sehr weiser Satz sogar. Und auch wenn es vielleicht platt klingt, mir hat dieser Satz tatsächlich schon des öfteren geholfen.

Was (noch) nicht klappt: Von den Rhythmen und Bedürfnissen der kindlichen Entwicklung her denken. Mir fällt immer wieder auf, wie sehr wir uns in unserem Tun an die Fremdlogiken der uns umgebenden Systemen angepasst haben. Die alles dominierende Grundlogik ist die Erwerbsarbeit. Dementsprechend suchen wir nach Betreuungsmöglichkeiten, die die Zeiten der Erwerbsarbeit abdecken. Deshalb unterwerfen wir uns wiederum den Abholzeiten dieser Einrichtungen. Und so weiter. Das ist alles auch logisch und nachvollziehbar. Aber es ist schon erschreckend, dass wir kaum (gar nicht?) von der Logik der kindlichen Entwicklung her denken. Unserem Hannoverjungen tut beispielsweise ein Mittagsschläfchen nach wie vor sehr gut (er ist viereinviertel), in der Kita gab es das aber nur in der U3-Betreuung. Und das ist nur ein Beispiel unter tausend anderen. Unser (Alltags-)Leben ist eine Verschachtelung von zig Fremdlogiken miteinander, um alles am Laufen zu halten. Hmm…

Was fehlt: Personal (kleiner Scherz). Nein, der Clan.

Dinge hinkriegen (1) – Alltagskram

Seit ich Kinder habe, habe ich das Gefühl, immer hinterher zu hecheln, ständig irgendwelche Dinge nicht hinzuzkriegen. Ich habe dieses Gefühl nicht permanent, aber regelmäßig. Irgendwie gehört es wohl zum Vatersein bzw. Kinderhaben dazu. Wenn dem so ist, dann hat das zwei Konsequenzen.

Erstens: Es grundsätzlich zu akzeptieren. Es geht weniger darum, mein Leben zu optimieren, sondern meine Haltung zu überdenken. Zweitens: Es braucht ein paar möglichst einfache Prinzipien, wie ich gut durch Tag und Leben komme. Ich will mich dabei weder in den Grundsätzlichkeiten der Vereinbarkeitsdebatte noch in Zeitmangementtipps verzetteln. Ich habe einmal zusammengetragen, was ich hilfreich finde.

Pen & Paper. Das wichtigste (und einzige) Tool, das ich habe: Mein ToDo-Buch. Es ist eine schwarze Notizbuchkladde im A5-Format mit nummerierten Blanko-Blättern. Darein schreibe ich alles, was an Aufgaben anfällt, und zwar sowohl berufliche wie auch private, kurzfristige wie langfristige Aufgaben. Ich finde es wichtig, alles an einem Ort zu haben. Wenn die Aufgabe erfüllt ist, streiche ich sie durch, wenn die ganze Seite erledigt ist, reiße ich sie heraus. Fertig. Ich habe imer mal wieder mit verschiedenen Rubriken experimentiert (zum Beispiel nach Tätigkeiten sortiert: telefonieren, überweisen, recherchieren, schreiben, konzipieren etc), aber umso differenzierter das Ganze angelegt ist, desto weniger taugt es für mich. Ich nutze keine digitalen Tools. Das liegt daran, dass ich ein Pen-and-Paper-Mensch bin. Ich habe so die beste Übersicht, das handschriftliche Niederschreiben (und Durchstreichen!) ist ein wichtiger Akt und wenn das Tool mal abstürzt, hebe ich es einfach wieder auf und muss keine Sorge haben, dass es nicht wieder hochfährt.

Effektiv vor effizient. Es gibt viele gute Zeitmanagement-Tipps. Doch oft kreisen sie darum, die Effizienz zu steigern. Mir ist aber mittlerweile wichtiger, dass bestimmte Aufgaben wirksam erledigt werden (wirksam, nicht perfekt!) und ich habe gemerkt, dass mir Effektivität wichtiger ist als Effizienz. Natürlich könnte ich die Effizienz an vielen Stellen noch steigern, aber die Energie setze ich lieber in die Effektivität. Effektiv zu sein macht auch viel mehr Spaß als effizient zu sein. Das, was ich dann nicht hinkriege, ist wahrscheinlich einfach zu viel – und nicht einfach durch höhrer Effizienz zu lösen.

In den Tagesablauf einbauen. Wiederkehrenden Angelegenheit müssen einen Platz im Tagesablauf finden können. Zumindest theoretisch. Was dort nicht rein passt, passt einfach nicht. Ende.

Mit dem Tagesrhythmus arbeiten. Ich merke deutlich, dass es für bestimmte Aufgaben die richtige und die falsche Tagesszeit gibt. Ich nutze das allerdings zu wenig. Langfristig will ich versuchen, auch stärker mit den Jahreszeiten und der Witterung zu arbeiten (aber davon bin ich weit entfernt).

Mit dem Job koppeln. Ich versuche, möglichst viele Besorgungen direkt vor oder nach der Arbeit zu erledigen, damit entfällt ein Anfahrtsweg. Zum Friseur gehe ich immer in der Nähe meiner Arbeitsstelle, oft in der Mittagspause.

Die Auswahl reduzieren, wo immer es geht. Ich hatte darauf ja schon mal beim Jeans-Kauf hingewiesen. Und selbst bei der Bewältigung der Informationsflut, die auf mich einstürzt, nutze ich das (immer öfter): Ich lese möglichst viel zu meinen thematischen Schwerpunkten. Darüber hinaus nur das, was mir von anderen empfohlen wird (meist via Twitter). Sonst nichts.

Viele Termine und Verpflichtungen sind nicht wirklich wichtig. Sie mögen dringend sein, aber nicht wichtig. Nun gut, das ist bekannt. Mir hilft immer mal wieder diese kleine Übung: Stell dir vor, wie du in einem (in zwei, fünf, zehn) Jahren über diesen Termin denken wirst: Wird der Termin in der Rückschau immer noch wichtig gewesen sein? Wurde dort tatsächlich eine Entscheidung getroffen, die bis heute Auswirkungen hat? Die Antwort wird in den meisten Fällen „nein“ lauten. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn ich den Termin absage. Eine von Richard Rohrs 5 initiatorischen Wahrheiten lautet ja: „Du  bist nicht wichtig.“ Und das stimmt. Omnipotenzphantasien sollte man eh nicht zu viel Raum geben.

Kleine Zeitfenster nicht verplanen. Es bringt eh nichts.

Schlafen, wenn immer es möglich ist. Es bringt mehr, als alles andere.

Was (noch) nicht klappt: Meine Energie-Räuber ausrotten. Abends sitze ich oft zu lange vor dem Rechner und dödele so rum. Schlafen zu gehen wäre wesentlich sinnvoller. Oder mit Freunden zu telefonieren (dazu später mehr). Oder einfach im Wohnzimmer zu tanzen (auch dazu später mehr). Kann ich nicht oder will ich nicht?