Reformationsreformation

Was kommt eigentlich nach dem Reformationsjubiläum? Wie geht es weiter, wenn im Oktober alle Reformationsfeuerwerke gezündet und das letzte Lutherbier getrunken wurde? Ich meine das ganz im Ernst: Was bleibt vom Reformationsjahr oder der ganzen -dekade?

Das einzige von Belang, das mir einfällt, ist die Lutherbibel 2017. Bei dieser Neuübersetzung ging es besonders um die Annäherung an die Luther-Sprache. Und damit steht sie symptomatisch für die gegenwärtigen Reformationsbestrebungen: Luther und sein Werk zu re-aktualisieren.

Ist das alles? Geht es nicht viel eher darum, den real existierenden Protestantismus zu reformieren? Bräuchten wir nicht eine Art „Aggiornamento“ des Protestantismus? Denn was uns 1517ff sagen kann/will/soll interessiert mich ehrlich gesagt nicht so doll, wie mich 2017ff interessiert. Ich würde die Reformation lieber nach vorne ziehen als im Hinten zu suchen.

Dass der Protestantismus in den letzten 500 Jahren viel ausgelöst und geleistet hat, ist unbestritten – nachzulesen zum Beispiel hier. Doch kann er auch zukünftig etwas auslösen? Worauf müsste er sich neu besinnen, was weiterentwickeln und wovon müsste er sich auch verabschieden?

Ich befürchte, dass es einige heilige Kühe sind, an die man da ran müsste. Ein paar habe ich hier mal vorsichtig als Fragen formuliert:

  • Ist die Parochie wirklich eine geeignete Gemeindestruktur?
  • Zu welchen Konsequenzen kommt man, wenn man Bonhoeffers prophetisches Wort vom „religionslosen Christentum“ einmal angstfrei durchdenkt?
  • Ist die innige Verbindung von Protestantismus und Bürgerlichkeit vielleicht gar nicht mehr die Stärke des Protestantismus, sondern mittlerweile eine Sackgasse, vielleicht sogar dessen  Gefahr?
  • Müssten wir die Erfahrung als Erkenntnisgröße nicht viel mehr wertschätzen und das „sola scriptura“-Prinzip kritisch hinterfragen?
  • Wie können die letzten hundert Jahre Bewusstseinsforschung geistlich ernst genommen und theologisch integriert werden?

Alles spannende Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, von denen ich aber ahne, dass sie relevant sind. Doch die innerkirchlichen Energien gehen gegenwärtig dahin, den Protestantismus „schön“ und die Kirche „attraktiv“ zu machen. Das mögen nette Versuche sein, doch was ist damit gewonnen? Es hilft wenig, kosmetisch an der Oberfläche rumzumachen, wenn die Substanz nicht berührt wird.

Das, was für mich spirituell Substanz hat, finde ich kaum noch in der Kirche, zumindest nicht in ihrem Mainstream-Modus. Allenfalls an ihren Rändern oder eben außerhalb. Und gleichzeitig ist das, was ich dort entdecke – ob es um Versöhnung & Transformation, Nachhaltigkeit & Tiefenökologie, Bildung & Entwicklung, Sexualität & Heilung, Persönlichkeitswachstum & Gemeinschaftsbildung geht – für mich oft zutiefst christlich.

Deshalb beschäftigt mich das Thema Reformation, aber eben nicht als regressives sondern als progressives Projekt. Was verstehe ich unter Reformation? Meine recht schlichte Arbeitsdefinition lautet:

Eine Fehlentwicklung wieder zurecht rücken und damit die Sache selbst weiterentwickeln.

In diesem Sinne möchte ich etwas beitragen. Hier im Blog, beruflich, privat. Nach meinen Möglichkeiten.

Es geht dabei nicht darum, sich völlig neue Themen auszudenken. Deshalb greifen meine beiden nächsten Blogposts auch Themen auf, die – im positiven Sinne – ganz oldschool sind: „sola pax“ und „Grüne Reformation“. Vielleicht wird daraus auch eine kleine Serie, mal schauen. Denn auch Körperlichkeit & Verkörperung, Erfahrung als Quelle von spiritueller Erkenntnis, die Frage nach der Bürgerlichkeit des Christentums und wirksame Transformationspraktiken beschäftigen mich – all das sind (für mich) gute Reformationsthemen, aber sie sind noch sehr im Schwange.

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1 Kommentar zu „Reformationsreformation“

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