evangelisch sein

Was bedeutet eigentlich evangelisch sein? Eine einfache Frage, die mir doch nicht ganz so leicht zu beantworten fällt.

Erst einmal hat es für mich nichts mit der Vorliebe für bestimmte theologische Themen zu tun. Selbst die Rechtfertigungslehre ist für mich nicht evangelisch, sie ist christlich. Das Evangelische besteht nicht in bestimmten Themen sondern zeigt sich in der Art der Frömmigkeitspraxis. Das Konfessionelle beschreibt den Zugang, nicht den Inhalt der Spiritualität. Daher mag ich auch die gängigen „themenfixierten“ Antworten nicht so, sie klingen auf mich oft nach auswendig gelernten Richtigkeiten, ohne von Erfahrung gedeckt zu sein.

Wie antworte ich also auf die Frage? Was ist evangelisch-sein für mich? Das Besondere evangelischer Frömmigkeit besteht für mich in zweierlei: einer alltagstauglichen Spiritualität, um sich selbst mit der Quelle zu verbinden.

Sich selbst mit der Quelle des Lebens zu verbinden wird im Protestantismus klassischerweise als „allgemeines Priestertum“ bezeichnet: Die Verbindung zu Gott braucht keine vermittelnde Instanz, keinen vermittelnden Priester. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Priester mehr gibt – sondern dass jeder selbst Priester ist.

Doch Obacht: Das ergibt sich nicht einfach so von selbst. Man ist nicht Priester durch die Definition eines theologischen Konzepts. Priester ist man, wenn man Priester kann. Und dazu braucht es Übungen, Praktiken, Praxis. Ein guter spiritueller Lehrer ist daher derjenige, der dir gute Übungen gibt. Übungen, mit denen du lernst, dich selbst mit der Quelle zu verbinden. Mit denen du eigene Erfahrungen machen kannst, mit denen du das beurteilen kannst, was die Kirche, die Bibel, die Theologie oder die Anderen dir sagen.

Diese Praxis muss im Alltag funktionieren, zwischen Familie und Beruf, zwischen Aufstehen und Schlafengehen. Nicht nur in einer zeitlichen und räumlichen Sonderwelt, nicht nur als klösterliche Auszeit (nichts gegen Klöster, ganz und gar nicht, aber ich bin skeptisch bei einer Spiritualitätspraxis, die auf „Auszeiten“ beruht).

Wenn spirituelle Übungen komplex und zeitaufwendig sind, mögen sie vielleicht in bestimmte Bewusstseinsstufen und -zustände führen, bleiben letztlich aber einer bestimmten Gruppe von Leuten vorbehalten, nämlich denjenigen, die dazu genügend Zeit, Kapazität und Ressourcen haben. Doch das widerspricht völlig der Lehre Jesu. Jesus hat sich an die einfachen Leute gewandt, die für komplizierte Religion keine Zeit hatten.

Evangelisch sein bedeutet, Alltagspriester zu sein. Das Mantra des Protestantismus „selber denken“ formuliere ich daher um zu „sich selber mit der Quelle verbinden können“.

All das wurde mir noch einmal deutlich, als ich ein Interview mit Sabine Bobert sah. Ich weiß, dass sie in der Theologie nicht unumstritten ist, aber für mich verkörpert sie genau das: eine alltagstaugliche und erfahrungsgesättigte Spiritualität.

Das Video hat vier Teile: Sabine Bobert spricht über ihren Lebensweg (ab Anfang), ihren Ansatz „Mystik & Coaching“ (ab 19’45), ihr Verständnis von Tod & Sterben (ab 43’45) und über Reformation in der evangelischen Kirche (ab 60’50).

Wer nicht alles schauen will, dem empfehle ich zunächst einmal den vierten Teil, also die zehn Minuten ab 60’50.

4 Kommentare zu „evangelisch sein“

  1. Ich mag die Gedanken, die Du zu „alltagstauglicher Spiritualität“, „sich selbst mit der Quelle verbinden“ und „allgemeines Priestertum“ entwirfst.

    Aber muss man das unbedingt „protestantisch“ nennen? Denn ist dieses Label nicht viel zu klein für das, was Du da beschreibst? Und ist ein Nebeneffekt eines solchen Labels nicht immer auch, dass es alle ausschließt, die damit nicht übereinstimmen?

    Streiche „Protestantismus“ und setze „Menschentum“ oder so?

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    1. Ich verstehe, was du meinst, aber ich habe es andersrum gemeint: evangelisch sein bedeutet, alltagstaugliche Spiritualität, um sich mit der Quelle zu verbinden. Alltagstaugliche Spiritualität, um sich mit der Quelle zu verbinden, muss hingegen nicht ausschließlich evangelisch sein.

      Meine Frage war, ob es für mich, der ich evangelisch bin, eine taugliche inhaltliche Aussage des Evangelischseins gibt (dass ich so getauft wurde, ist ja purer Zufall). Wenn ich nix gefunden hätte, wäre die Konsequenz, den Begriff evangelisch auch ganz aufzugeben (was auch okay wäre).

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  2. Auf diesen Beitrag bin ich gerade über Twitter gestoßen. Für mich ist evangelisch sein eine Konfessionszugehörigkeit. Der Gedanke der Direktheit gehört für mich schon dazu. Spiritualität dagegen verbinde ich eigentlich weniger damit. Das ist für mich ein relativ neuer Begriff, den die Generation meiner Eltern und Großeltern überhaupt nicht kannte, und den ich bezogen auf das Christentum eher bei katholischen oder orthodoxen Christen und ihrer Glaubenspraxis erwarten würde. Die Einteilung nach Konfessionen halte ich aber insgesamt für überholt in einer teils multi- und teils areligiösen Gesellschaft.

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