Resonanzkompass

Mit der Welt in Beziehung treten, sich Welt anverwandeln.
(Hartmut Rosa)

Das ist das Programm der Rosa’schen „Resonanzpädagogik“ (Rosa/Endres: Resonanzpädagogik, Beltz, 2016). Resonanzpädagogik geht über Aneignung einer Sache hinaus, es geht um ihre Anverwandlung. Aneignung bedeutet Kompetenzerwerb. „Anverwandlung bedeutet, sich eine Sache so zu eigen zu machen,  […] dass sie mich existenziell berührt oder tendenziell sogar verändert“ (S. 16). Und weiter: „Die Idee von Bildung ist, Welt für die Subjekte zum Sprechen zu bringen oder in Resonanz zu versetzen. Bildung bedeutet also weder Welt-Wissen zu erwerben, noch bedeutet es, sich selbst zu bilden, sondern Bildung ist Weltbeziehungs-Bildung“ (S. 18).

Ob das wirklich ein schuldidaktisches Konzept ist, kann ich nicht beurteilen (da ich kein Schul-Pädagoge bin), aber es ist auf jeden Fall ein lebensdidaktisches Konzept. Die Haltung dahinter passt (mir), sie ist wohltuend.

Auf die Frage, ob es denn so etwas wie einen „Resonanzkompass“ gebe, antwortet Hartmut Rosa:

„Einen Resonanzkompass kann ich so einfach nicht bieten. Aber ich glaube, dass wir versuchen können, einen zu entwickeln. Er ist ein feines Instrument, das uns anzeigen soll, in welcher Richtung möglicher Weise Lösungen zu finden sind. Und so wie ein Kompass über Magnetfelder oder Kraftfelder funktioniert, so können wir vielleicht versuchen, auch Orientierungen in unseren Weltbeziehungen und Lebensformen zu gewinnen. Dann könnte ich mich fragen, was war es eigentlich, was ich mir vom Leben versprochen habe und das ich jetzt vermisse? Und dann würden wir wahrscheinlich feststellen, […] dass es darum geht, herauszufinden, welche Weltausschnitte, welche Personen, welche Gegenden, welche kulturellen Dinge uns ansprechen können, welche uns zum Klingen bringen können“ (Hartmut Rosa in Rosa/Endres, S. 96).

Und dann habe ich gedacht: Na, da ist er doch, der Kompass! Er besteht einfach aus den beiden genannten Fragen:

  • Was vermisse ich, was ich mir eigentlich vom Leben versprochen habe?
  • Welche Weltausschnitte bringen mich zum Klingen?

Ich hoffe, dass Rosas Werk dazu beiträgt, dass diese Fragen in der Schule gestellt werden. Aber man kann sich auch einfach selbst diese Fragen stellen, immer mal wieder. Vielleicht gerade in Zeiten, in denen man irgendwie feststeckt.

Was vermisse ich? Etwas, das ich mir erhofft habe und das aus welchen Gründen auch immer bisher nicht eingetreten ist. Mit anderen Worten: Ich schaue auf meine unerfüllten Sehnsüchte. Auf meine Bedürfnisse, die momentan im Mangel sind. Die eigenen Bedürfnisse kann man selbst ergründen, auch wenn es manchmal erst etwas geübt werden muss.

Welche Weltausschnitte bringen mich zum Klingen? Wie stoße ich auf meine Weltanverwandlungsausschnitte? Das ist schon schwieriger. Gezielt suchen, zufällig finden (Serendipidität) oder darauf gestoßen werden – all das ist möglich. Gute Fragen für die Suche nach dem, was mich zum  Klingen bringt, sind: Worein kannst du dich stundenlang vertiefen? Wovon kannst du mit Begeisterung erzählen? Wofür würdest du morgens freiwillig früher aufstehen? Was hast du als Kind gerne gemacht? [*]

Das ist der Kompass. Im Grunde ist es schon mehr als ein Kompass, denn er zeigt ja bereits einen Kurs an. Fehlt dann nur noch die Route.

[*] Die letzten beiden Fragen habe ich aus diesem Video von Nicola Schmidt. Anderes Thema, aber die Fragen passen gut hierhin.

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Hoffnung durch Handeln durchgebloggt – Mein Fazit (activehope #08)

Zwei Dinge finde ich an Joanna Macys Active Hope-Ansatz wirklich genial. Zum einen die Erkenntnis, dass es 3 Grundtypen von Stories über den Gang der Welt gibt: die Das-ist-der-normale-Gang-der-Dinge-Geschichte („So läuft das halt“), die Alles-geht-den-Bach-runter-Geschichte („Früher war alles besser“) und die Großer-Wandel-Geschichte („Ein anderes Leben ist möglich“). In der ersten Geschichte ist grundlegender Wandel kaum möglich, stattdessen gibt es hier und da Optimierungen, die wir fälschlicher Weise für Wandel halten (bestes Beispiel sind momentan Autos mit Elektroantrieb, die angeblich „die Zukunft“ sind, aber kein einziges Verkehrsproblem wirklich lösen). In der zweiten Geschichte gibt es einzig und allein einen Wandel zum Schlechten und in der dritten Geschichten sind wir selbst der Wandel, wir & jetzt.

Und dann ist da Joanna Macys „Arbeit, die wieder verbindet“, die sie in ihrem jahrzehntelangen Engagement in der Friedens- und Umweltbewegung entdeckt bzw. entwickelt hat. Sie schlägt die Bearbeitung von vier Schritten in einer bestimmten Reihenfolge vor – Dankbarkeit, Schmerz, Neues Sehen, Weitergehen – um den Großen Wandel zu ermöglichen. Diese Spirale ist die Alternative zum PDCA-Zyklus in der Das-ist-der-normale-Gang-der-Dinge-Geschichte und dem Teufelskreis in der Alles-geht-den-Bach-runter-Geschichte.

Ich nutze die Spirale mittlerweile recht häufig zur  didaktischen Reflexion. Sie deckt sich dabei mit den Jahreszeiten-Qualitäten des Lebenskompasses von Ursula Seghezzi: Herbst/Dankbarkeit, Winter/Trauer, Frühling/Neues Sehen, Weitergehen und (gemeinsames) Handeln/Sommer. Diese Analogie ist für mich eine tolle Entdeckung. Sie zeigt mir noch einmal, wie bedeutsam die Reihenfolge der Spirale ist, weil sie einer natürlichen Struktur entspricht.

Die Erkenntnisse hinter den 3 Geschichten und den 4 Schritten mögen schlicht sein, aber stimmig. Und aus didaktischer Sicht kann ich bestätigen, dass sie in die Tiefe führen (können) und genau die relevanten Punkte in Wandlungsprozessen berühren.

Das Buch „Hoffnung durch Handeln“ hat durchaus auch nicht ganz so gelungene Seiten: Den Aufbau finde ich nicht ganz stringent, die Gliederung ist etwas unübersichtlich. Manches ist etwas langatmig und auch mit dem amerikanischen Stil tue ich mich eher schwer. Dies sei einfach der Vollständigkeit halber gesagt…

Wer weitere Anregungen sucht, kann ja mal dieses Schaubild meditieren (auch wenn es etwas überfrachtet ist). Oder dieses Interview mit Joanna Macy lesen.

Für mich ist der nächste Schritt – der aber noch einiges an Sinnieren und Probieren erfordert – Joanna Macys Grundidee mit der Arbeit und den spirituellen Übungen von Pia Gyger zu verbinden. Es gibt Parallelen in den beiden Werken – auch wenn sie völlig unterschiedlich sind – und ich habe das Gefühl, dass das gut zusammenpasst und und auch nochmal richtig Wumms geben würde. Allerdings ist das im Moment nur ein Bauchgefühl, bisher habe ich noch keinen richtigen Dreh, beide  konkret zu verbinden. Kommt noch.

Abschließend noch einmal alle acht Blogbeiträge von mir in der Übersicht:

Hoffnung durch Handel (avtivehope #01)Einführung
Hoffnungsgründe (ativehope #02)
Beginnen mit Dankbarkeit (activehope #03)1. Schritt
Warum ändert man nichts? (activehope #04)
Den Schmerz würdigen (activehope #05)2. Schritt
Neues Sehen (activehope #06)3. Schritt
Weitergehen und Handeln (activehope #07)4. Schritt
Hoffnung durch Handeln durchgebloggt – Mein Fazit (activehope #08) –> das ist hier!

Weitergehen und Handeln (activehope #07)

Im 4. Schritt von Active Hope geht es darum, ins Handeln zu kommen – so ja auch die deutsche Übersetzung von Active Hope: Hoffnung durch Handeln. Das braucht visionäre Begeisterung und pragmatische Unterstützung.

Wie komme ich ins Handeln? Wie kann ich nach den ersten drei Schritten von Dankbarkeit, Schmerz und Perspektivwechsel nun gut und gestärkt weitergehen? Ich habe drei Ideen ausgesucht und noch um eine vierte ergänzt.

Gleichzeitig „groß“ und „klein“ denken

Der Übung „Identifiziere dich mit deinen Zielen und Ressourcen“ (S. 181-182) habe ich ich diese beiden Fragen entnommen:

  • Wenn du wüsstest, dass du nicht scheitern könntest, was würdest du dann am liebsten für die Gesundung der Welt tun? (S. 181)
  • Welchen Schritt kannst du innerhalb der nächsten Woche machen, ganz gleich, wie klein er sein mag […], der dich deinem Ziel näher bringt? (S. 182)

Die erste ermutigt dazu, wirklich „groß“ zu denken, die zweite würdigt die ganz kleinen Schritte, mit denen alles beginnt. Diese beiden Fragen eignen sich gut für pädagogische Prozesse, am besten in Dyaden oder Triaden – und ruhig langsam angehen

Drei Unterstützungsarten

Um Unterstützung aufzubauen, ist es gut, die drei wichtigsten Unterstützungsarten einzeln zu betrachten: Verbündete, Wissen und Rüstzeug. Das hatte ich bereits in diesem Blogbeirag erwähnt. Also:

  • Welche Verbündeten brauche ich?
  • Welches Wissen brauchen ich?
  • Welches Rüstzeug (Fähigkeiten, Methoden, Anleitungen…) brauche ich?

Gelübde schreiben

„Gelübde“ ist wirklich ein seltenes Wort. Es meint ein selbst gewähltes Versprechen, das man sich gibt, im kommunitären Zusammenhang ist es eine Lebensregel, auf die sich eine Gemeinschaft verpflichtet. Joanna Macy formulierte ein Gelübde, nach dem sie dieser Idee zunächst skeptisch gegenüberstand. Es war ihr wohl religiös zu aufgeladen. Aber die Idee ist simpel und gut: Formuliere eine persönliche Lebensregel (die nur für die gilt und der nur du dich selbst zu verantworten hast), die aus maximal fünf Punkten besteht.

Peter Aschoff zitiert Joanna Macys Gelübde in einem Beitrag auf seinem Blog und vergleicht es auch gleich mit der Lebensregel der Iona-Gemeinschaft. Dies war übrigens eine meiner ersten Begegnungen mit dem Werk von Joanna Macy.

Aufmerksamkeit auf meinen Einflussbereich lenken

Diese ist Idee habe ich hier auf dem Pioneers of Change-Blog von Martin Kircher gefunden. Es ist ein ganz einfaches Bild, das nur aus zwei konzentrischen Kreisen besteht: Der größere umfasst alles, was mich beschäftigt („circle of concern“), der kleinere umfasst das, worauf ich selbst einen Einfluss habe („circle of influence“). Es geht schlicht und einfach darum, beides zu unterscheiden und die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was ich selbst beeinflussen kann – um dann zu versuchen, diesen Bereich zu vergrößern.

***

Zu guter Letzt: Die Änderung der Vorhersehung

Joanna Macy zitiert eine schöne Passage, die Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben wird (wahrscheinlich aber von W. H. Murray ist):

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Neues Sehen (activehope #06)

Weiter mit meiner Blog-Serie zu Joanna Macys Active Hope: Nachdem man mit der Dankbarkeit begonnen und den Schmerz gewürdigt hat, kann nun der dritte Schritt der Spirale kommen: Mit neuen Augen sehen. Joanna Macy nutzt dafür vier Mut machende Veränderungen der Wahrnehmung:

„Wir sehen sie gerne als vier Entdeckungen an: eine erweiterte Sichtweise vom ‚Selbst‘, eine andere Art von Macht, eine tiefere Erfahrung von Gemeinschaft und das Denken in längeren Zeiträumen“ (S. 83).

Diese vier Wahrnehmungsänderungen – sind es wirklich Wahrnehmungsänderungen oder ist es nicht eher ein Reframing, also eine Änderung des Deutungsrahmens? – bezieht Joanna Macy natürlich immer auf ihr Großthema „sozialökologischer Wandel“. Es ist also eine gezielte Auseinandersetzung mit diesen vier vorgegebenen Themen (oder Teilen davon), die zu einem Perspektivwechsel des Ausgangszustandes führen mögen.

Um sich mit diesen vier Themen auseinanderzusetzen (oder auch mit anderen Aspekten, die im Prozess auftauchen), kann man überlegen, was das jeweilige Thema in den drei Geschichten business aus usual, fortschreitender Zerfall und Großer Wandel bedeutet und welche unterschiedliche Sicht dadurch möglich wird.

Gerade der neue Zugang zum Zeitverständnis ist spannend. Das „holt uns aus den Minidramen des business as usual heraus und verpflanzt uns in eine wahrere und umfassendere Geschichte“ (S. 142). Hier gibt es zwei Ansätze: Zum einen in längeren, größeren, weiteren Zeiträumen zu denken – dies ist ein wesentlicher Unterschied zum business as usual-Modell, das per se kurzfristig denkt.

Zum anderen kann es fruchtbar sein, von der Vergangenheit und von der Zukunft her zu denken, oder genauer: mit den realen oder imaginierten Vorfahren und Nachfahren zu arbeiten. Man sollte dann allerdings beachten, dass didaktisch hier vier Ansätze möglich sind, da es zwei Zeitdimensionen (Vergangenheit und Zukunft) und zwei Zeitrichtungen (mit und gegen den Lauf der Zeit) gibt. Im Buch Hoffnung durch Handeln kommt das meiner Meinung nach nicht klar genug heraus. Man kann sich die Zukunft vorstellen („Brief an die Zukunft“, S. 149) oder einen imiginären Rückblick von der Zukunft auf uns versuchen („Brief von der 7. Generation an uns“, S. 148; siehe auch S. 159-160). Beim Arbeiten mit der Vergangenheit kommt man in Bereiche, die vor allem von der sytemischen Aufstellung genutzt werden: Man kann den Vorausgegangenen für das danken, was sie uns ermöglicht haben bzw. zurückweisen, was wir nicht weiterführen möchten. Oder man versucht, sich in die Kraft und den Segen der Ahnen  zustellen.

All das passt methodisch nun nicht immer. Deshalb schlage ich noch zwei weitere Vorgehensweisen vor, die ganz anders geartet sind, aber genau der Idee des „Mit neuen Augen sehen“ entsprechen:

Einfach kommen lassen

Oft kommen wir nicht auf Neues, weil wir dem Neuen gar keinen Raum geben. Dann können wir es halt auch nicht sehen. Wir suchen permanent Ablenkung oder denken, dass wir Impulse oder Inspiration von außen brauchen und schütten uns damit zu. Und so können wir gar nicht bemerken, was bereits in uns ist.

Einfachste Intervention: Nichts tun, einfach mal nichts tun. Und das aushalten, ohne Ablenkung oder Inspiration zu suchen. Genauer gesagt ist es nicht „nichts tun“ – denn genauso wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man strenggenommen auch nicht „nichts tun“ – sondern ein „nicht Tun“. Ähnlich dem daoistischen wu wei.

Der „Trick“ dabei ist: Wenn man Dankbarkeit und Trauer/Schmerz wirklich wahrgenommen hat, wenn sie ihren Raum bekommen haben, wenn man sie an den richtigen Platz gerückt hat, dann wird in diesem 3. Schritt nicht „nichts“ sein, sondern es wird sich etwas zeigen. Vielleicht dauert es etwas…

Bedürfnisse ins Spiel bringen

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die ersten beiden Schritte: Das, wofür man dankbar ist, deutet auf erfüllte Bedürfnisse hin und das, worüber man trauert, deutet auf unerfüllte Bedürfnisse hin. Da man sich also schon intensiv mit den betroffenen Bedürfnissen beschäftigt hat – auch ohne dies so zu nennen – könnte man im dritten Schritt damit fortfahren.

Wie können die Bedürfnisse, die im Mangel sind, gestillt werden? Dazu schaut man, welche Bedürfnisse in den ersten beiden Schritten aufgetaucht sind – meist muss man sie noch einmal klar benennen – und überlegt, mit welchen anderen als der bisherigen Strategien („Lösungen“, „Maßnahmen“) sie zu befriedigen sind. Auch das kann eine Art des „Neuen Sehens“ im Dritten Schritt von Active Hope sein.

Kinder in den Wald

In der Kita vom Hannoverjungen habe ich im letzten Jahr Waldtage gemacht, insgesamt zwölf Stück. Im Grunde waren es Waldvormittage: Eine feste Gruppe mit acht Vier- und Fünfjährigen, eine  Erzieherin der Kita und ich zogen für 3 Stunden in den nahe gelegenen Wald(streifen).

Fünf Gedanken will ich hier teilen. Und danach meine Lieblings-Waldbücher empfehlen.

Wald ist ein Selbstläufer. Man muss fast nichts machen. Das musste ich erst lernen. Am Anfang hatte ich immer kleine Spiele vorbereitet, so die Klassiker: Suchaufträge, Fühlmemory usw. Aber die Kinder wollten das gar nicht, sie wollten einen anderen Klassiker: Freispiel. Einfach im Wald sein: Toben, Buddeln, Entdecken, Bauen. Sie wissen etwas mit sich und dem Wald anzufangen. Wir mussten wenig „machen“, hauptsächlich den Rahmen gestalten: Nest bauen, Morgenlied singen, frühstücken. Und zum Schluss wieder in den Kreis und ein Abschlusslied singen.

Die Gestimmtheit im Wald. Wald ist etwas Besonderes. Es gibt einige Landschaften, die eine ganz eigene Gestimmtheit ausstrahlen: Küste, Berge, Wüste… Und eben auch der Wald. Das merken auch die Kinder. Ich habe den Eindruck, dass sie anders spielen. Und das liegt nicht einfach nur am draußen sein, es hat etwas mit dem Wald selbst zu tun. Das fiel mir besonders im Vergleich zur Wiese auf. Einige wenige Male haben wir einen Teil der Zeit auf einer parkähnlichen Wiese neben dem Wald verbracht. Das Spiel und die Stimmung der Kindern waren anders. Ich empfand einen unterschwellige Aufforderung nach Animation und Entertainment, die ich im Wald so nie gespürt habe.

Wald bietet viel. Wald geht bei fast jedem Wetter. Während man in der Kita bei Regen natürlich drin bleibt, ist Regen im Wald kein großes Problem. Die Bäume halten einiges ab, zur Not spannt man eine Plane und matschige Erde ist ja eh wunderbar (das eine oder andere Mal hatte ich echt ein bisschen Sorge, Ärger von den anderen Eltern zu bekommen, weil die Kinder wirklich richtig, richtig dreckig zurückkamen). – Was der Wald auch wie kaum eine andere Umgebung bietet: Man kann sich dort wunderbar gemeinsam und alleine beschäftigen. Man kann jederzeit wechseln, grad was für einen am besten passt. Immer wieder gab es Kinder, die für eine zeitlang ganz alleine gespielt haben.

Warum Wald? Bindung vor Bildung ist ja eins der Mantren der bedürfnisorientierten Erziehung. Ich finde das auch ganz richtig. Und neben der Bindung/Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Familie und Freunden ist für mich eben auch die Bindung zur Natur von ganz großer Bedeutung. Ich glaube, dass es keine Überdosis Natur gib (wohl aber eine Überdosis Gruppenraum!). Also: Raus, so oft es geht! Aber eben nicht nur einfach nach draußen , sondern möglichst naturnah. Wenn man die drei bisherigen Gedanken zusammennimmt – Selbstläufer, Gestimmtheit und Potenzial – dann frage ich mich, warum Kindergarten-Kinder nicht viel, viel öfter in der Natur sind.

Input & Output. 12 mal vormittags in den Wald erforderte exakt eine Woche Überstunden und 3 Tage Urlaub. Das ist machbar. Besser ist es natürlich, wenn man sich das mit mehreren teilt, aber mir war wichtig, dass es überhaupt losgeht und funktioniert, da ist es nicht verkehrt, wenn das in einer Hand liegt. Ich hatte nicht immer Lust dazu, aber jedes Mal war ich nachher glücklich (siehe den zweiten Punkt!). Den Kindern hat’s richtig gut gefallen. Und auf einmal gab es noch eine zweite Waldgruppe für eine andere Kita-Gruppe. Wegen der Gerechtigkeit (ich finde, Wald selbst hätte als Argument gereicht, aber so ist es natürlich auch gut). Der Hannoverjunge kommt nun in die Schule, heute war der letzte Kindergartentag. Aber die Waldtage gehen weiter. Die nächsten Väter stehen schon in den Startlöchern.

***

Hier nun meine Lieblings-Waldbücher. Es gibt zu dem Thema mittlerweile Unzähliges, daher empfehle ich gerne eine kleine, feine Auswahl.

Aber weiterhin gilt, was ich ganz am Anfang schon geschrieben habe: Der Wald ist ein Selbstläufer, man braucht also auch keine Bücher. Doch ich stöbere immer gerne und mir hilft das, mich selbst einzustimmen.

Ich glaube, man kann grob zwei Arten von Naturerfahrung(sspiel)en unterscheiden: nämlich das Erforschen der Natur und das sich Verbinden mit der Natur. Mein Ansatz zielt vor allem auf die Verbundenheit. In den vier folgenden Büchern findet man einige richtig tolle Ideen und Übungen dazu.

Eines „meiner“ ersten Naturbücher war Susanne Fischer-Rizzis Mit der Wildnis verbunden – Kraft schöpfen, Heilung finden (antiquarisch, es gibt aber eine Neuauflage). Es ist schon recht speziell, eine Mischung aus Weisheitswissen und Naturspiritualität, wunderbar. Es kreist immer wieder um das, was ich oben als „Gestimmtheit“ bezeichnet habe. Und übers ganze Buch verteilt sind ca. 50 „Ideen zum Ausprobieren“. Nicht unbedingt für Kindergartenkinder geeignet, aber für sich selbst: zum selbst Ausprobieren und zum Reinkommen in eine ganz andere Beziehung zur Natur. (Danke Joerg!)

Ein gutes Buch mit vielen konkreten Ideen zu Naturaktionen und -spielen ist Waldfühlungen (gibt’s auch als Wiesen-, Wasser- und Wetterfühlungen). Die Naturideen sind nach Jahreszeiten geordnet, die Wahrnehmungsübungen nochmal nach Sinnen sortiert. Und vor allem viel zu Bäumen (inklusive Mythologie und Geschichten zu den verschiedenen Bäumen), mich faszinieren Bäume einfach…

In der Naturwerkstatt Landart aus dem AT Verlag gibt es neben viel Grundlegendem zur Naturkunst auch ein extra Kapitel rund um Landart mit Kindergartenkinder (ebenso auch für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene). Auch wenn ich es nicht ausprobiert habe, scheint mir das sehr praxistauglich zu sein. Und über Landart hinaus finden sich hier auch etliche weitere gute Aktionen zur Naturverbundenheit, es muss nicht immer gleich ein Kunstwerk erschaffen werden.

Michael Kalffs Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik (nur noch antiquarisch, je nach Angebotslage recht teuer, aber lohnend!) ist ein Klassiker. Im Untertitel wird gleich der „Umwelt“-Begriff zurechtgerückt, denn es geht um ein „tieferes Mitweltverständnis“, und so ist das Buch im Grunde eine Art Tiefenökologie-Pädagogik, auch wenn dieser Begriff gar nicht fällt. Das Buch zielt auf eine meditative Naturbegegnung und -erfahrung, dazu bietet Michael Kalff gute didaktische Reflexionen. Anfang der 90er geschrieben, atmet es auch noch etwas den Geist der 80er, ich mag das. Sehr textlastig, sehr gehaltvoll.

Wer Aktionen und Ideen sucht, bei denen stärker das Entdecken & Erforschen im Vordergrund steht, sollte unbedingt den Ordner Kinder entdecken die Natur – Aktionsordner von der Naturschutzjugend (NAJU) bestellen. Allerdings richten sich die Aktionen an Kinder ab 6 Jahren, also für Kindergartenkinder eher nicht geeignet. Das passt aber auch zu meiner Erfahrung, dass die mitgenommenen Becherlupen überhaupt nicht der Renner waren…

Last but not least will ich noch den Natur-Spiele-Klassiker von Joseph Cornell erwähnen: Mit Cornell die Natur erleben – Naturerfahrungsspiele für Kinder und Jugendliche. Es ist quasi eine Kreuzung von Umweltbildung mit amerikanischer New Games-Tradition. Joseph Cornell hat in seiner Didaktik eine  vierschrittige Dramaturgie entwickelt: 1. Begeisterung wecken, 2. Konzentriert wahrnehmen, 3. Unmittelbar erfahren/verbinden, 4. Gemeinsam teilhaben. Diese vier Typen und auch die Abfolge finde ich plausibel und ich habe meine Ideen-Sammlung danach strukturiert.

***

Was mir gefehlt hat, ist eine gute Liedersammlung. Entweder habe ich falsch gesucht oder es gibt wirklich nichts Dolles. Ich werde auf jeden Fall nochmal meine Sammlung an Schöpfungs- & Naturliedern zusammenstellen, das kommt aber gesondert in einem Blogpost (und dann nicht nur für Kinder).

Wir haben zum Abschluss immer das Lied „Du hast uns deine Welt geschenkt“ gesungen. Mit zwei kleinen Änderungen: Statt „Herr“ singen wir „Gott“, und nach jeder Strophe rufen die Kinder rein, welche zwei Naturdinge wir in die nächste Strophe einbauen. Irgendetwas, das wir an dem Tag gesehen haben.

Den Schmerz würdigen (activehope #05)

Nun (endlich!) zum zweiten Schritt von Joanna Macys Active-Hope-Spirale. Sie nennt ihn „Unseren Schmerz um die Welt würdigen“. Joanna Macy ist ja eine Vertreterin der Tiefenökologie – deshalb geht es bei ihr immer um den Zustand unserer Welt – aber ich finde so faszinierend, dass sie eine interessante didaktische Struktur bietet, die grundsätzlich für Bildungsarbeit  tauglich ist, auch ohne tiefenökologischen Kontext. Ich kürze also die Bezeichnung für den zweiten Schritt auf „Den Schmerz würdigen“.

Grundsätzlich versuchen Menschen ja, alles Negative – und erst recht Schmerz – zu vermeiden, meist durch weglaufen oder betäuben. Das dämpft allerdings unsere Kraft, zu handeln und es schwächt auch unsere Widerstandsfähigkeit. Gerne wird so getan, dass man sich möglichst (nur) mit Positivem umgeben solle, um resilienter zu werden. Doch das ist ein Trugschluss. Gerade die Mechanismen, dem Schmerz auszuweichen, sind auf lange Sicht oft ungesund.

Joanna Macy ermutigt:

„Wir haben durchgängig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dann, wenn sie sich dem Strom ihres emotionalen Erlebens öffnen – sei es der Verzweiflung, Trauer, Schuld, Wut oder Angst -, das Gefühl haben, eine Last würde ihnen von den Schultern fallen. Auf der Reise in den Schmerz verlagert sich etwas Grundlegendes, es tritt eine Wende ein.

Wenn wir in unsere Tiefe hinabtauchen, stellen wir fest, dass sie nicht bodenlos ist“ (Macy/Johnstone, Hoffnung durch Handeln, S. 74).

Damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Trauer hat eine verwandelnde Kraft. Doch damit diese Kraft wirksam werden kann, braucht es eine Kultur des Trauerns, die in unserem Mainstream leider oft unüblich ist.

Der Trauernde darf seine Trauer nicht nur zulassen, sondern sie auch ausdrücken. Er darf sie zeigen, vor anderen, denn sie will gesehen werden.

Joanna Macy zitiert hierzu eine Stelle aus dem Parzival-Epos. Parzival kommt zum ersten Mal in die Gralsburg und sieht König Anfortas an einer Wunde leiden. Er spricht ihn aber aus Höflichkeit nicht darauf an. Etliche Jahre und Abenteuer später kehrt er zur Burg zurück, sieht den König noch mehr leiden und stellt dann die naheliegende Frage:

„Oheim, sag, was quält dich so?“

Der König wurde in seinem Leid gesehen – und ward gesund. Dies ist die Aufgabe der Anderen: Das Leid, den Schmerz, die Trauer zu sehen.

Der eine zeigt, der andere sieht. Viel mehr ist es nicht. Doch stattdessen ist es bei uns üblich, dass der eine die Tiefe des Schmerzes versteckt, und der andere tröstet. Trösten ist aber in erster Linie der Versuch, die Situation zu kontrollieren. Denn indem ich tröste, setze ich das Setting und reguliere damit, wie viel ich an mich heran lasse. Trösten mag gut gemeint sein, ist aber in aller Regel Selbstschutz. Und hilft nicht. Trost kann nur erfahren, aber nicht gegeben werden.

Den Schmerz zu würdigen bedeutet zuzulassen, sich von ihm anrühren zu lassen – vom eigenen Schmerz und dem anderer – und hinzusehen. Ein christlicher Begriff dafür ist Compassion. Johann Baptist Metz, der diesen Begriff geprägt hat, nennt es auch die „Mystik der offenen Augen“.

Damit einher geht die Erkenntnis, das alles miteinander verbunden ist. Dies ist ja ein Kerngedanke der Tiefenökologie, der sich – etwas schwächer – auch im Christentum findet. Zumindest in mystischen und schöpfungsspirituellen Traditionen. Die Verbundenheit mit allem, was lebt, hat jüngst Papst Franziskus erfreulicher Weise betont.

Die Compassion und die Verbundenheit sind zentrale spirituelle Aspekte bei der Active-Hope-Spirale. Die Trauer, die sich zeigt, kommt ja gerade von der Liebe für das, worum man trauert. Das ist das Gute. Für Vivian Dittmar, die Gefühle als „soziale Kräfte“ interpretiert, liegt die Kraft der Trauer eben genau in der Liebe (wenn sie denn nicht in der Lähmung verharrt).

Macys Absicht entspricht dem, was Franziskus in „Laudato Si“ formuliert: „Das Ziel ist nicht, Informationen zu sammeln oder unsere Neugier zu befriedigen, sondern das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann“ (Laudato Si, Ziffer 19).

Aber Macys Active-Hope-Spirale kann man wie bereits erwähnt auch ohne solch tiefenökologischen Bezüge nutzen, als Ansatz für Veränderungsprozesse. Und die Einbeziehung der Trauer ist gerade bei Transformationsarbeit wichtig. Doch das wird in eher „technisch“ oder „analytisch“ orientierten Change-Prozessen vernachlässigt bzw. ausgeblendet.

Also: Es geht darum, auch dem Schmerz, der Trauer oder einfach der Traurigkeit Raum zu geben – und zwar nicht zufällig sondern bewusst. Dies ist ein wichtiger und guter Schritt und keine „Störung“. Und was ist mit der Angst, darin stecken zu bleiben? Macy sieht dies recht gelassen: Das, was emotional in uns reinfließt, kann auch wieder rausfließen (S. 76).

Kirche in Zeiten der Verunsicherung

Was kann die Kirche gegen Populismus tun? Diese Frage wir jetzt immer häufiger gestellt, sie beschäftigt mich auch, und hier ist meine Antwort.

Meine Grundthese: Die Kirche kann (und sollte) das tun, was sie kann. Es geht nicht darum, alles Mögliche zu machen, sondern die Dinge zu tun, in denen sie Kompetenz hat bzw. für die sie ihre eigenen Ressourcen (oder sagen wir es schöner: Quellen und Schätze) einbringen kann. So kann sie etwas leisten, was andere Akteure eher nicht bieten.

Alles, was ich aufzähle, klingt erstmal unspektakulär. Aber ich bin davon überzeugt, dass dies die „richtigen“ Dinge sind, eben die wirksamen. Es sind allerdings keine schnell wirkenden Mittel, für Sofortmaßnahmen taugen sie nicht. Doch es sind Dinge, die die Kirche „flächig“ angehen kann, es sind keine Ideen für Spezialabteilungen sondern für den breiten Mainstream-Betrieb. Und noch eine Vorbemerkung: Ich halte wenig von Verlautbarungen und Positionspapieren. Sie sind diesbezüglich wirkunsglos.

1. Ein neues Herz: Sich um die Verbitterung in den eigenen Reihen kümmern.

Populistisches Gedankengut gibt es auch innerhalb der Kirche, bei den eigenen Mitgliedern. Das zeigt ja auch die Leipziger Mitte-Studie. Es geht also weniger darum, dass die Kirche „Klare Kante gegen … “ zeigt, sondern dass sie einen wachen Blick auf den eigenen Laden hat. Damit wäre schon viel gewonnen.

Nährboden für Populismus ist Verbitterung. Verbitterung, nicht Dummheit! (Gerne wird der Zusammenhang zwischen populistischer Empfänglichkeit und niedrigem Bildunsgniveau behauptet, zuletzt gerade wieder bei der Trump-Wahl. Ich halte diesen Zusammenhang schlichtweg für falsch.) Ich bezeichne mich wirklich als Kenner protestantischer Strukturen und Kontexte – und mir begegnen dort viele Menschen mit einer Art „Grundverbitterung“. Hand aufs Herz: Ist die evangelische Kirche wirklich der Ort der vergnügten, erlösten und befreiten Menschen?

Was gegen Verbitterung hilft: Gesehen werden, gemeint sein, selbst vorkommen, die eigene Geschichte erzählen können. Die Verabschiedung vom Pfarrer/von der Pfarrerin an der Kirchentür nach dem Gottesdienst ist in dieser Hinsicht zehnmal wichtiger als der Gottesdienst selbst.

Was noch gegen Verbitterung hilft: Selbstliebe. Und die kommt vor der Nächstenliebe. Bernhard von Clairvaux sagt das, mit etwas anderen Worten.

Zwei konkrete Dinge fallen mir dazu ein und sie stehen für mich dieses Jahr auch ganz oben auf der (beruflichen) Agenda: Ich möchte helfen, die Kultur des Kreisgesprächs in der Kirche zu erneuern. Der Kreis ist die Form, wo ich gesehen werde, gehört werde, sein darf. Und das Zweite: Ganz konkret nach Übungsformen zu suchen, wie man Selbstliebe lernen kann. Bei Siegfried Essen kann man zum Beispiel sehr Hilfreiches finden. Und Michael Pflaum hat erkannt, dass man Übungswege der Persönlichkeitsentwicklung spirituell nutzen kann. (Sein Buch heißt „Exerzitien der Nächstenliebe“, dem Inhalt nach müsste es aber „Exerzitien der Nächsten- und Selbstliebe“ heißen!).

2. Die guten Geschichten erzählen

Einer der großen Schätze in der christlichen Tradition sind die (biblischen) Geschichten. Wenn ich mich mit Menschen über Kirche/Glaube/Religion unterhalte, die mit Kirche nichts zu tun haben (ausgetreten sind oder nie in der Kirche waren), bin ich oft erstaunt, was dort an Christlichem vorhanden ist. Und das sind fast ausschließlich Geschichten und Gleichnisse: Die Speisung der 5000, der Verlorene Sohn, der Barmherzige Samariter. Und so weiter.

Diese Geschichten sind natürlich längst nicht alles, aber sie tragen doch etwas Wesentliches des christlichen Glaubens in sich. Es gibt keinen Mangel (wenn alle teilen). Du bist willkommen (immer). Hinsehen und handeln (egal, ob du zuständig bist). Mir liegt es keinesfalls an einer Ethisierung des Evangeliums (im Gegenteil), sondern um ein Eintauchen in die Erzählungen.

Zum Beispiel mit Hilfe eines Bibliologs selbst in die Szenerie eintauchen und nachspüren, wie man sich als vermeintlich um seinen Lohn geprellter Arbeiter im Weinberg fühlt? Oder warum man als Martha der Maria mal gehörig den Marsch blasen will. Wenn man dem nachfühlt, ist man drin. Dann versteht man die Geschichten, ohne sie verstehen zu müssen.

Für mich war es sehr erhellend, was Walter Wink über den „Mythos von der erlösenden Kraft der Gewalt“ sagt: In unendlich vielen Geschichten in Film und Fernsehen wird uns erzählt, dass man Probleme dadurch am besten löst, dass man sie mit Gewalt einfach ausrottet (mit diesen hier bin ich groß geworden – und ich hab’s geliebt und geglaubt als kleiner Junge). Doch genau das funktioniert eben nicht, es ist nicht die Lösung, sondern die Ursache der Gewalt. Wir müssen andere Geschichten erzählen. Die besseren. Unsere.

Der Kampf gegen den Populismus wird nicht mit Argumenten gewonnen (es ist ja gerade ein Kennzeichen des Populismus, dass er sich Argumenten gegenüber verschließt), sondern mit Narrativen. (Dazu an anderer Stelle noch mal mehr).

3. Aktion UND Kontemplation ermöglichen

Kirchengemeinden sind Andockstellen für zivilgesellschftliches Engagement. Das hat sich gerade in der Flüchtlingskrise gezeigt. Viele Menschen wollen sich engagieren und fragen bei der Kirche nach, ob sie dort etwas tun können. Gerade auch nicht kirchlich verbundene Menschen haben dies getan. Einfach weil sie vermutet haben, dass die Kirche dort doch bestimmt etwas macht. Das ist Gold wert.

Eine Strategie der Neuen Rechten ist , die Thymos-Spannung zu heben, also permanent die Erregung aus Wut und Zorn am Laufen zu halten. Die wahrscheinlich unscheinbarste, aber subtilste Sache, die die Kirche in unsicheren Zeiten tun kann, ist Stille zu ermöglichen. Menschen zur Stille zu führen und ihnen zu zeigen, welche klärende und befriedende (nicht beruhigende!) Wirkung Stille hat.

Eine der ganz großen Schätze der Kirche ist, dass sie auf beiden Feldern – Aktion und Kontemplation – ideen- und wirkungsgeschichtliche viel Erfahrung hat. Beides wird gebraucht. Und auch die Verbindung von beidem. Sucht man nach dem englischen Begriff „contemplative activism„, der das Verwobensein von Aktion und Kontemplation betont, findet man etliche Treffer. Im deutschsprachigen Raum kenne ich solch einen Begriff bzw. solch einen Diskurs nicht, da gelten Aktion und Kontemplation (fälschlicherweise) oft als sich gegenüberstehende Pole.

4. Zentren der Gegenwirkung werden

„Gegenwirkung“ habe ich zum ersten Mal bei Horst Seibert gehört, der Jesu Handeln (vor allem in den Heilungsgeschichten) mit drei Schlagworten charakterisiert: Mangelbehebung, Bewusstseinserweiterung und eben Gegegenwirkung, also den lebensfeindlichen Mächten und Gewalten etwas entgegen zu setzen. Gemeint ist dabei nicht, eine politische Position einer anderen entgegen zu setzen. Es geht um Gegenkräfte: „Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that“ (Martin Luther King).

Mittlerweile ist der Begriff Counterspeech („Gegenrede“) populär geworden. Dies können wir auch gut mit unserer Tradition verbinden. Wenn man erst einmal anfängt, in solch eine Richtung zu suchen, kommt einiges zusammen. Übungsgruppen für Rosenbergs „gewaltfreie Kommunikation“ würden wunderbar zum Portfolio von Kirchengemeinden passen, Ideen dazu findet man zum Beispiel bei Gottfried Orth.

Das sind alles nur Beispiele. Aber mit all dem können wir in der Kirche experimentieren. Suchen, entdecken, neu zusammenfügen, aussprobieren und üben. So können Zentren der Gegenwirkung entstehen. Man kann es auch „Kompetenzzentren für angewandte Liebe“ nennen. Okay, am Wording müsste man noch etwas arbeiten…

Für eine bessere Welt brauchen wir in sich geklärte, gestärkte, versöhnte und liebende Menschen. Hier liegt für mich der wichtigste Hebel.