Jörg Zink

Jörg Zink ist gestorben. Ich kannte ihn weder als „Fernsehpfarrer“ (Wort zum Sonntag) noch habe ich ihn auf Kirchentagen gehört. Trotzdem hat er mich geprägt.

Und dafür bin ich ihm dankbar.

Es sind vor allem zwei Bücher, die dies geleistet haben. Die Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“. Ich hatte sie gerade hier im letzten Blogpost erwähnt (siehe unter „Erzählen“). Es war „meine“ Kinderbibel als Kind. Wunderschön erzählt und theologisch klug.

Das zweite wichtige Buch für mich ist „Die Urkraft des Heiligen“, gut zwanzig Jahre später (hier und hier). Allein schön der Titel! Sowohl Urkraft als auch Heiliges – beides sind so wunderbar unprotestantische Wörter. Denn genau darum geht es. Viele Dinge, die kulturell zum Protestantismus gehören, sagen mir nichts, berühren mich nicht (egal was das jetzt im Detail ist, darum soll es hier nicht gehen…). Der real existierende Protestantismus wird mir zunehmend fremd.

Und Jörg Zink – dieses protestantische Urgestein – zeigt mir, wie sehr ich doch am Kern bin. Meine Fragen, meine Erfahrungen, meine religiösen Konzepte, die ich mir zurecht bastele – all die finde ich in Zinks Urkraft des Heilgen wieder oder es ist zumindest anschlussfähig. Zink betreibt keine theologische Besserwisserei, keinen Moralismus, keine heilsgeschichtlichen Spekulationen. Er betreibt weisheitliche Theologie at its best. Es ist eine erdige, elemenare, existenzielle Theologie. Es ist eine Nach-Hause-Kommen-Theologie. So habe ich mich immer gefühlt, wenn ich etwas von ihm gelesen habe: nach Hause zu kommen.

Deutlich wird dies zum Beispiel in dem Kapitel „Lebensgesetze zwischen Natur und Spiritualität“. Jörg Zink beschreibt hier Grundmuster unseres Lebens: die Analogien im Netzwerk der Welt, die Polarität in allen Dingen, das Gesetz der Resonanz, den Rhythmus als kosmische Kraft. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass für Jörg Zink diese Überlegungen selbstverständlicher Teil christlicher Theologie sind. Denn das ist eben mein Zugang, so herum denke ich: von den spirituellen Phänomenen und Erfahrungen her, nicht vom Katechismusbestand.

Eine Sache ist mir besonders in „Der Urkraft des Heiligen“ hängengeblieben: Die Rechtfertigung ist nicht das Ziel. Sondern sie ist das Tor am Anfang. Danach kommt noch was. Das Spannende ist doch, was kommt, wenn man durch das Tor hindurch geht. Hierzu finde ich im Protestantismus aber so unglaublich wenig. Für Zink scheint es essentiell zu sein:

„Die lutherische Kirche betrachtet die Rechtfertigungslehre als Mitte und Ziel des christlichen Glaubens. Aber Paulus geht ja weiter. Er beschreibt die Wandlung unseres inneren Menschen in den unzähligen mystischen Bildern und Gedanken, die der Rechtfertigungslehre folgen. Und erst dort, so will mir scheinen, kann uns aufgehen, was uns die Rechtfertigungslehre gebracht hat.

Da redet Paulus nicht mehr von Sünder, vom Verlorenen, der der Mensch sei, er redet vom geisterfüllten, erleuchteten, begnadeten Kind Gottes. Er redet vom Geist des Christus, von dem Menschen, der in Christus und in dem Christus sei, von dem Menschen, der den Weg des Christus mitgehe, der berufen sei, das Werk des Christus auf dieser Erde zu tun.

Natürlich gibt es keinen Weg dorthin außer durch das enge Tor der Rechtfertigung, aber was folgt, ist nicht mehr die Rechtfertigung. Was dem Protestantismus widerfahren ist, das ist, dass er das Tor, die Rechtfertigungslehre, zum ganzen Haus erklärt hat und dass er, was in dem Haus der Christusmystik zu finden gewesen wäre, sich nie wirklich zu eigen gemacht hat, sondern unter dem Tor stehen blieb“ (Die Urkraft des Heiligen, Stuttgart 2003, S. 56).

Ein sehr lesenswertes Interview in der Christ & Welt aus dem Jahr 2011, in dem auch die gerade genannte These noch einmal vertreten wird, gibt es hier.

Also: Nicht im Tor stehen bleiben. Am Tor: abladen, entlastet werden. Und dann: Durch. Nachhause kommen.

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2 Kommentare zu „Jörg Zink“

  1. Lieber M. (ich kürze ab für den Fall, dass dein Name hier nicht erscheinen soll),

    vielen Dank für die Ernstnahme meiner Frage und die Gedanken, die du dir gemacht hast!

    Deine Antwort spricht mich sehr an und korrespondiert mit meiner eigenen Intuition angesichts der Fragestellung – dies insbesondere, dass sich der Blick auch im Innen noch nach Außen wendet.

    (Ich antworte hier, da ich in meinem Beitrag ein meinerseits unkommentiertes Zusammentragen der Antworten zugesagt habe.)

    Nochmals danke,
    und liebe Grüße an dich!

    Stefan

    Gefällt 1 Person

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